Die Feuersendung galt der Entfachung des priesterlichen Berufseifers (131). Des Herrn Feuer ein metaphorisch mystisches; dessen Wirkungen (132). Christi Mitleiden mit uns und Leidenssehnsucht für uns (133).
§ 131
[Forts. v. 396 ] * „Feuer auf die Erde zu senden bin ich gekommen, und was will ich anders, als daß es jetzt brenne? Mit einer Taufe muß ich getauft werden, und wie drängt es mich, bis es vollbracht wird!‟*
Im vorausgehenden wollte der Herr, daß wir wachsam seien, alle Augenblicke der Heilsankunft des Herrn gewärtig, daß nicht einer, während er lässig und säumig sein Wirken von Tag zu Tag hinausschiebt, vom Tage des künftigen Gerichtes oder seiner Todesstunde überrascht wird und des Verdienstes, das ihn empfehlen sollte, verlustig geht. Und zwar handelte es sich hierbei um eine gemeinsame Vorschrift für alle. Der Inhalt des folgenden Stückes scheint dagegen nur den Verwaltern, d. i. den Priestern vor Augen gestellt zu sein. Sie sollen wissen, daß sie schwere Strafe in der Zukunft zu gewärtigen haben, wenn sie, weltlichen Genüssen hingegeben, in der Leitung der ihnen anvertrauten Familie und des Volkes des Herrn lässig sind.
§ 132
Doch weil es geringer Fortschritt und karges Verdienst wäre, nur aus Furcht vor Strafe von Verirrung sich abschrecken zu lassen, und das Vorrecht der Liebe und Freundschaft erhabener ist, darum wollte der Herr unseren Eifer zur Erlangung seiner Gnade schärfen und mit dem Verlangen nach dem Besitze Gottes entflammen, indem er beteuert: „Feuer auf die Erde zu senden bin ich gekommen‟, nicht jenes Feuer fürwahr, das Hab und Gut verzehrt, sondern den guten Willen mehrt; das die goldenen Gefäße im Hause des Herrn läutert, Heu und Spreu dagegen versengt. Alles Irdische, das von Weltlust durchsetzt, und alles 397 fleischliche Wirken, das dem Verderben geweiht ist, brennt jenes göttliche Feuer aus, das in den Gebeinen der Propheten loderte, wie der heilige Jeremias versichert: „Und es ward wie brennendes Feuer, lodernd in meinen Gebeinen‟. Es ist das Feuer des Herrn, von dem gesprochen ward: „Feuer wird vor ihm brennen‟. Es ist aber auch der nämliche Herr ein Feuer, wie er selbst beteuerte: „Ich bin ein brennendes und nicht verbrennendes Feuer‟. Das Feuer des Herrn ist nämlich ein ewiges Licht. An diesem Feuer werden jene Lampen angezündet, von denen er weiter oben gesprochen: „Eure Lenden aber seien umgürtet und die Lampen brennend!‟ Deshalb, weil der Tag dieses Lebens Nacht ist, ist eine Lampe notwendig. Dieses Feuer wurde, wie auch Ammaus und Kleophas bezeugen, vom Herrn in ihr Inneres gesendet: „War nicht‟, fragen sie, „unser Herz brennend auf dem Wege, da er uns die Schrift aufschloß?‟ Sie gaben nun damit klaren Aufschluß über die Wirkung dieses Feuers: es erleuchtet das Verborgene des Herzens. Vielleicht auch wird deshalb der Herr im Feuer kommen, damit er am Tag der Auferstehung alle Laster verzehre, mit seinem Anblick das Verlangen eines jeden stille und den Lichtglanz der Verdienste und der Geheimnisse entfache.
§ 133
So groß nun ist das Erbarmen, dessen uns der Herr würdigt, daß er beteuert, wie es ihn innerlich verlange, uns religiöse Gesinnung einzuflößen, in uns die Vollkommenheit zur Reife zu bringen, für uns sein Leiden zu beschleunigen. Er, der in sich nichts zu beweinen hatte, ängstigte sich doch über unsere Nöten und 398 bekundete offen beim Herannahen des Todes Trauer, nicht aus Furcht vor seinem Tode, sondern wegen der Verzögerung unserer Erlösung. So steht ja geschrieben: „Und wie ängstige ich mich, bis es vollbracht wird!‟ Wer sich „bis zum Vollbringen‟ ängstigt, muß doch des Vollbringens sicher sein. Doch auch anderswo heißt es: „Meine Seele ist betrübt bis zum Tode‟. Nicht wegen des Todes, sondern „bis zum Tode‟ ist der Herr betrübt, insofern ihn ein natürliches menschliches Fühlen, nicht aber Todesfurcht anwandelte; denn nachdem er einmal die Menschheit angenommen hatte, mußte er auch alles Menschliche durchkosten: Hunger, Durst, Angst und Trauer. Die Gottheit aber bleibt unberührt vom Wandel solcher Gefühle. Zugleich zeigte er, daß in der Entscheidungsstunde des Leidenskampfes der leibliche Tod die Erlösung aus Angst und Bangen, keine Verschärfung des Schmerzes bedeutet.