Was ist es mit der doppelten Furcht? Es gibt eine knechtische Furcht und eine keusche Furcht. Es gibt eine Furcht, damit man keine Strafe erleide, und es gibt eine andere Furcht, damit man die Gerechtigkeit nicht verliere. Die Furcht vor der Strafe ist knechtische Furcht. Was ist das Großes, Strafe zu fürchten? Das tut auch der nichtswürdigste Knecht, das tut auch der gefühlloseste Räuber. Es ist nichts Großes, die Strafe zu fürchten, aber es ist etwas Großes, die Gerechtigkeit zu lieben. Wer also die Gerechtigkeit liebt, fürchtet der nichts? Gewiß, er fürchtet, nicht, er möchte Strafe erleiden, sondern er möchte die Gerechtigkeit verlieren. Meine Brüder, glaubet und folgert daraus, was ihr liebet. Es liebt einer von euch etwa das Geld. Meinst du, ich finde einen, der es nicht liebt? Gerade aus dem aber, was er liebt, mag er verstehen, was ich sage. Er fürchtet den Verlust; warum fürchtet er den Verlust? Weil er das Geld liebt. In dem Grade als er das Geld liebt, fürchtet er auch, er möchte das Geld verlieren. Nun findet sich ein Liebhaber der Gerechtigkeit, der mehr im Herzen einen Verlust scheut, der mehr fürchtet, er möchte der Gerechtigkeit beraubt werden als du des Geldes. Das ist die keusche Furcht, diese währt für und für; diese hebt die Liebe nicht auf, noch treibt sie dieselbe aus, sondern schließt sie vielmehr in sich und wählt sie zur Begleiterin und hält sie fest. Wir kommen ja zum Herrn, um ihn von Angesicht zu Angesicht 636 zu schauen; dort bewahrt uns die keusche Furcht; denn jene Furcht verwirrt nicht, sondern befestigt. Es fürchtet das ehebrecherische Weib, ihr Mann möchte kommen; es fürchtet auch das keusche Weib, ihr Mann möchte scheiden.