Martha das Bild der tätigen, Maria das Bild der beschaulichen Frömmigkeit; letzterer gebührt der Vorzug (85), doch sind beide Funktionen der christlichen Weisheit, die sich notwendig einander ergänzen (86).
§ 85
[Forts. v. 369 ] Von der Barmherzigkeit war die Rede. Doch es gibt nicht nur* eine* Tugendnorm. Dies lehrt das Beispiel der Martha und der Maria. Der Handlungsweise der einen liegt die tätige Frömmigkeit, jener der anderen die auf das Wort Gottes gerichtete religiöse Beschauung des Geistes zugrunde. Und letzterer wird sogar, wenn sie mit dem Glauben übereinstimmt, vor der Werktätigkeit der Vorzug gegeben; denn so steht geschrieben:* „Maria hat sich den besten Teil erwählt, der ihr nicht soll genommen werden‟*. Befleißigen denn auch wir uns eines Besitzteiles, den niemand uns wegnehmen kann! Nicht vorübergehenden Diensten, sondern fleißigem Anhören (des Wortes Gottes) sollen wir uns widmen. Selbst auch die Samensaat des himmlischen Wortes pflegt ja hinweggenommen zu werden, falls sie an den Weg gesät wird. Möge dich wie Maria das Verlangen nach Weisheit beseelen! Denn dies ist die wichtigere, dies die vollkommenere Beschäftigung. Nicht darf die Sorge um den Dienst die Kenntnis des himmlischen Wortes behindern; noch darfst du jene schelten und für Müßiggänger halten, welche du dem Studium der Weisheit obliegen siehst; denn auch Salomo der Friedfertige erkor sich diese zu seiner Lebensgefährtin.
§ 86
Doch nicht sowohl um einen Tadel für die in guter Dienstleistung sich mühende Martha handelt es sich, sondern um die Bevorzugung der Maria, weil sie den besseren Teil sich erwählte. Jesus verfügt ja über mehr denn genug Güter und reicht deren eine Menge dar. Darum erwählte sie als die Weisere das, was in ihren Augen das Vorzüglichere war. So dünkte ja auch den Aposteln als das Beste nicht „vom Gotteswort abzulassen und den Tisch zu besorgen‟. Beides freilich ist eine Funktion der Weisheit; auch Stephanus, 370 ein erkorener Diener (Diakon), war „voll der Weisheit‟. Wer dem Dienste obliegt, soll eben darum dem Lehrer (des Wortes Gottes) gern zu Diensten sein, der Lehrer den Diener hierzu ermuntern und begeistern; denn es gibt nur* einen* Leib der Kirche, wenn auch verschiedene Glieder. Eines bedarf des anderen. „Es kann das Auge nicht zur Hand sagen: ich begehre deines Dienstes nicht, oder umgekehrt das Haupt (das gleiche) zu den Füßen‟, und das Ohr nicht leugnen, daß es ein Körperglied ist; denn wenn auch die einen Glieder ansehnlicher sind, so sind doch die anderen notwendig. Die Weisheit thront im Haupte, das Handeln ruht in der Hand; denn „die Augen des Weisen sind in dessen Haupt‟. Der nämlich ist wahrhaft Weise, dessen Geist in Christus ruht und dessen Auge zum Höheren emporblickt. Eben darum „sind des Weisen Augen in dessen Haupt, die des Toren hingegen in der Ferse‟.