Der Sauerteig im geistigen Sinn Christus (187). Mystische Beziehung der drei Maß Mehl (Matth. 13, 33) auf Christus (188), bezw. auf diese Welt (189). Der Sauerteig die Lehre der Kirche (190), die drei Maß Mehl Leib, Seele und Geist des Menschen (191): letztere durch den geistigen Sauerteig schon auf Erden (192—193), um so mehr im Jenseits* ein* Ganzes (194).
§ 187
„Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist gleich dem 430 Sauerteige, den ein Weib nahm und in das Mehl einmengte, bis das Ganze durchsäuert war‟.
Diese Parabel wirbelt bezüglich der Fragen, die aufzuwerfen sind, soviel Unklarheit auf, daß sie von gar vielen Autoren eine verschiedene Beurteilung findet. Weil uns hier nun der Sauerteig im geistigen Sinn begegnet ist, haben wir oben passend Christus als Weizenkorn bezeichnet. Und so manche betrachten Christus insofern als Sauerteig, als er die Tugendkraft, die einer empfangen, schwellen macht. Und wie der Sauerteig aus Mehl vor der Gattung, zu der er gehört, die Wirkung, nicht das äußere Hersehen voraus hat, so auch Christus in seiner Abstammung aus den Altvordern: dem Leibe nach ihnen gleich, ragt er der Gottheit nach unvergleichlich hoch daraus hervor. Möchte denn die heilige Kirche, die durch jenes Weib im Evangelium typisch vorgebildet wird, deren Mehl wir sind, den Herrn Jesus ins Innere unseres Geistes einmengen, bis sich die Färbung der himmlischen Weisheit über und über dem verborgenen Heiligtum unserer Seele mitteilt!
§ 188
Auch weil wir bei Matthäus lesen, der Sauerteig sei unter drei Maß eingemengt worden, war unsere (obige) Annahme, er bedeute den Gottessohn, wohl am Platz: er ward eingemengt ins Gesetz, eingeknetet in die Propheten, wuchs mit der Verkündigung des Evangeliums zum Vollmaß an, um uns einen in jeder Beziehung vollkommenen Glauben zu bewirken und auf Grund der Schrift, die uns verliehen ward, Gestalt, in allem und in allen volle Gestalt anzunehmen. Er war ja „das Wort Gottes‟ und „das Geheimnis, welches von Ewigkeit her von Geschlecht zu Geschlecht verborgen war‟, eine Ausdrucksweise, wie sie nicht kräftiger dessen ewiges Dasein bezeugen könnte. Ja in der Tat: 431 „er war‟. Er war dergestalt da, daß er den Gottlosen verborgen, in den Heiligen offenbar, vor den Weltzeiten vorherbestimmt, zur Verherrlichung aufbewahrt wurde. Darin aber besteht seine Verherrlichung, daß wir, die Brüder, das von Ewigkeit her in Gott verborgene Geheimnis zu erforschen vermögen. Was aber in Gott ist, muß doch auch aus Gott sein; denn Gott kann nichts Fremdartiges in sich tragen.
§ 189
[Forts. v. 431 ] Ich bin mir nun nicht unklar darüber, daß einige Erklärer meinen, es sei von dieser Welt gesagt, „bis sie durchsäuert ist‟ mit dem Gesetz, den Propheten und dem Evangelium, auf daß „jede Zunge den Herrn bekenne‟. Laßt uns denn alles erwägen und genauer prüfen! Niemand findet, wer nicht zuvor sucht. Laßt uns einen Turm bauen, den Schriftaufwand berechnen, die Kosten überschlagen, daß nicht auch von einem aus uns jemand spreche:„Der wollte bauen und konnte nicht vollenden!‟ Wer nämlich baut, muß ein gutes Fundament legen. Ein gutes Fundament ist der Glaube, das gute „Fundament der Apostel und Propheten‟; denn über den beiden Testamenten erhebt sich unser Glaube. Und nicht mit Unrecht dürfte man behaupten, daß beide das gleichvollkommene Glaubensmaß bergen. Versichert doch der Herr selbst: „Wenn ihr Moses glaubtet, würdet ihr auch mir glauben‟. Auch in Moses hat der Herr gesprochen. Mit gutem Grund bergen beide das vollkommene Maß, weil beiden der Vollkommene innewohnt, und ist der Glaube beider der gleiche, weil dem Offenbarungswort und seinem Widerhall der gleiche Inhalt und Sinn zukommt.
§ 190
Ich meinerseits jedoch halte mich am liebsten an die Unterweisung des Herrn, wonach der Sauerteig die geistliche Lehre der Kirche ist. Das Schriftwort nämlich: „Hütet euch vor dem Sauerteig der 432 Pharisäer!‟ und des Apostels Wort: „Nicht im Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit‟ zeigt deutlich, daß der Sauerteig die Lehre bedeutet. Freilich ein anderer ist der Sauerteig von Lolch-, ein anderer der Sauerteig von Weizenmehl. Daher auch pflichten wir den guten Autoren bei und sagen folglich, es heilige die Kirche mit dem geistigen Sauerteig den wiedergeborenen Menschen, der aus Leib und Seele und Geist besteht: geheiligt wird nämlich Leib und Seele, und selbst die geistige Gnade empfängt eine Mehrung der Heiligung. Auf den Dienst der Kirche nämlich, die gleichsam den Sauerteig bereitet, und die Lehre der Schrift hin, welche gleichsam durch die Mitteilung und Fülle der himmlischen Aussprüche sich (zum Sauerteig) verdichtet, durchdringt die dem ganzen Menschen eingesenkte und eingemengte Masse dessen Natur, so daß auch dessen Bestandteile * ein* durchsäuertes Ganzes werden. Dies hat dann fürwahr statt, wenn diese drei Bestandteile, in ihren Bestrebungen sich gleichsam die Wage haltend, untereinander übereinstimmen, und in ihrem Wollen die gleiche Eintracht sie beseelt.
§ 191
Das ist das Wirken der Kirche, nicht geräuschvoll, nicht von ungefähr, sondern die Frucht der täglichen Betrachtung: die Einheit der drei Bestandteile und deren Reinheit vom Gesetz der Sünde. Als Vertreter dieser Anschauung haben wir den Apostel, wenn er spricht: „Er aber, der Herr, heilige euch in allem, daß Geist und Seele und Leib rein erhalten werden, untadelig am Tage unseres Herrn Jesus Christus!‟ Dies wird aber inmitten der irdischen Prüfungen nur dann erreicht, wenn jene Frau im Evangelium (die Kirche) den Sauerteig, dem das Himmelreich gleicht, unter die drei Maß 433 Mehl einmengt, bis das Ganze durchsäuert wird. Die drei Maß Mehl nämlich bedeuten, wie gesagt, den Leib, die Seele und den Geist, aber den Geist, in welchem wir alle leben, solange wir uns in diesem Leibe befinden, dies in umso wahrerem Sinn, wenn des Fleisches Üppigkeit nicht überwuchert, die Seele nicht von des Fleisches Verirrungen sich niederbeugen läßt und die rechte Lebensnorm im ganzen Menschen unbeirrt eingehalten wird. Weil aber dieses Ebenmaß ohne die Hilfe und die Lehre der Kirche schwerlich andauern könnte, mengt ihm jenes Weib, typisch die Kirche, solange die Kraft der geistlichen Lehre ein, bis jener ganze innere, „verborgene Herzensmensch‟ durchsäuert wird und zum schmackhaften Himmelsbrot anwächst. Mit Recht nämlich bezeichnet man die Lehre Christi als den Sauerteig, weil Christus ein Brot ist, und der Apostel versichert, „daß wir viele* ein* Brot,* ein* Leib sind‟.
§ 192
Ein Ferment nun entsteht, wenn das Fleisch nicht wider den Geist gelüstet und der Geist nicht wider das Fleisch, sondern wenn wir die Werke des Fleisches ertöten, und die Seele im Bewußtsein, daß sie aus Gottes Hauchung den Odem des Lebens empfangen hat, die irdischen Befleckungen aus dem notwendigen Umgang mit der Welt meidet. Darum schärfte uns auch der Apostel nicht den Wandel im Fleische, sondern im Geiste ein, daß wir, durch das Bad der Wiedergeburt geheiligt, den alten Menschen mit seinen Begierlichkeiten aus- und den neuen anzögen, der nach Christus geschaffen ist, und nicht im alten Buchstaben, sondern im neuen Geiste wandelten. So könne dann auch in der Zeit der Auferstehung die Gemeinschaft des Leibes und der Seele und des Geistes unverbrüchlich für uns fortdauern; so würden wir schon jetzt alles, um was wir bitten, erlangen. Darauf hat auch der Herr selbst nach der Ansicht so mancher Autoren hingewiesen, wenn er 434 beteuerte:„Wenn zwei von euch eines Sinnes sein werden auf Erden über was immer für eine Sache, um die ihr bitten werdet, so wird sie euch von meinem Vater, der im Himmel ist, zuteil werden‟.
§ 193
[Forts. v. 434 ] Die einen nun verstehen unter den „zwei‟ die Seele und den Leib, andere die Seele und den Geist: wenn Seele und Geist auf Erden, d. i. im Leibe unter sich übereinstimmen und nicht durch verschiedenartige Bestrebungen gegenseitig einander widerstreiten, scheint die Erfüllung aller Bitten möglich zu sein. Das nun hat statt, wenn beide eins geworden sind, wenn nach Aufhebung, bezw. Beilegung der Feindschaft die zwei, d. i. Seele und Geist, zu* einem* neuen Menschen geschaffen werden, so daß wir im Geiste beten, aber auch in Verein mit der denkenden Seele beten. Gar manche freilich verstehen darunter das zweifache Volk, das in der Zeit der Auferstehung aus Israel und der Heidenwelt zu* einem* gesammelt werden sollte, auf daß das ewigwährende Vollkommene käme, das aber, was Stückwerk ist, abgetan würde. So manche aber erblicken darin Mann und Weib, die in gegenseitiger Liebebeflissenheit eines Sinnes sind.
§ 194
Wenn nun schon in diesem Leben die drei Maß (im übertragenen Sinn) in ein und demselben Sauerteig verbleiben, bis sie durchsäuert und* ein* Ganzes werden, so daß kein Unterschied mehr an der gleichartigen Masse hervortritt und unsere Zusammensetzung aus drei verschiedenen Bestandteilen nicht mehr ersichtlich ist, so werden auch in der Zukunft jene, die in Liebe Christus anhängen, einer unvergänglichen Gemeinschaft sich erfreuen, und werden wir nicht als zusammengesetzte Wesen fortexistieren; denn wenn wir auch jetzt zusammengesetzt sind, werden wir doch in Zukunft* eins* sein und in eine einheitliche Substanz umgewandelt werden. Bei der Auferstehung wird nämlich nicht ein 435 Bestandteil niedriger sein als der andere, wie jetzt das schwache Fleisch in uns gebrechlich und unser leiblicher Naturzustand sei es Wunden ausgesetzt, sei es Unbilden unterworfen, sei es, von der Schwere der eigenen Last niedergedrückt, außerstande ist zur Höhe den Flug zu nehmen und den Wandel zu richten; wir werden vielmehr in den Verklärungszustand eines einheitlichen Geschöpfes umgewandelt werden, sobald sich der Ausspruch des Johannes erfüllen wird: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, aber noch ward es nicht offenbar, was wir sein werden; doch wir wissen, daß wir, wenn es offenbar werden wird, ihm ähnlich sein werden‟. Da nun Gottes Natur einheitlich ist ― „Gott ist ja Geist‟ ― so werden auch wir „in dasselbe Bild umgewandelt werden‟, so daß „wie der Himmlische so auch die Himmlischen sein werden‟. So laßt uns denn, „wie wir das Bild jenes Irdischen getragen haben, auch das Bild dieses Himmlischen tragen, das unser Geist annehmen muß!