Die kranke Frau Typus der Kirche: Gesetz und Gnade richten sie auf (173). Der Sabbat Typus der künftigen Feiertage, d. i. des Ausruhens von bösen, nicht aber von guten Werken (174). Die Speise der aus Juden und Heiden bestehenden Kirche das Brot vom Himmel, ihr Heil die Sündenvergebung (175).
§ 173
„Er aber lehrte am Sabbate in ihrer Synagoge. Und sieh, da war ein Weib, 421 das schon achtzehn Jahre den Geist der Schwäche hatte, und es war zusammengekrümmt‟ .
Wie schnell hat er verraten, daß er von der Synagoge redete! Er zeigt, daß er mit dem Auftreten als Prediger in eben dieser Synagoge zum (Feigen-) Baum gekommen ist. In der kranken Frau endlich reiht sich ein Typus der Kirche an. Wenn diese das Maß des Gesetzes und der Auferstehung erfüllt hat, wird sie in jener ewigen Ruhe zu erhabener Höhe emporgerichtet ein Zusammengekrümmtsein unserer Natur nicht mehr erleiden können. Und nicht anders hätte unsere Frau Heilung finden können als durch die Erfüllung des Gesetzes und der Gnade, des Gesetzes in den Geboten, der Gnade in der Taufe, durch welche wir, der Welt abgestorben, Christo auferstehen. In den Gesetzesaussprüchen beruht die (sittliche) Vollkommenheit, im Oktavtag der Auferstehung beruht die Vollendung. So ist denn die Sabbatfeier ein Bild des Zukünftigen: jeder, der das Gesetz und die Gnade erfüllt, wird durch die Barmherzigkeit Christi von den Beschwerden der leiblichen Gebrechlichkeit befreit werden. Darum wurde ehedem sinnbildlich durch Moses zum voraus eine Heiligung angeordnet; sie sollte eine Vorübung für die künftige Heiligung und für die geistige Beobachtung der Enthaltung von den Werken der Welt sein. So ruhte ja auch Gott nur von den Werken der Welt, nicht den Werken überhaupt aus; sein Wirken währt ja immer und ewig, wie der Sohn es versicherte: „Mein Vater wirkt bis zur Stunde, und auch ich wirke‟. Ähnlich nun wie bei Gott sollte auch bei uns wohl das weltliche, nicht aber das religiöse Wirken aufhören.
§ 174
422 Hierfür aber hatte der Synagogenvorsteher kein Verständnis und suchte eine Heilung am Sabbat zu verhindern. Und doch ist der Sabbat der Typus der künftigen Feiertage ― es sind dies darum Tage, an welchem nicht das gute, sondern das schlimme Tun ruht ― und ist an demselben geboten, daß wir keinerlei Sündenlast tragen und nicht an guten Werken fasten dürfen, um an der künftigen Sabbatfeier nach dem Tode teilzuhaben. Darum scheint der Herr im geistigen Sinn die Antwort zu verstehen, die er mit den Worten gibt:
§ 175
„Ihr Heuchler, läßt nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel los und führt ihn zur Tränke?‟
Warum sonst führte er kein anderes Tier an, als um zu zeigen, wie trotz allem Widerstreben der Synagogenvorsteher dennoch das Juden- und Heidenvolk künftig seinen leiblichen Durst und die Hitze dieser Welt am reichlich strömenden Quell des Herrn löschen wird? Denn „der Ochse erkannte seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn‟. So empfing denn das Volk, das ehedem spärliches Gras, „das verdorrt, ehe man es ausrauft‟, als Nahrung genoß, jenes Brot, „das vom Himmel herabgekommen ist‟. Mit der Berufung beider Völker, wollte er sagen, wird der Kirche Heil werden, nachdem ihr nach Ablauf der Gesetzesperiode im Zeitalter der Auferstehung des Herrn die Stunde des Sündennachlasses geschlagen. Wie milde ist sonach der Herr, wie gnädig in beiden Fällen, er mag Erbarmen üben oder Strafe verhängen! Zur typischen Beleuchtung der Synagoge gibt er Befehl, den Baum umzuhauen, zur typischen Beleuchtung der Kirche heilt er die Frau. Eine wie köstliche Parabel! Wie leicht aber auch ihre Auslegung! 423 Band vergleicht er mit Band, um die Heuchelei der Juden mit ihrem eigenen Verhalten zu geißeln: wiewohl sie nämlich selbst am Sabbat die Tiere von den Banden losließen, tadelten sie den Herrn, der die Menschen von den Banden der Sünde befreite.