Wer Christus nicht kennt, kennt auch das Gesetz nicht (69—70). Die Geschichte Jerichos (71—72). Jericho Typus der Welt; der unter die Räuber Gefallene der gefallene Adam; die Räuber die Teufel (73). Der barmherzige Samaritan Christus, durch seine Menschwerdung und Erlösung unser Nächster, unser Heiland. Mystische Deutung der Einzelhandlungen des Samaritans und der Einzelmomente der Erzählung überhaupt (74—84).
§ 69
Daran schließt er die Perikope, durch welche jene, welche sich für die Gesetzeskundigen halten, welche sich an den Buchstaben des Gesetzes klammern, als Ignoranten entlarvt werden, die den Sinn des Gesetzes nicht kennen. Schon aus dem ersten Hauptstück des Gesetzes überführt er sie der Gesetzesunkenntnis, indem er nachweist, wie das Gesetz sogleich am Anfang sowohl 363 den Vater wie den Sohn verkündete, ebenso das Geheimnis der Menschwerdung des Herrn bezeugte, indem es forderte: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben‟; ferner: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‟.
§ 70
[Forts. v. 363 ] Daher des Herrn Mahnung an den Gesetzesgelehrten: „Dies tu, so wirst du leben!‟ Doch dieser, der seinen Nächsten nicht kannte, weil er Christus nicht glaubte, erwiderte: „Wer ist mein Nächster?‟ So kennt also, wer Christus nicht kennt, auch das Gesetz nicht. Wie könnte er denn das Gesetz kennen, nachdem er die Wahrheit nicht kennt? Nachdem das Gesetz die Wahrheit ankündigt?
§ 71
[Forts. v. 363 ] * „Es ging ein Mensch aus Jerusalem nach Jericho hinab‟*. Um die uns vorliegende Stelle verständlicher besprechen zu können, wollen wir uns die alte Geschichte der Stadt Jericho ins Gedächtnis zurückrufen. Wir erinnern uns, daß Jericho, wie wir im Buche Jesu Nave (Josue) lesen, eine große, von Mauerwänden umschlossene Stadt war, gegen Eisen gefeit, dem Sturmbock unzugänglich; daß in ihr Rachab gewohnt hat, welche die Kundschafter, die Jesus (Josue) abordnete, gastlich aufnahm, mit klugem Rat rüstete, den Bürgern auf ihre Frage erwiderte, sie seien abgezogen, dieselben auf dem Dache verbarg und, um sich und die Ihrigen womöglich bei der Zerstörung der Stadt zu retten, die Scharlachbinde ans Fenster band; daß aber die uneinnehmbaren Mauern der Stadt selbst auf den Klang der sieben Trompeten der Priester und das darein sich mengende Geschrei des jubelnden Volkes zusammengestürzt sind.
§ 72
Sehet, wie jedes sich an den ihm obliegenden Dienst hält: der Kundschafter an den Wachdienst, die 364 Hure an das Verheimlichen, der Sieger an das Treuwort, der Priester an den religiösen Dienst: erstere setzen ihren Ruhm darein, keine Gefahr zu fürchten; jene (Hure) verrät die aufgenommenen (Kundschafter) selbst auf ihre Gefahr hin nicht; dieser (Sieger), auf die Einlösung des Treuwortes mehr denn auf den Sieg bedacht, ordnet noch vor der Zerstörung der Stadt die Rettung der Hure an; die Abzeichen der Religion aber sind die Waffen des Priesters. Und wem dünkte nicht die Tatsache wundervoll, daß von der ganzen Stadt niemand gerettet wurde, außer wen die Hure befreite?
§ 73
Das nun ist die einfache geschichtliche Wahrheit. Faßt man sie von einem höheren Gesichtspunkt ins Auge, deutet sie wunderbare Geheimnisse an. Jericho nämlich ist ein Bild dieser Welt, auf welche der vom Paradiese, d. i. von jenem himmlischen Jerusalem verstoßene Adam infolge des Sündenfalles herabkam: von der Lebenshöhe zur Tiefe sinkend, indem nicht die örtliche, sondern die sittliche Veränderung zur Verbannung seiner Natur führte. Weit verschieden nämlich von jenem Adam, der ungestörter Seligkeit sich erfreute, fiel er, sobald er sich in das Sündenelend der Welt verirrt hatte, unter die Räuber; und er würde nicht darunter gefallen sein, hätte er nicht den Weg des himmlischen Gebotes verlassen und in ihre Gewalt sich begeben. Wer anders nun sind diese Räuber als die Engel der Nacht und der Finsternis, die wohl manchmal die Gestalt von Engeln des Lichtes annehmen, doch nicht ständig es vermögen? Diese rauben uns erst das Kleid der geistlichen Gnade, das wir empfangen, und pflegen uns so Wunden zu schlagen; denn wenn wir das Kleid, das wir angezogen, unbefleckt wahren, sind wir den Verletzungen von seiten der Räuber unzugänglich. Sei also auf der Hut, daß du nicht zuvor entblößt werdest, wie Adam, von der Beobachtung des himmlischen Gebotes abgewendet und des Glaubenskleides beraubt, 365 erst entblößt ward und so die Todeswunde empfing, an der das ganze Menschengeschlecht zugrunde gegangen wäre, würde nicht jener Samaritan, der herabkam, dessen herbe Wunden geheilt haben.
§ 74
[Forts. v. 365 ] Kein gewöhnlicher Mensch ist dieser Samaritan, der an jenem, an welchem der Priester, an welchem der Levit verächtlich vorübergegangen war, nicht auch seinerseits verächtlich vorüberging. Denk deshalb, weil der Name eine Sekte bezeichnet, nicht verächtlich von ihm! Denn nach der Bedeutung des Wortes wirst du ihm Bewunderung zollen. Das Wort ‚Samaritan‛ bedeutet nämlich ‚Wächter‛. Das stellt die Deutung fest. Wer anders wäre der Wächter als jener, von dem gesprochen ward: „Der Herr bewacht die Kleinen‟? Wie ein Unterschied besteht zwischen dem Juden dem Buchstaben nach und dem im Geiste, so ist auch der Samaritan, der es äußerlich ist, verschieden von dem, der es im Verborgenen ist. Er nun war der Samaritan, der herabkam ― wer ist es, der „vom Himmel herabkam, als der zum Himmel aufstieg, der Menschensohn, der im Himmel ist‟? ― und der den Halbtoten erblickte, den niemand vordem zu heilen vermochte, wie niemand jene blutflüsssige Frau, die ihr ganzes Vermögen für die ärztliche Behandlung aufgewendet hatte. ― ‟Und er trat zu ihm hin‟, d. i. er wurde durch die Annahme unserer leidensfähigen Natur sein Nächster, durch das Erbarmen, das er ihm erwies, sein Bruder.
§ 75
„Und er goß Öl und Wein in seine Wunden und verband sie‟. Über viele Heilmittel verfügt dieser Arzt, womit er zu heilen pflegt. Schon sein Wort ist ein Heilmittel. Das eine Wort von ihm verbindet die Wunden, ein anderes heilt sie mit Öl, wieder ein anderes gießt Wein in dieselben: es bindet die 366 Wunden mit strengem Gebot, heilt sie durch Sündennachlaß, begießt sie durch die Androhung des Gerichtes mit Reuetränen wie mit Wein.
§ 76
[Forts. v. 366 ] * „Und er setzte ihn‟, heißt es, „auf sein Lasttier‟*. Vernimm, wie er dich darauf setzt! „Dieser ladet unsere Sünden auf sich und trägt unseren Schmerz‟. Auch der Hirte legte das ermattete Schaf auf seine Schulter. Der Mensch wurde nämlich dem Tiere ähnlich. So setzte er uns denn auf sein Lasttier, daß wir nicht mehr wie Pferd und Maultier seien, daß er durch Annahme unseres Leibes die Schwachheiten unseres Fleisches tilge.
§ 77
[Forts. v. 366 ] Endlich führte er uns, die wir Tiere waren,* „in die Stallherberge‟*; die Stallherberge aber ist es, wohin die vom langen Wandern Ermüdeten den Schritt lenken. In die Stallherberge nun führte uns der Herr, „der vom Staube aufrichtet die Geringen und aus dem Kote erhebt den Armen‟.
§ 78
[Forts. v. 366 ] Und* „er trug Sorge‟*, daß der Kranke genau sich an die Weisungen hielt, die er empfangen hatte. Doch blieb unserem Sarmaritan nicht Zeit zu langem Weilen auf Erden: er mußte dahin zurückkehren, von wo er herabgekommen war.
§ 79
[Forts. v. 366 ] * Des anderen Tags nun* ― wer ist dieser „andere Tag‟ als vielleicht der Auferstehungstag des Herrn, von dem gesprochen ward: „Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat‟? ― zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Wirte und sprach: Trag Sorge für ihn!
§ 80
Welches nun sind diese zwei Denare, wenn nicht vielleicht die zwei Testamente, die das Bild des ewigen 367 Königs in ihrer Prägung tragen? Mit deren Preis unsere Wunden geheilt werden? Denn wir sind erlöst worden mit dem Preise des Blutes, um dem Unheil des letzten Todes zu entgehen.
§ 81
[Forts. v. 367 ] Diese zwei Denare nun erhielt der Wirt, obschon man darunter nicht unpassend auch unsere viergestaltigen (Evangelien-) Schriften verstehen kann. Welcher Wirt? Jener vielleicht, der beteuerte: „Und ich erachte das für Kot, damit ich Christus gewinne‟, um auf diese Weise Sorge tragen zu können für den verwundeten Menschen. Jener ist der Wirt, der versicherte: „Christus hat mich gesendet, das Evangelium zu verkündigen‟. Jene sind Wirte, an welche der Auftrag erging: „Gehet hin über den ganzen Erdkreis und prediget das Evangelium allen Geschöpfen! Und wer glaubt und sich taufen läßt, der wird das Heil erlangen‟, Heil zumal vom Tode, Heil von der Wunde, die ihm von den Räubern geschlagen wurde.
§ 82
Selig der Wirt, der des Nächsten Wunden heilen kann! Selig der, zu dem Jesus spricht:* „Was immer du noch darüber aufwendest, will ich dir bei meiner Rückkehr heimbezahlen!‟* Ein guter Wirtschafter, der sogar „noch darüber aufwendet‟! Ein guter Wirtschafter Paulus, dessen Reden und Briefe gleichsam das Maß, das er empfangen, noch überboten! Den in bestimmtem Maße überkommenen Auftrag des Herrn brachte er fast in maßloser geistiger wie leiblicher Arbeit zur Vollführung, so daß er gar viele durch die geistliche Rede, die er reichte, von schwerer Krankheit heilte: ein guter Stallwart jener Stallung, worin „der Esel die Krippe seines Herrn kennt‟, und worin die Lämmerherden eingefriedet sind, daß die reißenden Wölfe, welche um 368 die Umfriedungen heulen, nicht leicht in die Hürdenräume einbrechen können.
§ 83
[Forts. v. 368 ] Er verpflichtet sich, daß er ihn entlohnen werde. Wann, Herr, wirst Du zurückkehren, wenn nicht am Tage des Gerichtes? Denn wenn Du auch immer und überall bist und, unsichtbar für uns, in unserer Mitte stehst, wird doch der Zeitpunkt kommen, da alles Fleisch Dich wiederkehren sieht. Da wirst Du nun vergelten, was Du schuldest. Selig die, welche Gott zum Schuldner haben! O daß auch wir zahlungsfähige Schuldner wären! Daß wir ausbezahlen könnten, was wir empfangen, und das Priester- oder Dieneramt uns nicht hochmütig machte! Wie wirst Du vergelten, Herr Jesus? Wohl lautet Deine Verheißung, der Lohn für die Guten ist groß im Himmel; doch auch mit den Worten willst Du Vergeltung üben: „Wohlan, du guter Knecht, weil du über Weniges getreu gewesen, will ich dich über Vieles setzen: geh ein in die Freude deines Herrn!‟
§ 84
[Forts. v. 368 ] Weil uns nun niemand näher steht als der, welcher unsere Wunden heilte, so laßt uns ihn lieben als den Herrn, lieben auch als den Nächsten! Denn nichts steht sich so, wie das Haupt den Gliedern, am nächsten. Laßt uns auch jenen lieben, der ein Nachahmer Christi ist! Laßt uns jenen lieben, der schon wegen der Leibeseinheit mit der Not des Nächsten Mitleid empfindet! Nicht das Blut nämlich, sondern das Erbarmen schafft den Nächsten. Das Erbarmen ist naturgemäß; denn nichts ist so naturgemäß als gegen den, der die Natur mit uns teilt, hilfreich sein.