Die Pflicht allzeit zu beten. Vom Fürbittgebet für andere (87). Das Gebetsbeispiel Davids (88), des Paulus (89). Die Hoffnung Korrelativ der Gebetsverheißung. Von der Wiederholung einer Gebetsbitte (90).
§ 87
* „Wenn einer von euch einen Freund hätte, und er käme zu ihm um Mitternacht und sagte zu ihm: Freund, leih mir drei Brote‟*. Da haben wir eine weitere Stelle mit der Vorschrift, daß man allzeit, nicht bloß bei Tag, sondern auch bei Nacht dem Gebetsdienst obliegen soll. Denn du siehst, wie dem, welcher um Mitternacht sich auf den 371 Weg machte und von seinem Freunde drei Brote sich erbat und bei seiner inständigen Bitte beharrte, die erbetenen Gaben nicht entgehen. Was anders sind nun diese drei Brote als die Speise eines himmlischen Geheimnisses? Wenn du nämlich den Herrn deinen Gott liebst, wirst du nicht bloß für dich, sondern auch für andere verdienen können. Welcher Freund aber stünde uns näher als der, welcher seinen Leib für uns hingegeben hat? Von diesem begehrte David um Mitternacht Brot und erhielt es. Er begehrte es nämlich, als er sprach: „Um Mitternacht will ich aufstehen, dich zu preisen‟. So verdiente er diese Brote, die er uns zur Speise vorsetzte. Er begehrte sie mit den Worten: „Jede Nacht will ich mit Tränen mein Lager benetzen‟. Er besorgte nämlich nicht, den Freund, den er stets waches Auges wußte, aus dem Schlaf zu wecken.
§ 88
[Forts. v. 371 ] So laßt uns denn, eingedenk der Schrift, bei Nacht und Tag im Gebete verharren und Verzeihung für unsere Sünden erflehen! Denn wenn jener so heilige, von notwendigen Regierungsgeschäften überhäufte (König) siebenmal des Tages dem Herrn Lob sprach, stets voll des Eifers für das Morgen- und Abendopfer: wie sollten erst wir es halten, die wir umso mehr, je häufiger wir es aus Schwachheit des Fleisches und Geistes fehlen lassen, bitten müssen, daß es uns nicht, wenn wir auf dem Wege ermüden, auf dem Gang durch diese Zeitlichkeit, dem Krummpfad dieses Lebens schwer erschöpft werden, an der Erquickung des Brotes gebreche, das des Menschen Herz stärkt?
§ 89
Nicht allein zur Mitternacht, sondern fast für jeden Augenblick schärft der Herr die Pflicht der 372 Wachsamkeit ein; denn er kommt ebenso zur Abendwache wie zur zweiten und dritten Nachtwache und pflegt anzuklopfen. „Selig nun jene Knechte, welche der Herr, wenn er kommt, wachend findet!‟ Verlangst du sonach, daß die Kraft Gottes sich gürte und dir zu Diensten stehe, mußt du stets wachsam bleiben; denn viele Nachstellungen haben wir zu gewärtigen und den tiefen leiblichen Schlaf. Fängt nun der Geist diesen zu schlafen an, wird er die Frische seiner Kraft verlieren. Fort also mit dem Schlaf, um an Christi Türe zu klopfen! Auch Paulus wünscht sich deren Öffnung und erbittet sich nicht bloß mit eigenem, sondern auch mit des Volkes Flehen die Hilfe, daß ihm die Türe aufgetan werde zur Verkündigung des Geheimnisses Christi. Vielleicht nun war es jene Türe, welche Johannes offen sah. Er schaute sich nämlich um und sprach:„Hierauf schaute ich, und sieh, eine Türe aufgetan im Himmel, und die vorige Stimme, die ich wie eine Posaune zu mir reden und sprechen hörte: Steig herauf, und ich will dir zeigen, was geschehen soll!‟ So nun wurde dem Johannes die Türe aufgetan: so wurde dem Paulus die Türe aufgetan, damit er das Brot für uns in Empfang nehme, das wir essen sollen; denn er klopfte beharrlich an, gelegen und ungelegen, um die auf dem beschwerlichen Weg durch die Welt erschöpften Heidenvölker mit der Fülle der himmlischen Speise zu erquicken.
§ 90
So haben wir denn hier eine Stelle, welche die Pflicht häufigen Gebetes zum Ausdruck bringt, die Hoffnung auf dessen Erhörung, die Art und Weise überzeugender Unterweisung erst in Form der Belehrung, dann des Beispieles. Wer nämlich ein Versprechen macht, muß auch die Hoffnung auf das Versprechen wecken, damit man seinen Mahnungen Gehör, seinen Versprechungen Glauben schenkt. Darf er doch anbetrachts der Güte, die schon Menschen beseelt, umso zuversichtlicher auf die ewige Güte hoffen, wenn sonst Geziemendes 373 erbeten wird, damit nicht „das Gebet in Sünde sich kehre‟. Auch schämte er (Paulus) sich nicht, eine Bitte öfter vorzutragen, um den Anschein zu meiden, als mißtraue er der Barmherzigkeit Gottes, oder aber als fühle er sich in seiner Selbsteingenommenheit gekränkt, daß er nicht gleich auf die erste Bitte etwas erlangte ― „um dessentwillen, versichert er, habe ich dreimal den Herrn gebeten‟ ― und zeigte zugleich, daß Gott häufig deshalb eine Bitte nicht erhört, weil er für unnütz erachtet, was uns nützlich dünkt.