Auf den Tod des Täufers (Typus des Gesetzes) folgt die Speisung (Brot des Evangeliums) des Volkes (69). Dem Brotwunder geht ein Heilungswunder, der Seelenspeise der Sündennachlaß voraus (70). Verschiedene Seelenspeisen entsprechend den unterschiedlichen Seelenzuständen: das Brot der Starken das Fleisch und Blut Christi (71—73). Keiner mangelt der Speise, außer durch eigene Schuld (74). Die vorbildliche Speise des Elias (75). Subjektive Erfordernisse für den Empfang der Speise Christi (76); die Rechenschaft hierüber vor Gottes Richterstuhl (77). Das Wort des Predigers eine Wegzehrung für den Gläubigen (78). Allegorische Deutungen der bei Lukas (= erste Brotvermehrung) und Matthäus (= zweite Brotvermehrung) unterschiedlichen Sach- und Personenumstände (79—92).
§ 69
„Er sprach aber zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Doch sie sagten: Wir haben nichts als fünf Brote‟. Was ist 304 der Grund, warum Johannes, nachdem doch sein Martyrium erst später erzählt wird, schon hier mit den Worten des Herodes für tot erklärt wird? Ob nicht der, daß nach dem Aufhören des Gesetzes die Speise des Evangeliums das hungernde Herz des Volkes zu sättigen anfing? So kommt es, daß die Speise der himmlischen Gnade erst nach der Heilung jener für die Kirche typischen Frau vom Blutflusse und nach der Berufung der Apostel zur Verkündigung des Evangeliums vom Reiche Gottes zur Austeilung gelangt. Doch beachte, an wen sie ausgeteilt wird! Nicht an Untätige, nicht an solche, die in der Stadt, d. i. im Judentum, bezw. in weltlicher Ehrenstellung verbleiben, sondern an jene, die mitten in der Wüste Christus suchen. Nur solche, die keine Unlust zeigen, werden von Christus aufgenommen; nur mit solchen spricht Gottes Wort, nicht von weltlichen Dingen, sondern vom Reiche Gottes. Und wer etwa das Wundweh eines körperlichen Leidens an sich trägt, dem bietet er gern seine heilende Hand dar.
§ 70
[Forts. v. 304 ] Es war nun angemessen, daß er jene, die er von Wunden und Schmerzen geheilt hatte, mit geistiger Nahrung auch vom Hunger befreite. Niemand empfängt sonach die Speise Christi, wenn er nicht zuvor geheilt wurde; und umgekehrt, wer zum Mahle gerufen wird, gelangt mit der Berufung zur Heilung. War er lahm, empfängt er die Fähigkeit zu gehen um kommen zu können; war er des Augenlichtes beraubt, vermag er schlechterdings das Haus des Herrn nicht zu betreten, wenn es ihm nicht zurückgegeben wird.
§ 71
So wird also überall Ordnung im Geheimnisse (des Heils) eingehalten: zuerst werden mittels des Sündennachlasses die Wunden geheilt, sodann in reichlichem Maß die Speise des himmlischen Tisches dargeboten. Freilich noch nicht mit kräftigeren Speisen wird diese Schar erquickt, und ihre glaubensleeren Herzen noch 305 nicht mit Christi Leib und Blut genährt.„Milch, spricht er, habe ich euch zum Trank gereicht, nicht feste Speise; denn noch waret ihr nicht fähig hierzu, und auch jetzt sogar seid ihr es noch nicht‟. Nach Art der Milch sind die fünf Brote zu werten; die kräftigere Speise aber ist der Leib Christi, der feurigere Trank ist das Blut des Herrn. Nicht alles essen und alles trinken wir sogleich, wenn wir anfangen. ‚Dies trink zuerst‛, sagt man uns. Es gibt also ein Erstes und es gibt ein Zweites, was man trinkt. Und es gibt ebenso ein Erstes, es gibt auch ein Zweites und gibt ein Drittes, was man ißt: zuerst sind es fünf Brote, dann sieben, an dritter Stelle kommt der Leib Christi selbst.
§ 72
[Forts. v. 305 ] Nimmer laßt uns denn einem solchen Herrn den Rücken kehren, der sich herabläßt uns Speise zu reichen, jedem wie es seinen Kräften entspricht, daß nicht einem Schwachen eine zu kräftige Speise Beschwerde mache, einen Starken eine leichte Kost ungesättigt lasse! Denn „wer schwach ist, esse Gemüse!‟ Und der, welcher bereits den Banden der Schwäche zu entwachsen scheint, esse von jenen obigen fünf Broten und zwei Fischen. Falls er sich schämt um Brot zu bitten, so verlasse er doch wenigstens all das Seinige und eile zu Gottes Wort! Mit dem Anhören desselben stellt sich allmählich der Hunger ein; allmählich werden die Apostel des Hungernden gewahr. Wissen auch diese noch nicht, wonach er hungert, so weiß es doch Christus. Er weiß, daß er nicht nach irdischer Speise hungert, sondern die Speise Christi meint. „Ich will sie nicht ungespeist entlassen, damit sie nicht auf dem Wege erliegen‟. Der gütige Herr verlangt nur eifriges Streben, verleiht die Kraft hierzu.
§ 73
O wolle doch, Herr Jesus, diese hier samt mir nicht ungespeist entlassen, sondern laß ihnen Speise von 306 Dir reichen und erquicke sie, daß sie, durch Deine Nahrung neu gekräftigt, nicht Erschöpfung vor Hunger gewärtigen brauchen! O daß Du auch in Hinblick auf uns sprechen möchtest: „Ich will sie nicht ungespeist entlassen!‟ Sage mir auch den Grund, warum Du sie nicht ungespeist entlassen willst! Doch ja, Du hast ihn schon ausgesprochen. Entläßt Du einen ungespeist, erliegt er auf dem Wege, d. i. auf dieser Lebensbahn, oder aber bevor er an das Ziel des Weges gelangt, bevor er zum Vater gelangt und erkennt, daß Christus aus dem Vater, erkennt, daß Christus aus dem Himmel stammt, desgleichen erkennt, daß Christus, „der herabgestiegen ist, es auch ist, der aufgestiegen ist‟, damit er nicht etwa, wenn er hört, er sei aus der Jungfrau geboren, sich einfallen läßt, ihn nicht für Gottes Kraft, sondern für eine menschliche zu halten.
§ 74
Damit sie nicht erliegen möchten, spricht er nun: „Gebt* ihr* ihnen zu essen! Doch diese sagten: Wir haben nichts als fünf Brote und zwei Fische;* es sei denn, daß wir gehen und für diese ganze Schar Brot kaufen sollen‟. Noch hatten die Apostel nicht eingesehen, daß die Speise für das gläubige Volk nicht käuflich war; Christus wußte es; er* wußte, daß vielmehr* wir* erkauft werden mußten, sein Mahl hingegen unentgeltlich ist. Noch also verfügten die Apostel über die Speise nicht, die den Kaufpreis für uns darstellen konnte. Wohl aber besaßen sie bereits eine Speise, die uns sättigen konnte, besaßen eine Speise, die uns stärken konnte; denn „das Brot stärkt das Herz des Menschen‟.
Der Herr also erbarmt sich, daß niemand auf dem Wege erliege. Erliegt daher jemand, erliegt er nicht durch die Schuld des Herrn Jesus, sondern durch seine eigene Schuld: nicht dem Herrn kannst du eine Schuld beimessen, der „obsiegt, wenn man mit ihm rechtet‟. 307 Was wolltest du auch ihm gegenüber vorbringen, der lauter Fundamente der Kraft in dich senkte? Hat nicht er dich erzeugt? Hat nicht er dich auferzogen? Seine Speise ist Kraft, seine Speise ist Stärke. Hast du jedoch durch deine Lässigkeit die Kraft, die du empfangen, verloren, so hat es dir nicht an der Hilfe und Kraft der himmlischen Nahrung, sondern an der deines eigenen Geistes gemangelt. So bietet denn der Herr Ungerechten und Gerechten seine Speise dar, wie er auch über Gerechte und Ungerechte regnen läßt.
§ 75
[Forts. v. 307 ] Wanderte nicht der heilige Elias in der Kraft der Speise, da er auf dem Wege bereits verschmachtete, vierzig Tage lang, und reichte nicht ein Engel ihm jene Speise? Wenn aber Jesus dich speist, und du die empfangene Speise aufbewahrst, wirst du nicht nur vierzig Tage und vierzig Nächte wandern, sondern ― das wage ich auf Beispiele der Schrift gestützt auszusprechen ― vierzig Jahre lang, bis du aus Ägyptens Marken fortziehend zu einem weit ausgedehnten Lande gelangst, zu einem Lande, das von Honig und Milch fließt, das der Herr unseren Vätern zu geben geschworen hat. Nach der kräftigen Speise dieses Landes, das der Sanftmütige besitzt, mußt du verlangen. Nicht dieses Erdenland meine ich, das dürre, sondern jenes, das seine Kraft aus Christi Nahrung schöpft, das unter der Herrschaft des ewigen Königs stehend von Heiligen bevölkert wird, die es bewohnen.
§ 76
Es läßt nun der Herr Jesus die Speisen austeilen. Und zwar will er seinerseits sie allen mitteilen, keinem sie vorenthalten; denn er ist der Geber für alle. Aber mag* er* auch die Brote brechen und den Jüngern reichen: wenn du deine Hände nicht ausstreckst, um die Speise dir entgegenzunehmen, wirst du auf dem Wege erliegen. Und du wirst die Schuld nicht auf ihn schieben können, der mildherzig ist und austeilen läßt, 308 freilich nur an jene austeilen läßt, die mit ihm auch in der Wüste ausharren am ersten wie am zweiten Tage, und am dritten ohne fortzugehen. Denn so steht an einer anderen Stelle: „Mich erbarmt dieser Schar; denn schon drei Tage sind es, daß sie bei mir ausharrt‟. Welche Herablassung, welche Menschenliebe, zu der hiermit die Menschen angeeifert werden! Er will sie nicht ungespeist entlassen, will es nicht, damit sie nicht auf dem Wege erliegen.
§ 77
[Forts. v. 308 ] Erlieg denn nicht unter der Zucht Gottes und ermatte nicht unter seiner zurechtweisenden Hand! Ermatte jetzt nicht, daß du auch später nicht ermattest! Was wolltest du ihm denn antworten oder wie dich entschuldigen, wenn du der kräftigen Speise, die er reichen läßt, verlustig gehst? Du kannst nicht sagen, er habe keine Speise dargeboten, nachdem er sie allen darbietet. Du kannst nicht sagen, er habe von dir nicht Gutes gewollt, nachdem er Gutes und Böses vor dich hingesetzt hat, „auf daß das Gute von deiner Seite nicht gezwungenerweise, sondern freiwillig geschehe‟. Es ist nämlich ein großer Unterschied zwischen dem, der etwas widerwillig aus Zwang tut, und zwischen dem, der freiwillig für das Gute sich entscheidet; denn „wenn ich es widerwillig tue, ist’s Dienstsache, die mir anvertraut ist‟, „wenn willig, habe ich Lohn dafür‟. So laßt uns also bedenken, daß wir vor dem Richterstuhle Christi stehen und, wenn unser Werk Feuer fangen wird, keine Möglichkeit einer Entschuldigung haben werden! Denn er wird sagen, was er bereits durch den Propheten gesprochen hat: „Mein Volk, was habe ich dir getan oder worin bin ich dir schwer gefallen? Antworte mir!‟ Er wird dem, der auf dem Wege erliegt, entgegenhalten: Warum bist du auf dem Wege erlegen? Habe ich nicht Brot geschaffen, nicht es gesegnet, nicht es reichen lassen? Doch warum hast du es nicht nehmen wollen?
§ 78
309 Wie viele auch von den Anwesenden hier werden auf dem Wege erliegen, selbst noch nach diesen Worten! Denn sind es auch nur unsere Worte, so sind sie doch, weil „niemand ‚Herr Jesus‛ spricht außer im Heiligen Geiste‟, für Brote zu halten. Wie viele, sage ich, werden erliegen und hurend auf schiefen Pfaden in die Wege der Heiden abirren! O daß es nur einer, nicht recht viele wären! Doch wenn auch einer erliegt: nicht Jesus ist schuld an seinem Erliegen; denn allen teilt er aus, die folgen, mögen es fünftausend oder viertausend sein.
§ 79
[Forts. v. 309 ] Nicht umsonst die Zahl, nicht umsonst die Abteilung, nicht umsonst die Speisereste der Essenden! Warum wird denn (nach Lukas) die größere Schar, nämlich fünf Tausende, mit nur fünf Broten, d. i. mit der geringeren Zahl an solchen, (nach Matthäus) hingegen die kleinere Schar, vier Tausende an Zahl, mit sieben Broten, d. i. mit der reichlicheren Zahl gespeist? Fassen wir nämlich lediglich den äußeren Verlauf des Wunders ins Auge, so verrät es anscheinend eine größere Gottestat, wenn ein geringerer Vorrat einer zahlreicheren Volksschar Nahrung in Überfluß gewährte. Warum also verbindet sich das geringere Maß, als wäre es das vorzüglichere, mit der größeren Zahl (des Volkes)? Erst nämlich lesen wir von einer Sättigung von fünf Tausenden mit fünf Broten, nachher auch noch von einer Sättigung von vier Tausenden mit sieben Broten. Laßt uns denn dem Geheimnis nachgehen, welches das Wunder bietet!
§ 80
Es scheinen nun jene fünf Tausende ― gleichsam die fünf Sinne des Leibes ― eine Speise von Christus empfangen zu haben, die der leiblichen noch nahe verwandt war. Von den vier Tausenden hingegen meint man nicht umsonst, sie hätten, wiewohl sie noch im 310 Leibe und in dieser Welt waren, die aus den vier Elementen besteht, die Speise der mystischen Ruhe empfangen. Schon stehen sie nämlich der Welt gleichmütig gegenüber: sie, die künftig über die Welt erhaben sind. Ob sie auch in der Welt leben, sind sie doch nicht in der Welt eingeschlossen: sie, die der Nahrung der mystischen Ruhe sich erfreuen. In sechs Tagen nämlich wurde die Welt geschaffen, am siebten Tage ward geruht, und der Herr heiligte denselben. Über der Welt also winkt die Ruhe, über der Welt auch der Fruchtgenuß der Ruhe. „Selig denn auch die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden!‟ Da nämlich Gott über der Welt thront, kann doch fürwahr niemand Gott schauen, wenn er nicht zuvor mit seinem geistigen Auge über die Welt sich erhebt. An siebter Stelle steht die Seligpreisung der Friedfertigen. Sieben Körbe an Brotresten erübrigen desgleichen jenen vier Tausenden. Nicht geringfügig ist dieses Sabbatbrot: ein geweihtes Brot, das Brot der Ruhe. Und vielleicht darf ich es, wenn du erstmals die fünf Brote in sinnenfälliger Form genossen hast, wagen und sagen: Nach den fünf und sieben Broten wirst du ein drittes Mal auf Erden kein Brot mehr genießen, sondern wirst über der Erde acht Brote genießen gleich denen, die im Himmel sind; denn wie die sieben Brote die Brote der Ruhe sind, so die acht Brote die Brote der Auferstehung. So haben denn die, welche mit sieben Broten gespeist wurden, drei Tage lang ausgehalten und sind vielleicht zum vollen Auferstehungsglauben und zur Standhaftigkeit gelangt. Darum denn auch der Heiligen Stimme: „Drei Tage wollen wir ziehen um dem Herrn unserm Gott ein Mahl zu feiern‟. Doch hiervon an seinem Platze.
§ 81
311 Bezüglich der fünf Brote aber klärte mich der heilige Johannes über etwas auf, was ich nicht wußte, worüber mir der heilige Matthäus keine Aufklärung, der heilige Lukas keine Aufklärung gegeben hatte ― jedem wurde ja eine verschiedene Gnade zugeteilt ― er klärte mich, sage ich, darüber auf, daß jene Brote Gerstenbrote waren. Eben darum behaupteten wir nicht unzutreffend, es entspreche diese Speise dem Fleischlichen. Warum denn zuerst Gerstenbrote? Weil, wer gläubig wird, zuerst mit Milch, sodann mit fester Speise aufzunähren ist; „denn noch waren wir nicht stark genug und sind es vielleicht gar manche auch jetzt noch nicht. Solange nämlich unter uns Zank und Streit herrscht, ist da nicht unsere Gesinnung fleischlich und unser Wandel menschlich?‟ Die Nahrung ist jeweils den Kräften eines Menschen angepaßt. Darum wird uns zuerst Gerste, dann Weizen zur Nahrung geboten. Einem Stärkeren dagegen, wie dem Elias, wird ein Mehlkuchen aus Weizenmark dargereicht. Wo aber gäbe es ein Brot, das Sünder nicht entweihen, sondern genießen könnten?
§ 82
Nicht allein im Brote und in der Zahl, sondern auch in der Lagerung besteht ein Unterschied. Dort lassen sie sich auf das Gras nieder, hier lagern sie über dem Erdboden: auf das Gras die fünf Tausende, über dem Erdboden die vier Tausende. Mehr besagt auf dem harten Boden als im Grase liegen. Letztere frönen noch, weil im Besitze der leiblichen Sinne, mehr der Weichlichkeit und lassen sich darum auf das Gras nieder ― denn „alles Fleisch ist Gras‟ ― erstere hingegen gelangen über dem Erdreich, das den Weizen und den Wein und die Olive erzeugt, zur Speise der Gnade. Jene „lassen sich nieder‟, diese „lagern‟; der größeren Ruhe nämlich erfreut sich der Lagernde. 312 Hier sind zwei Fische vorhanden, dort fehlt eine Zahlenangabe. Gar manche glaubten darum in den Broten einen bestimmten Hinweis auf die siebenfältige Geistesgnade zu haben, ebenso in den Fischen einen Typus des zweifachen Bundes erblicken zu sollen.
§ 83
[Forts. v. 312 ] Unbedenklich läßt sich nun der Ansicht beipflichten, daß die von den vier Weltgegenden gesammelten vier Tausende, welche die Kirche versinnbilden, eine höhere Gnadenspeise empfangen gemäß dem Schriftworte: „Viele werden kommen vom Aufgang und Niedergang und von Nord und Süd und zu Tische liegen mit Abraham, Isaak und Jakob im Reiche der Himmel‟. Daher die Danksagung, die Christus hier dem Vater widmete; nicht umsonst hat nämlich dort nur ein Segensgebet, hier auch noch eine Danksagung statt. Für seine Kirche hat ja der Herr überhaupt gern dem Vater Dank gesagt, „weil er das, was er den Weisen verborgen, den Kleinen geoffenbart hat‟. Das Segensgebet nun gilt uns Schwächeren, die Danksagung jenen, die über ihre leiblichen Schwachheiten in gottgeweihten Martyrien triumphiert haben. Wir haben bereits oben kurz angedeutet, daß man hier in den je Fünfzig, die sich niederlassen geheißen werden, trotz der bestimmten heiligen Zahl dennoch das Volk der schon fester begründeten Kirche erblicken kann, das ohne bestimmte Zahl zu Tische liegt.
§ 84
Eine mystische Bedeutung kommt ebenso auch der Sättigung des Volkes, wie der Dienstleistung der Apostel zu. In der Sättigung nämlich liegt ein bestimmter Hinweis darauf, daß Hunger für immer und ewig ausgeschlossen ist; denn wer die Speise Christi empfängt, wird nicht hungern. Die Dienstleistung der Apostel sodann enthält zum voraus einen Hinweis auf 313 die künftige Austeilung des Leibes und Blutes des Herrn. Schon das verrät das göttliche Walten, daß fünf Brote für fünf Tausende aus dem Volke mehr denn ausreichend waren; denn es ist klar, daß das Volk nicht von der geringen (vorhandenen), sondern von der vermehrten Speise gesättigt wurde.
§ 85
[Forts. v. 313 ] Da hätte man sehen können, wie die Brotstücke, ohne daß man sie brechen brauchte, unvermerkt zwischen den Händen der Austeilenden gleichsam hervorströmten und wie Fruchtsegen sich mehrten, und die Stücklein, ohne von einem Brechenden mit dem Finger berührt zu werden, von selbst wegbrachen. Wie sollte, wer dies liest, sich noch wundern über das unaufhörliche Hervorsprudeln der Wasser und staunen, wie aus klaren Quellen fort und fort Flut auf Flut sich drängt, wenn selbst Brot überströmt und eine festere Substanz in Überfluß hervorquillt? Dies nun ist geschehen, daß wir auch das, was wir nicht mit Augen sehen, sehen möchten. Damit wies der Herr deutlich auf das Dasein des Urhebers auch dieser (unsichtbaren) Dinge, sowie des Schöpfers der ganzen materiellen Natur hin, die nicht wie die Philosophen wollen, vorgefunden, sondern geschaffen wurde und allen Dingen bei ihrem Entstehen die Vorbedingung für ihr weiteres, von oben bedingtes Fortbestehen darbietet.
§ 86
Das ist nun zwar merkwürdig: Was man auch aus Flüssen schöpft, kein Zeichen verrät eine Abnahme; was man auch aus Quellen entnimmt, es wird durch den gewohnten Sprudel ersetzt. Indes wenn man auch an Flüssen kein Fallen beobachtet, so doch auch kein Steigen. Und wie man an Bronnen genau es merkt, wenn die Flut schwillt, so verrät es sich auch, wenn sie abnimmt. Dieses Brot dagegen, welches Jesus bricht, ist mystisch Gottes Wort und die Lehre von Christus: es mehrt sich beim Austeilen. Mit wenigen Worten bot er ja allem Volke überreiche Nahrung. Er gab uns seine Worte wie Brot, das sich beim Genusse in unserem Munde verdoppelt. Auch sichtbar mehrt sich dieses Brot beim Brechen, beim Austeilen, beim Genusse auf 314 unglaubliche Weise, ohne daß die geringste Abnahme bemerkbar wäre.
§ 87
[Forts. v. 314 ] Zweifle nicht, daß die Speise, sei es in den Händen derer, die sie reichen, sei es im Munde derer, die sie genießen, sich mehrt! Kann doch überall unser eigenes Mitwirken als Zeugnis zur festen Beglaubigung angezogen werden. So rötete sich auf der Hochzeit (zu Kanaa), aus Bronnen quellend, der Wein unter den Händen geschäftiger Diener. Und sie, welche die Krüge mit Wasser gefüllt hatten, tranken auch des Weines, den sie nicht beschafft hatten. Begreif, wenn du kannst, so große Wunderdinge! Hier mehren sich den speisenden Volksscharen die Brotstücke mit deren Austeilung und sammelt man an Resten von den fünf Broten noch mehr, als sie zusammen ausmachten: dort wandeln sich Elemente in eine andere Art: ihre Natur erleidet nicht die gewohnte Abnahme, kennt nicht den gewohnten Ursprung, erkennt jedoch die gewohnte Gebrauchsbestimmung wieder. Ja die natürliche Güte des verwandelten Weines übertrifft sogar noch die des Naturweines. Denn es liegt im freien Belieben des Schöpfers, sowohl der Natur eines Dinges die Gebrauchsbestimmung, als auch einem werdenden Dinge die Natur zu geben, welche er will. Sieh, mit wie vielen Wirkungen er das Werk beglaubigt! Während noch der Diener das Wasser hineingießt, berauscht ihn der veränderte Geruch, belehrt ihn die verwandelte Farbe, mehrt ihm desgleichen der Geschmack des Trankes, den er schlürft, den Glauben.
§ 88
Es mögen die Heiden, wenn es beliebt, ihrer Götter nicht vollbrachte, sondern erdachte Taten mit Christi Wohltun vergleichen! Gewiß, ihre Mythen erzählen von einem König, bei dem alles, was er berührte, zu Gold ward. Doch selbst die Mahlzeiten wurden da verhängnisvoll; denn sogar die Servietten erstarrten 315 (zu Gold), da seine Finger sie anfaßten, und die Speise erklirrte im Munde, nicht Nahrung bietend, sondern Weh bereitend, und der Trank blieb im Schlunde stecken, ohne sich durch denselben fort- oder zurückbefördern zu lassen. Gaben, würdig der Wünsche! Gnaden, würdig des so erhabenen Beters! Eine Freigebigkeit, würdig des Gebers! Derart ist der Götzen Wohltun: da es zu frommen scheint, schadet es mehr. Christi Gaben hingegen erscheinen geringfügig und sind unsagbar groß, sodann nicht einem einzigen, sondern dem Volke dargeboten; denn es mehrte sich die Speise im Munde der Essenden und wurde, anscheinend zur Nahrung des Leibes bestimmt, gleichwohl als Speise des ewigen Lebens genossen.
§ 89
[Forts. v. 315 ] Warum aber erübrigte den fünftausend Menschen mehr, den viertausend weniger? Weil diese vier Tausende drei Tage mit Christus zusammen waren und darum mehr der himmlischen Nahrung aufnahmen.
§ 90
[Forts. v. 315 ] Nicht umsonst auch wird das, was der Menge erübrigt, von den Jüngern aufgesammelt. Denn das Göttliche soll man leichter bei den Auserwählten als beim Volke vorfinden können. O daß auch ich zu hören bekäme: Sammle, was übrig geblieben! Höre ich’s und tue ich’s, werde ich über vieles verfügen, was die Volksmassen, über vieles verfügen, was Kinder und Weiber nicht zu essen vermochten. Selig der, welcher zu sammeln vermag, was selbst auch Gelehrten erübrigt!
§ 91
Sehen wir zu, wie einer sammeln soll! Das Gesetz lautete: „Du sollst nicht ehebrechen!‟ Dieses Brot brach Christus, dieses Wort teilte er aus, nicht von anderswo es (zu einem vorhandenen) hinzufügend, sondern aus dem Seinigen es mitteilend. „Wer ein Weib ansieht, um es zu begehren‟, ergänzt er, „hat schon Ehebruch an ihr begangen‟. Da hast du ein Stücklein von 316 dem Seinigen. Dazu: „Wenn dein rechtes Auge dich ärgert, reiß es aus‟. Ein weiteres Stücklein: „Und wenn deine rechte Hand dich ärgert, hau sie ab!‟ Ferner: „Wer eine vom Manne Entlassene heimführt, bricht die Ehe‟. Sieh, wie viele Stücklein von* einem* Brot! Moses spricht, „daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien‟. Paulus beteuerte: „Dies sind die zwei Testamente‟. Er zerteilte dieses Wort und stieß auf ein Geheimnis. Selig denn, wer sammelt, was Christus austeilt!
§ 92
[Forts. v. 316 ] Aus welchem Grunde aber ließ Christus die zwölf Körbe füllen, wenn nicht zur Aufhebung jenes Loses des Judenvolkes, „dessen Hände am Tragkorbe Sklavendienst leisteten‟? Das Volk, will dies sagen, das ehedem Erdenkot in den Körben zusammentrug, das verschafft sich nunmehr kraft des Kreuzes Christi die Kost des himmlischen Lebens und sammelt da, wo vordem der Schmutz heidnischer Gottlosigkeit starrte, das Brot des Glaubens. Und nicht wenigen, sondern allen obliegt diese Aufgabe. Aus den zwölf Körben strömt gleichsam dem Glauben der einzelnen Stämme (des neuen Israel) Kraft zu; denn „das Brot kräftigt das Herz des Menschen‟.