Das Reich der Juden ein uneiniges, darum vergängliches, das Reich der Kirche ein einiges, darum ewiges Reich (91); das unteilbare Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes (92—94). Das Reich der Juden eine Domäne der Dämonen (95).
§ 91
„Jedes Reich, das wider sich selbst uneins ist, wird verwüstet werden‟. Der Grund zu diesem Ausspruch ist der: weil man ihm nachsagte, er treibe im Beelzebub, dem Obersten der Teufel, die Teufel aus, wollte er zeigen, daß sein Reich ein einiges und ewiges ist. Mit Recht antwortete er auch dem Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt‟. Eben darum spricht er denen, welche nicht auf Christus ihre Hoffnung setzen und wähnen, es würden die Teufel im Obersten der Teufel ausgetrieben, den Besitz des ewigen Reiches ab. Gemeint ist das Judenvolk, das in solch blinder Leidenschaftlichkeit für eine Teufelsaustreibung Teufelshilfe annahm. Wie könnte denn, wenn der Glaube gespalten ist, ein Reich bestehen, das hierdurch ebenfalls uneins wird? Denn nachdem doch das Judenvolk unter dem Gesetze steht und auch Christus dem Fleische nach aus dem Gesetze geboren wurde, wie könnte das Reich der Juden, das aus dem Gesetze stammt, ein ewiges sein, da das Volk 374 selbst das Gesetz uneins macht, nachdem Christus, der notwendig aus dem Gesetze hervorgehen muß, vom Gesetzesvolke verleugnet wird? So steht der Glaube des Judenvolkes nach* der* Seite in Widerstreit mit sich selbst, und in diesem Widerstreit wird er uneins, und in dieser Uneinigkeit hebt er sich auf. Darum gerade wird das Reich der Kirche ein ewiges sein, weil ihr Glaube einig, ihr Leib* einer* ist; denn „ein Herr ist, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen‟.
§ 92
Welch unbegreifliche Verblendung gottfrevlen Wütens hier! Gottes Sohn nahm, um die unreinen Geister zu stürzen und dem Fürsten der Welt die Beute abzunehmen, Fleisch an und gab auch den Menschen Gewalt zum Sturze der Geister der Bosheit und verteilte ― das hehre Vorrecht des triumphierenden Siegers ― deren Beute: dennoch schieben ihm Nächstbeste den Beistand und die Helfersdienste teuflischer Gewalt unter, da doch die Teufel „im Finger Gottes‟ oder fürwahr nach Matthäus „im Geiste Gottes‟ ausgetrieben werden. Da nun Christus Gottes Rechte ist, der Geist aber figürlich gleichsam zur Vervollständigung des* einen, auf die Gottheit übertragenen Körpers den Finger darzustellen scheint, begreift sich, daß das Reich der Gottheit gleichsam ein* Organismus ist. Scheint es nicht ein unteilbares Reich zu sein, nachdem es einen ungeteilten Organismus darstellt? „Es wohnt ja leibhaftig‟, wie du gelesen, „die Fülle der Gottheit in Christus‟. Und das wirst du erst recht auch vom Vater nicht in Abrede stellen können und darfst es nicht vom Geiste in Abrede stellen. Auch laß dir’s wegen des Vergleiches mit unseren Gliedern nicht einfallen, die Kraft (der Gottheit) zu teilen! Denn bei einem unteilbaren Wesen gibt es keine Teilung. Darum ist die Bezeichnung ‚Finger‛ auf die förmliche Einheit, nicht auf einen 375 Unterschied in der Macht zu beziehen. Spricht doch die Rechte Gottes: „Ich und der Vater sind eins‟. Freilich ein Personenunterschied besteht, wenn auch die Gottheit selbst unteilbar ist.
§ 93
[Forts. v. 375 ] Doch wenn der Geist ‚Finger‛ genannt wird, wird er damit als eine wirksame Kraft bezeichnet; denn wie der Vater und der Sohn, so ist auch der Heilige Geist der Vollführer göttlicher Werke. So spricht ja David: „Denn schaue ich die Himmel, die Werke Deiner Finger‟; und im 32. Psalme [hebr. 33. Ps.]: „Und durch den Geist seines Mundes all ihr Heer‟. Und Paulus beteuert: „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden zuteilend, wie er will‟.
§ 94
[Forts. v. 375 ] Und mit dem folgenden Ausspruch: „Wenn ich nun im Geiste Gottes die Teufel austreibe, fürwahr dann ist zu euch zum voraus schon das Reich Gottes gekommen‟, zeigt er zugleich, daß die Macht des Heiligen Geistes eine Art Herrschermacht ist, worauf das Reich Gottes ruht, und* wir*, denen der Geist einwohnt, der Königspalast. Darum sein Ausspruch: „Das Reich Gottes ist in euch‟. So ist denn der Heilige Geist, wie wir annehmen müssen, der Gottheit, der Herrschermacht und Herrscherhoheit teilhaftig; denn „Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit‟.
§ 95
„Wenn der unreine Geist vom Menschen ausgefahren ist, wandert er durch wasserlose Orte, sucht Ruhe und findet sie nicht‟. Es kann kein Zweifel sein, daß dieses Wort auf das Judenvolk sich bezieht, das der Herr im vorausgehenden von seinem Reiche ausschloß. Erkenne daraus, daß auch alle Häretiker und Schismatiker vom Reiche Gottes und der Kirche losgetrennt sind! Nicht 376 Gottes, sondern des unreinen Geistes ist sonach, wie einleuchtet, die ganze Sippe der Schismatiker und Häretiker.
Jenem* einen* Menschen nun gleicht das ganze Judenvolk. Kraft des Gesetzes war der unreine Geist von ihm ausgefahren. Doch weil er bei den Heidenvölkern infolge des Glaubens an Christus keine Ruhe finden konnte ― den unreinen Geistern nämlich ist Christus ein Feuerbrand: er hatte im Herzen der Heiden, die vordem dürres Land waren, nachmals durch die Taufe vom Tau des Geistes troffen, die feurigen Pfeile des Widersachers zum Löschen gebracht ― darum kehrte er zum Judenvolk zurück, das in seinem äußeren Gehaben und Gebahren schmuck, in seiner inneren Gesinnung umso schmutziger war; denn weder reinigte, noch löschte es mit der Flut des heiligen (Tauf-) Quells den Brand. Und mit Recht kehrte der unreine Geist zu ihm zurück und führte sieben noch schlimmere Geister mit sich, insofern es in der Gesetzeswoche zugleich auch das Geheimnis der Oktav in frevler Gesinnung beging. Wie nun* uns* die siebengestaltige Gnade des Geistes überreich beglückt, so häuft sich über jene alles Unheil von seiten der unreinen Geister. So manchmal liegt nämlich in dieser (Sieben-) Zahl die Allgemeinheit inbegriffen, deshalb weil Gott am siebten Tage die Weltschöpfungswerke beschloß und ruhte. Daher auch „gebar die Unfruchtbare sieben (Kinder), während die Volkreiche an Kindersegen entkräftet ward‟.