Moralische Auslegungen: „Das Erbe der Unsterblichkeit, nicht Geld soll der Mensch anstreben“; nicht Geld, sondern „die Tugend gibt dem Toten das Geleite“ (122). Kein Grund zu Nahrungssorgen für den Menschen (123); deren Ursache letzten Endes die menschliche Habsucht (124), deren Gegenmittel das Gottvertrauen (125). — Mystische Auslegungen: Die Lilien bedeuten die Engel, „die Blumen dieser Welt“ (126). Die Lilien gedeihen unabhängig von des Landmannes Mühe und der Witterung Gunst (127) nur in den (Tugend-) Gärten. Christus die Lilie des Tales (128). Schlußmahnungen und Schlußfolgerungen (129—130).
§ 122
„Da sprach einer aus der Menge: Meister, sage meinem Bruder, daß er die Erbschaft mit mir teile! Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch gesetzt?‟ Diese ganze Stelle wird eingefügt, um die Notwendigkeit darzutun, für das Bekenntnis Christi Leiden auf sich zu nehmen, sei es aus Todesverachtung, sei es aus Hoffnung auf Lohn, sei es auf die Ankündigung jener dauernden Strafe hin, der niemals Nachlaß zuteil wird. Und weil vielfach die Habsucht der Tugend ein Bein zu stellen pflegt, darum folgt, um auch diesen Übelstand zu 390 beseitigen, ein Verbot derselben, sowie ein Gleichnis. Es fragt nämlich der Herr: „Wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch gesetzt?‟ Mit Recht lehnt er, der des Göttlichen wegen herabgekommen war, irdische Händel ab und würdigt sich nicht zum Richter über Streit- und zum Schiedsrichter über Vermögenssachen herab, nachdem ihm das Gericht über die Lebendigen und die Toten und die Entscheidung über Verdienst und Mißverdienst zusteht. Nicht also die Sache, die man erbittet, sondern die Person, von der man sie fordert, ist zu berücksichtigen. Und man soll nicht glauben, den auf das Höhere gerichteten Sinn mit minder wichtigen Dingen behelligen zu sollen. Darum wird an unserer Stelle nicht mit Unrecht der Bruder, der den Sachwalter der himmlischen Güter mit vergänglichen Dingen zu belästigen begehrte, abgewiesen, zumal zwischen Brüdern nicht eine richterliche Mittelsperson, sondern die vermittelnde Liebe die Verteilung des Erbes vornehmen sollte. Überhaupt sollten die Menschen die Unsterblichkeit, nicht Geld als Erbe anstreben. Denn umsonst sammelt einer Schätze, wenn er nicht weiß, ob er sie nutznießen werde, wie jener, der, als die vollgefüllten Scheunen durch die neuen Erntefrüchte gesprengt wurden, Speicher für den überreichen Früchtevorrat herstellen ließ ohne zu wissen, für wen er einsammelte. Alles bleibt ja in der Welt zurück, was der Welt gehört; und was immer für Erben gesammelt wird, geht an uns vorüber; denn was wir nicht mit uns fortnehmen können, ist nicht unser eigen. Nur die Tugend gibt den Toten das Geleite, nur die Barmherzigkeit folgt uns, die Führerin zum Himmel und die Wegbahnerin zu dessen Wohnungen, die mit dem Ertrag aus dem vergänglichen Gelde den Verstorbenen die ewigen Wohngezelte verschafft. Also bezeugen es des Herrn Weisungen, der im Hinblick auf uns mahnte: „Machet euch Freunde mittels des ungerechten Reichtums, daß 391 sie euch aufnehmen in ihre ewigen Wohnungen!‟ Eine gute und heilsame Weisung, dazu angetan, daß sie selbst Habsüchtige bestimmen könnte, das Vergängliche mit dem Unvergänglichen, das Irdische mit dem Göttlichen zu vertauschen. Doch weil gar oftmals die Frömmigkeit durch schwaches Vertrauen unterbunden wird, und solche, die zur Hingabe ihres Vermögens bereit wären, durch die Rücksicht auf ihren Lebensunterhalt hiervon abgezogen werden, darum fügte der Herr die Mahnung hinzu:
§ 123
[Forts. v. 391 ] * „Seid nicht besorgt um das Leben, was ihr essen, noch um den Leib, womit ihr euch bekleiden sollet! Das Leben ist mehr wert als die Speise und der Leib (mehr) als die Kleidung‟*. Nichts gibt es ja, was moralisch in höherem Grade das Vertrauen, daß den Gläubigen von Gott alles gewährt werden könne, wecken würde als die Tatsache, daß jener Luftodem die Lebensgemeinschaft und im Bunde mit ihr das Zusammenleben der Seele mit dem Leibe ohne unser Zutun fort und fort erhält, und die heilsame Nahrungsaufnahme nicht aufhört, bis nicht der letzte Tag, der Sterbetag, kommt. Da nun der Leib das Kleid der Seele und die Kraft der Seele das Lebensprinzip des Leibes ist, wäre es widersinnig zu glauben, es könnte uns künftig an Lebensunterhalt gebrechen, die wir das zum Leben Nötige fort und fort empfangen.
§ 124
„Betrachtet‟, heißt es, „die Vögel des Himmels!‟ Ein erhabenes und passendes Beispiel fürwahr, dem wir vertrauensvoll folgen sollten. Denn wenn die göttliche Vorsehung den Vögeln des Himmels, die keinerlei Feldbau treiben, keinerlei ergiebigen Ernteertrag einheimsen, gleichwohl nimmer ermangelnde Nahrung darbietet, fürwahr dann scheint nur Habsucht der Grund unserer Dürftigkeit zu sein. Deshalb 392 nämlich erfreuen sich jene in Fülle des sonder Mühe dargebotenen Nahrungsgenusses, weil sie von der Anmaßung nichts wissen, die zur gemeinsamen Speise dargebotenen Früchte durch eine Art Sondereigentumsrecht in Anspruch zu nehmen; wir aber gehen der gemeinsamen Gaben damit verlustig, daß wir uns besondere zu eigen machen. Vom Eigentum kann ja überhaupt nicht die Rede sein, wo nichts von Dauer ist, noch von sicherem Wohlstand, wo der Ausgang unsicher ist. Warum willst du denn Wert legen auf ‚deinen‛ Reichtum, nachdem doch auch du den Lebensunterhalt nach Gottes Willen mit den übrigen lebenden Wesen teilen sollst? Die Vögel des Himmels maßen sich keinen Sonderbesitz an und wissen eben darum nichts von Nahrungsmangel, weil ihnen Neid gegen andere fremd ist.
§ 125
[Forts. v. 392 ] * „Betrachtet die Lilien, wie sie wachsen!‟ Und im folgenden: „Wenn nun Gott das Gras, welches heute ist und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet‟*. Treffliche und erbauliche Worte! Weil wir nach dem buchstäblichen Sinn zu unserer Leibesgröße hinzu, bezw. nach dem geistigen Sinn über das Maß unserer Größe hinaus ohne Gottes gnädiges Zutun nichts tun können, so ermunterten uns des Herrn Worte durch den Vergleich mit der Blume und dem Grase zum Vertrauen auf die Gewährung der göttlichen Barmherzigkeit. Was wäre moralisch so überzeugend? Wenn du siehst, wie selbst unvernünftige Wesen von Gottes Vorsehung derart gekleidet werden, daß es ihnen weder irgendwie an Annehmlichkeit noch an Schmuck gebricht, muß es dich nicht viel mehr noch im Glauben bestärken, daß der vernünftige Mensch, wenn er alles, was er braucht, Gott anheimgibt und nicht durch geflissentliches Schwanken das Vertrauen verletzt, nimmer in Not geraten kann, weil er mit Recht auf Gottes Huld baute?
§ 126
393 Doch, um auch noch den höheren Sinn von dem ins Auge zu fassen, so scheint es nicht umsonst zu sein, daß die Blume sei es dem Menschen verglichen, sei es sicherlich sogar in Salomo fast den Menschen vorgezogen wird. Hatte doch dieser das so hohe Verdienst, einerseits sichtbar Gott einen Tempel zu bauen, andererseits geheimnisvoll Christi Kirche vorzubilden. Darum scheint es nicht ungereimt zu sein, wenn wir in der Farbenpracht (der Blume) einen Ausdruck der Herrlichkeit der Engel des Himmels erblicken; denn sie sind wahrlich die Blumen dieser Welt, weil sie mit ihrem Lichtglanz die Welt schmücken und den Wohlgeruch der Heiligung verbreiten. Auf ihren Schutz gestützt, können wir ausrufen: „Ein Wohlgeruch Christi sind wir für Gott unter denen, die gerettet werden‟, die von keiner Sorge ab-, von keiner Mühewaltung hingehalten, die Gnade der göttlichen Freigebigkeit gegen sich und die Ausstattung ihrer himmlischen Natur wahren. Mit Recht wird daher Salomo sowohl an dieser Stelle „mit seiner Herrlichkeit bekleidet‟, wie auch an einer anderen Stelle damit „bedeckt‟ eingeführt; denn die Kraft des Geistes bedeckte gleichsam die Schwachheit seiner leiblichen Natur und die Herrlichkeit der Werke umkleidete sie. Gleichwohl aber verdienen die Engel, deren Natur, noch in höherem Grade vergöttlicht, frei von leiblicher Unbilde bleibt, selbst noch dem größten Manne gegenüber, der sich denken läßt, den Vorzug vor unserer Armseligkeit. Weil nun die Menschen kraft der Auferstehung sein werden „wie die Engel im Himmel‟, darum sollen auch wir nach dem Beispiele der Engel die Mehrung der himmlischen Glorie dem Gebote des Herrn zufolge, der sie auch ihnen verlieh, zuversichtlich erwarten, bis dieses Sterbliche vom Leben verschlungen wird; „denn dieses Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit und dieses Sterbliche anziehen die Unsterblichkeit‟.
§ 127
394 So manche auch finden, der Natur der vorliegenden Blume und der Art ihres Sprossens entsprechend, den obigen Vergleich deshalb besonders geeignet, weil die Lilien keineswegs den herkömmlichen alljährlichen Anbau vonnöten haben, und weil den emsigen Landleuten nicht wie zur Hervorbringung der übrigen Früchte so auch zur Erzeugung dieser Blume die getane Arbeit im Kreislauf sich erneut. Mag das Feld wie immer unter Dürre leiden: das zur Blume herangedeihende Pflänzchen wird durch eine Art Zeugungskraft des Saftes belebt, der aus ihm quillt und ständig in ihm bleibt. Ob man nun auch den Stengel mit den ausgewachsenen Blättern verwelken sieht, die Natur der Blume bleibt doch lebensfähig: ihr Sprossen entzieht sich nur dem Auge, geht nicht verloren. Vom kosenden Frühlingshauch geweckt, zieht sie vielmehr von neuem ihr grünes Kleid, ihre Blütenkrone, das Prachtgewand der Lilie an. ― Es mag genügen, das kurz gestreift zu haben, nachdem wir uns erinnern, anderswo ausführlicher darüber gehandelt zu haben.
§ 128
Nur das möchte ich noch gern bemerken, daß die Lilien nicht auf rauhen Bergeshöhen und in unbebauten Waldtälern, sondern in anmutigen Gärten gedeihen. Es sind gleichsam die Fruchtgärten der verschiedenen Tugenden, wie geschrieben steht: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester-Braut, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle‟. Denn wo Reinheit, wo Keuschheit, wo Frömmigkeit, wo treue Verschwiegenheit der Geheimnisse, wo der lichte Glanz der Engel herrscht, da duften die Veilchen der Bekenner, die Lilien der Jungfrauen, die Rosen der Märtyrer. Und niemand halte den Vergleich der Lilien mit den Engeln für unpassend, nachdem selbst Christus sich als Lilie bezeichnet hat mit den Worten: „Ich bin die 395 Blume des Feldes und die Lilie des Talgrundes‟. Und mit Recht ist Christus eine Lilie; denn wo Märtyrerblut fließt, da ist Christus die erhabene, makellose, schuldlose Blume: kein spitzer Dorn sticht darin, lichte Gnade ist vielmehr rings darüber ausgegossen; an den Rosen gibt es ja Dornen, weil es Martern gibt an den Märtyrern: die unverletzliche Gottheit, die leidensunfähige, birgt keinen Dorn.
§ 129
[Forts. v. 395 ] Wenn also die Lilien wie die Engel über menschliche Herrlichkeit hinaus gekleidet werden, dürfen wir auch in uns, denen der Herr durch die Gnade der Auferstehung ein engelgleiches Aussehen verheißt, die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht aufgeben.
Auch jene Frage scheint er an dieser Stelle kurz zu streifen, die auch der Apostel nicht unterließ, die Frage, welche die Völker dieser Welt stellen: „Wie stehen die Toten auf? Und mit welchem Leibe erscheinen sie?‟
§ 130
[Forts. v. 395 ] Da er nämlich spricht:* „Suchet das Reich Gottes, und dieses alles wird euch beigegeben werden‟*, zeigt er, daß es den Gläubigen weder für die Gegenwart noch für die Zukunft an Gnade fehlen wird, wenn sie nur in ihrem Verlangen nach dem Göttlichen nicht das Irdische suchen. Es wäre ja doch unschicklich, wenn Menschen, die für das Reich (Gottes) kämpfen, um die Speise sich sorgen wollten. Der König weiß, wie er seine Familie speist, nährt und kleidet. Und darum seine Mahnung: „Wirf dein Denken und Sinnen auf Gott und er wird dich erhalten!‟