Luk. 14, 7 ff. eine schonende Belehrung über Demut und Menschenfreundlichkeit (195). Der Sold des Kriegers Christi die Verachtung irdischer Glücksgüter (196). Drei Menschenklassen vom Himmelreich ausgeschlossen: Heiden, Juden und Häretiker (197—201). Die Berufung der Heiden und Sünder zum Gastmahl, d. i. zum Reiche Gottes (202—203). Glaube und Liebe das erforderliche hochzeitliche Kleid. „Die Finsternis draußen“ (204) wie „der Wurm, der nicht stirbt, und das Feuer, das nicht erlischt“, metaphorisch-geistiger Art (205—206).
§ 195
Es folgt nun eben darum jetzt an erster Stelle die Heilung eines Wassersüchtigen, in welchem das 436 Anschwellen und Überquellen des Fleisches die Funktionen der Seele erschwerte, das Feuer des Geistes erlöschte. Daran reiht sich eine Belehrung über die Demut, indem auf jenem Hochzeitsmahle dem Verlangen nach einem vorderen Platz gewehrt wird, freilich schonend, damit die Freundlichkeit der Mahnung jede Schroffheit in der Zurechtweisung ausschlösse, die Vernünftigkeit der Mahnung wirksam nachhälfe und die Zurechtweisung zur Besserung der Gesinnung führte. Mit ihr verbindet sich gleichsam ganz nachbarlich die Menschenfreundlichkeit, die diesen Ehrennamen nach der Näherbestimmung eines Ausspruches des Herrn nur verdient, wenn sie Armen und Bresthaften entgegengebracht wird; denn nur gegen solche Gastfreundschaft üben, die sie erwidern können, verriete habsüchtige Gesinnung.
§ 196
[Forts. v. 436 ] Zuletzt wird gleichsam dem ausgedienten Kriegsmann der Sold bestimmt, in der Verachtung der Glücksgüter bestehend; denn weder der, welcher niedrigen Bestrebungen zugetan irdische Besitzungen zusammenkauft, kann das Himmelreich erlangen, nachdem doch der Herr mahnt: „Verkaufe all das Deinige und folge mir!‟, noch der, welcher Ochsen kauft, nachdem ein Elisäus die, welche er hatte, schlachtete und an das Volk verteilen ließ; ist doch auch einer, der eine Frau heimführt, auf das, was der Welt ist, nicht auf das, was Gottes ist, bedacht: nicht als ob damit über die Ehe ein Tadel ausgesprochen, sondern insofern die Jungfräulichkeit zur größeren Auszeichnung berufen werden sollte; denn „die unverheiratete Frau und die Witwe ist auf das bedacht, was des Herrn ist, daß sie heilig sei an Leib und Geist; die verheiratete ist nämlich auf das bedacht, was der Welt ist, wie sie dem Manne gefallen möge‟.
§ 197
Doch um mich wiederum, wie oben bei den 437 Witwen, so jetzt bei den Verheirateten in Gunst zu setzen, wollen wir die Annahme, welcher so manche folgen, nicht ablehnen, es würden damit drei Menschenklassen von der Teilnahme an jenem großen Mahle ausgeschlossen: die Heiden, die Juden und die Häretiker.
§ 198
[Forts. v. 437 ] Darum gerade schärft der Apostel die Pflicht ein, die Habsucht zu meiden, daß wir nicht nach Art der Heiden durch „Ungerechtigkeit, Bosheit, Unzucht und Habsucht‟ verhindert würden zum Reiche Christi zu gelangen; denn „jeder Habsüchtige oder Unreine, was Götzendienst ist, hat keinen Erbteil am Reiche Christi und Gottes‟.
§ 199
[Forts. v. 437 ] Die Juden aber legen im Sinn leiblicher Dienstbarkeit das Joch des Gesetzes auf. Darum laßt uns nach dem Propheten „deren Fessel zerreißen und von uns abwerfen ihr Joch!‟ Denn wir haben Christus aufgenommen, der unserem Nacken das sanfte Joch seiner Liebe auferlegte. Die „fünf Joch‟ aber bedeuten die zehn Gebote, bezw. die fünf Bücher des alttestamentlichen Gesetzes, welche der Herr im Auge zu haben scheint, wenn er im Evangelium zur Samariterin spricht: „Fünf Männer nämlich hast du gehabt‟.
§ 200
[Forts. v. 437 ] Die Häresie aber naht versuchend wie Eva mit weiblicher Zudringlichkeit dem ernsten Glauben und gleitet, an der ungetrübten Schönheit der Wahrheit teilnahmslos vorübergehend, mit leichtem, schlüpfrigem Fuß dahin und spiegelt den verführerischen Schein falscher Anmut vor. Darum denn stammeln sie Entschuldigungen, weil nur dem der Eintritt ins Reich verwehrt wird, den das Bekenntnis des eigenen Mundes davon ausschließt. Des Herrn sanfte Einladung aber ergeht an alle, doch wir lehnen aus Lauheit, oder aber Sündhaftigkeit ab.
§ 201
438 Sowohl jener, der ein Landgut kaufte, bleibt vom Reiche ausgeschlossen ― Käufer und Verkäufer hat ja schon zu Noes Zeit die Sintflut verschlungen ― als auch jener, welcher lieber das Joch des Gesetzes als das Geschenk der Gnade erwählte, wie jener, welcher sich mit der Heimführung einer Frau entschuldigte; denn es steht geschrieben: „Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater und Mutter und Weib, so kann er nicht mein Jünger sein‟. Wenn der Herr deinetwegen mit den Worten: „Wer ist meine Mutter, oder wer meine Brüder?‟ auf die eigene Mutter Verzicht leistet, wie willst du sie deinem Herrn vorziehen? Doch der Herr verlangt weder Verkennung der Natur noch Dienstbarkeit gegen die Natur, sondern eine solche Hingabe an die Natur, daß man ihren Schöpfer verehrt und nicht aus Liebe zu den Eltern von Gott sich trennt.
§ 202
[Forts. v. 438 ] Nach der hochnäsigen Ablehnung von seiten der Reichen wendete er sich nun an die Heiden und hieß die Guten und die Bösen eintreten, um die Guten zu fördern, der Bösen Gesinnung zum Besseren zu wenden: es sollte sich erfüllen, was heute zur Verlesung kam: „Dann werden Wolf und Lamm zusammen weiden‟. An die Armen, Schwachen, Blinden ergeht seine Einladung. Es wird uns dadurch gezeigt, entweder daß kein körperliches Gebrechen vom Reiche ausschließt und einer, dem ein Anlaß zur Sünde fehlt, seltener zu Fall kommt, oder daß die Schwachheit der Sünden durch die Barmherzigkeit des Herrn nachgelassen wird, auf daß der nicht aus den Werken, sondern aus dem Glauben von seiner Missetat Erlöste, wenn er sich rühmt, im Herrn sich rühme.
§ 203
439 Nun sendet er „an die Ausgänge der Wege‟; „denn der Weisheit Sang ertönt am Ausgange‟. Er sendet „auf die Straßen‟; denn seine Sendung galt den Sündern, daß sie von den breiten Straßen auf den „schmalen Pfad‟ einlenkten, „der zum Leben führt‟. Er sendet „an die Wege und an die Zäune‟; denn nur jene taugen für das Himmelreich, die von keinem Verlangen nach dem Gegenwärtigen beseelt gleichsam auf dem Weg des guten Willens dem Zukünftigen entgegeneilen, und welche nach Art eines Zaunes, der das bebaute Land vom unbebauten abgrenzen und den Einfällen der wilden Tiere wehren soll, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und den Anfechtungen der Geister der Bosheit des Glaubens Wehr entgegenzuhalten verstehen. So sprach denn auch der Herr um zu zeigen, wie sein Weinberg von einem Schutzwall umgeben ist: „Und ich umgab ihn mit einem Zaune und zog um ihn einen Graben‟. Und der Apostel versichert, es sei die Zwischenwand des Zaunes beseitigt worden, welche den Zusammenhang der Schutzwehr unterbrochen hatte. Glaube und Vernunft also sind erforderlich und zwar erforderlich auf den Straßen, d. i. den Pfaden, welche die innere Gesinnung wandelt; denn es steht geschrieben: „Auf deinen Straßen mögen sich ergießen deine Wasser!‟
§ 204
Doch das ist noch nicht alles, daß einer auf die Einladung herzukommt, er muß auch im Besitz eines hochzeitlichen Kleides, d. i. im Besitz des Glaubens und der Liebe sein. Darum soll, wer nicht den Frieden und die Liebe zu Christi Altar mitbringt, an Händen und Füßen fortgezerrt und in die Finsternis draußen geworfen werden: „Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein‟. Welches ist nun „die Finsternis draußen‟? 440 Gibt es auch dort einen Gang in Kerkerhaft und Steinbrüche? Nie und nimmer! Sondern wer immer außerhalb der Verheißungen steht, die sich an die himmlischen Gebote knüpfen, schmachtet draußen in der Finsternis; denn die Gebote Gottes sind Licht. Und wer immer ohne Christus ist, schmachtet in der Finsternis; denn Christus ist das innere Licht.
§ 205
[Forts. v. 440 ] Nicht ein leibliches Zähneknirschen irgendwelcher Art nun und nicht ein physisch flammendes ewiges Feuer irgendwelcher Art ist es, noch ist der Wurm physischer Art. Von diesen ist vielmehr nur deshalb die Rede, weil einer, wenn er seine Sünden nicht gleichsam mit dem Zusatz nüchterner Enthaltsamkeit abkocht, sondern Sünden mit Sünden mischend gleichsam ein unverdauliches Gemengsel aus alten und neuen Verfehlungen zusammenbraut, vom eigenen Feuer und den eigenen Würmern verzehrt wird, wie ähnlich aus vielen Verdauungsstörungen Fieberhitze und Würmer entstehen. Darum die Mahnung des Jesaias: „Wandelt im Lichte und in der Flamme eueres Feuers, das ihr entfacht habt!‟ Ein Feuer ist es, das der traurige Sündenzustand erzeugt. Ein Wurm ist es, weil die unvernünftigen Sünden der Seele an Geist und Herz des Schuldigen nagen und sozusagen am Mark des Gewissens zehren, indem sie aus dem Sünder hervorwachsen wie Würmer aus seinem Leibe. So hat es denn auch der Herr durch Jesaias mit den Worten ausgesprochen: „Und sie werden schauen die Glieder der Menschen, die wider mich sündigten, und ihr Wurm wird nicht sterben und das Feuer nicht erlöschen‟.
§ 206
Ebenso verrät das Zähneknirschen nur den 441 Schmerz und die Wut eines jeglichen Sünders darüber, daß seine Reue zu spät, sein Stöhnen zu spät, sein Grimm über sich selbst ob der Sünden, die er mit so starrköpfiger Ruchlosigkeit begangen, zu spät sei.