Ein Wink zur rechten Beurteilung von Parabeln (176). „Der Glaube ist das Himmelreich“ (177). Gleich dem Senfkörnlein muß der Glaube bald, um Wohlgeruch zu verbreiten, gerieben (178—180), bald gepreßt, bald, um zu wachsen, gesät werden (181). Christus ein Weizenkorn und Senfkorn zugleich (182), klein im Leiden, groß in der Verherrlichung (183—184). Der Baum ein Sinnbild der weltüberschattenden christlichen Weisheit (185—186).
§ 176
„Wem nun ist das Reich Gottes gleich und womit soll ich es vergleichen? Es ist gleich einem Senfkörnlein, welches ein Mensch nahm und in seinen Garten säte. Und es wuchs und ward ein Baum, und die Vögel des Himmels ruhten in seinen Zweigen‟.
Das Lesestück, das uns gegenwärtig beschäftigt, mahnt uns bei den Gleichnissen, unseren Blick auf die Natur der Sache, nicht auf das Äußere zu richten. So wollen wir denn sehen, warum das erhabene Himmelreich mit einem Senfkörnlein verglichen wird! Ich erinnere mich nämlich, wie auch an einer anderen Stelle vom Senfkörnlein zu lesen stand, woselbst es mit dem Glauben verglichen wird, indem der Herr spricht: „Wenn ihr einen Glauben habt gleich dem Senfkörnlein, so könnt ihr zu diesem Berge sagen: Heb dich weg und stürze dich ins Meer!‟ Nicht klein, sondern groß muß dieser Glaube sein, der einem Berge gebieten kann, daß er sich weghebe. Der Herr verlangt nämlich keinen 424 geringen Glauben von den Aposteln, die, wie er weiß, wider „die sich überhebende Hoheit‟ der Geister der Bosheit zu kämpfen haben. Willst du dich überzeugen, daß ein großer Glaube gefordert wird? So lies beim Apostel: „Und hätte ich allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte‟.
§ 177
[Forts. v. 424 ] Wenn nun das Himmelreich dem Senfkörnlein gleicht und der Glaube dem Senfkörnlein gleicht, dann ist doch der Glaube das Himmelreich und das Himmelreich der Glaube. Wer demnach den Glauben besitzt, besitzt das Himmelreich. Ferner das Reich Gottes ist in uns und der Glaube ist in uns; denn wir lesen: „Das Reich Gottes ist in euch‟, und an einer anderen Stelle: „Habt Glauben in euch selbst!‟ So empfing denn Petrus, der allen Glauben besaß, die Schlüssel des Himmelreiches, um es auch anderen zu erschließen.
§ 178
Nun wollen wir aus der natürlichen Beschaffenheit der Senfstaude den Tugendgehalt der Parabel erschließen. Gewiß, ihr Körnlein ist ein winziges und schlichtes Ding; erst wenn man es zu reiben anfängt, strömt es seinen würzigen Duft aus. Auch der Glaube scheint anfänglich schlicht zu sein; doch unter aufreibenden Heimsuchungen verbreitet er den Wohlgeruch seiner Tugendkraft, so daß er auch andere, die davon hören oder lesen, mit seinem Duft erfüllt. Ein Senfkorn sind unsere Märtyrer Felix, Nabor und Viktor. Sie besaßen den Wohlgeruch des Glaubens, doch nur im Verborgenen. Da kam die Verfolgung. Sie legten die Waffen ab, beugten den Nacken. Vom Schwerte zerrieben, verbreiteten sie den Wohlgeruch ihres Martyriums über 425 alle Enden der Welt, so daß sich mit Recht das Wort anwenden läßt: „Über die ganze Erde ging aus ihr Schall‟.
§ 179
[Forts. v. 425 ] Doch das eine Mal will der Glaube gerieben, ein anderes Mal gepreßt, ein anderes Mal gesät sein. Der Herr selbst ist das Senfkörnlein. Er war von Leiden unberührt: doch das Volk, das noch nicht Hand an ihn gelegt hatte, erkannte ihn nicht als Senfkörnlein. Da wollte er lieber gerieben werden, auf daß wir sprächen: „Christi Wohlgeruch nämlich sind wir für Gott‟; er wollte lieber gepreßt werden, weshalb auch Petrus bemerkte: „Die Volksmassen pressen dich‟; er wollte lieber gesät werden „wie ein Senfkörnlein, welches ein Mensch nahm und in seinen Garten säte‟. In einem Garten wurde nämlich Christus wie gefangen genommen so auch ins Grab gelegt; in einem Garten, woselbst er auferstand, „wuchs er und ward ein Baum‟, wie geschrieben steht: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Bruder inmitten der Söhne‟.
§ 180
[Forts. v. 425 ] So säe denn auch du Christus in deinem Garten! ― Garten besagt doch einen Ort voll Blumen und allerlei Früchte ― Die Anmut deines Wirkens blühe darin auf und der vielfältige Duft mannigfacher Tugend ströme darin aus! Dort sei denn auch Christus, wo Frucht reift! Säe den Herrn Jesus! Ein Samenkorn ist er, da er ergriffen wird; ein Baum ist er, da er aufersteht, ein Baum, der die Welt überschattet. Ein Samenkorn ist er, da er zur Erde bestattet wird; ein Baum ist er, da er zum Himmel sich erhebt.
§ 181
Presse auch mit Christus den Glauben und säe ihn! Ein Pressen des Glaubens ist es, wenn wir 426 Christus als Gekreuzigten glauben. Ein Pressen des Glaubens war es von seiten des Paulus, da er bekannte: „Und ich, da ich zu euch kam, Brüder, trat, da ich euch das Geheimnis Gottes verkündete, nicht mit hervorragender Rede oder Weisheit auf; denn ich nahm mir vor, nichts unter euch zu wissen als Christus Jesus und diesen als den Gekreuzigten‟. Und weil er den Glauben pressen lehrte, lehrte er ihn auch erheben, indem er ausrief: „Jetzt kennen wir Christus nicht mehr als den Gekreuzigten‟.
Den Glauben aber säen wir, wenn wir auf Grund des Evangeliums und der apostolischen und prophetischen Lesungen an des Herrn Leiden glauben. Den Glauben also säen wir, wenn wir ihn gleichsam in den aufgeweichten und aufgelockerten Boden der Menschheit des Herrn betten. Vom wärmenden und hegenden Schoß seines heiligen Leibes gleichsam beseelt, setzt dann der Glaube von selbst reiche Frucht an. Wer nämlich einmal an die Menschwerdung des Gottessohnes glaubt, glaubt auch an seinen Tod für uns, glaubt auch an seine Auferstehung für uns. Den Glauben also säe ich, wenn ich dazwischen hinein auch sein Begräbnis ausstreue.
§ 182
Willst du dich überzeugen, daß Christus ein Samenkorn, daß Christus ein Saatkorn ist?„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, so wird es viele Frucht bringen‟. Wir irrten also nicht; denn wir sagten nur, was er selbst bereits gesagt hatte. Ein Weizenkorn aber ist er, weil er das Herz des Menschen stärkt; ein Senfkorn, weil er das Herz des Menschen entbrennen macht. Doch so sehr beide Vergleiche für alle Fälle passen, erscheint er doch als Weizenkorn, wenn von seiner Auferstehung die Rede ist; denn er ist das Brot Gottes, das vom Himmel gekommen ist, insofern das Wort Gottes und seine vorbildliche Auferstehung die 427 Geister speist, die Hoffnung stählt, die Liebe stärkt. Ein Senfkorn aber ist er, insofern die Predigt vom Leiden des Herrn mehr bitter und scharf mundet, bittere Zähren, scharfe Gemütsbewegungen auslöst. Wenn wir hören und lesen, wie der Herr gehungert, wie der Herr gedurstet, wie der Herr geweint, wie der Herr Hohn und Spott ertragen hat, wenn wir den Herrn zu Beginn der Leidenszeit mahnen hören: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!‟, dann vermischen wir gleichsam die über Gebühr süße Leckerkost der sinnlichen Genüsse mit dem Bittersaft solcher Rede. ― Wer sonach das Senfkörnlein sät, sät das Himmelreich.
§ 183
[Forts. v. 427 ] Verachte dieses Senfkörnlein nicht! „Es ist zwar das kleinste von allen Samenkörnern, wird aber, wenn es herangewachsen ist, größer als alle Gartengewächse‟. Wenn das Senfkörnlein Christus bedeutet, wie ist denn Christus der „kleinste‟ oder wie „wächst‟ er? Doch nicht physisch, sondern hinwiederum bildlich wächst er. Willst du wissen, wie er der kleinste ist? „Wir sahen ihn, und nicht Schönheit hatte er noch Zierde‟. Vernimm, wie er der größte ist! „Herrlich bist Du an Gestalt vor den Menschenkindern‟. Er nämlich, der „nicht Schönheit noch Zierde hatte‟, ist „erhaben geworden über die Engel‟, über alle Herrlichkeit der Propheten, welche das kranke Israel nur wie Gemüse genossen hatte; denn das Brot, das die Herzen stärkt, hatte es teils verschmäht, teils nicht empfangen.
§ 184
Ein Same aber ist Christus, weil Same Abrahams: „Denn dem Abraham sind die Verheißungen zugesagt worden und seinem Samen. Es heißt nicht: ‚und den Samen‛, gleichsam auf viele bezogen, sondern auf einen bezogen: ‚und deinem Samen‛, d. i. Christus‟. Und nicht nur Same, sondern auch „das kleinste von allen Samenkörnern‟ ist Christus; denn nicht in 428 Herrschermacht kam er, nicht in Reichtum, nicht in Weisheit dieser Welt. Doch mit einem Mal breitete er wie ein Baum den hochaufragenden Wipfel seiner Macht, daß wir ausrufen möchten: „Unter seinen Schatten verlangte es mich und sitze ich‟. Und oftmals, glaube ich, erschien er als Körnlein und Baum zugleich. Körnlein ist er, wenn die Frage aufgeworfen wird: „Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermannes Joseph?‟ Doch noch während dieser Worte wuchs er plötzlich auf, wie die Juden selbst es bezeugten; denn da sie das Gezweige des weithin sich breitenden Baumes nicht zu durchschauen vermochten, riefen sie aus: „Woher kommt diesem solche Weisheit?‟
§ 185
Senfkörnlein ist sonach ein figürlicher Ausdruck. Der Baum ist die Weisheit: in seinem Laubgezweige ruht, bereits an sicherer Stätte, jene „Eule im Heim‟, jener „vereinsamte Sperling auf dem Hause‟, jener zum Paradiese entrückte, in die Luft und Wolken zu entrückende (Paulus). Da ruhen auch die Himmelsmächte und -engel und alle, welche dank ihrer geistigen Werke dorthin sich aufzuschwingen verdienten. Da ruhte der heilige Johannes, als er an der Brust des Herrn lag. Noch mehr! Er breitete sich kraft des Saftstromes jenes Baumes gleich einem Zweige darüber. Ein Zweig daran ist Petrus; ein Zweig daran ist Paulus, „das, was hinter ihm lag, vergessend, und das, was vor ihm lag, erstrebend‟. In den Schoß und gleichsam ins bergende Versteck ihrer Lehren sind wir, die „fern waren‟, d. i. wir, die Glieder der Heidenkirche, welche der Sturm und Wirbel der Geister der Bosheit lange durch die Leere der Welt peitschte, mit den Fittichen der Tugenden, die wir angelegt, geflogen. Der Schatten der Heiligen sollte uns Schutz gewähren vor der Hitze dieser Welt, daß wir an 429 sicherer Stätte nunmehr fest geborgen kräftig erblühen konnten.
§ 186
[Forts. v. 429 ] Denn „wie ein Sperling ist unsere Seele‟, die ehedem gleich jener Frau unter der schweren Sündenlast zusammengekrümmt war, „aus des Jägers Strick entronnen‟ und ins Gezweige und Gebirge des Herrn hinübergeflogen. Während wir vordem in eitlem Wahnglauben ins Blaue lebten und nichtigen, flüchtigen Flugs dahinflatterten, haben wir jetzt nun durch den Glauben Christi die Hände ledig und frei von den Sabbatfesseln, richten unseren Flug nach den guten Werken, erfreuen uns selbst bei Gelagen der Freiheit, halten Unmäßigkeit fern, daß wir nicht, vom Gesetze frei, den Leidenschaften frönen. Das Gesetz nämlich legte einem, um die Fesseln der Leidenschaften zu sprengen, die eigenen an. Die Gnade, welche die leichtere Knechtschaft (des Gesetzes) aufhob, legte noch viel schwerere Pflichten auf: „Alles ist uns erlaubt, doch nicht alles frommt‟. Schwer nämlich ist es, im Besitze der Gewalt sich neuerdings unter die Gewalt zu beugen. Höre auf, ein Sklave des Gesetzes zu sein, um kraft der Tugend Herr über das Gesetz zu werden!