Näherbestimmungen der Matthäusstelle: „Und gerechtfertigt ward die Weisheit von ihren Kindern“ durch den Lukastext. Die Weisheit ist Gott (1). Dessen Rechtfertigung durch den Sünder auf Grund des Sündenbekenntnisses und Sündennachlasses in der Taufe (2—6). Vom religiösen Sang und Tanz im Gegensatz zum profanen (7—12).
§ 1
[Forts. v. 268 ] * „Und alles Volk, das zuhörte, auch die Zöllner rechtfertigten Gott, indem sie sich taufen ließen mit der Taufe des Johannes; die Pharisäer aber und die Gesetzeskundigen verachteten den Ratschluß Gottes gegen sich und ließen sich nicht taufen‟*.
Der heilige Lukas enthüllte durch besondere Zusätze, was der heilige Matthäus gleichsam mit allgemeinen Wendungen etwas dunkel gelassen hatte; dieser nämlich bemerkte nur: „Und gerechtfertigt ward die Weisheit von ihren Kindern‟. Zunächst sehen wir an unserer Stelle ausdrücklich hervorgehoben, wer diese Weisheit ist; denn es heißt: „Sie rechtfertigten Gott‟. Gott ist also die Weisheit; denn die Weisheit ist der Gottessohn, die wesenhafte Weisheit, nicht eine erworbene. Eine andere ist die Weisheit als Kraft Gottes des Vaters, eine andere die Weisheit als Seelenkraft: erstere beruht auf Zeugung, letztere auf Schöpfung. Eine andere ist die Weisheit als (schöpferische) 269 Urheberin der Werke, eine andere als Werk; denn ein Werk des Geistes ist weises Denken, lebhaftes Empfinden. Es sind das bloße Gaben der Natur; ihr Spender jedoch ist nicht Geschöpf, sondern der Schöpfer, d. i. nicht eine Gabe der Natur, sondern der Geber der Natur.
§ 2
[Forts. v. 269 ] Gottes Rechtfertigung selbst nun geht vor sich in der Taufe, Hand in Hand mit der eigenen Rechtfertigung des Menschen durch das Bekenntnis seiner Sünden; denn so steht geschrieben: „Du sag an deine Missetaten, auf daß du gerechtfertigt werdest‟. Und zwar gelangt man dadurch zur Rechtfertigung, daß man Gottes Gabe nicht trotzig zurückweist, sondern nach Recht und Gerechtigkeit anerkennt; denn „gerecht ist der Herr und Gerechtigkeit liebt er‟. Darin also besteht Gottes Rechtfertigung, daß man ihn seine Gaben nicht an Unwürdige und Schuldige hinübergeben sieht, sondern an Unschuldige und Gerechte, die es auf Grund der Abwaschung geworden sind. So laßt uns denn den Herrn rechtfertigen, um vom Herrn Rechtfertigung zu erlangen!
§ 3
[Forts. v. 269 ] Wir wollen noch genauer untersuchen, was das heißt: Gott wird gerechtfertigt. Der Apostel versichert: „Mag aber Gott wahrhaft sein, jeder Mensch doch ist lügenhaft, wie geschrieben steht: auf daß du gerechtfertigt werdest in deinen Worten und obsiegest, wenn mit dir gerechtet wird‟. Ebenso klagt David: „Dir allein habe ich gesündigt und Böses getan vor dir, auf daß du gerechtfertigt werdest in deinen Worten und obsiegest, wenn mit dir gerechtet wird‟. Wer also sündigt und die Sünde Gott bekennt, der rechtfertigt Gott, indem er ihm, dem Obsiegenden, nachgibt und von ihm Gnade erhofft. In der Taufe hat Gottes Rechtfertigung statt, die sowohl Bekenntnis wie Vergebung der Sünden in sich schließt.
§ 4
270 Verachten wir also Gottes Ratschluß nicht gleich den Pharisäern!. Ein Ratschluß Gottes liegt schon in der Taufe des Johannes: wer nun wollte Gottes Ratschluß bezweifeln in Christi Taufbad? Das ist der Ratschluß, den „der Engel des Hohen Rates‟ ersann, den niemand erkannte; denn „wer hat den Sinn des Herrn erkannt?‟ Schon menschlichen Rat verachtet niemand: wer dürfte Gottes Ratschluß abweisen? Wie Kinder laßt uns also der Mutter (Kirche) recht geben, der Mutter folgen! Wir wissen, wie eine Mutter für die Kinder der Gefahr sich aussetzt: der Mutter weisen Rat, der Mutter Befehl laßt uns gehorchen!
§ 5
„Wir haben euch gesungen und ihr habt nicht getanzt, wir haben Klagelieder angestimmt und ihr habt nicht geweint‟. Wohl mag das dem Naturell der Kinder nicht unangemessen erscheinen, die auf reiferen Ernst sich noch nicht verstehen und darum leichte Körperbewegung machen; gleichwohl doch kann es, wie ich vermute, auf einen höheren Sinn bezogen werden. Augenscheinlich nämlich haben die Juden weder zuvor den Psalmen noch nachher den Klageliedern Glauben geschenkt: durch die Psalmen zu Belohnungen angeeifert, durch die Klagelieder von Verwirrung abgehalten. David hat gesungen, auf daß wir unsere eigenen Harfen an die Weiden hingen. Und auch er hat nicht aus Leichtfertigkeit, sondern aus religiöser Begeisterung gesungen und vor der Lade des Herrn getanzt. Nicht ein Tanzen, bei welchem der Leib nach Gauklerart sich dreht und windet, ist gemeint, sondern die vom Eifer beschwingte Beweglichkeit des Geistes und die vom Frommsinn beflügelte des Leibes. Doch keine Besserung, keine auf die Triumphe, keine auf die Vernichtungsschläge, folgte bei den Juden. Und doch hätten sie, durch die Gnadenerweise des göttlichen Erbarmens hierzu ermuntert, den Geist erheben, den 271 Körper aufrichten, das Irdische verlassen, das Himmlische suchen sollen; hätten, durch die Leiden der Gefangenschaft mürbe, die Sünden beweinen sollen, nachdem Schuld die Urheberin des Leidens war.
§ 6
[Forts. v. 271 ] * „Gerechtfertigt ist die Weisheit von allen ihren Kindern‟*. Mit Recht „von allen‟; denn aller harrt Gerechtigkeit: den Gläubigen soll Aufnahme, den Ungläubigen Verwerfung zuteil werden. Darum haben auch gar manche griechische Handschriften die Lesart: „Gerechtfertigt ist die Weisheit von allen ihren Werken‟; denn es ist das Werk der Gerechtigkeit, daß dem Verdienste eines jeden das gebührende (Vergeltungs-) Maß aufbewahrt wird.
§ 7
Zutreffend nun heißt es: „Wir haben euch gesungen und ihr habt nicht getanzt‟. Gesungen hat Moses, als im Roten Meere zum Durchzug der Juden die Flut sich staute, die Woge rings stillstand, und wieder sich ergießend Roß und Reiter der Ägypter verschlang. Gesungen hat Jesaias ein Lied auf seinen geliebten Weinberg; er bezeichnete damit das Volk, das bei seinem frevlen Tun verwildern mußte, nachdem es früher voll reicher Tugendfrüchte gehangen. Gesungen haben die Hebräer, da ihr Fuß auf die Berührung mit der tauträufelnden Flamme hin von Feuchtigkeit troff und, während innen und außen alles Feuer fing, sie allein das Feuer, das unschädliche, leckte ohne sie zu versengen. Auch Habakuk verstand mit seinem Sang die allgemeine Trauer zu mildern und weissagte, wie süß des Herrn Leiden für die Gläubigen sein werde. Gesungen also haben die Propheten, um ihre Aussprüche vom allgemeinen Heil in geistlichen 272 Sangesweisen erschallen zu lassen; Klagen haben die Propheten angestimmt, um die verstockten Herzen der Juden mit Klageliedern zu rühren.
§ 8
[Forts. v. 272 ] Es lehrte uns die Schrift ernste Lieder, geistliche Psalmen singen: sie lehrte uns auch weise tanzen, indem der Herr zu Ezechiel sprach: „Klatsche mit der Hand und strample mit dem Fuß!‟ Nimmer hätte ja Gott, der Sittenrichter, lose Körperbewegungen nach Gauklerart verlangt, oder aber Männern unanständiges Strampeln und weibisches Klatschen anbefohlen und demzufolge einen so großen Propheten zu den Schlüpfrigkeiten der Theaterleute und zu den Weichlichkeiten des Weibervolkes veranlaßt. Nichts haben die Offenbarungsgeheimnisse der Auferstehung mit schimpflichen Tanzaufführungen zu tun. Es gibt freilich ― es gibt auch eine Art Beifallklatschen, das dem guten Tun und Wirken eignet, dessen Rauschen in die Welt hinausdringen und im Lob auf das gute Handeln widerhallen soll. Es gibt auch einen ehrenhaften Tanz, bei dem die Seele sich rhythmisch bewegt und der Leib durch gute Werke sich aufschwingt, wenn wir unsere Harfen an die Weiden hängen.
§ 9
Der Auftrag nun „mit der Hand zu klatschen und mit dem Fuß zu strampeln‟, der Auftrag in den Psalter zu greifen, ergeht an den Propheten, weil er bereits des Bräutigams Vermählung schaute, bei der die Kirche die Braut, Christus der Geliebte ist. Fürwahr eine glückliche Vermählung, wenn die Seele dem Worte, das Fleisch dem Geiste sich vermählt! Bei dieser Vermählung wünschte der Prophet David uns bei frohem Spiel zu sehen; zu ihr erging seine Einladung, indem er ja seine eigene Nachkommenschaft antraute. Darum freudiger gestimmt als die übrigen, gleichsam mitten im Trauungsakte begriffen, muntert er uns zur festlichen Begehung der Feier auf mit den Worten: „Jauchzet 273 Gott, unserm Helfer, jubelt dem Gotte Jakobs! Stimmt an den Psalm und lasset die Pauken ertönen, den lieblichen Psalter samt der Zither!‟ Siehst du den Propheten nicht wie im Reigen sich bewegen? So denn auch an einer anderen Stelle: „Spielen will ich dir auf der Zither, Heiliger Israels. Freuen sollen sich meine Lippen, wenn ich dir singe, und meine Seele, die du erlöst hast‟. Hörst du der Spielenden Stimmen? Hörst du der Tanzenden Gestrampel? Vermählung hat statt, glaube es!
§ 10
[Forts. v. 273 ] Greif auch du zur Zither, daß die Saiten deines Inneren von des Geistes Griffel angeschlagen guten Werkes Laute tönen! Greif zum Psalter, daß die Harmonie deiner Worte und Taten erklinge! Greif zur Pauke, daß der Geist im Inneren das Instrument deines Leibes melodisch ertönen lasse und der süße Wohllaut deines sittlichen Wandels im tätigen Handeln sich vernehmlich mache! So griff der Prophet in die Saiten, da er sang: „Komm her vom Libanon, Braut! Komm her vom Libanon!‟
§ 11
Forts. v. 273 ] Diesen Sang stimmten die Kinder an ― und sie fanden kein Gehör. Welche Kinder? Von denen der Prophet spricht: „Sieh, ich und die Kinder, die du mir gegeben!‟ Doch nicht auf dem Marktplatze, nicht auf den Straßen wurde dieses Lied gesungen, sondern in Jerusalem. Das ist das Forum des Herrn, woselbst festgesetzt wird, was nach den himmlischen Vorschriften Rechtens ist.