Sofort aber zum Eintreten in die Fußtapfen seines Leidens aufmunternd, sagt er: „Wer seine Seele liebt, wird sie verlieren“. Das kann in zweifacher Weise verstanden werden: „Wer sie liebt, soll sie verlieren“, d. h. wenn du sie liebst, verliere sie; wenn du das Leben in Christus festhalten willst, dann fürchte nicht den Tod für Christus. Oder auf andere Weise: „Wer seine Seele liebt, wird sie verlieren“, liebe sie nicht, damit du sie nicht verlierest; liebe sie nicht in diesem Leben, damit du sie nicht verlierest im ewigen Leben. Diese letztere Auslegung aber scheint mehr den Sinn des Evangeliums zu treffen; denn es folgt: „Und wer seine Seele haßt in dieser Welt, wird sie bewahren für das ewige Leben“. Wenn es also oben heißt: „Wer liebt“, so muß dazu gedacht werden: in dieser Welt, ein solcher wird sie verlieren „wer sie aber haßt“, nämlich in dieser Welt, der wird sie zum ewigen Leben bewahren. Ein bedeutsamer und wunderbarer Ausspruch, wie des Menschen Liebe zu seiner Seele ihr zum Untergang, der Haß aber zur Erhaltung dient. Wenn du sie schlecht liebst, dann hassest du sie; wenn du sie gut hassest, dann liebst du sie. Glücklich diejenigen, welche sie hassen dadurch, daß sie dieselbe bewahren, um sie nicht zu verlieren dadurch, daß sie dieselbe lieben. Aber sieh zu, daß dir nicht der Gedanke komme, dich selbst töten zu wollen, indem du es so auffassest, daß du deine Seele in dieser Welt hassen mußt. Darum nämlich geben manche bösartige und verkehrte, gegen sich selbst recht grausame und verbrecherische Menschenmörder sich den Flammen preis, ertränken sich, zerschmettern sich durch Herabstürzen und gehen zugrunde. Das hat Christus nicht gelehrt, im Gegenteil sogar dem Teufel, der ihn 753 zum Hinabstürzen verleiten wollte, geantwortet: „Weiche zurück, Satan; es steht geschrieben: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen“. Zu Petrus aber sagte er, hinweisend auf die Todesart, durch die er Gott verherrlichen sollte: „Als du jung warst, gürtetest du dich selbst und gingest hin, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wird ein anderer dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“. Damit hat er deutlich genug gesagt, daß derjenige, welcher den Fußtapfen Christi folgt, nicht sich selbst töten dürfe, sondern von andern getötet werden müsse. Wenn also die Sache bis zu dem Punkte gediehen ist, daß die Forderung gestellt wird, entweder gegen das Gebot Gottes zu handeln oder aus diesem Leben zu scheiden, von welchen beiden Stücken man genötigt ist eines zu wählen, da der Verfolger den Tod androht, da ziehe man es vor, eher aus Liebe zu Gott zu sterben, als zu leben, indem man Gott beleidigt: da soll man seine Seele in dieser Welt hassen, um sie für das ewige Leben zu bewahren.