Das sterbende Kind das Bild der untergehenden Synagoge (54). Die blutflüssige Frau Typus der sich bekehrenden Heidenwelt, der Gottes Wort sich zuwendet (55—56). Die Sünde der Juden das Heil der Heiden (57). Die Heidenkirche eine Schöpfung der Gnade. Die Größe des Gottessohnes: nur dessen Saum vermag der Glaube zu berühren (58—59). Seine Allwissenheit (60). Zweck des Heilungswunders die Beglaubigung des folgenden Auferweckungswunders (61). Der Spott der Ungläubigen. Die Totenklage der Flötenspieler (62). Das Auferweckungswunder. Christi Fleisch und Blut auf den Altären unsere Speise (63). Unterschied bei der Erweckung des Sohnes der Witwe und der Tochter des Jairus (64).
§ 54
„Und sieh, es kam ein Mann mit Namen Jairus, welcher Vorsteher der Synagoge war, und fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, daß er in sein Haus kommen möchte; denn er hatte eine einzige Tochter von ungefähr zwölf Jahren, und sie lag im Sterben‟. Bei den Gerasenern hatte Christus, wie bemerkt, die Synagoge verlassen. Und nachdem die Seinigen ihn nicht aufgenommen hatten, empfingen wir Heiden ihn, den wir erwarteten. Nicht lange nun blieb er uns, von denen er erwartet wurde, fern; doch verschmäht er auch nicht auf Bitten zu jenen (Juden) zurückzukehren. Denn jener Mann, ein Synagogenvorsteher, der eine einzige Tochter hatte, flehte um das Heil der untergehenden Synagoge, die es, weil von Christus verlassen, dem Tode zutrieb. Wen anders sollten wir auch im Synagogenvorsteher erblicken als das Gesetz? In Hinblick auf letzteres verließ der Herr die Synagoge nicht gänzlich und bewahrte den 296 Gläubigen aus ihr das Mittel des Heils auf. Während nun Gottes Wort zu jener Vorsteherstochter eilte, um die Kinder Israels zu retten, riß die heilige, aus den Heiden gesammelte Kirche, die in noch tiefere Laster versunken bereits ganz am Rande des Verderbens trieb, kraft des Glaubens das Heil, das den anderen bereitet war, vorweg an sich.
§ 55
[Forts. v. 296 ] Wir glaubten den moralischen Sinn dieser Stelle gleich genügend herausstellen zu sollen und wollen darum das Gesagte nicht nochmals aufgreifen, sondern mit kurzen Worten nur noch den mystischen Inhalt streifen. Oder hat sich’s nicht so gewendet, daß Gottes Wort, nachdem es zu den Juden gekommen war, von den Heiden an sich gerissen und zuerst von denen, die zur Zeit des Gesetzes ungläubig waren, im Zeitalter der Gnade gläubig aufgenommen wurde?
§ 56
[Forts. v. 296 ] Wie jene Frau nämlich, die unter den Händen der Ärzte ihr ganzes Vermögen aufgebraucht hatte, so hatte auch die Heidenkirche die ganze Mitgift ihrer Natur und das Vatererbe des Lebens vergeudet: die heilige, züchtige, gottesfürchtige, glaubenswillige, doch aus Schamgefühl schüchterne! Denn das ist dem Schamgefühl und Glauben eigen, seiner Schwäche sich bewußt zu sein, die Hoffnung auf Vergebung nicht aufzugeben. ― Züchtig nun berührte sie den Saum, zuversichtlich trat sie hinzu, gottesfürchtig glaubte sie, einsichtsvoll erkannte sie, daß sie geheilt sei. So erfaßte auch das heilige, gottesgläubig gewordene Heidenvolk Scham über seine Sünde um mit ihr zu brechen, es brachte Glaubenswilligkeit entgegen um gläubig zu werden, legte Frommsinn an den Tag um zu beten, nahm Einsicht an um auch seinerseits der Heilung sich bewußt zu werden, schöpfte Zuversicht um einzugestehen, daß es ein fremdes (für die Juden bestimmtes) Heil vorweg an sich gerissen habe.
§ 57
297 Warum aber die Berührung Christi „von rückwärts‟? Vielleicht weil geschrieben steht: „Hinter dem Herrn deinem Gott sollst du herziehen‟. Wozu anders desgleichen die Bemerkung, daß sowohl des Vorstehers Töchterlein „im Alter von zwölf Jahren‟ am Sterben lag, als auch jene Frau „seit zwölf Jahren‟ am Blutflusse litt, als daß man einsehe, daß die Kirche, solange die Synagoge in Kraft stand, darniederlag? Der letzteren Schwäche bedeutet der ersteren Kraft ― denn „die Sünde jener ward den Heiden zum Heil‟ ― ihr Ende der Kirche Anfang, nicht den natürlichen, sondern den Heilsanfang; denn „eine teilweise Verblendung kam über Israel, bis die Vollzahl der Heiden einginge‟. Nicht also zeitlich, sondern gesundheitlich war die Synagoge älter denn die Kirche; denn solange jene glaubte, glaubte diese nicht und lag an verschiedenen Krankheiten des Leibes und der Seele siech darnieder, ohne daß ein Heilmittel Gesundung brachte. Da hörte sie von der Erkrankung des Judenvolkes, fing an Hoffnung auf ein Heilmittel zu ihrer Gesundung zu schöpfen, erkannte, daß die Zeit gekommen sei, daß ein Arzt vom Himmel erscheinen werde, erhob sich um dem Worte entgegenzueilen und sah, wie es von den Volksscharen umringt wurde. Die Umringenden nämlich sind noch nicht gläubig, gläubig sind die Berührenden. Kraft des Glaubens berührt man Christus, nicht leiblich berührt man ihn, nicht mit den Augen gewahrt man ihn. Denn nicht sieht ihn, wer sehend nicht sieht; und nicht hört, wer das, was er hört, nicht versteht, und nicht berührt, der nicht im Glauben die Berührung vornimmt. So sprach er denn, um den Glauben der berührenden (Frau) offenbar zu machen:
§ 58
„Es hat mich jemand berührt; denn ich merkte, daß eine Kraft von mir ausging‟. Das zeigt klar an, daß die Weisheit sich 298 nicht einschließen, die Gottheit nicht in den Rahmen menschlichen Vermögens und in den Kerker des Leibes einzwängen, sich nicht fassen, nicht von den engen Fesseln des Körperlichen niederbinden läßt, daß vielmehr die ewige Kraft weit über die Grenzen unserer Armseligkeit hinausgeht. Denn nicht menschlichem Zutun verdankt das Heidenvolk seine Befreiung, sondern Gottes Geschenk ist die Heidenkirche, die selbst schon mit geringem Glauben das ewige Erbarmen sich zuwendete. Wollten wir jetzt über die Größe unseres Glaubens nachdenken und der Größe des Gottessohnes uns bewußt werden, müßten wir gewahren, daß wir im Vergleich zu ihm nur bis an seinen Kleidersaum reichen, den oberen Teil seines Kleides aber nicht berühren können. Wenn es darum auch uns um Heilung zu tun ist, so laßt uns im Glauben den Saum Christi berühren!
§ 59
[Forts. v. 298 ] Keiner entgeht ihm, der seinen Saum berührt, der von rückwärts ihn berührt; denn Gott benötigt nicht der Augen zum Sehen und braucht keine leiblichen Sinne, sondern trägt in sich die Allwissenheit. Selig darum, wer auch nur den äußersten Teil des Wortes berührt! Wer vermöchte es denn ganz zu erfassen?
Doch um zum Töchterlein, das noch immer krank darniederliegt, zurückzukehren, damit man nicht glaubt, es sei mehr durch unser als durch Christi Verweilen gestorben, so heißt es:* „Da kamen Diener und sprachen zum Vorsteher: Bemühe ihn nicht! Deine Tochter ist gestorben‟*.
§ 60
Erst nun laßt uns das bedenken, daß der Herr, als er daran ging, eine Tote zu erwecken, zuvor noch zur Weckung des Glaubens eine Blutflüssige heilte. Eben daß man wisse, daß die Stillung des Blutflusses vorbildliche Bedeutung hatte, geschieht die Heilung dieser (Kranken) auf dem Wege zu jener (Toten). So geht auch beim Leiden des Herrn eine zeitliche Auferstehung vor sich, auf daß man auch an jene ewige 299 glaube. So wird desgleichen Maria angekündigt, daß eine Unfruchtbare Mutter werde, um hierdurch glaubhaft zu machen, daß eine Jungfrau empfange. Kaum vernahm sie denn auch, daß Elisabeth gebären werde, zweifelte sie auch nicht an der eigenen Mutterschaft.
§ 61
[Forts. v. 299 ] „Es kamen‟, heißt es, „Diener und sprachen zum Vorsteher: Bemühe ihn nicht!‟ Noch stehen auch sie der Auferstehung, die Jesus im Gesetze vorausverkündete, im Evangelium vollführte, ungläubig gegenüber. Daher zog er, als er in das Haus getreten war, nur wenige Zeugen des bevorstehenden Auferstehungsvorganges bei; denn nicht viele bekannten sich sogleich zum Auferstehungsglauben.
§ 62
[Forts. v. 299 ] So kam es denn: als der Herr sprach:* „Das Mädchen ist nicht tot, sondern schläft nur, da verlachten sie ihn‟.* Jeder Ungläubige ist ein Spötter. Mögen sie denn ihre Toten, die sie tot glauben, beweinen! Wo der Glaube an eine Auferstehung lebt, zeigt sich nicht das Bild des Todes, sondern der Ruhe. Auch die Bemerkung des Matthäus, daß sich Flötenspieler im Hause des Vorstehers befanden und eine lärmende Schar, ist nicht verwunderlich; denn Flötenspieler wurden entweder nach einem alten Brauch, von dem berichtet wird, zur Entfachung und Erregung der Trauer, oder aber deshalb beigezogen, weil die Synagoge dem Sang, den das Gesetz und sein Buchstabe tönte, keine geistige Freude abzugewinnen vermochte.
§ 63
Da faßte nun Jesus das Mädchen an der Hand und heilte es und befahl, daß man ihm zu essen gebe, zum Beweis, daß es lebte, daß man’s nicht für ein Gespenst, sondern für Wirklichkeit halten sollte. Selig der, den die Weisheit an der Hand faßt! O daß sie auch mein Handeln erfaßte! Daß die Gerechtigkeit mich an 300 der Hand faßte! Gottes Wort mich erfaßte, in sein Gemach einführte, den Geist des Irrtums abwendete, den des Heils mir zuwendete und befehle, daß mir zu essen gegeben werde! Denn ein Himmelsbrot ist Gottes Wort. Darum auch die Aufforderung jener Weisheit, welche die hochheiligen Altäre mit der Fülle der Nahrung des göttlichen Leibes und Blutes beglückte: „Kommt, esset mein Brot und trinket den Wein, den ich euch gemischt habe!‟
§ 64
[Forts. v. 300 ] Was wird jedoch der Grund für so große Verschiedenheit sein? Oben wird der Witwe Sohn vor aller Augen auferweckt, hier eine größere Zahl von Zeugen ausgeschlossen. Doch ich glaube, daß sich dort des Herrn Erbarmen gerade auch darin offenbaren sollte, daß es bei der Witwe, der Mutter des einzigen (Sohnes), keinen Aufschub mehr litt, und darum, um ihr längeres Leid zu ersparen, das Handeln beschleunigt wird. Auch ein Walten der Weisheit offenbart sich darin: im Sohn der Witwe wird die (Heiden-) Kirche rasch zum Glauben gelangen, in der Tochter des Synagogenvorstehers die Juden wohl gläubig werden, freilich nur allzu wenige von den vielen.