Vom Nützlichen: Politische und soziale Bedeutung der Gerechtigkeit und des Wohlwollens (95). Gefällige Rede halte von Heuchelei und Schmeichelei sich fern (96).
95. So ist denn klar, daß Gerechtigkeit Reiche festigt, Ungerechtigkeit sie auflöst. Wie könnte denn 178 Übelwollen den Besitz eines Reiches behaupten, nachdem es nicht einmal eine gewöhnliche Familie zu beherrschen vermag? Es bedarf sonach nicht bloß zur Stütze einer Staatsregierung, sondern auch zur Wahrung privater Rechte im höchsten Grade des Wohlwollens. Eine Hauptstütze ist das Wohlwollen, das bestrebt ist, alle mit Wohltun zu umfangen, durch Gefälligkeiten sich verbindlich zu machen, durch Liebenswürdigkeit sich zu verpflichten.
96. Auch freundliche Rede trägt sehr viel zur Gewinnung der Gunst bei. Aber wir wollen von ihr, daß sie aufrichtig und maßvoll sei, frei von jeder Schmeichelei. Keine Schmeichelworte dürfen die Einfalt und Reinheit der Rede entstellen. Denn wir sollen nicht bloß im Handeln, sondern auch im Sprechen, in der Keuschheit und im Glauben den anderen zum Vorbild sein. Wie wir uns beurteilt wissen wollen, so sollen wir sein und unsere Gesinnung so offenbaren, wie wir sie hegen. Nicht einmal im Herzen sollen wir ein übelwollendes Wort aussprechen, das wir im Schweigen geborgen glauben. Denn der Schöpfer des verborgenen Innern hört auch das im Verborgenen Gesprochene; und der, welcher dem Herzen die Gesinnung eingoß, kennt auch das Heimliche des Herzens. Alles sonach, was wir tun, wollen wir uns, wie unter den Augen eines Richters stehend, ans Licht gestellt denken, so daß es allen offensichtlich ist.