157 Vom Nützlichen: Sind auch Klugheit und Gerechtigkeit unzertrennlich (48), bleibt doch die herkömmliche Unterscheidung und Einteilung der Kardinaltugenden am Platz (49).
48. Es steht sonach fest, daß es auch nach der göttlichen Schrift, die das höhere Alter aufweist, keine Weisheit ohne die Gerechtigkeit geben kann; denn wo nur eine dieser Tugenden ist, da sind beide. Wie weise kam nicht auch Daniel durch seine tiefsinnige Fragestellung, worauf die Verleumder keine übereinstimmende Antwort mehr zu geben wußten, auf die Lügenhaftigkeit der falschen Anschuldigung! Aufgabe der Klugheit war es, die Schuldigen durch ihr Wort Zeugnis ablegen zu lassen und zu entlarven; Aufgabe der Gerechtigkeit desgleichen, die Schuldigen der Strafe zu überantworten, die Unschuldigen davor zu bewahren.
49. So besteht denn eine unzertrennliche Gemeinschaft zwischen der Weisheit und Gerechtigkeit. Nach der gewöhnlichen Auffassung jedoch unterscheidet man die einzelnen Tugendnormen. Die Mäßigkeit liegt danach in der Verachtung der sinnlichen Genüsse; der Starkmut zeigt sich in Mühen und Gefahren; die Klugheit in der Entscheidung für das Gute, indem sie zwischen dem Nützlichen und Nachteiligen zu unterscheiden weiß; die Gerechtigkeit darin, daß sie als gute Hüterin fremden Rechtes und als Beschützerin des eigenen Besitzes jedem das Seinige wahrt. Wir wollen es in Rücksicht auf die gewöhnliche Auffassung bei dieser Vierteilung bewenden lassen, so daß wir von jener spitzfindigen Erörterung über den philosophischen Weisheitsbegriff, die zur Näherbestimmung der Wahrheit gleichsam aus unnahbarer Tiefe schöpft, Umgang nehmen und dem allgemeinen Brauch und der 158 gewöhnlichen Auffassungsweise folgen. Unter Wahrung dieser Einteilung nun wollen wir zum Gegenstand zurückkehren.