Der sittlich-pädagogische Zweck diesseitiger göttlicher Lohnvergeltungen (1). Christus unser Leben (2). Was bedeutet ,den Tod kosten‛ (3)? Es gibt lebende Tote und tote Lebende (4). Von der Nachahmung der Apostel (5). Mystische Deutung der „acht Tage“ (Luk.), bezw. der „sechs Tage“ (Matth. u. Mark.) im Verklärungsberichte (6—7). Nur Höhenwege führen zum Gipfel des Gottschauens (8). Warum werden „drei, und zwar drei Auserwählte“ auf den Berg der Verklärung geführt (9)? Moses und Elias Repräsentanten des Gesetzes und der Propheten (10). Auch wir können und sollen Moses und Elias (11), ja Christus selbst in der Verklärung schauen (12). Allegorische Deutung der weiß wie Schnee glänzenden Kleider Christi (13—17), des Hüttenbauens (18), der Beschattung (19) mit einer Lichtwolke (20). Vom Eins-werden im Glauben (21).
§ 1
„Ich sage euch wahrlich, es sind einige von denen, die hier stehen, welche den Tod nicht kosten werden, bis sie das Reich Gottes sehen‟. Wie der Herr stets den schwachen Menschengeist zu den künftigen Belohnungen der Tugenden aufrichtet und die Verachtung der zeitlichen Dinge als nützlich einschärft, so hält er ihn auch mit diesseitiger Lohnvergeltung aufrecht. Hart und schwer ist es ja, das Kreuz zu tragen und die Seele den Gefahren, den Leib dem Tode preiszugeben, das eigene Ich zu verleugnen, nachdem man 329 selbst noch das, was man nicht ist, sein möchte. Und selten will eine noch so erhabene Tugend das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen vertauschen. Schwierig dünkt es ja den Menschen, ein nur erhofftes Gut mit Gefahren zu erkaufen und den Gewinnst des künftigen Lebens mit dem Verluste des Gegenwärtigen zu erwerben. So verspricht denn nun der gute Sittenlehrer, weil die süße Lust am Leben selbst den standhaften Sinn anheimelt, den Gläubigen ein ununterbrochen fortdauerndes Leben, daß keiner aus Verzweiflung oder Überdruß zusammenbreche. Aller Trost erstarrt ja unter dem Schauer der Todesfurcht, und schwerlich empfindet die große Liebe, mit der man am Leben hängt, schmeichelnde (Zukunfts-) Hoffnung als Gegengewicht gegen die Angst um das heißersehnte Wohl. So hat man denn keinen Grund zur Klage, keinen Grund zur Ausrede. Der Allwaltende setzte der Tugendkraft Lohn vor, der Schwäche Arznei: die Schwäche sollte durch gegenwärtige Güter, die Tugend durch die zukünftigen aufgerichtet werden. Bist du stark, verachte den Tod! Bist du schwach, flieh ihn! Doch niemand kann den Tod fliehen, wenn er nicht dem Leben folgt. Dein Leben ist Christus: das ist das Leben, das kein Sterben kennt.
§ 2
[Forts. v. 329 ] Wollen wir also den Tod nicht fürchten, so laßt uns stehen, wo Christus weilt, daß er auch von uns spreche: „Wahrlich, es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nicht kosten werden!‟ Das bloße Stehen genügt nicht, wenn man nicht steht, wo Christus weilt; denn nur die vermögen es, den Tod nicht zu kosten, die bei Christus stehen können. Hierbei mag man schon mit Rücksicht auf die bloße Ausdrucksweise in Erwägung ziehen, daß jene, welche augenscheinlich kraft ihrer Verdienste der Gemeinschaft mit Christus sich erfreuen, auch nicht das leiseste Todesempfinden haben werden; sicherlich würde der leibliche Tod nur flüchtig gekostet, das Leben der Seele im festen Besitz genossen.
§ 3
330 Doch was heißt „den Tod kosten‟? Ob nicht, gleichwie ‚Brot‛ Leben bedeutet, so auch ‚Brot‛ Tod bedeuten kann? So gibt es solche, die „das Brot des Schmerzes essen‟. Es gibt auch Volksstämme Äthiopiens, die Drachen zum Fraß empfingen. Fern sei es von uns, Drachengift zu schlürfen! Denn wir haben das wahre Brot, jenes Brot, das vom Himmel niederstieg. Jenes Brot ißt, wer das, was geschrieben steht, wahrt. ― So gibt es also solche, welche den Tod nicht kosten sollen, bis sie das Reich Gottes sehen: es gibt desgleichen solche, die den Tod nicht schauen sollen, wie geschrieben steht: „Wo ist der Mensch, der leben und den Tod nicht schauen soll?‟
§ 4
Doch wo ist der Mensch, der nicht stürbe, da es nur für einen Toten eine Auferstehung geben kann? Wiewohl wir bei Henoch und Elias von keinem leiblichen Tode vernommen haben und der Herr über den Evangelisten Johannes geäußert hat: „Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme. . .‟, so wird doch an der obigen Stelle, weil hier unseres Erachtens nicht von Johannes allein ausdrücklich die Rede ist, sondern darin eine allgemeine Regel für die Vielheit ausgesprochen ist, nicht der leibliche, sondern der Seelentod in Abrede gestellt. Denn es gibt solche, die als Tote leben, weil es auch solche gibt, die lebendig tot sind, wie jene (Witwe), die „lebendig tot ist‟. Daher das Schriftwort: „Der Tod komme über sie und lebendig sollen sie zur Hölle fahren!‟ Wenn nun jemand lebend zur Hölle fahren kann ― zufolge einer Todsünde fährt er nämlich in die Behausung der Hölle ― so gibt es fürwahr auch solche, für welche trotz des leiblichen Todes der Stand des Lebens keine Unterbrechung erlitt: so für Abraham, Isaak und Jakob, von deren Leben wir kraft eines göttlichen Ausspruches erfahren; denn 331 wenn er „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs‟ ist, ist er doch „nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen‟.
§ 5
[Forts. v. 331 ] Also nicht von einem Einzigen, sondern von einer Vielheit ist die Rede. Denn weder Petrus ist tot, den nach einem Ausspruch des Herrn die Pforte der Unterwelt nicht überwältigen konnte; noch sind Jakobus und Johannes, die Donnersöhne, tot, denen seit ihrer Aufnahme in die Lebenssphäre der himmlischen Glorie das Irdische nicht über-, sondern untergeordnet ist. So sei denn auch du ein Petrus: fromm, gläubig, friedfertig, um die Pforten der Kirche zu öffnen, den Pforten des Todes zu entrinnen! Sei ein Donnersohn! Du fragst: wie kann ich ein Donnersohn sein? Du kannst es sein, wenn du nicht auf der Erde, sondern an der Brust Christi ruhst. Du kannst ein Donnersohn sein, wenn nicht das Irdische dich zum Wanken bringt, sondern vielmehr du selbst das, was irdisch ist, mit der Kraft deines Geistes erschütterst. Die Erde mag dich beben machen, doch nicht überwältigen! Das Fleisch soll Achtung haben vor der Gewalt deines Geistes und, davon getroffen, ihm unterwürfig sein! Du wirst ein Donnersohn sein, wenn du ein Sohn der Kirche bist. Auch dir mag Christus vom Kreuzesstamme herab zurufen: „Sieh, deine Mutter!‟, mag desgleichen der Kirche zurufen: „Sieh, dein Sohn!‟ Denn dann wirst du anfangen, ein Sohn der Kirche zu sein, wenn du Christus am Kreuze als Sieger schaust. Wer nämlich das Kreuz für ein Ärgernis hält, ist ein Jude, ein Sohn der Kirche ist er nicht. Wer das Kreuz für Torheit hält, ist ein Grieche (Heide). Der aber ist ein Sohn der Kirche, der das Kreuz für einen Triumph hält, wenn er sonst die Stimme des triumphierenden Christuserkennt.
§ 6
Damit du dich nun überzeugest, daß Petrus, Johannes und Jakobus den Tod nicht gekostet haben, 332 wurden sie gewürdigt, die Herrlichkeit der Auferstehung zu schauen; denn nur diese drei nahm er* „innerhalb acht Tagen nach diesen und ähnlichen Worten‟* zu sich und führte sie auf einen Berg. Welche Bewandtnis hat es mit der Wendung:„innerhalb acht Tagen nach diesen Worten‟? Ob nicht das der Grund ist, daß derjenige, welcher die Worte Christi hört und glaubt, in der Auferstehung die Herrlichkeit Christi schauen wird? Denn am achten Tage erfolgte die Auferstehung; darum auch die Aufschrift so mancher Psalmen: „Für den Achten‟. Oder vielleicht beabsichtigte er uns zu zeigen, daß er gemäß seinen Worten, es werde der, welcher um des Gottes Wortes willen seine Seele verliert, dieselbe retten, seine Verheißungen bei der Auferstehung einlösen wird.
§ 7
[Forts. v. 332 ] Doch Matthäus und Markus haben berichtet, jene seien „nach sechs Tagen‟ mitgenommen worden. Wir könnten hierzu sagen: nach sechstausend Jahren; denn „tausend Jahre sind vor Gott wie* ein* Tag‟. Doch die Zahl der Jahre berechnet sich auf über sechstausend. Und wir wollen lieber die sechs Tage figürlich verstehen, insofern in sechs Tagen die Schöpfungswerke der Welt vollbracht wurden. Wir verstehen sonach unter Zeit die Werke, unter Werke die Welt. So wird denn (oben) gezeigt, daß die Auferstehung nach Ablauf der Weltzeiten vor sich gehen, bezw. wie derjenige, welcher über die Welt sich erhebt und diesen Erdentagen entrückt ist, ins Überirdische versetzt, der ewigen Frucht der künftigen Auferstehung harren wird.
§ 8
Erheben wir uns denn über die Werke der Welt, um Gott von Angesicht zu Angesicht schauen zu können! „Steig auf den Berg, der du Sion verkündest!‟ Wenn schon der, welcher Sion verkündet, auf den Berg steigt, wieviel mehr, wer Christus verkündet, und zwar 333 den zur Herrlichkeit auferstehenden? Denn viele vielleicht mögen ihn im Leibe sehen; denn unser viele „haben Christus dem Fleische nach gekannt; jetzt aber kennen wir ihn nicht mehr‟.
§ 9
[Forts. v. 333 ] Unser viele haben ihn gekannt, weil unser viele sind, die ihn gesehen haben ― „wir haben ihn gesehen, und er hatte nicht Gestalt noch Schönheit‟ ― aber drei nur, und zwar drei Auserwählte werden auf den Berg geführt. Wären es nicht Auserwählte, die ich schaue, würde ich mystisch in den Dreien den Inbegriff des Menschengeschlechtes vermuten, weil das ganze Menschengeschlecht seine Abstammung von den drei Söhnen Noes genommen hat. Oder vielleicht ist damit angedeutet, daß von allen nur jene zur Auferstehungsgnade zu gelangen verdienen werden, die Christus bekannt haben; denn „die Gottlosen stehen nicht zum Gerichte auf‟, sondern werden, weil ihr Urteil schon vollzogen ist, der Strafe überantwortet. Drei nun werden auserwählt auf den Berg zu steigen, weil desgleichen zwei erwählt werden mit dem Herrn zu erscheinen. Hier wie dort eine heilige Zahl. Und zwar dort vielleicht deshalb, weil niemand die Herrlichkeit der Auferstehung zu schauen vermag, außer wer in unverfälschter Glaubensweisheit das volle Geheimnis der Trinität wahrt. Petrus steigt hinauf, der die Schlüssel des Himmelreiches empfing, Johannes, dem die (Gottes-) Mutter anvertraut wird, Jakobus, der als erster den Thron des Priestertums besteigt.
§ 10
Auf der anderen Seite erscheinen Moses und Elias, d. i. das Gesetz und das Prophetentum mit dem 334 Worte; es kann ja kein Gesetz geben ohne das Wort, und keinen Propheten, der nicht vom Gottessohne weissagte. Zwar sahen nun jene Donnersöhne auch noch den Moses sowie den Elias in leiblicher Verklärung: doch auch wir schauen täglich Moses mit dem Gottessohne. Wir schauen nämlich das Gesetz im Evangelium, wenn wir lesen: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben‟; wir schauen den Elias mit dem Gottesworte, wenn wir lesen: „Sieh, die Jungfrau wird im Schoße empfangen‟.
§ 11
[Forts. v. 334 ] Darum fügte Lukas zutreffend hinzu:* „Sie sprachen von seinem Ausgang, den er zu Jerusalem vollenden sollte‟.* Die Geheimnisse (der Verklärung) nämlich belehren dich über dessen Ausgang. Aber auch heute noch lehrt es Moses, auch heute noch spricht Elias hiervon, auch heute noch vermögen wir Moses in noch größerer Verklärung zu schauen. Wer sollte das nicht können, nachdem auch das Judenvolk ihn zu schauen vermochte, ja tatsächlich geschaut hat? Denn es schaute das Angesicht des Moses in Verklärung: doch es empfing eine Hülle; doch es stieg nicht auf den Berg und irrte darum. Solange es den Moses allein schaute, vermochte es nicht zugleich Gottes Wort zu schauen.
§ 12
Laßt uns denn die Hülle von unserem Angesicht abnehmen, daß wir „enthüllten Angesichts die Herrlichkeit Gottes schauend zum nämlichen Bild erneut werden!‟ Laßt uns zum Berge hinaufsteigen! Laßt uns Gottes Wort bitten, daß es sich uns in seiner Gestalt und Schönheit zeige und (in uns) erstarke und glücklich fortschreite und herrsche! Denn auch das 335 bedeutet Geheimnisse, auch das bezieht sich auf Höheres. Je nach deiner Verfassung nämlich nimmt das Wort für dich ab oder zu. Und wenn du dich nicht zum Gipfel höherer Weisheit erhebst, zeigt sich dir die Weisheit nicht, zeigt sich dir die Erkenntnis der Geheimnisse nicht, zeigt sich dir nicht, wie erhaben die Herrlichkeit, wie erhaben die Schönheit in Gottes Wort ist. Gottes Wort erscheint vielmehr gleichsam wie im Fleische ohne die ihm eigentümliche Schönheit und Anmut, erscheint wie ein Mensch in Leiden, der unsere Schwachheiten auf sich nehmen kann, erscheint dir wie ein Wort aus Menschenmund hervorgegangen und von hüllenden Buchstaben verdeckt, nicht in der Kraft des Geistes aufleuchtend. Wenn du hingegen, den Blick auf seine Menschheit gerichtet, an deren Geburt aus der Jungfrau glaubst, und der Glaube mehr und mehr zur Überzeugung kommt, daß sie ihren Ursprung vom Heiligen Geist nahm, fängst du an auf den Berg zu steigen. Wenn du den Gekreuzigten als triumphierenden Sieger über den Tod, nicht als Opfer desselben schaust; wenn du schaust, wie die Erde erbebte, die Sonne schwand, Finsternis vor den Augen der Ungläubigen sich ausbreitete, Gräber sich öffneten, Tote auferstanden zum Zeichen, wie gleichsam das Heidenvolk, das Gott abgestorben war, kraft des vom Kreuze ausgeströmten Lichtes nach Öffnung der Grabesgruft seines Leibes auferstand ― wenn du dieses Geheimnis schaust, hast du einen hohen Berg erstiegen, gewahrst du des Wortes Herrlichkeit in neuem Lichte.
§ 13
Seine Kleider sehen anders unten, anders oben (auf dem Berge) aus. Vielleicht bedeuten die Kleider des Wortes die Aussprüche der Schrift und gleichsam die Einkleidung des göttlichen Sinnes (in Buchstaben); denn wie seine Person dem Petrus und Johannes und Jakobus in veränderter Gestalt erschien und sein Gewand in hellem Glanz erstrahlte, so leuchtet jetzt 336 auch hellen Strahles vor den Augen deines Geistes der Sinn der göttlichen Schriftlesungen auf: Gottes Worte werden wie Schnee, die Kleider des Wortes „über die Maßen weiß, wie sie kein Walker auf Erden machen kann‟.
§ 14
[Forts. v. 336 ] Sehen wir uns nach diesem Walker, sehen wir uns nach diesem Schnee um! Zum Meierhof eines Walkers stieg, wie wir lesen, Jesaias hinauf. Wer anders ist dieser Walker als vielleicht jener, welcher unsere Vergehungen abzuwaschen pflegt? So sprach er ja selbst: „Wenn euere Vergehungen wie phönizischer Purpur wären, ich werde sie weiß machen wie Schnee‟. Wer anders ist dieser Walker als jener, welcher das Kleid unseres Geistes, das Kleid der Tugenden von den fleischlichen Makeln zu reinigen und der Sonne der Gottheit auszusetzen pflegt?
§ 15
Ich hörte auch, um zur Widerlegung gegnerischer Aufstellungen ein Beispiel anzuziehen, wie man die Beredsamkeit zweier Weisen mit dem Schnee und den Bienen verglichen hat. Ich fand desgleichen, wie David ausgerufen hat: „Wie süß sind meinem Gaumen Deine Worte, über Honig und Seim sind sie meinem Munde!‟ Und im folgenden: „Eine Leuchte ist meinen Füßen Dein Wort, o Herr, und ein Licht auf meinen Pfaden‟. Das Wort Gottes ist Licht; das Wort Gottes ist Schnee; auch über Honig und Seim ist das Wort Gottes; denn „süßer als Honig floß die Rede‟ vom göttlichen Munde, und licht und hell wie Schnee fallen in linden Aussprüchen die Worte. Fürwahr nur 337 dieses Wort allein, das vom Himmel zur Erde gesendet das dürre Ackerland unserer Brust befruchtete, darf mit dem Schnee verglichen werden. Das ist nicht eigenmächtige Willkür, sondern hat seinen Grund im Inhalt der Schriftlesung. Gott selbst nämlich bezeugt es, wenn er spricht: „Wie Regen soll man erwarten meine Aussprüche und wie Tau sollen niederträufeln meine Worte, wie Regenschauer auf Gras, wie Schnee auf Heu‟.
§ 16
[Forts. v. 337 ] O daß doch, Herr Jesus, mein Geist vom Tau Deines Regens befruchtet aufsproßte! Daß du mein Erdreich mit dem Schimmer solchen Schnees überstreutest, daß nicht das Ackerfeld durch die vorzeitige Wärme des üppigen Fleisches wuchere, sondern lieber die Saat des himmlischen Wortes unter der hegenden Schneedecke keime! Fällt Schnee, ist den Vögeln des Himmels eine Aufenthaltsstätte entzogen; und fröhlicher denn sonst sproßt überreich der Weizen hervor.
§ 17
[Forts. v. 337 ] Diese Herrlichkeit schaute Petrus, schauten desgleichen, die mit ihm waren, ob auch schwerer Schlaf sie befallen; der Glanz der himmlischen Gottheit legt sich ja schwer auf unsere leiblichen Sinne. Wenn nämlich schon die Sehkraft des leiblichen Auges beim Beschauen den Strahl der Sonne in der Mittagshöhe nicht zu ertragen vermag, wie ertrüge die Hinfälligkeit der menschlichen Glieder Gottes Herrlichkeit? Um so reiner und feiner wird der Zustand des Leibes bei der Auferstehung nach Abtreibung der leiblichen Sündenschlacken sich gestalten. Vielleicht auch waren sie deshalb von tiefem Schlaf befallen, damit sie die Herrlichkeit der Auferstehung erst nach dem Ausruhen schauten. „Da sie nun aufwachten, schauten sie seine Majestät‟. Nur ein Wacher nämlich kann die Herrlichkeit Christi schauen. Petrus fühlte sich beseligt. Ihn, den die Lockungen der Welt nicht betörten, zog die Gnade der Auferstehung an.
§ 18
338 „Hier ist gut sein für uns‟ ― daher auch jener: „Denn aufgelöst und mit Christus sein ist weitaus das Bessere‟ ― doch er begnügte sich nicht mit bloßen Lobesäußerungen. Ein unverdrossener Arbeiter, bietet er, nicht bloß an Gesinnung hervorragend, sondern mehr noch an hingebender Tat, zur Erbauung dreier Hütten die gemeinsame Dienstleistung (auch der Mitapostel) an. Wußte er auch nicht, was er sagte, erbot er sich doch zum Dienste. Nicht keckes, unüberlegtes Unterfangen, sondern übereilte Hingebung war es, welche die Frucht der Frömmigkeit mehrt. Sein Nichtwissen war Ausfluß der Frömmigkeit. Freilich die Menschennatur vermag in diesem verweslichen, in diesem sterblichen Leibe Gott keine Hütte zu bauen. Ob im Geiste, ob im Fleische, ob irgendwo sonst: flieh ein Grübeln nach dem, was zu wissen nicht erlaubt ist! Wenn Petrus in Unwissenheit blieb, wie wäre für dich ein Wissen möglich? Wenn er, der sich erbötig machte, und der in seiner Seelengröße der Grenzen des Leiblichen sich nicht bewußt wurde, in Unwissenheit blieb, wie wäre für uns ein Wissen möglich, die wir gleichsam in geistiger Untätigkeit innerhalb der Verzäunung des Fleisches eingeschlossen sind? ― So gefiel denn Gott eine so große Hingebung.
§ 19
[Forts. v. 338 ] * „Und während dieser Worte kam eine Wolke und überschattete sie‟*. Des göttlichen Geistes Überschattung ist hier gemeint, die dem Menschenherzen nicht dunkelt, sondern Verborgenes offenbart. Dieser Tatsache begegnet man auch an einer anderen Stelle, woselbst der Engel spricht: „Und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten‟. Die Wirkung dessen offenbart sich in der Stimme Gottes, die vernommen wurde, da er sprach:
§ 20
„Dieser ist mein geliebter Sohn: ihn höret!‟ Das heißt: nicht Elias ist der Sohn, 339 nicht Moses ist der Sohn, sondern dieser ist der Sohn, den allein ihr seht ― es waren nämlich jene ersteren in dem Augenblick, da die (Gottessohn-) Erklärung des Herrn anhub, entschwunden. Das ist, wie du siehst der vollendete Glaube nicht bloß der Anfänger, sondern auch der Vollkommenen, ja auch der Himmlischen: die Erkenntnis des Sohnes Gottes. Doch weil wir das schon oben betont haben, so wisse, daß die Wolke hier keine über dampfenden Bergen lagernde Nebel- und Regenwolke, keine pechschwarze Dunkelschicht war, die den Himmel nach unten mit schauriger Finsternis einhüllte, sondern eine Lichtwolke, die uns nicht mit Regengüssen und strömendem Wolkenschauer näßt, sondern deren Tau auf die Stimme des allmächtigen Gottes, die erscholl, dem Menschengeist Glauben träufelte.
§ 21
[Forts. v. 339 ] * „Und beim Schall der Stimme befand sich Jesus allein‟. Aus dreien, die sie doch waren, wurde ein einziger. Zu dreien erscheinen sie am Anfang, als ein einziger zum Schluß. Im vollkommenen Glauben nämlich sind sie eins. Um dies bittet denn auch der Herr den Vater: wir möchten alle eins sein. Und nicht bloß Moses und Elias sind in Christus eins, sondern auch wir sind ein* Leib Christi: auch sie werden daher gleichsam in den Leib des Herrn aufgenommen, weil auch wir eins werden in Christus Jesus; oder aber vielleicht, weil Gesetz und Propheten vom Worte ausgingen: was aber aus dem Worte anfängt, endet auch im Worte; „denn das Ende des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt‟.