Mahnung zur Glaubenseinfalt (109), zur wahren Furcht (110), zum Gottvertrauen (111). Luk. 12, 6 f. auf Gottes Allwissenheit bezogen (112). Die fünf Sperlinge bei Lukas die fünf Sinne des Leibes (113), die zwei bei Matthäus der Leib und die Seele des Menschen (114—118). Der Menschensohn wesensgleich mit dem Heiligen Geist (119). ‚Menschensohn‛ und ,Heiliger Geist‛ von ein und demselben Christus verstanden (120). Die Anschuldigung, Christus treibe im Beelzebub die Teufel aus, eine Lästerung wider den Hl. Geist (121).
§ 109
[Forts. v. 383 ] * „Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Und nicht einer ist in Vergessenheit vor Gott. Aber auch die Haare eueres Hauptes sind alle gezählt. Fürchtet nicht! Ihr seid mehr wert als viele Sperlinge‟*. Diese prächtige Stelle über die Notwendigkeit der Herzenseinfalt und des Glaubenseifers flocht der Heiland ein, daß nicht nach Art jüdischer Gottlosigkeit unseres Herzens Sinnen und Trachten ein anderes sei als des Mundes heuchlerische Rede, nachdem doch am Ende der Zeit die heimlichen Gedanken anklagend oder auch verteidigend das Verborgene unseres Geistes offenbar machen werden. Denn welch größeren Ansporn zur Wahrhaftigkeit kann es für einen jeden geben als das Bewußtsein, daß Falschheit nicht verborgen bleiben könne?
§ 110
[Forts. v. 383 ] Eine zweifache Ursache kann jedoch die Gottlosigkeit haben: sie ist die Ausgeburt entweder eingewurzelter Bosheit oder zufälliger Furcht. Darum fügte er sinnig hinzu, es sei nur der Seele Straflos zu fürchten, nicht vor leiblicher Marter zu bangen ― der Tod bedeutet ja nur das Ende der Natur, keine Strafe ― es besage sonach der Tod das Aufhören der leiblichen Pein, die Strafe der Seele hingegen sei ewig; und nur allein Gott sei zu fürchten, dessen Macht die Natur nicht gebiete, sondern unterstehe, der Tod aber, den die Unsterblichkeit mit überreichem Gewinst loskaufen werde, sei nicht zu fürchten.
§ 111
Die Liebe zur Wahrhaftigkeit hatte der Herr angefacht, die Kraft des Geistes aufgerichtet: nur das 384 Vertrauen wankte noch. Trefflich nun stärkte er dasselbe, vom Geringeren ausgehend; denn wenn Gott der Sperlinge nicht vergißt, wie könnte er der Menschen vergessen? Wenn Gottes Majestät so erhaben und so ewig ist, daß seinem Wissen auch nicht einer von den Sperlingen, bezw. die Zahl unserer Haare entgeht, wie ungeziemend wäre die Annahme, daß der Herr, der das Geringfügigere kennt, die Herzen der Gläubigen sei es mißkennt, sei es mißachtet!
§ 112
[Forts. v. 384 ] Vielleicht möchte jemand einwenden: Wie konnte dann der Apostel sprechen: „Trägt Gott etwa für die Ochsen Sorge?‟ Ist doch ein Ochs wertvoller als ein Sperling. Doch Sorge und Wissen sind verschiedene Dinge. So ist ja auch ‚Zahl der Haare‛ nicht von einem Akt des Zählens, sondern von der Leichtigkeit des Wissens zu verstehen; denn Gott wendet nicht die peinliche Sorgfalt auf wie einer, der genau zählt; ihm, dem alles bekannt ist, ist vielmehr auch die Zahl von allem bekannt. Sinnig jedoch heißt es „gezählt‟; denn was wir aufbewahren wollen, zählen wir zuvor.
§ 113
Eine genauere Erwägung mag jedoch hier irgendein Geheimnis im geistigen Sinn vermuten, zumal das Obige befremdlich erscheint: Menschen wollen lieber mit Menschen als mit Sperlingen verglichen sein. Es scheinen nämlich diese fünf Sperlinge die fünf Sinne des Leibes zu bedeuten, den Tast-, Geruch-, Geschmack-, Gesicht- und Gehörsinn, die, wenn sie nach Weise der Sperlinge im schmutzigen Erdenkot herumstöbern und aus unbebauten und übelriechenden Stellen ihre Nahrung ziehen, in die Schlingen ihrer Verirrungen verstrickt werden und dann nicht mehr zum Fruchtsegen höherer Werke zurückzukehren vermögen, woran der Geist sich labt. Es ist nämlich die verführerische Genußsucht eine Art Fallstrick, welcher dem Wandel unseres Herzens gleichsam Schlingen um den Fuß legt: 385 unterbindet eine irdisch-materielle Gesinnung die feurige Kraft und Reinheit der Natur, verfeilscht sie gleichsam ihren Sklaven um den Preis irdischer Völlerei an die Lasterhaftigkeit.
§ 114
[Forts. v. 385 ] Es gibt auch gewissermaßen einen Sündenmarkt: von den Lockungen der Lüste umgarnt, werden wir entweder unter die Gewalt der Sünde verkauft, oder von der Sünde losgekauft. Christus kauft uns los, der Widersacher verkauft uns; dieser verfeilscht uns an den Tod, jener erkauft uns für das Heil. Darum setzte Matthäus zutreffend: „zwei Sperlinge‟ und bezeichnete damit den Leib und die Seele; denn auch das Fleisch schwingt sich mit geistigen Fittichen zum Himmel auf, wenn es sich für das Gesetz Gottes entscheidet und vom Gesetz der Sünde losmacht und so durch die Reinheit der Sinne in die Natur der Seele übergeht. Die Schwungkraft zum Fliegen, so werden wir also belehrt, hat uns die Natur verliehen, die Genußsucht aber genommen, welche die Seele mit der Speise des Bösen überladet und zur natürlichen Körpermasse niederzieht.
§ 115
Mit Recht bemerkte er, daß keiner von ihnen ohne den Willen Gottes herabfällt. Was nämlich fällt, nimmt die Richtung zur Erde; und was fliegt, schwingt sich zum Gipfel der Unsterblichkeit auf. Damit aber niemand im Zweifel wäre, was Matthäus damit meinte, ergänzte Lukas klar und deutlich, daß der Wille Gottes sein Wissen sei. Nicht wer immer nach dem Willen Gottes fällt, sondern wer unter der Last seiner Sünden stürzt, wird Gott nicht verborgen bleiben können; denn auch Job wird nach dem Willen Gottes geprüft. Er gab dir den Widersacher, doch er setzte auch den Lohn aus. Schütze nicht Gebrechlichkeit vor! Du trägst ja sein Bild, empfingst seinen Schutz. Auch die Überzeugung dient dir zum Heil, daß der Teufel ohne 386 die Zulassung Gottes nicht schaden kann. Du brauchst die Gewalt des Teufels nicht in höherem Grad fürchten als eine Beleidigung Gottes.
§ 116
[Forts. v. 386 ] Auch dies nun ist unzweifelhaft eine Vergleichung des Sperlings mit der Seele, wenn du gelesen: „Unsere Seele ist wie ein Sperling, dem Stricke der Jäger entronnen‟; und an einer anderen Stelle: „Wie sagt ihr zu meiner Seele: flieh wie ein Sperling auf die Berge?‟ Auch sogar der Mensch wird mit dem Sperling verglichen; denn es steht geschrieben: „Ich aber bin wie ein vereinzelter Sperling auf dem Hause‟: aus zwei Sperlingen, will das heißen, zu einem einzigen Sperling, d. i. zu einer leichtbeschwingten geistigen Substanz kraft eines harmonisch gefügten Fittichpaares geformt. So gibt es denn einen guten Sperling, der zum natürlichen Flug auszuholen vermag. Es gibt aber auch einen schlechten Sperling, der durch Verunreinigung mit Erdenschmutz das gewohnte Flugvermögen eingebüßt hat; solche Sperlinge sind jene, die man um zwei Pfennige kauft.
§ 117
An der einen Stelle sind sie um einen, an der anderen um zwei Pfennige käuflich. Welch erbärmliche Nichtswertigkeit der Sünden! Nichtig ist der Tod, kostbar dagegen die Tugend. Der Widersacher nämlich schlägt die Sklaven, die er in seiner Gewalt hat, um einen nichtigen Schätzungspreis zu; der Herr hingegen, der berufene Wertschätzer seiner Schöpfung, hat uns, gleichsam seine kostbare Dienerschaft, die er nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen, um einen großen Preis erkauft nach dem Worte des heiligen Apostels: „Ihr seid nämlich um einen hohen Preis erkauft worden‟. Und mit Recht um einen „hohen Preis‟, dessen Wert nicht in Geld, sondern in Blut liegt; denn Christus ist für uns gestorben, der uns mit seinem kostbaren Blute befreit hat. Daran erinnert auch der heilige Petrus 387 in seinem Briefe, indem er in Hinblick auf uns schreibt: „Ihr seid nicht mit vergänglichen Dingen, mit Gold oder Silber erkauft von euerem eitlen Wandel, der sich von den Vätern auf euch vererbt hatte, sondern mit dem kostbaren Blute Jesu Christi als des unbefleckten und makellosen Lammes‟. Und mit Recht „mit dem kostbaren Blute‟, weil es das Blut eines makellosen Leibes ist; weil es das Blut des Gottessohnes ist, der uns nicht bloß vom Fluche des Gesetzes, sondern auch vom ewigen Tode der Gottlosigkeit erlöst hat.
§ 118
[Forts. v. 387 ] Alles in allem also ist das der Sinn: Wenn der Herr für wertlose Vögel und ungläubige Menschen sei es mit dem Aufgang der Sonne, sei es mit der Fruchtbarkeit der Erde Vorsorge traf; wenn er allen Geschöpfen das Geschenk seiner Barmherzigkeit zuwendet, so ist nicht zu zweifeln, daß der Anblick der Verdienste der Gläubigen viel bei ihm vermag. Der Lehre aber, die er einzuschärfen hatte, gab er den prächtigen Einschlag des Glaubens, dem Glauben selbst zur Stütze der Tugenden Feste; denn wie der Glaube den Starkmut entfacht, so festigt der Starkmut den Glauben.
§ 119
„Und jedem, der ein Wort wider den Menschensohn spricht, wird vergeben werden; wer aber wider den Heiligen Geist spricht, dem wird nicht vergeben werden‟. Wir verstehen unter „Menschensohn‟ doch Christus, der vom Heiligen Geiste und aus der Jungfrau geboren wurde, weil nur eine Jungfrau seine irdische Mutter sein sollte. Ist nun deshalb der Heilige Geist größer als Christus, so daß diejenigen, welche wider Christus sündigen, Verzeihung erlangen, diejenigen, welche sich wider den Heiligen Geist verfehlen, keinen Nachlaß verdienen? Doch wo Einheit in der Macht herrscht, da kann kein Gradunterschied in 388 Frage kommen, da ist jedem Streit über die Größe der Boden entzogen; denn „groß ist der Herr und seiner Größe kann kein Ende sein‟. Wenn also die Trinität, wie wir glauben, eine Einheit darstellt, so ist doch fürwahr kein Unterschied in der Größe, wie auch kein Unterschied im Wirken besteht. Letzteres wird im folgenden gezeigt. Während nämlich anderswo gesagt ist: „Der Vater gibt euch, was ihr sprechen sollt‟, fügte er hier fortfahrend hinzu:
§ 120
„Denn der Heilige Geist wird euch in jener Stunde lehren, was zu sprechen ist‟. Wenn sonach die Wirksamkeit nur* eine* ist, ist auch die Lästerung nur* eine. Doch kehren wir zum vorliegenden Text zurück! Hier nun dünkt einigen, daß wir unter Festhaltung des Personenunterschiedes und der Wesenseinheit unter ‚Menschensohn‛ und ‚Heiligem Geist‛ ein und denselben Christus zu verstehen haben, indem der eine* Mensch und Gott Christus zugleich ein heiliger Geist ist, wie geschrieben steht: „Geist vor unserem Angesicht ist Christus der Herr‟. Und ebenso ist er heilig; denn wie der Vater Gott und der Sohn Herr ist, und der Vater Herr und der Sohn Gott ist, so ist auch der Vater heilig und der Sohn heilig und der Geist heilig. So rufen denn auch die Cherubim und Seraphim mit unermüdlicher Stimme:„Heilig, heilig, heilig‟, um mit der dreimaligen Wiederholung der Anrede die Trinität zu bezeichnen. Wenn nun Christus beides ist, welcher Unterschied wäre? Wir sollten nur wissen, daß wir die Gottheit Christi nicht leugnen dürfen. Was wird denn schließlich zur Zeit einer Verfolgung von uns verlangt als die Ableugnung der Gottheit Christi? Wer immer also Gott in Christus und Christus aus Gott und in Gott nicht bekennt, verdient keine Vergebung. Aber auch welcher Geist nur immer nicht bekennt, daß Christus im 389 Fleische gekommen ist, ist nicht aus Gott. Denn wer seine Menschheit leugnet, hat damit auch seine Gottheit verleugnet, weil Christus Gott im Menschen und Mensch in Gott ist.
§ 121
[Forts. v. 389 ] Gar manche jedoch halten daran fest, daß sie jene Lästerung für unverzeihlich halten, die in der Behauptung liegt, Christus treibe im Beelzebub, nicht kraft göttlicher Gewalt die Teufel aus.