Das heilsökonomische Verhältnis der drei Parabeln zum Vorausgehenden (207). Der Vater in diesen Parabeln Gott Vater, der Hirte der Heiland, das Weib die Kirche (208). Das verirrte Schäflein die gefallene Menschheit (209), gleichsam nur der hundertste Teil der Herde Christi, d. i. der Engelwelt (210). Die Drachme mit der Prägung der Mensch mit dem Bilde Gottes (211). Der umkehrende Sünder braucht nicht fürchten (212). Nicht das Alter, sondern die Abwendung von Gott gefährdet das Vatergut des Glaubens (213). Allegorisch-ethische Deutung der Einzelzüge der Parabel vom verlorenen Sohn (214—220). Taufe und Buße sind nicht auf das Sterbebett zu verschieben (221). Vom Weinberg des Herrn: Die ganze Weltzeit* ein* Tag, die verschiedenen Welt- und Heilsperioden dessen Stunden (222—223). Gottes Vatergüte gegen den Sünder (224). Des Sünders erstes Bekenntnis das offene Schuldbekenntnis (225) „vor dem Himmel“ (226) in Reue und Demut (227—228). Seine sittliche Auferstehung und Umkehr (229). Des himmlischen Vaters Verhalten gegen den reuigen Sünder im Lichte der Parabel (230—233). Der reuige Sohn Repräsentant der „Seienden“, bezw. der büßenden Menschheit (234), des bußfertigen Sünders (235). Der neidische, irdisch gesinnte Bruder ohne Empfänglichkeit für das Göttliche, ohne Verständnis für das Kirchliche (236—238). Die beiden Brüder vielleicht Repräsentanten des Heiden- und Judenvolkes (239— 241). Auch des letzteren Heil wünscht der himmlische Vater (242—243).
§ 207
„Wer von euch, der hundert Schafe hat, und eines davon verirrt sich, läßt 442 nicht die neunundneunzig in der Wüste und wird nicht dem einen nachgehen, das sich verirrte?‟ Im vorausgehenden hattest du Nachlässigkeit aufgeben, Hochmut meiden, Frömmigkeit dir aneignen, vom irdischen Tun und Treiben dich nicht einnehmen lassen und das Vergängliche nicht dem Ewigen vorziehen gelernt. Doch weil die menschliche Gebrechlichkeit auf dem so schlüpfrigen Pfade durch die Welt nicht festen Schritt zu wahren vermag, so zeigte dir der gute Arzt auch gegen das Fehlgehen ein Heilmittel und benahm dir der barmherzige Richter nicht die Hoffnung auf Vergebung. Nicht umsonst verzeichnete daher der heilige Lukas der Reihe nach die drei Parabeln: das Schäflein, das verloren war und gefunden wurde; die Drachme, die verloren war und gefunden wurde; der Sohn, der tot war und wieder lebendig wurde. Durch das dreifache Heil ermuntert sollten auch wir uns die Heilung unserer Wunden angelegen sein lassen; denn „ein dreifacher Strick reißt nicht‟.
§ 208
Vater, Hirte, Weib: Wer sind diese? Nicht Gott Vater, Christus und die Kirche? Christus trägt dich auf seinem Leibe, da er deine Sünden auf sich nahm; die Kirche sucht nach dir; der Vater nimmt dich auf: jener trägt dich wie ein Hirte zurück; sie sucht wie eine Mutter nach dir, er kleidet dich wie ein Vater. Das erste ist die Barmherzigkeit, das zweite die Vermittlung, das dritte die Versöhnung. Eines ergänzt das andere: der Erlöser reicht die Hand zur Rettung, die Kirche zur Vermittlung, der Schöpfer zur Versöhnung. Die Barmherzigkeit des göttlichen Wirkens ist ein und dieselbe, die Gnade je nach unseren Verdiensten verschieden. Das Schäflein wird ermattet vom Hirten zurückgerufen, die verlorene Drachme gefunden, der Sohn macht sich selbst auf den Weg, verflucht seine 443 Verirrung und kehrt voll Reue darüber zum Vater zurück. Darum das schöne Wort der Schrift: „Menschen und Tiere wirst Du erhalten, o Herr‟. Wer sind diese Tiere? Der Prophet antwortete: „Ich säe Israel als Menschensamen, Juda als Tiersamen‟. Israel wird sonach als Mensch erhalten, Juda als Schäflein aufgelesen. Nun ich will lieber Sohn denn Schäflein sein: das Schäflein wird vom Sohn aufgefunden, der Sohn vom Vater in Ehren aufgenommen.
§ 209
[Forts. v. 443 ] Freuen wir uns denn, daß jenes Schäflein, das in Adam verloren ging, in Christus aufgehoben ward! Die Schultern Christi sind die Kreuzesarme. Dort legte ich meine Sünden nieder, auf jenes Ruhekissen des hehren Kreuzesstammes legte ich mich selbst zur Ruhe nieder.* Ein* Schäflein ist es im generellen, nicht im individuellen Sinn; denn „ein Leib sind wir alle‟, doch viele Glieder, und darum das Schriftwort: „Ihr aber seid der Leib Christi und Glieder von seinen Gliedern‟. „Es kam nun der Menschensohn zu retten, was verloren war‟, d. i. alle; denn „gleichwie in Adam alle sterben, so werden alle in Christus zum Leben erweckt‟.
§ 210
Ein reicher Hirte ist es: nur der hundertste Teil seines Besitzes sind wir. Er hat an Engeln, hat an Erzengeln, Herrschaften, Gewalten, Thronen und anderen Geistern unzählige Scharen, die er auf den Bergeshöhen zurückließ. Weil vernünftige Wesen, darum freuen sie sich nicht ohne Grund über die Erlösung der Menschen. Freilich sollte einen jeden gerade auch der Glaube, daß seine Bekehrung den Engeln, deren Schutz er herbeisehnen oder deren Beleidigung er fürchten muß, Freude bereiten werde, noch mehr zur 444 Rechtschaffenheit begeistern. So mache denn auch du den Engeln Freude! Frohlocken sollen sie über deine Rückkehr!
§ 211
[Forts. v. 444 ] Nicht umsonst auch freut sich jenes Weib über die gefundene Drachme; denn nicht geringwertig ist diese Drachme mit dem Bilde des Herrschers. Das Bild des Königs bildet den Reichtum der Kirche. Schäflein sind wir: bitten wir, daß er sich würdige, uns „am Wasser der Erquickung lagern zu lassen!‟ Schäflein, sage ich, sind wir: verlangen wir nach der Weide! Drachmen sind wir: behalten wir unseren Wert! Söhne sind wir: eilen wir zum Vater!
§ 212
[Forts. v. 444 ] Wohl haben wir das Vatergut der geistlichen Würde, das wir empfangen, in irdischen Genüssen vergeudet, doch fürchten wir nicht, wenn der Vater den Schatz, den er hatte, an den Sohn hinübergegeben hat! Das Glaubensgut läßt sich nicht erschöpfen: hat er dasselbe auch ganz hinübergegeben, besitzt er es doch noch ganz; denn er verliert das nicht, was er gibt. Fürchte auch nicht, daß er dich nicht aufnehme! Denn „Gott hat keine Freude am Untergang der Lebenden‟. Bei deinem Nahen wird er dir auch schon entgegeneilen und um den Hals fallen ― denn „der Herr richtet auf den Niedergebeugten‟ ― wird dich zum Unterpfande seiner Güte und Liebe küssen und Befehl geben, Kleider, Ring und Schuhe hervorzuholen. Noch fürchtest* du* Leid, während* er* dich in deine frühere Würde einsetzt;* dir* bangt vor Strafe, während* er* den Kuß darbietet;* du* gewärtigst Vorwurf, während* er* ein glänzendes Mahl zubereiten läßt. ― Doch wir wollen nun die Parabel selbst des Näheren besprechen.
§ 213
„Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und 445 der jüngere sprach zu ihm: gib mir den Anteil am Vermögen!‟
Den Bittenden wird, wie du siehst, Gottes Erbe ausgehändigt, und du darfst es dem Vater nicht zur Schuld anrechnen, wenn er es dem jüngeren Sohne aushändigte. Für Gottes Reich gibt es kein schwaches Alter, noch einen unter der Last der Jahre wankenden Glauben. Der Sohn selbst, der die Forderung stellte, hielt sich sicherlich für tauglich hierzu. Und wäre er nur nicht vom Vater gewichen! Er hätte es nicht erfahren müssen, daß das Alter etwas Hinderliches sei, sondern erst, nachdem er „in die Fremde gezogen war‟ ― mit Recht hatte sein Abfall von der Kirche die Vergeudung des Vatergutes zur Folge ― nachdem er, wie es heißt, Vaterhaus und Vaterland verlassend* „in die Fremde in ein fernes Land gezogen war‟*.
§ 214
Was führte mehr in die (Gottes-) Ferne als ein Fortgehen aus sich selbst, ein Sichentfernen nicht in räumlicher, sondern sittlicher Beziehung? Ein Sichtrennen dem Sinnen und Trachten nach, nicht durch Länderstrecken? Ein Geschiedensein im Tun und Treiben auf Grund irdischen Schwelgens und Genießens, das wie eine heiße Zone sich dazwischen schob? Wer von Christus sich trennt, ist ein Verbannter aus dem Vaterlande, ein Weltbürger. Doch wir sind nicht „Ankömmlinge und Fremdlinge, sondern sind Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes‟: wir, die fern waren, sind nahe gebracht worden durch das Blut Christi. Seien wir nicht mißgünstig gegen jene, die aus dem fernen Lande zurückkommen! Denn auch wir lebten, wie Jesaias lehrt, im fernen Lande. Also liest man: „Denen, die im Lande des Todesschattens saßen, ist ein Licht aufgegangen‟. Das ferne Land ist also ein Land des Todesschattens; wir aber, „denen Christus der Herr Geist vor dem Angesichte ist, leben im Schatten Christi. Darum jubelt die Kirche: „In seinen Schatten 446 verlangte es mich und da sitze ich‟. Jener verpraßte in Schwelgerei die ganze herrliche Ausstattung seiner Natur. So wolle denn du, der du das Bild Gottes empfangen hast, der du sein Ebenbild trägst, es nicht unvernünftig entstellen und vernichten! Geschöpf Gottes bist du: sprich nicht zum Holze: „Mein Vater bist du‟, damit du nicht dem Holze ebenbildlich wirst! Denn es steht geschrieben: „Ihnen (den Götzen) ähnlich sollen werden, die sie machen!‟
§ 215
[Forts. v. 446 ] * „Da entstand eine Hungersnot in jenem ganzen Lande‟*, Hunger nicht nach Speise, sondern nach den guten Werken und Tugenden. Worin nun besteht das nur allzu traurige Hungerfasten? Wer das Wort Gottes verläßt, den hungert; denn „nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jeglichem Worte Gottes‟. Wer den Quell verläßt, durstet; wer den Schatz verläßt, darbt; wer die Weisheit verläßt, wird stumpfsinnig; wer die Tugend verläßt, verkommt. Mit Recht also fing jener zu darben an, der die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis und die Tiefe der himmlischen Reichtümer verließ. Zu darben und Hunger zu leiden fing er deshalb an, weil ausschweifender Genußsucht nichts genug ist. Stets leidet Hunger, wer von den steten Genüssen nimmer sich zu sättigen weiß.
§ 216
„Er ging nun hin und hing einem Bürger an‟. Wer hängt, steckt in der Schlinge. Und zwar scheint dieser Bürger der Fürst dieser Welt zu sein. Nach dessen Meierhof, den jener ankauft, der sich vom Reiche entschuldigt, weist man ihn. Und er hütet die Schweine, jene fürwahr, in welche der 447 Teufel zu fahren verlangt, die er, in Schmutz und Stank dahinlebend, jählings ins Meer dieses Lebens stürzt.
§ 217
[Forts v. 447 ] * „Und er wünschte‟, heißt es, „seinen Bauch mit den Schoten zu füllen‟*. Schlemmer nämlich kennen keine andere Sorge als ihren Bauch zu füllen: „ihr Gott ist der Bauch‟. Welche Speise aber paßte besser für solche Menschen als eine Frucht, die nach Art der Schoten innerlich gehaltlos, äußerlich weich ist; die den Leib nicht nährt, sondern nur füllt, so daß sie mehr Beschwerde denn Nutzen erzeugt.
§ 218
[Forts v. 447 ] Es gibt Autoren, welche unter den Schweinen die Herden der Dämonen, unter den Schoten die Tugendleere eitler Menschen sowie deren prahlerische Reden verstehen, die keinen Nutzen stiften können: mit dem eitlen Trug der Weltweisheit und dem lauten Beifall zu schönem Phrasengeklingel weisen sie mehr äußerliches Gepränge als irgendwelchen Nutzen auf. Doch dies kann nicht lange ergötzen, darum:
§ 219
[Forts v. 447 ] * „Niemand gab ihm davon‟*. Er war nämlich im Bereiche dessen, der niemanden besitzt, weil er keine Seienden besitzt; die Heiden gelten ja samt und sonders als ein Nichts. Gott allein aber ist es, „der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ruft wie das Seiende‟.
§ 220
„Da ging er in sich und sagte: Wie großen Überfluß an Brot haben die Taglöhner meines Vaters!‟ Passend heißt es: „er ging in sich‟, nachdem er aus sich fortgezogen war. Wer nämlich zum Herrn zurückkehrt, gibt sich sich 448 selbst zurück; wer hingegen von Christus sich entfernt, gibt sich selbst auf. Wer anders aber sind die Taglöhner als jene Lohndiener, „die aus Israel sind‟, die nicht im Interesse der Rechtschaffenheit das Gute befolgen, nicht der Tugend wegen dafür sich bestimmen lassen, sondern aus Gewinnsucht. Dagegen aber sucht das Kind (Gottes) mit dem Unterpfand des Heiligen Geistes im Herzen nicht den Bettelgroschen irdischen Gewinstes, indem es das Anrecht auf das Erbe wahrt. Es gibt auch Lohnarbeiter, die für den Weinberg gedungen werden. Ein guter Lohnarbeiter war Petrus, war Johannes, Jakobus, an welche das Wort erging: „Kommt, ich werde euch zu Menschenfischern machen‟. Sie haben Überfluß nicht an Schoten, sondern an Brot. So sammelten sie zwölf Körbe an Brotstücklein. O Herr Jesus, daß Du doch auch uns die Schoten wegnehmen und Brot geben möchtest! Du bist ja der Verwalter im Hause des Vaters. Daß Du Dich würdigen möchtest, auch uns, ob wir auch spät erscheinen, als Arbeiter zu dingen! Denn noch zur elften Stunde dingst Du solche und würdigst Dich, ihnen den gleichen Lohn auszubezahlen, den gleichen Lohn des Lebens, nicht der Herrlichkeit; denn nicht allen ist „die Krone der Gerechtigkeit‟ hinterlegt, sondern nur dem, welcher sprechen kann: „Ich habe den guten Kampf gekämpft‟.
§ 221
Ich glaubte das deshalb nicht übergehen zu sollen, weil ich weiß, daß manche sagen, sie verschöben sich Taufe und Buße auf den Tod. Erstens: wie weißt du, ob nicht schon die nächste Nacht deine Seele von dir gefordert wird? Sodann: warum wolltest du glauben, daß dir alles müßig in den Schoß gegeben werden kann? Nimm immerhin nur* eine* Gnade,* einen* Arbeitslohn an: verschieden davon ist doch der Siegespreis, um den sich Paulus nicht umsonst bemühte. Auch nach Empfang des Gnadenlohnes holte er gleichwohl 449 noch nach dem Siegespreis aus, ihn zu erlangen; denn er wußte: ist auch der Gnadenlohn der gleiche, fällt doch die Siegespalme nur wenigen zu.
§ 222
Weil wir nun einmal in den Weinberg des Herrn gelangt sind, wollen wir nicht mit leeren Händen daraus zurückkehren. Einladend ist’s eine Frucht zu pflücken, seine Arbeiter zu schauen. Was anders denn will es heißen, wenn die Arbeiter an* einem* Tage zu verschiedenen Stunden gedungen werden, als daß „tausend Jahre in den Augen des Herrn wie der Tag von gestern sind, der vorüber ist, und wie eine Stunde der Nacht‟? Welche andere Nacht wäre gemeint als jene, „die vorschritt, so daß der Tag sich nahte‟? Und zutreffend: „eine Stunde in der Nacht‟. Denn „tausend Jahre sind wie* ein* Tag‟. Die Bedeutung dieses Tages kannte jener, der beteuerte: „Jesus Christus gestern und heute: er ist auch in Ewigkeit‟. Auch jener, der schrieb: „Dies ist der Entstehungstag des Himmels und der Erde, da sie geschaffen wurden: an diesem Tag schuf Gott den Himmel und die Erde und alles Grün des Feldes‟, wußte es, daß ‚Tag‛ einen vielfachen Sinn haben kann. Nachdem er nämlich im vorausgehenden näherhin von sieben Tagen gehandelt hatte, hebt er im folgenden zusammenfassend hervor, es sei alles an* einem* Tag geschaffen worden, und zeigte damit, daß die ganze Weltzeit vor Gott gleichsam nur* ein* Tag sei, insofern die Gestalt dieser Welt kraft des Aufleuchtens des göttlichen Schöpfungsaktes aus dem Ungestalteten und Finsteren hervorgegangen sei. Wenn nun der Tag die ganze Weltzeit bedeutet, so hat er auch innerhalb der Weltperioden seine Stunden, bezw. die Weltperioden selbst sind die Stunden. Die Stunden des Tages aber sind zwölf. Darum ist mit Recht im mystischen Sinn Christus der Tag, dessen Apostel zwölf sind, die kraft des himmlischen Lichtes aufleuchteten, 450 nachdem sie die verschiedenen Gnadenämter zugeteilt erhalten hatten.
§ 223
[Forts. v. 450 ] Es erschien nun der Hausvater und dingte zur ersten Stunde Arbeiter ― vielleicht jene, welche vom Anfang der Welt bis zur Sintflut das Verdienst hatten gerecht zu sein. Von ihnen nämlich sagt er: „Und ich redete zu euch vor dem (Tages-) Lichte und sandte zu euch meine Diener, die Propheten, vor dem Lichte‟. Die dritte Stunde beginnt nach der Sintflut und umfaßt die Zeiten Noes und der übrigen (Gerechten), die als gute Arbeiter in den Weinberg abgeordnet werden. Darum wurde Noe gleichsam noch beim Frühstück berauscht. Die Einteilung der sechsten und der übrigen Stunden knüpft sich an die Verdienste der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob. Zur neunten Stunde, da die Welt bereits dem Niedergang zuneigte und das Licht der Tugend mehr und mehr erblaßte, brandmarkten Gesetz und Propheten die entarteten Sitten der Menschen. Die elfte Stunde und den Rest des Tages leitet die Ankunft (Christi) ein. Darum mahnt er selbst im Evangelium: „Wandelt, solange ihr das Licht habt!‟
§ 224
Doch laßt uns nun zum Vater zurückkehren! Wenn ich auch nicht besorge, daß wir nach dem Beispiel des bußfertigen Sohnes anscheinend lange abwesend waren ― wir waren ja niemals abwesend, die wir im Weinberge weilten, wie auch jener, wenn er darin geblieben, nicht von des Vaters Seite abgeirrt wäre ― so haben wir doch darauf zu achten, daß wir nicht dessen Aussöhnung verzögern, wie es auch der Vater nicht tat: Er ist gern zur Versöhnung bereit, wenn er inständig darum gebeten wird. Lernen wir denn, wie 451 das Gebet beschaffen sein muß, mit welchem man dem Vater nahen muß. „Vater‟, spricht er: wie barmherzig, wie gnädig muß er sein, der, selbst beleidigt, es nicht verschmäht, auf diesen Namen zu hören!
§ 225
[Forts. v. 451 ] * „Vater, spricht er, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor Dir‟*.
Das ist das erste Bekenntnis vor dem Schöpfer der Natur, dem Herrn der Barmherzigkeit, dem Richter über die Schuld. Ist auch Gott allwissend, so wartet er doch auf die Stimme deines Bekenntnisses; denn „mit dem Munde geschieht das Bekenntnis zum Heile‟. Jeder nämlich, der sich selbst diese Last auferlegt, legt die Sündenlast ab; und wer durch die Selbstanklage dem Kläger zuvorkommt, beugt mißgünstiger Anklage vor; denn „der Gerechte ist zu Beginn der Rede sein eigener Ankläger‟. Umsonst aber wäre deine Absicht, dem etwas zu verheimlichen, den du nimmer täuschen würdest, und sonder Gefahr magst du ein offenes Geständnis deiner ohnehin, wie du weißt, notorischen Schuld ablegen. Bekenne vielmehr, auf daß Christus für dich vermittle, den wir „zum Anwalt haben beim Vater‟, die Kirche mit ihrer Fürbitte, das Volk mit seinen Tränen für dich eintrete! Und fürchte nicht, daß du nicht Erhörung findest! Der Anwalt verbürgt die Vergebung, der Schutzherr die Gnade, der Lehrer der Vatergüte (Gottes) versichert dich der Versöhnung. Glaube, denn er ist die Wahrheit! Verlaß dich ruhig darauf, denn er ist die Kraft! Er hat Grund zur Vermittlung für dich, damit sein Sterben für dich nicht umsonst sei. Auch der Vater hat Grund zur Verzeihung, weil, was der Sohn will, auch der Vater will.
§ 226
„Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir.‟ Nicht von einem Element fürwahr ist die Rede, sondern es wird aufgezeigt, wie durch die Sünde in der Seele die himmlischen Gaben des Geistes vermindert 452 werden, bezw. wie man sich vom Mutterschoß jenes Jerusalem, das im Himmel ist, nicht entfernen soll.
§ 227
[Forts. v. 452 ] * „Ich bin nicht mehr wert, Dein Sohn zu heißen‟*. Ein Tiefgesunkener darf sich nicht selbst erheben, damit er in Anbetracht des Verdienstes seiner Demut aufgerichtet werden kann.
§ 228
[Forts. v. 452 ] * „Halt mich wie einen Deiner Taglöhner!‟* Er weiß, daß ein Unterschied ist zwischen Kind, Freund, Taglöhner und Knecht: Kind durch die Taufe, Freund durch die Tugend, Taglöhner durch die Arbeit, Knecht durch die Furcht. Doch es werden auch aus Knechten und Taglöhnern Freunde; denn so steht geschrieben: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Nicht mehr Knechte nenne ich euch nunmehr‟.
§ 229
[Forts. v. 452 ] So sprach er bei sich. Doch es genügt nicht, ‚Vater‛ zu sagen, wenn man nicht zu ihm geht. Wo magst du ihn suchen, wo finden? Zunächst „erheb dich!‟ Dich meine ich, der du vordem saßest und schliefest. Daher des Apostels Mahnung: „Erheb dich, der du schläfst, und steh auf von den Toten!‟ Die Sünde drückt wie Bleigewicht. Doch auch an Moses ergeht das Wort: „Du aber steh hier!‟ Solche, die standen, erwählte Christus. Steh denn auf, eile zur Kirche! Hier weilt der Vater, hier weilt der Sohn, hier weilt der Heilige Geist.
§ 230
Da kommt dir der Vater entgegen, der dich heimlich im Geiste überlegen und sprechen hörte. Und schon von ferne sieht er dich und eilt herbei: er sieht sich in deinem Herzen um, eilt herbei, daß niemand dir wehre, daß niemand ihn hindere, und schließt dich 453 desgleichen in seine Arme. Im Entgegeneilen verrät sich sein Vorauswissen, in der Umarmung seine Milde und gleichsam der Affekt seiner Vaterliebe. Um den Hals fällt er ihm, um den am Boden Liegenden aufzuheben, den von Sündenlast Beschwerten und zum Irdischen Niedergebeugten wiederum gen Himmel emporzurichten, woselbst er seinen Schöpfer suchen soll. Um den Hals fällt dir Christus, um deinen Nacken vom Joch der Knechtschaft zu befreien und deinem Hals ein süßes Joch aufzulegen. Dünkt dir nicht, daß er dem Johannes um den Hals gefallen ist, als der zu Tische liegende Johannes den Nacken zurückbeugte und im Schoße Jesu ruhte? Eben darum schaute er das Wort bei Gott, weil er zur Höhe sich emporrichtete. Um den Hals fällt (uns der Herr), wenn er spricht: „Kommt zu mir, die ihr mühselig seid, und ich werde euch erquicken! Nehmt mein Joch auf euch!‟ In dieser Weise nun fällt er dir (um den Hals), wenn du dich bekehrst.
§ 231
Und er befiehlt, Gewand, Ring und Schuhe hervorzuholen. Das Gewand ist das Kleid der Weisheit, mit welchem die Apostel die Blöße des Leibes bedeckten; denn damit sollte jeder sich einhüllen. Aus dem Grund empfangen sie das Gewand, damit sie die Schwachheit des Leibes mit der Kraft der geistigen Weisheit kleideten; denn von der Weisheit ward gesprochen: „Sie wird in Wein waschen ihr Kleid‟. Es bedeutet sonach das Gewand eine geistige Hülle, das „hochzeitliche Kleid‟. Was anders bedeutet der Ring als das Siegel des unverfälschten Glaubens und den Stempel der Wahrheit? Der Schuh aber sinnbildet die Predigt des Evangeliums. So empfing denn jener den ersten Grad der Weisheit ― es gibt nämlich noch eine andere, die kein Geheimnis kennt ― empfing das Siegel ihrer Worte und Werke und ein gewisses Schutzmittel für rechte Absicht und guten Wandel, daß er 454 nirgends seinen Fuß an einen Stein stoße und, vom Teufel überlistet, die Pflicht der Verkündigung des Herrn versäume. Darin besteht die „Bereitschaft des Evangeliums‟: sie führt die Bereitstehenden zum Wandel im Himmel, daß wir nicht im Fleische wandeln, sondern im Geiste.
§ 232
[Forts. v. 454 ] Auch ein gemästetes Kalb wird geschlachtet. Das von geistiger Kraft strotzende Fleisch Christi soll seine Speise sein, nachdem er durch die Sakramentsgnade wiederum in die Gemeinschaft der Mysterien aufgenommen wurde. Niemand nämlich, außer wer Gott fürchtet ― das ist ja der Anfang der Weisheit ― außer wer die Geistesbesieglung sei es wahrt, sei es empfängt, außer wer den Herrn verkündigt, darf sich an den himmlischen Mysterien beteiligen. Wer aber den Ring hat, der hat sowohl den Vater wie den Sohn und den Heiligen Geist; denn Gott, dessen Bild Christus ist, drückte das Siegel auf und gab als Unterpfand den Geist in unsere Herzen. Wir sollten wissen, daß gerade dies das Siegel dieses Ringes ist, der uns an die Hand gesteckt wird, (das Siegel,) mit welchem das Innere des Herzens und die Dienste unseres Handelns besiegelt werden. Besiegelt also wurden wir; so lesen wir’s auch: „Gläubig geworden‟, heißt es, „seid ihr besiegelt worden mit dem Heiligen Geist‟. Passend aber redet der Sohn (Gottes) vom Fleische des Kalbes ― denn das ist das priesterliche Opfertier, das für die Sünden dargebracht wurde ―
§ 233
und vom Vater, der Mahlzeit hält. Er wollte damit zeigen, wie unser Heil des Vaters Speise, die Erlösung von unseren Sünden des Vaters Freude ist. Und zwar ist hier, wenn man es auf den Vater bezieht, 455 weil der Sohn das Sündenopfer ist, der Vater erfreut über die Rückkehr des Sünders; oben freut sich der Sohn über das gefundene Schäflein. Ein und dieselbe Freude, das solltest du hieraus erkennen, beseelt den Vater und den Sohn, ein und dieselbe Macht ruht im Fundament der Kirche.
§ 234
[Forts. v. 455 ] Des Vaters Freude aber besteht darin,* „daß der Sohn verloren war und gefunden wurde, tot war und wieder lebendig wurde‟. Ein Seiender ging verloren; denn wäre er kein Seiender gewesen, hätte er nicht verloren gehen können. Die Heiden erfreuen sich des Seins nicht; der Christ hat es gemäß dem oben Gesagten, wonach „Gott das Nichtseiende erwählt hat, um das Seiende zunichte zu machen‟. Doch kann auch an unserer Stelle unter dem einen* bildlich das Menschengeschlecht verstanden werden: Adam hatte das Sein und in ihm hatten wir es alle; Adam verfiel dem Verderben und in ihm verfielen wir alle dem Verderben. So wird denn der Mensch in jenem Menschen, der dem Verderben verfallen war, wieder hergestellt, jener nach dem Bilde und Gleichnisse Gottes geschaffene Mensch durch Gottes Geduld und Großmut wieder geheilt. Was bedeutet also: „Das Nichtseiende hat Gott erwählt, um das Seiende zunichte zu machen‟? Es heißt: das Volk der Heiden, das kein Sein hatte, hat er erwählt, um das Volk der Juden zunichte zu machen.
§ 235
Es könnte dies augenscheinlich auch vom Bußfertigen gesagt sein; denn keiner stirbt, der nicht einmal am Leben war. Die Heiden sind eben darum nicht Sterbende, sondern Tote; denn wer nicht an Christus glaubt, ist stets tot. Die Heiden werden zwar, wenn sie 456 glauben, durch die Gnade lebendig, der gefallene Sünder hingegen wird durch die Buße wieder lebendig.
§ 236
[Forts. v. 456 ] Nun folgt die Stelle, wonach wir uns zur Vergebung der Sünden nach bekundeter Reue geneigt zeigen sollen, damit wir nicht, während wir einem anderen die Verzeihung gehässig vorenthalten, uns selbst derselben von seiten des Herrn unwürdig erweisen. Wer bist du denn, daß du Gott das Recht bestreitest nur, wem er will, die Schuld nachzulassen, da auch du nur, wem du willst, Verzeihung gewährst? Er will gebeten, will angefleht werden. Wenn alle ein Recht auf Verzeihung haben, wo bleibt Gottes Gnade? Wer bist du, daß du wider Gott eiferst?
§ 237
[Forts. v. 456 ] Darum eben wird an unserer Stelle der Bruder in der Weise gebrandmarkt, daß es heißt, er komme vom Meierhof, d. i. von der Beschäftigung mit irdischen Werken, in Unwissenheit über das, was des Geistes Gottes ist, so daß er sich schließlich beschwert, daß nie auch nur ein Böcklein für ihn geschlachtet worden sei. Nicht für den Neid nämlich, sondern für die Sündenvergebung wurde das Opferlamm der Welt dargebracht. Der Neidische verlangt einen Bock, der Unschuldige wünscht das Opfer eines Lammes für sich. Darum wird ersterer auch „der ältere‟ genannt, insofern einer durch Neid schnell altert. Darum ferner steht er draußen, insofern die Böswilligkeit des scheelsüchtigen Herzens ihn ausschließt. Darum vermag er den Tanz und die Musik nicht zu hören: ich meine nicht jene verführerischen Tänze, welche die Lüsternheit in den Theatern vorführt, nicht jene rauschenden Klänge, die an den Höfen erschallen, sondern die Harmonie, welche das gleichgesinnte Volk eint, das über die Rettung eines Sünders den süßen Wohlklang der Freude jubelt.
§ 238
457 Stellt mir einen von jenen Selbstgerechten hin, die den Balken im eigenen Auge nicht sehen und den Splitter fremder Unvollkommenheit nicht ertragen können! Wie ist er ungehalten, wenn einem, der seine Sünden bekennt und schon lange unter Tränen um die Lossprechung bittet, Verzeihung gewährt wird! Wie vermögen seine Ohren die geistige Symphonie des Volkes nicht zu ertragen? Das nämlich ist die Symphonie, wenn in der Kirche die verschiedenen Alters- und Tugendklassen gleich verschiedenen Saiten wie aus einem Mund harmonisch das Psalmenresponsorium singen, das Amen rufen. Das ist die Symphonie, die auch Paulus kannte; darum sein Wort: „Psalmen singen will ich mit dem Geiste, Psalmen singen auch mit dem Verstande‟. ― Dies die Bemerkungen, die nach unserem Dafürhalten zur vorliegenden Parabel zu machen waren.
§ 239
[Forts. v. 457 ] Wir haben nichts dagegen, wenn einer jene beiden Brüder in der Weise auf das zweifache Volk bezieht, daß der jüngere das Volk aus der Heidenwelt bedeutet, gleichsam Israel, dem der ältere Bruder das Gut des Vatersegens mißgönnte. Dies nun taten die Juden, als sie sich darüber aufhielten, daß Christus mit den Heiden esse; sie verlangten darum nach einem Bock, einem Opfermahl üblen Geruches. Der Jude verlangt nach dem Bock, der Christ nach dem Lamm. Für ersteren wird darum ein Barabbas losgelöst, für uns das Lamm geopfert. Bei ihnen herrscht der üble Geruch der Missetaten, bei uns Sündenvergebung, süß in der Hoffnung, köstlich in der Frucht. Wer nach dem Bock verlangt, der erwartet einen Antichrist; denn Christus ist ein Opfer des Wohlgeruches.
§ 240
Der Juden Bocksklage scheint sich auch darum zu drehen, daß sie den alten Opferritus einbüßten, bezw. daß ihnen keines (Retters) Blut fromme, wie 458 Christi Blut der Kirche; denn auch das Blut der Propheten konnte sie nicht erlösen. Unverschämt aber und jenem Pharisäer gleich, der sich selbst in seinem anmaßenden Gebete als gerecht hinstellte und glaubte, nie ein Gebot Gottes übertreten zu haben, weil er den Gesetzesbuchstaben beobachtete, war der Ruchlose, der den Bruder anklagte, das väterliche Vermögen mit Dirnen vergeudet zu haben, da er doch hätte beachten sollen, wie ihm selbst das Wort galt: „Die Buhlerinnen und Zöllner kommen vor euch in das Himmelreich‟.
§ 241
[Forts. v. 458 ] Draußen aber steht er, und es wird ihm der Eintritt nicht verwehrt; doch in seiner Unwissenheit über den Willen Gottes in Sachen der Berufung der Heiden tritt er nicht ein. Er ist eben aus einem Kind bereits ein Knecht geworden; denn „der Knecht weiß nicht, was der Herr tut‟. Sobald er nun davon erfährt, erfaßt ihn Neid und Schmerz über die Güter der Kirche und ― er steht draußen: von außen hört Isreal den Reigen und Gesang und ist ergrimmt, weil hier des Volkes liebliche Weise und der Gläubigen gemeinsamer Jubelsang harmonisch erklingt.
§ 242
[Forts. v. 458 ] Doch der gütige Vater wünschte auch sein Heil und sprach:* „Du warst immer bei mir‟*, sei es als Jude in meinem Gesetze, sei es als Gerechter in meiner Gemeinschaft ― aber auch: wenn du deine Mißgunst aufgibst.
§ 243
[Forts. v. 458 ] * „Und all das Meinige ist dein‟*, sei es insofern du als Jude die Mysterien des Alten, sei es als Getaufter auch die des Neuen Bundes besitzest.