Nach Matthäus der Widersacher das Gute, nach Lukas das Böse (149—152). Vom „Sichvertragen mit dem Widersacher“ (153). Die Obrigkeit Gott Vater, der Richter der Gottessohn, die Gerichtsdiener die Engel (154—155). Die Bezahlung des letzten Hellers ein mystischer Hinweis sei es auf die volle Abzahlung (Abbüßung), sei es auf die Kompensation (Nachlaß) der Sündenstrafe (156—158).
§ 149
„Während du mit deinem Widersacher zur Obrigkeit gehst, gib dir auf dem Wege Mühe von ihm frei zu werden, 408 daß er nicht deine Verurteilung vor dem Richter herbeiführe, und der Richter dich dem Gerichtsdiener übergebe, und der Gerichtsdiener dich in das Gefängnis werfe! Ich sage dir, du wirst von da nicht herauskommen, bis du auch den letzten Kreuzer bezahlt hast‟. Auch Matthäus hat das aufgenommen; doch dieser gab dem eine besondere, jener (Lukas) eine allgemeine Beziehung; ersterer nämlich glaubte, der Ausspruch betreffe die friedliche Aussöhnung feindlicher Brüder, letzterer, er beziehe sich auf die Buße und Besserung von jeglicher Sünde. Prüfen wir denn, wer der Widersacher, wer die Behörde, wer der Richter oder wer der Gerichtsdiener ist, oder was wir unter dem Kreuzer verstehen sollen, bei dessen Nichtbezahlung einer ins Gefängnis geworfen wird!
§ 150
[Forts. v. 408 ] Nach Matthäus nun ist der Gegner, mit welchem du dich so gar nicht in diesem Leben zu vertragen dich entschließen willst, einer, der beim künftigen Richter über die Toten und Lebendigen wider dich auf Grund des Verbrechens fortgesetzter Heuchelei vorgeht, das Netz der Verführungen zur Sünde ausspannt, um die Teilhaber an seiner Verirrung auch zu Teilnehmern an seiner Strafe zu haben, und daher Genossen der Schuld sucht, um die Schuldigen verräterisch der Strafe auszuliefern. Vor diesem nun sollen wir auf der Hut sein nach der Mahnung des Apostels Petrus: „Euer Widersacher, der Teufel, gleichsam ein raubgieriger und brüllender Löwe, sucht, wen er verschlinge‟.
§ 151
Nach Matthäus ist unser Widersacher jede Tugendübung und jedes Apostel- und Prophetenwort, das uns den Zügel strengerer Vorschriften und härterer Lebensregeln anlegt. Mit ihm nun sollten wir uns 409 geziemenderweise vertragen: wir sollten ihm in Werken nacheifern, daß nicht irgendwelche Widersetzlichkeit von unserer Seite als Abfall von ihm aufgedeckt werde. Nach Lukas hingegen haben wir keinen größeren Widersacher als unseren sittlichen Fall. Er wird auf Grund unseres Lebens, das uns verrät, unser Ankläger: nicht als ob der künftige Richter nach einem Anklageverfahren überhaupt fragte, sondern insofern unser Handeln eben damit, daß es der Tugendübung und den apostolischen Vorschriften entfremdet befunden wird, uns anklagt.
§ 152
[Forts. v. 409 ] Unser Widersacher ist daher jedes lasterhafte Tun, unser Widersacher ist die böse Lust, ein Widersacher ist der Geiz, ein Widersacher alles Unrechttun, ein Widersacher jeder böse Gedanke, endlich jedes schlechte Gewissen, das uns sowohl hier quält, als auch künftig anklagen und schaden wird. So bezeugt es der Apostel mit den Worten: „Indem ihnen ihr Gewissen Zeugnis gibt und die Gedanken sich untereinander anklagen oder auch verteidigen‟. Wenn nun schon das Gewissen einen jeden verrät, wieviel mehr ist unser Handeln und Wirken Gott gegenwärtig! Unserem Leibe eingedrückt, wird dasselbe am Ende der Zeit geprüft, und unserem Herzen eingeschrieben, das verborgene Denken abgelesen werden. So laßt uns denn, solange wir in diesen Lebenslauf hereingestellt sind, uns Mühe geben von ruchlosem Handeln wie von einem schlimmen Widersacher los zu werden, damit es nicht auf dem Wege, während wir mit dem Widersacher zur Behörde gehen, unsere Verirrung der Verurteilung entgegenführe!
§ 153
Darum heißt es auch nach Matthäus: „Vertrage dich mit deinem Widersacher, wenn du mit ihm auf dem Wege bist!‟ Der griechische Text aber hat den Ausdruck* ‚εὐνοῶν‛* [eunoōn], d. i. ‚wohlwollend‛. Wenn wir uns nämlich, solange wir in diesem Leben weilen, von den Banden des Teufels losmachen, wird einerseits dieser 410 unsertwegen nicht verurteilt werden, andererseits wir von dessen Banden verschont bleiben. Deshalb wird auch der 79. Psalm „für den Assyrer‟ geschrieben). Denn du nimmst schonende Rücksicht auf den Widersacher und handelst* für* jenen Assyrer, d. i. Lügner, wenn du, seiner Fallstricke ledig, ihm das Wohlwollen erweisest, daß er der Strafe für deinen Fall und Tod entgeht. Bleibst du aber in seine Bande verstrickt, wird er dich als einen Schuldigen der Obrigkeit ausliefern, ein Ankläger und Verräter zugleich.
§ 154
Wer anders ist die Obrigkeit als jener, in dessen Hand jegliche Gewalt ruht und der die Hoheit und Würde, welche die Fülle und Vollendung der Zeit offenbaren wird, sich beilegt, dem der heilige Prophet im Bewußtsein der guten Werke voll Zuversicht und sonder Furcht vor dem Widersacher mit dem Ruf entgegeneilt: „Es dürstet meine Seele nach Gott dem Lebendigen: wann werde ich hingelangen und vor dem Angesichte Gottes erscheinen?‟ Diese Obrigkeit wird den Schuldigen dem Richter ausliefern, jenem nämlich, dem sie die Gewalt über die Lebendigen und die Toten übertrug, und zwar von Natur, nicht auf Gnadenwegen übertrug; denn nicht eine Gewalt, die er nicht hatte, sondern die er bei der Zeugung aus dem Wesen des Vaters angenommen, empfing er. Diese Obrigkeit und diesen Richter zeigte dir der (Apostel), welcher dir auch den Ankläger zeigte und die Zeit seines Offenbarwerdens kundgab: „An dem Tage,‟ spricht er, 411 „an welchem Gott das Verborgene der Menschen richten wird, nach meinem Evangelium durch Jesus Christus unsern Herrn‟. Das ist also der Richter, Jesus Christus, durch welchen das Verborgene entlarvt und über ruchloses Tun Strafe verhängt wird.
§ 155
[Forts. v. 411 ] Willst du dich überzeugen, daß Christus der Richter ist, der (den Schuldigen) dem Gerichtsdiener übergibt und ins Gefängnis wirft? Frage ihn selbst, oder vielmehr lies, wie er selbst im Evangelium spricht: „Nehmt ihn und werfet ihn in die Finsternis draußen!‟ Auch seine Gerichtsdiener zeigte er an einer anderen Stelle auf, wo er spricht: „So wird es am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten absondern und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneknirschen sein‟.
§ 156
[Forts. v. 411 ] Noch erübrigt jetzt, daß wir uns über die figürliche Bedeutung des Kreuzers klar werden. In der Tat scheint mit der Nennung dieses Alltagsdinges ein Geheimnis im geistigen Sinn ausgedrückt zu sein. Denn wie nur solche ihre Schuld heimzahlen, welche das Geld zurückbezahlen, und wie der Schuldtitel nicht eher gelöscht wird, bis nicht gleichviel nach welcher Zahlungsart die ganze Schuldmasse, die Gesamtsumme bis auf den Pfennig bezahlt wird, so wird auch die Sündenstrafe nur durch die Gegenleistung der Liebe und sonstiger Akte, bezw. durch Genugtuung welcher Art immer abbezahlt.
§ 157
Nicht umsonst auch setzte der Evangelist an dieser Stelle nicht, wie anderswo, „zwei Pfennige‟, nicht „As‟, nicht „Denar‟, sondern „Kreuzer‟ 412 (Viertelas). Der Umtausch in ein Viertelas stellt nämlich eine Art Gegenleistung dar, bei welcher der eine Teilbetrag heimbezahlt, der andere als geleistet eingetragen wird. So erfolgt auch hier, sei es ein Loskauf vom Unrecht um den Preis der Liebe, sei es ein Nachlaß auf Grund der nach dem Unrecht bemessenen Strafe.
§ 158
[Forts. v. 412 ] Bekanntlich zahlt man in Bädern herkömmlich einen Kreuzer. Wie dort jeder, der ihn reicht, Gelegenheit zum Baden erhält, so hier die Möglichkeit zur Abwaschung; denn eines jeden Sünde läßt sich unter der oben bezeichneten Bedingung abwaschen, während sonst der Schuldige solange durch Strafen gepeinigt wird, bis er die Strafe für seine begangene Sünde vollständig abbüßt.
§ 159
[Forts. v. 412 ] Was aber die Galiläer anlangt, deren Blut Pilatus in deren Opfergaben mengte, so scheint dies figürlich jene zu betreffen, die unter teuflischem Zwang das Opfer nicht rein darbringen. „Ihr Gebet wird zur Sünde‟, wie von Judas geschrieben steht, dem Verräter, der während der Opferhandlungen auf den Verrat des Blutes des Herrn sann.