Eine Lieblingsparabel des Herrn (160). Der blätterstrotzende Baum (161), der statt Blüten die abfallende Frühfeige treibt (162), Bild der Synagoge. Die Apostel Frühfeigen, die zur Vollreife gelangten (163). Das deckende Feigenblatt der Stammeltern und seine symbolische Bedeutung (164—165). Der Besitzer des Feigenbaumes (Christus). Seine aus Gnadenerweisungen erkennbare Ankunft (166). Des Gärtners (Petrus) Fürbitte (167). Grund der Unfruchtbarkeit der Synagoge: Verstockung und Hochmut. „Der Korb Dünger“ (168). Eine Fruchtbarkeit der Synagoge möglich (169) und von der Taufe bedingt (170). Anwendung der Parabel auf uns (171). Der Feigenbaum als Bild der Ruchlosigkeit überhaupt: eine weniger korrekte Annahme (172).
§ 160
[Forts. v. 413 ] * „Jemand hatte einen Feigenbaum, der in seinem Weinberge gepflanzt war‟*. Welche Bewandtnis hat es damit, daß der Herr in seinem Evangelium so häufig das Gleichnis vom Feigenbaum anführt? An einer anderen Stelle liest man nämlich, wie auf des Herrn Geheiß alles Grün an diesem blühenden Baum verdorrte. Es läßt sich daraus der Schöpfer aller Dinge erkennen, der ihrer Natur zu gebieten vermag, daß sie sofort sei es verdorre, sei es blühe. Anderswo erinnert er daran, wie man aus dem zarten Knospen und dem Blattwerk dieses Baumes auf das Nahen des Sommers zu schließen pflegt. Er weist mit den beiden Vergleichen darauf hin, wie einerseits das eitle Rühmen des Judenvolkes, das es zur Schau trug, bei der Ankunft des Herrn wie eine Blüte abfiel, weil es an Werken dauernd unfruchtbar blieb; wie andererseits der Tag des Gerichtes gleich der Ankunft des Sommers, in welchem die herangereiften Erntefrüchte in allen Landen eingebracht werden, aus der Fülle der Kirche, zu der selbst die Juden sich gläubig bekennen werden, zu ermessen ist.
§ 161
Auch hier nun wollen wir uns nach dem etwaigen Geheimnis im höheren Sinn umsehen! Im Weinberge steht der Feigenbaum. Es war aber „der Weinberg des Herrn der Heerscharen‟, den er den 414 Heiden zur Plünderung gab. Er, der seinen Weinberg verwüsten ließ, hieß auch den Feigenbaum umhauen. Der Vergleich mit diesem Baume aber paßt auf die Synagoge; denn wie dieser Baum mit seinen überreich hervorwuchernden Blättern die erhofften Früchte vergeblich erwarten ließ und so die Erwartung seines Besitzers enttäuschte, so ist es auch mit der Synagoge: während ihre Lehrer, an Werken unfruchtbar, mit leerem, überreichem Blattwerk vergleichbarem Wortschwalle sich brüsten, lagert dicht über ihr der nichtige Schatten des Gesetzes; die erwartungsvolle Hoffnung aber auf Fruchtsegen, der fehl schlug, trügt die sehnlichen Wünsche des gläubigen Volkes.
§ 162
Dazu birgt die Natur des Feigenbaumes eine Eigentümlichkeit, welche die Annahme bestärkt, daß ein Vergleich mit ihm das Bild der Synagoge widerspiegelt. Eine genaue Beobachtung ergibt nämlich, daß die natürliche Gepflogenheit dieses Baumes vom herkömmlichen Verhalten der übrigen abweicht. Die sonstigen treiben vor der Frucht die Blüte; ihre Blüte ist der Vorbote, der die kommende Frucht ankündigt; nur jener setzt gleich von Anfang an statt der Blüten die Frucht an. Bei den übrigen wird die Blüte abgeschüttelt und tritt die Frucht hervor; bei jenem fällt die Frucht ab, auf daß neue Frucht nachwachse: jene erstere taube Frucht keimt sonach statt der Blüte auf. Wie sie bei dieser Art Frühgeburt die Naturordnung nicht einzuhalten verstehen, so vermögen sie auch die Naturgabe nicht festzuhalten. Wo eine Knospe zwischen der Rinde sich hindurchzwängt, da bricht die kümmerliche Frucht solcher Art hervor. Auch im Hohen Lied lesen wir darüber: „Der Feigenbaum setzt seine Frühfeige an‟. Während also sonst alles Gezweige zu Frühlingsanfang im weißen Blütenschmuck prangt, kennt nur der Feigenbaum keine Blütenzier, die ihm eignete: vielleicht deshalb, weil dieser seiner Frucht keine vollere Reife beschieden sein 415 soll. Durch die nachwachsenden zweiten Feigen nämlich werden die ersteren als eine verkümmerte Frucht abgetrieben: sie werden, während ihr schwacher Stiel abdorrt, von der neuen Frucht, der förderlicherer Saft zuströmt, abgestreift. Doch bleiben einige ganz vereinzelte zurück und fallen nicht ab. Ihnen lachte nämlich der glückliche Zufall, daß sie in der Gabelung zweier Zweiglein, wo der kurze Träger hervorbrach, ansetzten, so daß sie von einer doppelten Schutzhülle umfriedet gleichsam im Schoße der Mutter Natur unter dem befruchtenden Einfluß reichlicherer Saftfülle heranreifen. Von der milderen Luft geweckt und im Laufe der längeren Zeit kräftiger entwickelt überbieten sie sogar, sobald sie die wilde Art und Natur des Frühfeigensaftes abgelegt haben, die sonstigen Feigen an Anmut und süßer Reife.
§ 163
Lenke jetzt den Blick auf die Lebens- und Denkweise er Juden, gleichsam der Erstlingsfrucht am entarteten Fruchtbaume der Synagoge, die gleich einer abfallenden Frühfeige zu Boden fiel, auf daß die bis in unser Zeitalter fortdauernde Frucht nachwüchse. Das Erstlingsvolk der Juden nämlich, gleichsam am Fruchtträger der absterbenden Werke erkrankt, war außerstande, den reichlichen Säftestrom der naturgemäßen Weisheit aufzunehmen und fiel darum wie unnütze Frucht ab, auf daß gleichsam an denselben Knotenpunkten des Fruchtbaumes das neue Volk der Kirche aus der schwellenden Saftfülle der alten Religion emporsproßte: das Volk, das war, hörte auf zu sein, auf daß jenes zu sein anfing, das nicht war. Doch die Erstlingsfrucht stammt aus Israel. Ein Zweig kräftigerer Art hatte sie aufrecht erhalten. Im Schatten des Gesetzes und des Kreuzes, im Schoße beider ruhend, vom Safte beider genährt, rötete sie sich und 416 übertraf nach dem Muster einer reifenden Frühfeige alle anderen durch die Anmut ihres einzig schönen Fruchtsegens. Ihr gilt das Wort: „Ihr werdet auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten‟.
§ 164
[Forts. v. 416 ] Auch das liegt nicht ferne, daß Adam und Eva, wie der Herkunft so der Sünde nach unsere Stammeltern, die mit dieses Baumes Blättern sich bedeckten, der Verbannung aus dem Paradiese sich schuldig machten, da sie im Bewußtsein ihrer Übertretungssünde der Gegenwart des lustwandelnden Herrn auswichen: ein Hinweis auf das Judenvolk in der Zukunft; auch dieses wußte sich in den letzten Zeiten beim Nahen der Heilsankunft des Herrn, dessen Erscheinen ihre Berufung bezweckte, infolge der Verführungen des Teufels von Tugenden entblößt und wendete sich, vor der aufgedeckten Gewissensschmach erschaudernd, der (wahren) Gottesverehrung entfremdet, durch die Sünde verwirrt, vom Herrn ab, indem es die Blöße der Werke mit einem verhüllenden Schwall von Worten wie mit Blättern zu verdecken suchte.
§ 165
So wurden denn die Juden, welche nur Blätter vom Feigenbaum, nicht die Frucht pflückten, vom Reiche Gottes ausgeschlossen; denn sie waren nur „eine lebendige Seele‟. Da kam der zweite Adam und suchte nicht mehr nach den Blättern, sondern nach der Frucht; denn er war „ein lebendigmachender Geist‟. Nur im Geiste aber gelangt man zur Frucht der Tugend, betet man den Herrn an. Es suchte aber der Herr nach der Frucht des Feigenbaumes, nicht weil ihm deren Fehlen unbekannt war, sondern um anzudeuten, daß die Synagoge jetzt Frucht hätte tragen sollen.
§ 166
Nach dem Folgenden endlich zeigt er, daß er, der alle drei Jahre kam, nicht vorzeitig gekommen ist; denn so liest man:* „Sieh, schon drei Jahre 417 sind es, seitdem ich kam und Frucht an diesem Feigenbaum suchte, und ich finde keine. Hau ihn denn um! Wozu soll er noch den Platz einnehmen?‟*
Er kam zu Abraham, kam zu Moses, kam zu Maria, d. i. er kam im Zeichen, kam im Gesetze, kam im Fleische. Wir erkennen seine Ankunft aus seinen Gnadenerweisungen. Hier hat Reinigung, dort Heiligung, dort Rechtfertigung statt. Reinigung bewirkte die Beschneidung, Heiligung das Gesetz, Rechtfertigung die Gnade. Der gleiche (Empfänger) bei allen und alle das Gleiche (bezweckend)! Denn nur wer den Herrn fürchtet, ist der Reinigung fähig; nur wer von Schuld geläutert ist, ist des Empfanges des Gesetzes würdig; nur wer das Gesetz kennt, gelangt zur Gnade. Das Judenvolk nun war weder der Reinigung fähig, weil es nicht die geistige, sondern nur die leibliche Beschneidung hatte; noch der Heiligung, weil es mehr dem Fleischlichen als dem Geistigen folgte und darum die Kraft des Gesetzes nicht kannte ― „das Gesetz aber ist geistig‟ ―; noch der Rechtfertigung, weil es nicht Buße tat über seine Sünden und darum keine Gnade fand.
§ 167
[Forts. v. 417 ] Mit Recht also wurde keinerlei Frucht an der Synagoge vorgefunden und darum deren Ausrottung anbefohlen. Doch der gute Gärtner, vielleicht jener (Petrus), worauf das Fundament der Kirche ruht, ahnte voraus, daß ein anderer zu den Heiden, er hingegen zu „denen aus der Beschneidung‟ gesendet werden sollte und legte darum im Vertrauen, es könne kraft seiner Berufung auch das Judenvolk durch die Kirche das Heil finden, fromme Fürsprache ein, daß es nicht ausgerottet werde, und flehte darum:* „Laß ihn auch dieses Jahr noch stehen, bis ich um ihn her aufgegraben und einen Korb Dünger eingelegt habe!‟*
§ 168
418 Wie rasch erkannte er, daß die Verstocktheit und der Hochmut der Juden der Grund ihrer Unfruchtbarkeit seien? Er verstand sich also auf die Gartenarbeit, nachdem er aufzudecken verstand, wo es fehlte. Da macht er sich nun anheischig, ihre Herzenshärte mit der Hacke seines Apostelwortes aufzugraben. Das zweischneidige Wort sollte das auf das lange Brachliegen hin überwucherte Feld des Geistes umackern, das Herz durchfurchen und den unter dem warmen Lufthauche bereits keimenden Sinn auflockern, daß nicht die Erdmasse die Wurzelfaser der Weisheit überschütte und verdecke. Auch ein Korb Dünger, bemerkt er, sei einzulegen. Fürwahr groß ist die Wirkung des Düngers, so groß, daß er unfruchtbares Land in fruchtbares, dürre Steppen in grüne Matten, Ödland in Fruchtgefilde umwandelt. Auf ihm saß Job, da er geprüft wurde, und war unüberwindlich. Auch Paulus erachtet sich „für Mist, um Christus zu gewinnen‟. Erst dann, als Job nach den vorausgehenden schweren Verlusten auf dem Miste saß, hatte er nichts mehr, was ihm der Teufel rauben konnte. ― Ein gutes Erdreich also ist es, das aufgegraben wird, ein guter Mist, der eingelegt wird. So heißt es denn auch: „Der Herr erhebt vom Staube den Dürftigen und richtet auf vom Miste den Armen‟.
§ 169
Jener gute Gärtner nun war der Anschauung, es würden auch die Juden noch auf dem Wege geistigen Nachdenkens und demütiger Gesinnung für das Evangelium Christi reichen Ertrag abwerfen. Er erinnerte sich nämlich, wie der Herr durch Aggäus [= Prophet Haggai] gesprochen: Am vierundzwanzigsten Tage des neunten Monats, am Tage, da der Grundstein gelegt ward zum Tempel des allmächtigen Herrn, „von diesem Tage an‟, spricht er, „will ich segnen den Weinberg und die Feigen- und die Granatapfel- und die Ölbäume, die (sonst) keine Frucht 419 bringen werden‟. Hierin nun liegt geoffenbart, daß gen Schluß des zur Neige gehenden Jahres, d. i. am Ende der bereits alternden Welt der heilige Gottestempel, d. i. die Kirche gegründet werden sollte; und ihr sollten das Juden- und Heidenvolk es zu danken haben, wenn sie kraft der Heiligung durch die Taufe in den Besitz eigener Verdienstesfrucht gelangen konnten.
§ 170
[Forts. v. 419 ] So verrät sich denn in der Natur des (Feigen-) Baumes ein Sinnbild der Synagoge, die ihre Fruchtbarkeit nur günstigen Umständen verdankt ― nicht von der Abstammung der Väter nämlich leitet sie sich her ―. Und mit Recht gleichen die Juden den abfallenden Frühfeigen, weil sie es wegen ihrer Herzenshärte und Halsstarrigkeit nicht zu dauerndem Bestand ihrerseits bringen können. Nur wenn sie dieser Welt absterben und gleichsam von ihr abfallen, um durch die Taufgnade zu einem inneren Menschen wiedergeboren zu werden, dann werden sie reife Frucht bringen. Der Unglaube verstockter Menschen aber macht die Synagoge nichtsnutzig; darum der Befehl, sie als unfruchtbaren Baum umzuhauen.
§ 171
[Forts. v. 419 ] Was eben von den Juden gesagt wurde, davor haben sich, wie ich glaube, alle in acht zu nehmen, und am meisten wir, daß wir nicht den ergiebigen Posten in der Kirche leer an Verdiensten einnehmen, die wir wie gesegnete Granatäpfel innerliche Früchte tragen sollten, Früchte der Keuschheit, Früchte der Einigkeit, Früchte der gegenseitigen Liebe und Freundschaft, in dem* einen* Schoße der Mutter Kirche geborgen, daß nicht der Sturm uns schade, nicht Hagelschlag uns treffe, nicht das Feuer der Begierlichkeit uns versenge, nicht Regenschauer uns verderbe.
§ 172
Manche erblicken jedoch im Feigenbaum 420 allegorisch ein Sinnbild nicht der Synagoge, sondern der Schlechtigkeit und Ruchlosigkeit. Sie gaben damit gleichwohl keineswegs eine abweichende Auslegung; nur setzen sie statt des Besonderen lieber das Allgemeine. Sie wollen aber, wie sie sagen, dem Umstand Rechnung tragen, daß der Herr über den Feigenbaum sprach: „Nimmer komme von dir Frucht in Ewigkeit!‟ Von den Juden hätten doch, wie männiglich bekannt, gar viele den Glauben angenommen und würden ihn auch in Zukunft annehmen. Indes ein solcher Gläubige ist nicht mehr eine Frucht der Synagoge, sondern der Kirche und wird nicht von der Synagoge geboren, sondern von der Kirche wiedergeboren. Denn wie es (Antichristen) gibt, die „von uns ausgingen, aber nicht von uns waren; denn wenn sie von uns gewesen wären, würden sie bei uns geblieben sein‟, so sagen wir auch von den Gläubigen aus dem Judenvolke: Wenn sie von der Synagoge gewesen wären, würden sie bei der Synagoge geblieben sein; doch deshalb traten sie aus der Synagoge aus, daß man sich überzeuge, sie seien nicht von der Synagoge gewesen. Ferner würde ja andernfalls (der Gärtner) für die Schlechtigkeit sich bemüht und gefordert haben, man solle sie pflegen, daß sie Frucht bringe; und doch ist der Herr gekommen, die Ruchlosigkeit mit der Wurzel auszurotten. <