Das Petrusbekenntnis ein kurzer Inbegriff der Christologie (93). Petrus unser unerreichtes Glaubensvorbild (94—95). Parallele zwischen Christus und Elias, Jeremias, Johannes (96). Christi Selbstbezeichnungen (Licht, Fels usw.) auch Apostelattribute (97). Jeder Christ ein Fels. Die Pforten des Infernus die Pforten des Todes (98), d. i. der Sünde. Die Pforten der Kirche die Pforten der Tugend (99). Grund und Motiv der Vorausverkündigung des Leidens und der Auferstehung Christi (100). Das Schweigegebot: mehrfacher Grund für die Jünger (101), Grund für die Dämonen (102); es ist das zweite Schweigegebot (103). Die Predigtmethode der Apostel den Heiden gegenüber (104), aufgezeigt am Schema der Areopagrede des Paulus (105). Die Missionspredigt vor den Juden (106). Die Unterrichtsmethode bei den Katechumenen. Das Grundthema der christlichen Predigt Jesus der Gekreuzigte (107). Apologetische Beglaubigung der christlichen Grundwahrheit vom Erlösungstode Christi (108). Nur der Gottessohn vermochte die Welt zu erlösen (109).
§ 93
„Er sprach aber zu ihnen: Ihr nun, wer sagt ihr, daß ich bin? Da antwortete Simon Petrus: Der Gesalbte Gottes. Auch die Meinung des Volkes war zwar nicht aus der Luft gegriffen, der zufolge die einen glaubten, es sei Elias, dessen Ankunft sie für bevorstehend hielten, andere, es sei Johannes, von dessen Enthauptung sie wußten, oder es sei einer von den früheren Propheten auferstanden. Doch diesem Probleme sind wir nicht gewachsen: das ist Sache des Urteils eines anderen, der Einsicht eines anderen. Denn wenn der Apostel Paulus sich begnügte „nichts zu wissen außer Christus Jesus und diesen als den Gekreuzigten‟, was soll dann ich zu wissen begehren außer Christus? In diesem* einen* Namen liegt sowohl das Bekenntnis seiner Gottheit und Menschwerdung, als auch der Glaube an sein Leiden ausgedrückt. Mochten nun auch die übrigen Apostel es wissen, gab doch Petrus vor den übrigen die Antwort: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes‟. Damit nun faßte er alles zusammen, indem er sowohl die Natur wie den Namen, den Inbegriff der Machthoheit, zum Ausdruck brachte. Wollen denn auch wir über seine Zeugung aus Gott Fragen aufwerfen, nachdem ein Paulus erklärte, „nichts zu wissen als Christus Jesus und diesen als 318 den Gekreuzigten‟, ein Petrus nichts anderes bekennen zu sollen glaubte als dessen Gottessohnschaft? Wir grübeln angesichts seiner schwachen Menschheit über das Wann und Wie seiner Geburt sowie über seine Erhabenheit nach: ein Paulus wußte, daß hierin mehr sündhafte Fragestellung denn nützliche Erbauung gelegen sei und erklärte darum, „nichts zu wissen als Christus Jesus‟. Ein Petrus wußte, daß der Sohn Gottes alles besitzt; denn „alles hat der Vater dem Sohne gegeben‟. Wenn er alles gegeben hat, hat er ihm auch die Ewigkeit und die Erhabenheit, die er hat, hinübergegeben. Doch wozu noch länger reden? Das Endziel meines Glaubens ist Christus, das Endziel meines Glaubens der Sohn Gottes. Ich darf keine Kenntnis haben über den Vorgang seiner Zeugung, ich darf jedoch nicht in Unkenntnis sein über den Glauben an seine Zeugung.
§ 94
[Forts. v. 318 ] Glaube denn so, wie Petrus geglaubt hat, daß auch du selig seiest, daß auch du zu hören verdienst: „Nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist!‟ Denn Fleisch und Blut vermögen nur Irdisches zu offenbaren, wer aber kraft des Geistes Geheimnisse ausspricht, verdankt das nicht der Einsprechung des Fleisches und Blutes, sondern der göttlichen Eingebung. Schenke also nicht Fleisch und Blut Gehör, um nicht die Grundsätze des Fleisches und Blutes einzutrinken und selbst Blut und Fleisch zu werden! Denn wer dem Fleische anhangt, ist Fleisch, und „wer Gott anhangt, ist* ein* Geist‟. „Nicht soll‟, spricht er, „mein Geist in diesen Menschen bleiben für immer, deshalb weil sie Fleisch sind‟.
§ 95
Doch daß sie nicht Fleisch und Blut wären, meine Zuhörer! Daß vielmehr jeder, von den Lüsten des Fleisches und Blutes losgeschält, sprechen könnte: „Ich brauche nicht fürchten, was mir das Fleisch tun mag!‟ Denn wer das Fleisch besiegt, ist eine Grundfeste der 319 Kirche. Und kann er es dem Petrus nicht gleich-, so doch ähnlich tun. Denn groß sind Gottes Gaben, der uns nicht bloß, was unser gewesen war, wiederherstellte, sondern auch, was ihm selbst eignet, verlieh.
§ 96
[Forts. v. 319 ] Von Interesse ist es, welche Bewandtnis es hat, daß die Volksscharen an niemand anderen als an Elias oder Jeremias oder Johannes den Täufer dachten. An Elias vielleicht, weil er zum Himmel entrückt wurde. Doch nicht Elias war Christus: jener wird entrückt, dieser kehrt zurück, dieser „hielt es nicht für Raub Gott gleich zu sein‟; jener verschafft sich durch Feuer, das er herabflehte, Sühne, dieser wollte lieber das Heil als den Untergang seiner Verfolger. ― Warum aber vermutete man den Jeremias? Vielleicht, weil er im Mutterleibe geheiligt wurde. Doch auch Jeremias war er nicht: ersterer wird geheiligt, letzterer heiligt; des ersteren Heiligung beginnt vom (Mutter-) Leibe, letzterer ist der Heilige aus dem Heiligen. ― Warum vermutet das Volk auch den Johannes? Doch wohl deshalb, weil er noch im Mutterschoße liegend des Herrn Gegenwart fühlte. Doch auch Johannes war er nicht: jener betete im Schoße an, dieser wurde angebetet; jener taufte im Wasser, Christus im Geiste; jener mahnte zur Buße, dieser vergab die Sünden.
§ 97
Eben darum wartete Petrus das Urteil des Volkes nicht ab, sondern trat mit dem eigenen hervor 320 und bekannte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes‟. Wer „ist‟, ist immerdar und fängt nicht an zu sein und hört nicht auf zu sein. Groß aber ist Christi Huld, der fast alle seine Namen auch seinen Jüngern beilegte. „Ich bin das Licht der Welt, erklärt er; gleichwohl trat er diesen eigenen Ehrennamen den Jüngern ab, indem er sie anredete: „Ihr seid das Licht der Welt‟. „Ich bin das lebendige Brot‟, und: „Wir alle sind* ein* Brot‟. „Ich bin der wahre Weinstock‟; auch dir versichert er: „Ich habe dich gepflanzt als fruchtbaren Weinstock, als lauter echten‟. Der Fels ist Christus ― „Sie tranken nämlich aus einem geistigen Fels, der ihnen folgte, der Fels aber war Christus‟ ― auch seinem Jünger enthielt er diesen Ehrennamen nicht vor, auf daß auch er ein ‚Petrus‛ (Fels) wäre, indem er vom Fels (Christus) die Festigkeit der Standhaftigkeit und die Kraft des Glaubens haben sollte.
§ 98
[Forts. v. 320 ] Setze denn alle Kraft ein, daß auch du ein Fels seiest! Nicht außer dir, sondern in dir suche den Fels! Dein Fels ist die Tatkraft, dein Fels ist der Geist. Über diesem Felsen läßt sich dein Haus aufbauen, daß es durch keine Stürme der Geister der Bosheit erschüttert werden kann. Dein Fels ist der Glaube, der Glaube ist das Fundament der Kirche. Bist du Fels, wirst du der Kirche angehören; denn auf Felsengrund ruht die Kirche. Gehörst du der Kirche an, werden die Pforten der Unterwelt dich nicht überwältigen. Die Pforten der Unterwelt sind die Pforten des Todes, die Pforten des Todes aber können unmöglich die Pforten der Kirche sein.
§ 99
Was anders aber bedeuten die Pforten des Todes, d. i. die Pforten der Unterwelt als jegliche 321 Sünden? Treibst du Unzucht, hast du die Pforten des Todes betreten. Verletzest du den Glauben, hast du die Pforten des Todes durchschritten. Begehst du eine Todsünde, bist du durch die Pforten des Todes eingetreten. Doch mächtig ist der Herr, daß er dich erhebe aus den Pforten des Todes, „auf daß du all sein Lob verkündest auf den Toren der Tochter Sion‟. Die Pforten der Kirche aber sind die Pforten der Keuschheit, die Pforten der Gerechtigkeit, die der Gerechte zu betreten pflegt mit dem Rufe:„ Öffnet mir die Pforten der Gerechtigkeit! Und eingetreten durch sie will ich preisen den Herrn‟. Wie aber die Pforte des Todes die Pforte der Unterwelt ist, so ist ebenso die Pforte der Gerechtigkeit Gottes Pforte; denn „das ist die Pforte des Herrn, Gerechte werden durch dieselbe eintreten‟. Darum flieh das hartnäckige Beharren in Sünden, daß nicht die Pforten der Unterwelt dich zu überwältigen vermögen! Denn führt die Sünde die Herrschaft in dir, hat des Todes Pforte dich überwältigt. Flieh dem Streit, Uneinigkeit, der Zwietracht Gezeter und Aufruhr, um nicht einzutreten und hineinzugeraten durch die Pforten des Todes! Denn auch der Herr Jesus Christus wollte zunächst nicht, daß man Rühmens von ihm mache, damit kein Gezeter entstehe. Er trägt seinen Jüngern scharf auf niemand davon zu sagen, daß * „der Menschensohn vieles leiden, von den Hohenpriestern und Ältesten und Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und am dritten Tage wieder auferstehen sollte‟*.
§ 100
Vielleicht erklärt sich dieses Beifügen daraus, daß der Herr wußte, wie selbst die Apostel nur schwer an sein Leiden und seine Auferstehung glauben würden. Daher zog er es vor, in der Weise sein Leiden und seine Auferstehung anzukündigen, daß ihr tatsächlicher Eintritt Glauben, das Hören hiervon nicht Widerspruch 322 auslösen sollte. Christus also wollte nicht gerühmt sein, sondern wollte lieber niedrig erscheinen, so daß er sich dem Leiden unterzog: und du, der in Niedrigkeit geborene, wolltest dich rühmen? Denselben Weg, den Christus gewandelt, mußt du gehen. Welchen wandelte er? Das heißt ihn verstehen, das heißt ihn in Niedrigkeit und gutem Ruf nachahmen, daß man sich im Kreuze rühme, wie er sich gerühmt hat. Also wandelte Paulus und rühmt sich darum mit den Worten: „Mir aber sei es ferne mich zu rühmen, außer im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus‟.
§ 101
[Forts. v. 322 ] Doch sehen wir zu, warum wir nach Matthäus der Mahnung an die Jünger begegnen, niemand zu sagen, daß er der Christus sei, an unserer Stelle aber geschrieben finden, es sei ihnen scharf aufgetragen worden, niemand davon zu sagen, daß er vieles leiden und auferstehen werde! Ihr seht, wie der* eine* Name Christus alles in sich begreift: Eben Christus ist es, der aus der Jungfrau geboren wurde; er ist es, der Wunder tat im Volke; er, der gestorben ist für unsere Sünden und auferstanden von den Toten. Streichst du nur einen Punkt davon, hast du dein Heil gestrichen. Denn auch die Häretiker wähnen Christus zu besitzen. Keiner leugnet nämlich Christi Namen; doch leugnet Christus, wer nicht alles bekennt, was Christus eignet. ― Aus vielen Gründen nun heißt er die Jünger schweigen: er will den Fürsten der Welt täuschen, Selbstüberhebung meiden, Demut lehren; zugleich sollen die noch unwissenden und unvollkommenen Jünger nicht von der Wucht so unerhört großer Verkündigung niedergedrückt werden.
§ 102
Jetzt laßt uns den Grund erwägen, warum er auch die unreinen Geister schweigen heißt! Doch auch darüber hat uns die Schrift Aufschluß erteilt; denn „zu 323 dem Sünder spricht der Herr: Was erzählst* du* meine Satzungen?‟ Niemand soll ihm, wenn er ihn predigen hört, in die Irre folgen; denn ein verruchter Lehrer ist der Teufel, der oft Falsches mit Wahrem mischt, um mit dem Schein der Wahrheit den Trug zu verhüllen, den er bezeugt.
§ 103
[Forts. v. 323 ] Auch das laßt uns erwägen, ob der Herr hier zum erstenmal den Jüngern auftrug, niemand zu sagen, daß er der Christus sei, oder ob er auch schon früher diesen Auftrag erteilte, als er die zwölf Apostel mit der Weisung aussendete: „Geht nicht die Wege zu den Heiden und betretet nicht die Städte der Samariter, wohl aber geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!‟ „Heilt die Kranken, reinigt die Aussätzigen, treibt die Teufel aus‟ und „vergewissert euch, wer darin würdig ist, und bleibt daselbst!‟ Es scheint also auch hier kein Auftrag ergangen zu sein, Christus als den Gottessohn zu verkündigen.
§ 104
Die Lehrmethode (der Apostel) nun bildet die (christliche) Unterrichtsmethode. Darum sollen auch wir, wenn irgendwelche Heiden zur Kirche berufen werden, den Gang der Unterweisungen so einrichten, daß wir zuerst dartun, daß es* einen* Gott gibt, den Schöpfer der Welt und aller Dinge, in welchem wir leben und sind und uns bewegen, dessen Geschlecht wir auch sind, so daß er nicht bloß ob der Gaben des Lichtes und des Lebens, sondern auch ob seiner gewissen Geschlechtsverwandtschaft von uns geliebt werden muß. Sodann mögen wir mit jenem Aberglauben, der sich an die Götzenbilder knüpft, aufräumen, indem doch dem Gold- und Silber- oder Holzstoff keine göttliche Kraft innewohnen könne. Hat man nun überzeugend vom Dasein des einen Gottes gehandelt, wird man an der 324 Hand seiner Offenbarung dartun, wie uns durch Christus das Heil verliehen wurde, indem man von dem ausgeht, was er im Leibe vollführte, und zwar als göttliches Wirken es aufzeigend, so daß er als mehr denn als bloßer Mensch erscheint; wie ferner durch des* einen* Kraft der Tod besiegt, der Tote vom Totenreiche auferweckt wurde. Nur allmählich wächst der Glaube. Erst wenn Christus als ein übermenschliches Wesen erscheint, wird seine Gottheit Glauben finden. Beweist man nicht erst, daß er jene Dinge nicht ohne göttliche Kraft vollbringen konnte, wie ließe sich beweisen, daß ihm göttliche Macht innewohnte?
§ 105
Doch vielleicht traut man uns zu wenig Autorität und Glaubwürdigkeit zu. So lies die Rede, die der Apostel bei den Athenern gehalten hat! Hätte er gleich zu Beginn den Götzendienst abtun wollen, würden die Ohren der Heiden mit Abscheu sich von seiner Rede abgewendet haben. Von dem* einen* Gott, dem Schöpfer der Welt, geht er folglich aus, indem er erklärt: „Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was in ihr ist…‟. Sie konnten nicht leugnen, daß es nur* einen* Urheber der Welt, nur* einen* Gott, nur* einen* Schöpfer des Alls gebe. Er fügte bei, wie der Herr des Himmels und der Erde sich nicht würdige in den von Menschenhand gemachten Stätten zu wohnen, ferner wie es ganz und gar nicht wahrscheinlich sei, daß Menschenkunst die Kraft der Gottheit in die nichtige Materie von Gold und Silber banne, und stellte hierbei als Heilmittel der Verirrung den Bußeifer hin. Erst jetzt ging er auf Christus über, hielt es jedoch für das Bessere, ihn noch nicht Gott, sondern Mensch zu nennen, indem er sprach: „Durch einen Mann, durch welchen er allen Glauben bestimmt hat, indem er ihn von den Toten erweckte‟. Ein Lehrer muß nämlich die Personen, die seinen Hörerkreis bilden, sich genau ansehen, damit man ihn nicht, bevor man ihn noch hört, verlacht. Wie hätten denn die Athener je geglaubt, daß das Wort 325 Fleisch geworden ist, und eine Jungfrau vom Geiste empfangen hat? Lachten sie doch schon, da sie von der Auferstehung der Toten gehört hatten. Doch glaubten der Areopagite Dionysius und andere an den „Mann‟, um zum Glauben an seine Gottheit zu gelangen. Was liegt daran, wie einer zum Glauben kommt? Man kann nicht schon in den ersten Anfängen Vollendetes verlangen, sondern gelangt zum Vollendeten, indem man von den Anfängen ausgeht. An diese Lehrweise nun hielt sich der Apostel in seiner Unterweisung an die Athener: diese Methode müssen auch wir bei den Heiden innehalten.
§ 106
Wenn hingegen die Apostel zu Juden sprachen, hoben sie hervor, „daß er der Christus sei‟, der uns in den Aussprüchen der Propheten verheißen war, den sie (die Apostel) früher nicht eigenmächtig Gottessohn nannten, sondern nur einen „bewährten Mann‟, einen „gerechten Mann‟, einen „von den Toten erweckten Mann‟, einen Mann, von dem bei den Propheten geschrieben steht: „Mein Sohn bist Du,* ich* habe Dich heute gezeugt‟. So berufe denn auch du dich bei Wahrheiten, die schwer zu glauben sind, auf die Autorität der Schrift! Weise hin, wie Christi Ankunft durch der Propheten Wort verheißen, zeige, wie desgleichen seine Auferstehung längst vorher durch die Zeugnisse der Schrift verbürgt wurde, und zwar nicht im Sinn der gewöhnlichen allgemeinen Auferstehung mit den übrigen! So wirst du schon mit der Konstatierung seiner leiblichen Auferstehung ein Zeugnis für seine ewige Gottheit gewinnen. Denn während du bei den übrigen beweisen kannst, daß ihre Leiber der Auflösung nach dem Tode verfielen, kannst du fürwahr von jenem, von dem gesprochen ward: „Du wirst deinen Heiligen die Verwesung nicht schauen lassen‟, den Nachweis erbringen, daß er über menschliche Hinfälligkeit erhaben 326 war; den Nachweis erbringen, daß er über das der menschlichen Natur gebührende Los erhaben war, mehr Gott denn Menschen vergleichbar.
§ 107
[Forts. v. 326 ] Ist nun ein Katechumene, der sich auf die Sakramente der Gläubigen vorbereitet, zu unterweisen, so ist zu betonen, es sei „ein Gott, von welchem alles ist, und* ein* Jesus Christus, durch welchen alles ist‟; man dürfe aber nicht von zwei Herren reden. Es sei zwar der Vater vollkommen, es sei auch der Sohn vollkommen, doch besäßen Vater und Sohn nur* eine* Wesenheit. Das ewige Wort Gottes sei er, nicht ein äußerlich betätigtes, sondern ein selbsttätiges, das aus dem Vater erzeugte, nicht mit der Stimme gesprochene Wort.
Den Aposteln wurde verboten, (Jesum) als den Gottessohn zu verkündigen; auch nachher sollten sie ihn als den Gekreuzigten verkündigen. Des Glaubens Herrlichkeit beruht gerade im wahren Verständnisse des Kreuzes Christi. Andere Kreuze nützen mir nichts, nur allein das Kreuz Christi frommt mir und frommt mir in Wahrheit, „durch welches mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt‟. Ist die Welt mir gekreuzigt, weiß ich, daß sie abgestorben ist: ich liebe sie nicht; weiß ich, daß sie vergeht: ich verlange sie nicht; weiß ich, daß Verwesung diese Welt aufzehren wird: ich meide sie wie Fäulnis, hüte mich davor wie vor Pest, verlasse sie wie Unheil.
§ 108
Doch manche vermögen es nicht sogleich zu glauben, daß durch das Kreuz der Welt das Heil wiedergebracht wurde. Zeige die Möglichkeit dessen an der griechischen Geschichte! So sucht mitunter auch der Apostel die Ungläubigen zu überzeugen und verschmäht selbst dichterische Verse nicht, um die Fabeleien der Dichter abzutun. Ruft man sich nämlich in Erinnerung, wie nach der griechischen Geschichte oftmals Legionen und große Volksmassen durch die Todesweihe des einen und anderen Helden Rettung fanden; 327 erinnert man sich daran, wie eine Fürstentochter zur Ermöglichung der Überfahrt der griechischen Heere dem Opfertod geweiht wurde; erwägen wir die Tatsache, von der unsere (Heils-) Geschichte berichtet, daß „das Blut von Böcken und Stieren sowie die Asche des Rindes die Verunreinigten durch Besprengung heiligt, so daß sie leiblich rein werden‟, wie (im Briefe) an die Hebräer geschrieben steht; wurde, wie behauptet wird, eine Pestseuche, die durch irgendwelche menschliche Versündigungen über die Lande heraufbeschworen wurde, durch den Tod eines einzigen Menschen beseitigt, sei es auf (eigene) vernünftige Erwägung hin, die überwog, sei es auf (providentielle) Anordnung hin, die ihn bewog, auf daß der Glaube an das Kreuz des Herrn leichter Eingang fände: so wird bei ihnen, die ihre (Geschichts-) Tatsachen nicht leugnen können, umso leichter Geneigtheit bestehen, unsere (Heils-) Tatsachen bestätigt zu finden.
§ 109
[Forts. v. 327 ] Weil es jedoch keinen Menschen geben konnte so groß, um der ganzen Welt Sünden hinwegzunehmen: nicht Henoch, nicht Abraham, nicht Isaak, der, ob er sich auch dem Tode weihen wollte, doch am Leben erhalten wurde, da er außerstande war, alle Sünden zu tilgen ― wo wäre denn der Mensch so groß, daß in ihm alle Sünden abstürben? ― darum wurde von Gott Vater nicht einer aus dem Volke, nicht einer aus der Menge, sondern der Sohn Gottes hierzu erkoren, der, weil über alle erhaben, für alle sich opfern konnte. Und er mußte sterben, damit er, stärker als der Tod, die anderen befreie: „frei geworden unter den Toten sonder Hilfe‟, d. i. frei vom Tode ohne Mithilfe eines Menschen oder eines Geschöpfes überhaupt; und mit Recht „frei‟, nach dem er die Sklaverei der Lüste von sich wies und die Bande des Todes nicht zu fühlen bekam.