Warum die Jüngersendung „zu zweien“ (44)? Gottes Saat menschlicher Hut und Pflege anvertraut (45). Von den Lämmern unter den Wölfen (46); der Wolf, ein reißendes Raubtier (47), Typus des Häretikers (48—53). Die Sendung der Jünger „ohne Beutel“, d. i. in Armut (54—56), „ohne Tasche und Schuhe“, die Sinnbilder der Vergänglichkeit und des Todes (57—58), „ohne Stab“, das Symbol der Macht, das Instrument der strafenden (59), aber auch der erziehenden Hand (60). Paulus ein vorbildlicher Pädagoge (61). Das Grußverbot kein Höflichkeitsverbot (62—63). Die Schlußpunkte der Instruktionsrede (64—68).
§ 44
[Forts. v. 350 ] * „Sieh, ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe‟*. Zu den siebzig Jüngern spricht er das, die er „bestimmte und zu je zwei und zwei vor sich her sandte‟. Aus welchem Grund sandte er sie zu zweien? Weil zu zweien die Tiere in die Arche gesendet wurden, d. i. mit dem Männchen ein Weibchen: unreine Tiere der Zahl nach, doch durch das Geheimnis der Kirche gereinigt. In Erfüllung ging das mit dem Ausspruch, den der heilige Petrus empfing, da der Heilige Geist zu ihm sprach: „Was Gott gereinigt hat, nenn du nicht unrein!‟ Und er merkte, daß es für die Heiden gesprochen wurde, die mehr auf die physische Geschlechtsfortpflanzung als auf die geistige Gnade bedacht waren. Sie reinigte der Herr und machte sie zu Erben seines Leidens.
§ 45
[Forts. v. 350 ] Da er nun die Jünger in seinen Weinberg schickte, der, obschon vom Worte Gottes gepflanzt, gleichwohl der mühevollen Pflege und sorglichen Hut des Arbeiters bedurfte, daß nicht die Vögel des Himmels den ausgestreuten Samen zerstöben, so sprach er: „Sieh, ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe‟.
§ 46
351 Es sind dies gegenseitig feindselige Tiere, so daß sie einander aufzehren. Doch der gute Hirte kennt keine Furcht vor den Wölfen für seine Herde. Daher werden die Jünger hier nicht zu deren Erlegung, sondern zu friedlichem Tun angeleitet; denn die sorgsame Hut des guten Hirten verhütet, daß die Wölfe etwas wider die Lämmer wagen. Er schickt die Lämmer unter die Wölfe, daß sich jener Ausspruch erfülle: „Dann werden Wölfe und Lämmer zusammen weiden‟.
§ 47
[Forts. v. 351 ] Wir kamen kurz vorher nicht ungern auf den Fuchs zu sprechen. Wenn ich hierbei die Erfahrung machen konnte, daß euer Urteil in Sachen der figürlichen Bedeutung des kleinen Tierchens zutreffend war, so darf ich annehmen, daß ich dank eurem großen Interesse auch die tiefen Geheimnisse, die unter dem Bilde der Wölfe sich bergen, erschließen kann. Unter dem Bilde der Füchse sind, wie wir oben ausdrücklich betonten, die Häretiker bezeichnet: sie gaben sich dem Namen nach als Nachfolger Christi aus, sind aber durch ihre geflissentliche Irreführung Verleugner Christi. Sie nimmt der Herr nicht auf, sondern hält und wehrt sie ab von seinem Heim. Nun müssen wir sehen, was die Wölfe zu bedeuten scheinen.
§ 48
Es sind dies Tiere, die den Hürden nachstellen, um die Hütten der Hirten schleichen, Wohnhäuser nicht zu betreten wagen, den Schlaf der Hunde, die Abwesenheit oder Lässigkeit der Hirten ausspähen, die Schafe an der Kehle anfallen, um sie rasch zu erwürgen. Wild und raubgierig und dabei zugleich ihrer leiblichen Natur nach etwas ungelenk, so daß sie sich nicht leicht umdrehen können, sind sie gleichsam in ihrem Ungestüm Daraufgänger und fallen darum oft herein. Wenn sie dann ferner einem Menschen mit ihrem Anblick zuvorkommen, sollen sie ihm vermöge einer heimlichen Naturkraft die Sprache rauben. Blickt sie hingegen der 352 Mensch zuvor an, soll er sie, wie verlautet, verscheuchen . Daher denn muß ich auf der Hut sein, daß man nicht, wenn im heutigen Vortrag die Gnade der geistigen Geheimnisse nicht aufzuleuchten vermöchte, glaube, es seien mir die Wölfe mit ihrem Anblick zuvorgekommen und hätten mir das gewohnte Sprachvermögen entwunden.
§ 49
[Forts. v. 352 ] Sind nicht die Häretiker diesen Wölfen zu vergleichen, welche den Hürden Christi nachstellen, um deren Umfriedung mehr zur Nacht- denn zur Tageszeit heulen? Für die Glaubenslosen ist es ja immer Nacht, indem sie das Licht Christi mit dem Nebel verkehrter (Schrift-) Auslegung zu verdunkeln und, soweit es an ihnen liegt, zu schwärzen suchen. Wohl schleichen sie um die Umfriedung Christi, dessen Ställe doch dürfen sie nicht zu betreten wagen. Eben darum wird ihnen kein Heil, weil Christus sie nicht in seine Herberge führen will, worin jener Heilung fand, der von Jerusalem herabkommend unter die Räuber fiel. Diesen setzte jener Samaritan, nachdem er dessen Wunden verbunden und Öl und Wein darein gegossen hatte, auf sein Lasttier und führte ihn in die Herberge und ließ ihn dem Wirte zurück, daß er geheilt würde. Sie nun, die nicht nach dem Arzt verlangen, empfangen kein Heilmittel. Hätten sie Verlangen darnach, würden sie ihn nicht verunglimpfen.
§ 50
Sie lauern auf des Hirten Abwesenheit. Darum eben trachten sie die Hirten der Kirchen entweder zu töten oder in die Verbannung zu treiben, weil sie in Anwesenheit der Hirten die Schafe Christi nicht überfallen können. Nun suchen sie die Herde des Herrn auszurauben, Räuber, die, gleichsam in ihrer verknöcherten Geistesgesinnung verhärtet und erstarrt, von ihrem Irrtum nie und nimmer umzukehren pflegen. Darum des Apostels Mahnung: „Einen ketzerischen Menschen 353 meide nach einmaliger Zurechtweisung, da du weißt, daß ein derartiger Mensch völlig verkehrt ist!‟ Sie (die Ketzer) läßt der wahre Schriftausleger Christus hereinfallen, so daß sie ihre nichtigen Angriffe umsonst vergeuden und nicht schaden können.
§ 51
[Forts. v. 353 ] Kommen sie nun einem mit dem verfänglichen Truggespinst ihrer Streitrede zuvor, machen sie ihn mundtot; denn mundtot ist, wer das Wort Gottes nicht in der Herrlichkeit bekennt, die ihm eignet. Hüte dich denn, daß dir nicht ein Häretiker die Sprache nimmt, wenn du ihn nicht zuvor noch entdeckst! Denn im Verbogenen schleicht sein Unglaube. Erkennst du aber die Hirngespinste seiner Gottlosigkeit, brauchst du den Verlust der holden Sprache nicht fürchten. Hüte dich denn vor dem Gifte verfänglicher Streitrede! Es dringt in die Seele, greift an die Kehle, setzt sich fest im Lebensmark. Gefährlich ist der Biß der Häretiker. Gefährlicher und räuberischer als Raubtiere, kennen sie in ihrer Gier und Gottlosigkeit keine Grenze.
§ 52
Es beirre euch nicht, daß sie äußerlich Menschengestalt haben! Hat man auch äußerlich einen Menschen vor Augen, innerlich schnaubt die Bestie. Es kann kein Zweifel sein: sie sind Wölfe nach dem göttlichen Ausspruch des Herrn Jesus, der warnte: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die im Schafspelz zu euch kommen, innerlich aber reißende Wölfe sind! An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen‟. Wen die äußere Gestalt irre macht, der sehe sich demnach um die Früchte um! Da hörst du einen ‚Priester‛ genannt werden; du kennst sein räuberisches Tun: der Pelz, den er trägt, ist Schafspelz, sein Tun Räuberei. Äußerlich Schaf, ist er innerlich Wolf, der kein Maß und Ziel im Rauben kennt; der des Nachts, gleichsam vor 354 skythischer Kälte die Glieder starr, den Rachen blutrünstig, herumstreunt, „suchend, wen er verschlinge‟. Dünkt euch der kein Wolf, der von Menschenmord überladen nimmersatt seine Wut mit dem Morde des gläubigen Volkes zu stillen trachtete?
§ 53
[Forts. v. 354 ] Einer, der den Urheber der Sprache leugnet, kann nur heulen, nicht predigen; wer den Herrn Jesus, den Fürsten des Lebens, nicht bekennt, stößt in frevler Rede nur tierische Laute aus. Wir vernahmen sein Geheul, als Schwertgeklirr in die Welt ausging. Scharfe Zähne und aufgeblasene Backen trug er zur Schau und glaubte schon allen die Sprache genommen zu haben, die nur er verloren hatte. Deshalb nun, um diesen Wölfen entrinnen zu können, schärft uns der Herr, was wir befolgen sollen, mit den Worten ein:
§ 54
„Traget weder Beutel, noch Tasche, noch Schuhe!‟ Was mit der Weisung keinen Beutel zu tragen gemeint ist, brachte er an einer anderen Stelle klar zum Ausdruck. Matthäus nämlich schrieb nieder, es habe der Herr zu den Jüngern gesprochen: „Besitzet weder Gold noch Silber!‟ Was rauben, was stehlen, wenn uns Goldbesitz verwehrt ist? Wenn dir befohlen wird hinzugeben, was du hast: wie willst du zusammenraffen, was du nicht hast? „Der 355 du predigst nicht zu stehlen, willst stehlen? Der du sagst, man solle nicht ehebrechen, willst die Ehe brechen? Der du die Götzenbilder verfluchst, willst Gottesraub begehen? Der du dich des Gesetzes rühmst, willst Gott durch Übertretung des Gesetzes verunehren? Denn der Name Gottes wird durch euch gelästert‟.
§ 55
[Forts. v. 355 ] Nicht so hielt es der Apostel Petrus. Um zu zeigen, daß des Herrn Gebote nicht umsonst erflossen, sprach er, der erste Vollstrecker der Anweisung des Herrn, da er von einem Armen um eine Geldspende angegangen wurde: „Silber und Gold habe ich nicht‟. Er rühmt sich des Nichtbesitzes von Silber und Gold, ihr wolltet euch schämen, daß euere Habe noch hinter dem zurückstehe, was ihr begehrt? Es gibt auch eine ehrenvolle Armut, wie es auch eine selige Armut gibt nach dem Schriftworte: „Selig die Armen im Geiste!‟ Doch nicht sowohl dessen rühmt sich Petrus, daß er kein Silber und Gold besitze, als vielmehr der Befolgung des Auftrages des Herrn, der gebot: „Besitzet kein Gold!‟ Das will sagen: du siehst, daß ich Christi Jünger bin, und verlangst Geld von mir? Etwas anderes, viel Kostbareres denn Gold hat er uns geschenkt: das Wirken in seinem Namen. Was er nun nicht gegeben, habe ich auch nicht, sondern was er gegeben, habe ich: „Im Namen des Herrn Jesus steh auf und wandle!‟
§ 56
[Forts. v. 355 ] Wie also jener, der zur Unterbringung des Getreides Scheunen bauen will, kraft des Ausspruches des Herrn Tadel erfährt, so wird auch der mit Tadel gebrandmarkt, der sich einen Beutel beschaffen will, um darin Gold zu bergen.
§ 57
„Nicht Tasche, noch Schuhe.‟ Beides pflegt von der Haut eines toten Tieres hergestellt zu werden. Nichts Totes aber will der Herr in uns. So spricht er denn zu Moses: „Löse den Schuh von deinen Füßen! 356 Denn der Ort, an dem du stehst, ist heilige Erde‟. Die sterbliche und irdische Hülle also mußte er, so lautet der Befehl, lösen, als er zu seinem Volke gesendet wurde, um es zu befreien; denn der Träger solchen Amtes darf nichts fürchten und auch nicht durch Todesgefahr von der übernommenen Pflicht sich zurückschrecken lassen. Moses selbst ließ sich ja, nachdem er aus freier Entschließung den Schutz seiner Brüder, d. i. der Juden, auf sich genommen hatte, aus Furcht vor übler Nachrede von seinem Vorhaben abbringen und floh aus Ägypten. Da also der Herr zwar seine Gesinnung bewährt, seine Natur aber schwach befunden hatte, glaubte er seinem Herzens- und Sinneswandel erst die sterblichen Bande abstreifen zu sollen.
§ 58
[Forts. v. 356 ] Sollte es jemand Bedenken machen, warum (die Juden) in Ägypten mit den Schuhen an den Füßen das Lamm zu essen geheißen, die Apostel aber ohne Schuhe zur Verkündigung des Evangeliums angeleitet werden, so mag er beherzigen, daß einer, der in Ägypten weilt, noch vor Schlangenbissen sich hüten muß ― denn viel Gift schleicht in Ägypten ― und wer das vobildliche Pascha feiert, noch der Verwundung zugänglich ist, der Diener der Wahrheit aber das Gift unschädlich macht, nicht fürchtet. So biß ja auch den Paulus auf der Insel Malta eine Viper, und die Inselbewohner, welche die Viper an seiner Hand hängen sahen, glaubten, er werde sterben müssen. Doch da sie ihn unverletzt dastehen sahen, meinten sie, er sei ein Gott, dem das Gift nicht schaden konnte. Und daß du dich von der Wahrheit dessen überzeugest, spricht der Herr selbst: „Sehet, ich habe euch die Gewalt gegeben, auf Schlangen und Skorpionen zu treten und über alle Gewalt des Feindes, und sie werden euch nichts schaden‟.
§ 59
357 Keinen Stab sollten die Apostel der Anweisung gemäß in der Hand tragen; so nämlich glaubte es Matthäus niederschreiben zu sollen. Was anders ist der Stab als die Insignie der Gewalt, die man zur Schau tragen will, und das Instrument schmerzlicher Züchtigung? Des niedrigen Herrn ― „in Niedrigkeit wurde ja sein Gericht hinweggenommen‟ ― ich wiederhole: des niedrigen Herrn Gebot vollziehen also dessen Jünger mit ihren niedrigen Dienstleistungen. Denn zur Glaubenssaat sendet er sie aus. Nicht Zwang sollten sie anwenden, sondern Unterweisung; nicht die Schärfe der Gewalt hervorkehren, sondern die Lehre von der Demut hochhalten. Hierbei glaubte er mit der Demut auch die Geduld verbinden zu sollen; denn auch er selbst gab nach dem Zeugnisse des Petrus,„wenn er geschmäht wurde, die Schmähung, wenn er geschlagen wurde, den Schlag nicht zurück‟. Das also will es sagen: „Werdet meine Nachahmer!‟ Legt Rachegelüste ab und schlagt den Übermut der Schlagenden nicht mit der Erwiderung des Unrechts, sondern mit der Großmut der Geduld. Niemand darf, was er an einem anderen tadelt, selbst nacheifernd tun. Die schwersten Gegenwunden schlägt dem Übermut die Sanftmut. Mit dieser Waffe wollte der Herr dem Schlagenden den Schlag zurückversetzen, indem er mahnt: „Wer dich auf die Wange schlägt: reich ihm auch noch die andere dar!‟ So geschieht es nämlich, daß ihn sein eigenes Urteil richtet, und sein Gewissen gleichsam vom eigenen Stachel gequält wird, wenn er sieht, wie ihm das Unrecht, das er getan, mit geflissentlicher Liebe vergolten ward.
§ 60
Gleichwohl hat der Herr auch Apostel, die er mit dem Stab sendete. So bezeugt es Paulus mit den Worten: „Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stab zu euch kommen oder in Liebe und im Geiste der Sanftmut?‟ Diesen Stab gab der Apostel auch dem Timotheus mit 358 der Mahnung: „Überweise, ermahne, rüge!‟ Oder vielleicht war vor dem Leiden des Herrn, welches das Herz des schwankenden Volkes bestärkte, nur Sanftmut, nach dem Leiden Zurechtweisung am Platz. Möchte jedenfalls der Herr sanft verfahren, Paulus rügend vorgehen! Möchte der, welcher selbst verhärtete Herzen zu erweichen vermag, den Weg des Zuredens, Paulus, der mit Zureden nicht alles erreicht, den der Zurechtweisung einschlagen! Die Rute nun hatte Paulus aus der Gesetzeslehre herübergenommen; denn er hatte gelesen:„Wer die Rute spart, haßt seinen Sohn‟. Er hatte ebenso gelesen, daß denen, welche das Lamm aßen, durch prophetische Vorschrift anbefohlen wurde, einen Stab in den Händen zu halten. Darum spricht der Herr im Alten Testament: „Ich werde mit dem Stab ihre Missetaten heimsuchen‟; im Neuen Bund aber opferte er sich selbst hin, um allen Verzeihung zu gewähren, indem er spricht:„Wenn ihr mich sucht, so lasset diese gehen!‟ Und an einer anderen Stelle liest man, wie er, als die Apostel Feuer vom Himmel herabrufen wollten, daß es die Samariter, die den Herrn Jesus nicht in ihre Stadt aufnehmen wollten, verzehre, sich umwendete und sprach: „Ihr wißt nicht, wessen Geistes ihr seid; denn der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, die Menschenseelen zu verderben, sondern selig zu machen‟.
§ 61
Die Vollkommeneren also werden ohne Stab abgeordnet, die Schwächeren essen mit dem Stab in der Hand. Doch auch Paulus droht mit dem Stab, sucht jedoch die Fehlenden im Geiste der Sanftmut heim. So fragt er, damit du dich überzeugest, daß er ein milder Lehrer ist, eben jene, welche er zurechtweist, nach ihrem Willen: „Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stab zu euch kommen oder in Liebe und im Geiste der Sanftmut?‟ Nur einmal nannte er den Stab, von den milderen Mitteln redete er im Anschluß daran zweimal, zur 359 Liebe die Sanftmut fügend; voraus schickte er gleichwohl eine Drohung. Doch zur Anwendung brachte er nur die Sanftmut; denn im zweiten Brief an die gleichen Korinther schreibt er ausdrücklich: „Gott rufe ich zum Zeugen wider meine Seele an, daß ich aus Schonung für euch noch nicht nach Korinth gekommen bin‟. Vernimm, aus welchem Grunde er Schonung walten lassen zu sollen glaubte: „Daß ich nicht wieder‟, lautet die Antwort, „mit Betrübnis zu euch komme‟. Er warf die Rute weg und nahm zu sich die Gesinnung der Liebe.
§ 62
[Forts. v. 359 ] * „Und grüßt niemand auf dem Wege!‟* Vielleicht mag es manchem roh und hochfahrend dünken und nicht im Einklang mit des sanftmütigen und demütigen Herrn Gebot, daß er, der geboten hat, selbst bei Tisch seinen Platz abzutreten, an unserer Stelle den Jüngern aufträgt: „Grüßet niemand auf dem Wege!‟ Ist doch das eine allgemein gebräuchliche Höflichkeitsbezeugung. So pflegen Niedrigere sich bei Höhergestellten in Gunst zu setzen. Selbst Heiden tauschen solche Höflichkeiten mit den Christen aus. Wie nun darf der Herr diesen Brauch der Menschenfreundlichkeit abschaffen?
§ 63
Doch bedenke, daß es nicht bloß heißt: „grüßet niemand‟, sondern nicht umsonst hinzugefügt ist: „auf dem Wege!‟ So trug ja auch Elisäus, als er seinen Diener sendete, daß er seinen Stab auf den Leichnam eines verstorbenen Knaben legte, demselben auf, niemand auf dem Wege zu grüßen; denn er hieß ihn hurtig eilen, daß er des Dienstes zur bevorstehenden Auferstehung walte; daß er nicht durch ein Zwiegespräch mit einem, der ihm begegnete, von der ihm obliegenden Aufgabe abgezogen würde. So handelt es sich denn auch hier nicht um die Abschaffung eines aufmerksamen Grußes, sondern um die Beseitigung eines Hindernisses, das dem religiösen Eifer im Wege steht: wenn göttliche Gebote 360 es erheischen, sollen menschliche Rücksichten ein Weilchen zurückstehen. Schön ist der Gruß, doch schöner noch die möglichst rasche Erfüllung der göttlichen Vorschriften, deren Aufschub häufig sündhaft ist. Nur deshalb aber ergeht das Verbot selbst ehrbarer Bräuche, daß nicht einen die gewohnte Freundlichkeit anwandle und die berufliche Dienstleistung, deren Aufschub Sünde wäre, verhindere.
§ 64
[Forts. v. 360 ] Nun folgendes weitere Tugendverhalten: Keiner solle leichtschweifenden Fußes von Haus zu Haus ziehen; auch in der Gastfreundschaft sollten wir Ständigkeit wahren und nicht leichthin das festgeschlungene Band der Freundschaft lösen; des Friedens Botschaft sollten wir auf den Lippen tragen, so daß schon das erste Betreten (eines Hauses) unter einem feierlichen Segensspruch des Friedens vor sich gehe; mit Speise und Trank, die dargereicht würden, müßten wir zufrieden sein; das Glaubensbanner sei nicht gewaltsam zu entfalten und das Evangelium vom Himmelreich zu verkündigen; sollte man gegen unsere gastliche Aufnahme durch die Stadt sein, sei der Staub von den Füßen zu schütteln.
§ 65
Ebenso lehrt er, daß jene, welche wider die Annahme des Evangeliums sich entscheiden, schwererer Strafe verfallen werden als jene, welche die Aufhebung des Gesetzes sich einfallen lassen; denn Tyrus und Sidon würden, wenn sie die so großen Wunder des himmlischen Wirkens geschaut hätten, das Heilmittel der Buße nicht verschmäht haben. Desgleichen sei einerseits solcher weltlicher Überfluß, bezw. Übermut mit der himmlischen Gnadengabe nicht zu vergleichen, andererseits hinwiederum nicht ohne Heilmittel gelassen, da jedem das Rettungsmittel der Buße offen stehe. ― Endlich erschließt er das himmlische Geheimnis, daß es Gott gefallen habe, seine Gnade in höherem Maße den 361 Kleinen als den Klugen dieser Welt zu offenbaren, was der Apostel Paulus in erschöpfender Darstellung mit den Worten ausführte: „Hat Gott nicht die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn weil diese Welt durch ihre Weisheit Gott nicht in seiner Weisheit erkannte, so hat es Gott gefallen, durch die Torheit der Verkündigung diejenigen selig zu machen, die glauben‟.
§ 66
[Forts. v. 361 ] Die Natur eines kleinen Kindes also laßt uns annehmen, das nichts weiß von Selbstüberhebung und phrasenhaftem Markten mit seiner kniffligen Weisheit, wie es die Philosophen vielfach machen. Ein Kleiner war es, der sprach: „Herr, nicht erhob ich mein Herz, und meine Augen sind nicht stolz, und nicht erging ich mich in großen, nicht in wunderbaren Dingen über mir‟. Und damit du dich überzeugest, daß dieser nicht an Alter, nicht an Denken, sondern an Selbstverdemütigung und gleichsam an Abneigung gegen Selbstüberhebung ein Kleiner gewesen ist, fügte er hinzu: „sondern meine Seele habe ich erhoben‟. Siehst du, wie erhaben dieser Kleine war? Auf wie ragenden Tugendgipfel erhoben? Solche Kleine sollten wir nach dem Willen des Apostels sein, wenn er mahnt: „Wenn einer unter euch in dieser Welt als ein Weiser gilt, so werde er ein Tor, auf daß er ein Weiser werde; denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott‟.
§ 67
Daran nun fügt sich eine prächtige Stelle über den Glauben, wenn er versichert, daß ihm „alles vom Vater übergeben ist‟. Den Allmächtigen erkennst du hierin, nicht einen Minderwertigen, nicht einen Minderartigen im Vergleich zum Vater. Wenn du von „übergeben‟ liest, bekennst du den Sohn, dem auf Grund der 362 einen Wesenheit (mit dem Vater) von Natur alles eignet, nicht schenkungsweise auf Gnadenwegen verliehen wurde.
§ 68
[Forts. v. 362 ] Er fügte bei: „Niemand weiß, wer der Sohn ist, als der Vater, und wer der Vater ist, als der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will‟.
Diese Stelle wurde meines Erinnerns in den Büchern, die ich über den Glauben schrieb, nicht übergangen. Damit du dich aber überzeugest, daß, wie der Sohn den Vater offenbart, welchen er will, so auch der Vater den Sohn offenbart, welchen er will, so höre des Herrn Jesus Beteuerung selbst, da er den Petrus lobte, weil er ihn als den Sohn Gottes bekannte: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas! Denn nicht Fleisch und Blut hat es dir geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist‟.