Vom Nützlichen: Gib lieber dem Armen als dem Reichen! Das gebieten religiöse (126), das empfehlen selbst weltliche Erwägungen (127). Der wahre Jünger Christi ein Verächter des Geldes (128).
126. Was aber nützte dir die Begünstigung eines Reichen? Oder geschieht es, weil er seinem Gönner eher lohnt? Nur zu oft gilt ja denen unsere Gunst, von denen wir eine Vergeltung derselben erwarten. Um so mehr aber gebührt es sich, uns des Schwachen und Dürftigen anzunehmen, indem wir uns statt vom Armen, der nicht dazu in der Lage ist, vom Herrn Jesus den Lohn erhoffen. Er stellte ja unter dem Bilde des Gastmahles die allgemeine Regel auf, daß wir lieber denen unser Wohltun zuwenden sollen, die es uns nicht erwidern können, indem er zeigte, wie zu Gastmahlen und Gelagen nicht die Reichen, sondern die Armen zu laden sind. Denn Reiche — den Anschein weckt es — bittet man zu Gaste, daß auch sie uns hinwiederum zu Gaste laden: Arme, die nicht in der Lage sind, für das Empfangene eine Gegenleistung zu bieten, machen uns den Herrn zum Vergelter, der sich als Bürgen für den Armen erboten hat.
191 127. Auch rein weltlich betrachtet, hat das Wohltun gegen Arme mehr für sich als das gegen Reiche, weil der Reiche auf Wohltun verzichtet und Dankespflicht als beschämend empfindet. Ja er schreibt anmaßend die Wohltat, die ihm erwiesen wurde, seinen Verdiensten zu: die empfangene Gabe sei ihm entweder gleichsam geschuldet gewesen, oder aber deshalb gespendet worden, weil der Spender vom Reichen eine um so ansehnlichere Gegengabe erwarte. Reiche glauben also, wenn sie eine Wohltat entgegennehmen, gerade wegen dieses Entgegennehmens mehr Geber denn Nehmer zu sein. Der Arme hingegen stattet, wenn er auch kein Geld zur Wiedererstattung hat, Dank ab und erstattet damit sicherlich mehr, als er empfangen hat. Geldschuld trägt sich mit dem Hinzählen des Geldes ab, Dankbarkeit erschöpft sich nimmer. Der Geldsäckel leert sich mit der Rückzahlung, Dankbarkeit hingegen erstattet man dadurch, daß man sie hat, und hat man dadurch, daß man sie erstattet. Was ferner dem Reichen widerstrebt: der Arme gesteht zu, daß er sich als Schuldner verpflichtet fühle und hält es nicht unter seiner Würde, daß er unterstützt wurde. Er ist überzeugt davon, daß ihm die Kinder geschenkt, das Leben zurückgegeben, die Familie erhalten worden sei. Wieviel besser also ist es, seine Wohltat Guten statt Undankbaren in die Hand zu legen!
128. Daher die Mahnung des Herrn an seine Jünger: „Besitzet nicht Gold, nicht Silber, noch Geld!“ Wie mit einer Sichel schnitt er damit die in der Brust des Menschen wuchernde Habsucht ab. Desgleichen beteuert Petrus dem Lahmen, den man vom Mutterleibe an tragen mußte: „Silber und Gold habe ich nicht; aber was ich habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi des Nazareners steh auf und wandle!“ Nicht Geld 192 spendete er, die Gesundheit spendete er. Wie unvergleichlich besser ist Gesundheit ohne Geld, als Geld ohne Gesundheit! Der Lahme konnte sich erheben, was er nicht erwartete; Geld empfing er nicht, das er erwartete. Doch diesen Edelmut der Geldverachtung trifft man kaum bei Heiligen an.