Buße (Niniviten) tilgt, Weisheit (Königin von Saba) verhütet die Sünde (96—97). Gottes Wort das Licht, unser Glaube die Leuchte (98); das irdische Jerusalem ohne Licht und Leuchte (99). Nicht das Äußere, sondern die innere Gesinnung verunreinigt den Menschen (100). Mildherzigkeit ein Heilmittel wider die Sünde (101). Die schwere Versündigung der Juden wegen Ablehnung der christlichen Religion (102). Die Werke ohne den Glauben (103), der Glaube ohne die Werke nichtig (104). Die Juden als Totengräber (105); sie „machen das (Sünden-) Maß der Väter voll“ (106—108).
§ 96
Um dich überzeugen zu können, daß die Stelle von der Seligpreisung der Kirche das Volk der Synagoge in häßlichem Lichte erscheinen läßt, folgt nun:
„Dieses Geschlecht ist ein nichtsnutziges Geschlecht; es verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Jonas. Denn gleichwie Jonas den Niniviten ein Zeichen war, so wird auch der Menschensohn ein Zeichen sein‟. Auch diese Stelle bringt deutlich auf die (vorausgehende) Verurteilung des Judenvolkes jenes Geheimnis der Kirche zum Ausdruck, wonach dieselbe in den Niniviten auf dem Wege der Buße, in der Königin des Ostens im Wissensdurst nach Weisheit von den Enden des ganzen Erdkreises sich sammelt, um die Worte Salomos des Friedfertigen (Christus) zu vernehmen: ja fürwahr eine Königin, deren Reich ein einiges ist, aus den verschiedenen und entlegenen Völkern zu* einem* Leibe erstehend. So ist denn schon ersteres ein großes Geheimnis in Beziehung auf Christus und auf die Kirche; doch letzteres ist noch ein größeres: jenes vorausgehende war typischer Art, jetzt aber hat sich das Geheimnis in Wahrheit erfüllt. Dort nämlich ist es 378 der vorbildliche Salomo, hier aber der leibhaftige Christus. Aus zwei Typen nun setzt sich die Kirche zusammen: der eine weiß nichts vom Sündigen, der andere läßt ab vom Sündigen; denn die Buße tilgt die Sünde, die Weisheit verhütet sie. Soviel im mystischen Sinn.
§ 97
[Forts. v. 378 ] Im übrigen ist „das Zeichen des Jonas‟, wie ein Typus des Leidens des Herrn, so auch ein Beweis der schweren Versündigungen, welche die Juden begangen haben. Zugleich darf man in ihm eine Offenbarung der Größe und einen Beweis der Güte Gottes erblicken; denn das Beispiel der Niniviten kündet einerseits Strafe, weist andererseits auf deren Heilmittel hin. Darum dürfen selbst die Juden die Hoffnung auf Erbarmen nicht aufgeben, wenn sie sonst Buße tun wollen.
§ 98
„Niemand zündet eine Leuchte an und stellt sie ins Verborgene, noch unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter‟. Weil der Herr im vorausgehenden der Kirche den Vorzug vor der Synagoge gab, mahnt er uns nun, daß wir unseren Glauben lieber der Kirche entgegenbringen sollten. Denn die Leuchte ist der Glaube, wie geschrieben steht: „Leuchte meinen Füßen ist Dein Wort, o Herr‟. Das Wort Gottes ist ja unser Glaube. Das Wort Gottes ist das Licht, die Leuchte ist der Glaube. „Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt‟. Eine Leuchte aber kann nicht leuchten, wenn sie nicht von anderswo Licht empfängt. Das nun ist die Leuchte, die angezündet wird: die Kraft unseres Geistes und Sinnes, so daß sich die Drachme finden läßt, die verloren war. Niemand stelle denn den Glauben unter das Gesetz! Das Gesetz nämlich steht innerhalb des (Scheffel-) Maßes, die Gnade ist darüber erhaben: das Gesetz beschattet, die Gnade hellt auf. Niemand schließe darum 379 seinen Glauben in das Maß des Gesetzes, sondern bringe ihn der Kirche entgegen, in der die siebengestaltige Gnade des Geistes aufleuchtet, die jener Hohepriester mit dem Glanze seiner überirdischen Gottheit erstrahlen macht, daß nicht der Schatten des Gesetzes sie verdunkle!
§ 99
[Forts. v. 379 ] Jene Leuchte sodann, welche der Hohepriester nach altjüdischem Brauch zur Morgen- und Abendzeit anzuzünden pflegte, erlosch, weil unter den Scheffel gestellt, und jenes Jerusalem, das auf Erden ist, das die Propheten tötet, fristet, ins Tal der Tränen versetzt, ein dunkles Dasein; jenes Jerusalem aber, das im Himmel ist, worin unser Glaube streitet, die Kirche, die auf den höchsten Berg von allen, d. i. auf Christus gestellt ist, kann nicht von Nacht und Schutt dieser Welt verdeckt werden, sondern leuchtet uns, im Glanze der ewigen Sonne erstrahlend, mit dem Lichte der geistlichen Gnade.
§ 100
„Jetzt, ihr Pharisäer: ihr reinigt zuvor das Auswendige des Bechers und der Schüssel‟. Wie du siehst, werden unsere Leiber ausdrücklich mit solchen irdischen und zerbrechlichen Dingen bezeichnet, die, wenn sie nur von geringer Höhe jäh herabfallen, in Scherben gehen. Und wie der Inhalt eines Bechers, so schimmert auch das leicht nach außen durch, was der Geist im Inneren durch die leiblichen Sinne und Handlungen an den Tag gelegt wissen will. Darum wird auch weiter unten mit dem Worte Kelch klar und unzweifelhaft das körperliche Leiden bezeichnet, nämlich in der Frage des Herrn: „Willst du nicht, daß ich den Kelch trinke, den mir der Vater gegeben hat?‟ Denn es trinkt gleichsam seinen Leib, 380 wer des Leibes Gebrechlichkeit in geistiger Gesinnung aufnimmt und sozusagen in Geist und Sinn überführt, so daß die äußere Schwäche vom Inneren aufgesogen wird. Nicht also das Äußere an diesem Becher oder dieser Schüssel, wie du siehst, sondern das Innere verunreinigt. Darum zeigte der Herr als guter Lehrer, wie wir unsere leibliche Makel reinwaschen sollen, indem er mahnt:
§ 101
[Forts. v. 380 ] * „Gebt Almosen, und sieh, alles ist euch rein!‟* Wieviele Heilmittel, wie du siehst! Es reinigt uns die Barmherzigkeit, es reinigt uns Gottes Wort, wie geschrieben steht: „Schon seid ihr rein wegen meines Wortes, das ich zu euch gesprochen habe‟. Und nicht allein auf diese Stelle, sondern noch auf andere kannst du den Finger legen, welche zum Ausdruck bringen, wie groß der Segen (der Mildherzigkeit) ist:„Denn das Almosen rettet vom Tode‟; ferner: „Schließ Almosen ins Herz des Armen, und es wird für dich bitten am schlimmen Tag!‟
§ 102
[Forts. v. 380 ] Die ganze prächtige Stelle zielt nun von jetzt an, insofern sie uns zum eifrigen Streben nach schlichter Wahrheit anspornt, auf die Verurteilung der unnützen, irdischen Bräuche der Juden ab, die ihrer fleischlichen Auffassung des Gesetzesinhaltes zufolge nicht umsonst mit einem Glasgefäß und einer Schüssel ob deren Zerbrechlichkeit verglichen werden, eine Observanz beobachten, die bei uns keineswegs in Brauch ist, jene aber, in der die Frucht unserer Hoffnung beruht, ablehnen und daher mit der Verachtung des Besseren schwere Schuld auf sich laden. Und doch wird auch ihrer Verschuldung Vergebung in Aussicht gestellt, wenn Mildherzigkeit ihr folgt.
§ 103
Kurz nun streift er ihre vielen Vergehungen: daß ihr ganzes Sinnen und Trachten auf die 381 Verzehntung der gewöhnlichen Früchte abzielt, doch ohne jede Furcht vor dem künftigen Gericht und ohne die geringste Liebe Gottes ist, nachdem doch die Werke ohne den Glauben nichtig sind; sie setzen sich über das Gericht und die Liebe Gottes hinweg: über das Gericht insofern, als sie nicht ihr ganzes Handeln nach dem Gerichte einrichten; über die Liebe insofern, als sie Gott nicht von Herzen lieben.
§ 104
[Forts. v. 381 ] Um uns aber nicht umgekehrt im Glauben eifrig, in Werken lässig zu machen, faßt er mit kurzen Worten die Vollkommenheit des gläubigen Mannes dahin zusammen, daß sie sich im Glauben und in guten Werken zu bewähren habe: „Dies muß man tun, spricht er, und jenes nicht lassen‟.
§ 105
[Forts. v. 381 ] Auch das anmaßende und hochfahrende Gebahren der Juden geißelt er, indem sie die ersten Plätze bei Gastmahlen beanspruchen. Selbst auch gegen die Gesetzesgelehrten ergeht das Verdammungsurteil, indem sie durch ihren äußeren Schein trügen, durch ihr äußeres Gebahren, den Gräbern gleich, die man nicht sieht, täuschen; während sie daher nach außen glänzende Versprechungen machen, sind sie innerlich voll Modergeruch. Gar manche Lehrer halten es so: sie verlangen von anderen, was sie selbst nicht zu leisten vermögen. Sie sind daher Gräber. So lautet auch an einer anderen Stelle ein Ausspruch: „Ein offenes Grab ist ihre Kehle‟.
§ 106
Eine treffliche Stelle desgleichen ist es wider den grund- und haltlosen Aberglauben der Juden, welche den Propheten Grabmäler bauten und damit das Tun ihrer Väter verurteilten, dadurch aber, daß sie das frevle Handeln der Väter nachahmten, das Urteil wider sich selbst kehrten. Durch die Errichtung der 382 Prophetengräber nämlich zeihen sie jene des Unrechts, die sie getötet hatten, und durch die Nachahmung ähnlicher Taten verrieten sie sich selbst deutlich als die Erben der Väterschuld. Nicht also die Gräbererrichtung, sondern jenes Nacheifern gilt als Verbrechen: sie, die mit der Kreuzigung des Gottessohnes, dem schwersten Verbrechen, zu den Missetaten der Väter neuen Frevel häuften, können von der ererbten Schuld nicht freigesprochen werden. Daher der treffliche Zusatz an einer anderen Stelle: „Ihr macht das Maß euerer Väter voll‟, insofern sich kein schwereres Verbrechen denken läßt, das über das Sichvergreifen an Gott hinausginge.
§ 107
[Forts. v. 382 ] Deshalb nun sendet die Weisheit Apostel und Propheten zu ihnen. Wer anders ist die Weisheit als Christus? So steht auch bei Matthäus:„Sieh, ich sende Propheten und Weise zu euch‟.
§ 108
[Forts. v. 382 ] Noch weiter werden sie unter dem Judennamen des Unrechts geziehen und als dem künftigen Gerichte verfallen hingestellt; denn während sie sich den Unterricht in der Gotteserkenntnis anmaßen, halten sie andere davon ab und besitzen selbst keine Kenntnis von dem, was sie vortragen.