Vom Nützlichen: Als Drittes empfiehlt einen weiser Rat, der auf Klugheit und Gerechtigkeit beruht (40—43). Beide Erfordernisse im Urteil Salomos vorbildlich eingelöst (44—47).
40. Diese beiden Stücke nun tragen am meisten zu unserer Empfehlung bei: Liebe und Vertrauen; und als drittes folgender Vorzug, wenn man ihn besitzt, weil die große Menge ihn an einem bewunderungswürdig findet und mit Recht für ehrenwert erachtet.
41. Und weil gerade erfahrener Rat die Leute in 154 höchstem Maße gewinnt, darum ist für jeden Klugheit und Gerechtigkeit erforderlich, und die Mehrheit erwartet sie auch, so daß man einem, der sie besitzt, zutraut, daß er auf Wunsch nützlichen und verlässigen Rat zu erteilen vermag. Wer möchte ihm denn trauen, wenn er ihn nicht für weiser halten könnte, als er, der Ratsuchende, selbst ist? Der um Rat Gebetene muß daher notwendig vortrefflicher sein als der Ratsuchende. Was wollte man denn einen zu Rate ziehen, dem man nicht besser als der eigenen Einsicht die Fähigkeit zutraut, das Rechte zu treffen.
42. Findet man nun einen, der durch Schärfe des Denkens, durch Kraft und Überlegenheit des Geistes sich hervortut und es dahin bringt, daß er durch (fremdes) Beispiel und Erfahrung noch größere Meisterschaft erlangt, gegenwärtige Gefahren beschwört, künftige voraussieht, auf drohende aufmerksam macht, auch den Grund hiervon aufzeigt, das Rettungsmittel zur rechten Zeit angibt und nicht bloß zu Rat, sondern auch zur helfenden Tat bereit ist: so schenkt man einem solchen Glauben, so daß der Ratsuchende sprechen mag: „Sollte mir selbst Schlimmes durch ihn begegnen, ich nehme es hin“.
43. Einem solchen Manne nun, der nach der obigen Ausführung gerecht und klug ist, vertrauen wir unser Leben und unseren Ruf an. Die Gerechtigkeit nämlich bürgt dafür, daß kein Trug zu fürchten steht; desgleichen die Klugheit dafür, daß keine Irrung zu besorgen ist. Freilich noch bereitwilliger verlassen wir uns, um mit der gewöhnlichen Erfahrung zu sprechen, auf einen gerechten als auf einen klugen Mann. Nach philosophischer Auffassung begegnen sich übrigens dort, wo 155 eine Tugend sich findet, auch die übrigen, und kann es eine Klugheit ohne die Gerechtigkeit nicht geben. Auch bei den Unsrigen finden wir das ausgesprochen. David nämlich versichert: „Der Gerechte ist mitleidig und leiht“. Was der Gerechte leiht, spricht er an einer anderen Stelle aus: „Liebenswürdig der Mann, der mitleidig ist und leiht: er wird seine Worte zurechtstellen im Gerichte“.
44. Ist jenes berühmte Urteil Salomos nicht voll Weisheit und Gerechtigkeit? Betrachten wir denn, ob es also ist! Zwei Weiber, heißt es, standen vor dem Könige Salomo, und es sprach eines davon zu ihm: Höre mich, Herr! Ich und das Weib hier wohnten in einem Schlafgemache. Vor drei Tagen kamen wir nieder und bekamen jedes ein Kind. Und wir waren zusammen: kein Zeuge im Hause, kein anderes Weib mit uns, nur wir allein. Da starb dessen Kind in dieser Nacht, als es über ihm eingeschlafen war. Und es stand mitten in der Nacht auf, nahm mein Kind von meinem Busen hinweg, barg es an seinem Busen und legte sein Kind an meinen Busen. Und ich stand am Morgen auf, um den Kleinen zu stillen: da fand ich ihn tot. Und ich betrachtete ihn beim Frühlicht: und es war nicht mein Kind. Und das andere erwiderte: Nein, sondern das ist mein Kind, das lebt; dein Kind dagegen, das gestorben ist.
45. Dies nun war der Streit. Jede beanspruchte für sich das überlebende Kind, stellte hingegen den Tod des ihrigen in Abrede. Da befahl der König ein Schwert zu bringen, das Kind entzweizuteilen und jeder einen Teil zu geben, der einen die Hälfte und der anderen die Hälfte. Da rief das Weib, das von der wahren Mutterliebe übermannt war: Nie und nimmer, Herr, zerteile das Kind! Lieber werde es jener gegeben und bleibe 156 am Leben, und nicht töte es! Jene zweite hingegen versetzte: Weder mir noch ihr soll das Kind gehören: teilet es! Da entschied der König, das Kind solle jenem Weibe gegeben werden, das gerufen hatte: Tötet es nicht, sondern gebt es jenem Weibe! Denn ob ihres Kindes, sagte er sich, ward ihr Herz gerührt.
46. Nicht ohne Grund glaubte man daher, daß göttliche Einsicht ihm innewohne. Was wäre denn Gott verborgen? Was aber gibt es Verborgeneres als das Zeugnis des Herzens im Innern. Dahin nun stieg gleichsam der Geist des Weisen als Richter über die Mutterliebe hinab und ließ sozusagen den Mutterschoß zu Worte kommen. Denn offenkundig ward das Mutterherz mit der Wahl, die es getroffen: ihr Kind möge, und sollte es an der Seite einer Fremden sein, lieber am Leben bleiben, als vor den Augen der Mutter getötet werden.
47. Aufgabe der Weisheit war es also, die geheimen Gewissen zu unterscheiden, aus dem Verborgenen die Wahrheit ans Licht zu bringen und mit des Geistes Schwert wie mit einem Messer nicht bloß ins Innere des Mutterschoßes, sondern selbst der Seele und des Geistes zu dringen; ebenso Aufgabe der Gerechtigkeit, daß jene, die ihr Kind getötet hatte, das fremde nicht wegnehmen konnte, vielmehr die wahre Mutter das ihrige erhielt. Das wollte denn auch die Schrift offenkundig machen: „Ganz Israel“, heißt es, „hörte von diesem Urteil, das der König fällte; und Furcht überkam sie vor dem Könige, weil die Einsicht Gottes ihm innewohnte, Gerechtigkeit zu üben“. Und auch Salomo selbst bat also um Weisheit: es möchte ihm ein kluges Herz verliehen werden, um mit Gerechtigkeit zu verhören und zu richten.