Allegorische Deutungen des Meeres, des Sturmes, des Schlafes usw. (40—43). Die Zahl, nicht die typische Bedeutung der gerasenischen Besessenen ist bei Matthäus und Lukas verschieden: hier wie dort sind sie Repräsentanten der Heidenwelt (44—45). Der Gottlose ist sich selbst Urheber des künftigen Strafloses (46). Das Schwein Sinnbild des lasterhaften Menschen (47); über diesen allein hat der Teufel Gewalt (48). Des Teufels Nachstellung Gottes Zulassung (49). Nur Christus der Heiland des sündigen Volkes (50—51). Allegorische Deutung der näheren Umstände der Rückkehr Jesu von den Gerasenern (52—53).
§ 40
[Forts. v. 289 ] So sind wir denn den Stürmen preisgegeben, welche die Geister der Bosheit entfesseln. Doch laßt uns als wachsame Schiffer den Steuermann wecken! Fürwahr auch solche pflegen ja Gefahren zuzutreiben. An welchen Steuermann nun soll ich mich wenden? An jenen doch, der den Winden nicht gehorcht, sondern gebeut, von dem geschrieben steht:
§ 41
[Forts. v. 289 ] * „Er aber stand auf und dräuete dem Winde‟*. Warum: „er stand auf‟? Er ruhte nämlich. Doch nur der leiblichen Schlafesruhe pflegte er, während er waches Auges auf die geheimnisvolle Absicht seiner Gottheit achtete; denn wo die Weisheit, wo das Wort ist, geschieht nichts ohne das Wort, nichts ohne die Weisheit.
§ 42
Oben heißt es, „er brachte die Nacht im Gebete zu‟: wie hätte er hier während des Sturmes geschlafen? Doch nur die ruhige Sicherheit seiner Macht kommt dadurch zum Ausdruck, daß, während alle fürchteten, er allein sonder Furcht der Ruhe pflegte. Er teilt folglich auch ihre Natur nicht, nachdem er ihre Gefahr nicht teilt. Ob auch der Leib schläft: es wirkt die Gottheit, es wirkt der Glaube. Daher denn sein Wort: „Ihr Kleingläubigen, was schwankt ihr?‟ Und mit Recht erfahren sie Tadel, die trotz der Gegenwart 290 Christi fürchteten, nachdem doch, wer ihm anhängt, nicht zugrunde gehen kann.
§ 43
[Forts. v. 290 ] Er stärkte nun ihren Glauben, stellte die Ruhe wieder her, gebot dem Winde sich zu legen, nicht dem Nordwind, nicht dem von Afrika, sondern fürwahr jenem Winde, dem das Wort des Engels Michael im Judasbriefe galt: „Der Herr gebiete dir!‟ Darum hebt auch der heilige Matthäus hervor: „Er gebot dem Wind und dem Meer‟. O daß er auch in uns seinem rauhen Wehen wehren möchte, auf daß er dem stürmischen Leben die Ruhe wiedergebe und die Gefahr des Schiffbruchs beseitige! Wenn es auch nicht mehr* sein* leiblicher Schlaf ist, hüten wir uns doch, daß es nicht unser leiblicher Schlaf ist, mit dem er zu unserer Gefahr schläft und ruht!
§ 44
Das Wenige mag genügen, das wir an obiger Stelle kurz gestreift haben. Jetzt nun glaube ich mit Rücksicht darauf, daß wir in der Matthäusschrift von zwei Menschen erfahren, die in der Landschaft der Gerasener von Dämonen angetrieben Christo entgegeneilten, der heilige Lukas hingegen an unserer Stelle nur einen anführt und zwar einen nackten ― nackt nämlich ist, wer immer sein Natur- und Tugendkleid verloren hat ― nicht ohne weiteres den Grund, warum die Evangelisten in der Zahl sichtlich voneinander abweichen, übergehen, vielmehr demselben nachgehen zu sollen. Ob nun zwar die Zahl nicht übereinstimmt, stimmt doch das Geheimnis überein. Jener Dämonische (bei Lukas) nämlich, von Lastern bedeckt, dem Irrtum bloßgestellt, Verbrechen ausgesetzt, ist ein Typus des Heidenvolkes. Aber auch die zwei (bei Matthäus) sinnbilden in ähnlicher Weise das Heidenvolk. Obschon nämlich Noe drei Söhne erzeugte, Sem, Cham und Japhet, wurde 291 nur des Sem Familie zum Eigentum Gottes berufen. Aus den beiden letzteren wuchsen nun die verschiedenen Heidenvölker hervor; hierbei hatte den einen Fluch getroffen, weil er den entblößten Vater nicht bedeckt hatte, den anderen Segen, weil er, wenn auch rücklings, um nicht die Schande des entblößten Vaters zu sehen, doch von Kindespflicht geleitet ihn zugedeckt und so den Fluch, der des Bruders Nachkommenschaft getroffen, von sich abgewendet hatte.
§ 45
[Forts. v. 291 ] * „Der seit langer Zeit umhergetrieben wurde‟*, d. i. der seit der Sintflut bis zur Ankunft des Herrn gequält wurde, in wahnsinniger Raserei die Fesseln der Natur sprengend. Nicht ohne Grund auch zeichnete der heilige Matthäus auf, sie hätten in Grabhöhlen gehaust, indem ja die Seelen solcher Menschen gleichsam in Grabgrüften zu hausen scheinen. Was anders sind denn die Leiber der Gottlosen als sozusagen Totengrüfte, in denen keine Gottesworte wohnen? ― In wüste, d. i. an geistigen Tugendfrüchten leere Orte nun wurde er getrieben: flüchtig vor dem Gesetze, abseits von den Propheten, fernab von der Gnade.
§ 46
Nicht nur unter einem einzigen Dämon, sondern unter der Anfechtung einer ganzen Legion hatte er zu leiden. Diese aber wußte voraus, daß sie in der Zeit der Ankunft des Herrn in die Abgründe verstoßen werden sollte, und fing nun, als sie ihn erblickt und erkannt hatte, zu bitten an, es möchte ihr gestattet werden in die Schweine zu fahren. Da nun verdient vor allem die Milde des Herrn unsere Beachtung: bei niemanden macht* er* den Anfang zur Verurteilung, sondern jeder ist sich selbst der Urheber seiner Strafe. Die Dämonen werden nicht in die Schweine verstoßen, sondern verlangen selbst darnach, weil sie den hellen Glanz des himmlischen Lichtes nicht ertragen konnten, wie 292 Augenkranke den Strahl der Sonne nicht aushalten können, sondern finstere Winkel vorziehen, lichte Stätten verlassen. Mögen denn die Dämonen fliehen vor dem Glanz des ewigen Lichtes und schon vor der Zeit in Ängsten der ihnen gebührenden Qualen gewärtig sein, indem sie wohl das Zukünftige nicht vorauswissen, aber doch der Weissagungen gedenken! Es kündet nämlich Zacharias: „Und es wird geschehen an jenem Tage, da wird ausrotten der Herr die Namen der Götzen von der Erde, und nicht länger wird man ihrer gedenken; und den unreinen Geist will ich ausbrennen von der Erde‟. Wir erfahren also hieraus, daß sie nicht immer des Verbleibens haben werden und ihre Bosheit nicht ewig währen kann. Weil sie sonach jetzt schon jenes Straflos befürchteten, darum rufen sie aus: „Bist Du gekommen uns zu verderben?‟ Voll Verlangen jedoch noch weiterhin da zu sein, bitten sie jetzt, da sie von den Menschen ausfahren, derentwegen ihrer, wie sie wissen, Strafe harrt, in die Schweine fahren zu dürfen.
§ 47
Wer nun sind diese Schweine? Ob nicht jene, vor denen gewarnt wurde: „Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft die Perlen nicht den Schweinen hin, daß sie dieselben nicht mit ihren Füßen treten‟? Jene sind gemeint, die nach Brauch der unreinen Tiere der Sprache und der Vernunft bar, mit ihrem schmutzigen Lebenswandel den Tugendschmuck, der ihrer Natur geziemt, in den Kot treten; die ungestüm dem Abgrund zutreiben, weil sie durch kein Verdienst, auf das sie blicken könnten, davor zurückgehalten, sondern von der Höhe gleichsam über den Abhang ihrer Ruchlosigkeit hinab zur Tiefe gestoßen werden und im Wasser mitten in den Fluten dieser Welt ersticken, nach Art von Erwürgten endend, denen der Atem unterbunden ist; denn 293 jenen, welche von der wogenden Brandung der Lüste unstät hin- und hergeworfen werden, ist jede geistige Lebensverbindung abgeschnitten.
§ 48
[Forts. v. 293 ] Wir sehen also, daß der Mensch selbst sich der Urheber des Unheils ist. Denn würde einer nicht nach Art des Schweines leben, würde der Teufel nimmer Gewalt über ihn bekommen, oder wenn, dann nicht zu seinem Verderben, sondern zu seiner Bewährung. Oder vielleicht sieht er es jetzt, weil ihm seit der Ankunft des Herrn die Möglichkeit einer Verführung der Guten benommen wurde, nicht mehr auf das Verderben aller Menschen, sondern nur noch der leichtfertigen ab, dem Räuber gleich, der nicht Bewaffneten, sondern Unbewaffneten nachstellt, und mit seinen Tätlichkeiten den Schwächling zerfleischt, weil er weiß, daß ein Starker ihn verachtet, oder ein Gewalthaber, ein Mächtiger ihn verurteilt.
§ 49
[Forts. v. 293 ] Doch da sagt einer: Warum räumt Gott dem Teufel solche Gewalt ein? Dagegen sage ich: zur Prüfung der Guten, zur Bestrafung der Gottlosen; denn eine Strafe der Sünde ist es. So lies nur, wie der Herr Fieber schickt und Schüttelfrost und böse Geister und Blindheit und alle Geißel nach Sündengebühr! Doch zurück zum Lesestück!
§ 50
„Das sahen die Aufseher über die Herden und flohen‟. Weder die Professoren der Philosophie noch die Häupter der Synagoge können den Volksmassen, die dem Verderben entgegeneilen, das Heil bringen. Christus allein ist es, der die Sünden des Volkes hinwegnimmt, wenn es sonst Geduld zeigt und die Heilung nicht zurückweist. Im übrigen würdigt er keinen wider seinen Willen der Heilung und verläßt alsbald Kranke, von denen er merkt, daß ihnen seine Gegenwart lästig fällt, gleich der Bevölkerung von Gerasa, 294 die von der Stadt, augenscheinlich dem Bilde der Synagoge, herauskam und bat, er möchte fortgehen, „weil sie von großer Furcht ergriffen waren‟.
§ 51
[Forts. v. 294 ] Ein schwacher Geist nämlich faßt Gottes Wort nicht und vermag die Wucht der Weisheit nicht zu tragen; seine Kraft erlahmt und schwindet.
§ 52
[Forts. v. 294 ] So wollte er denn nicht länger lästig fallen, sondern* „stieg* (ins Schiff)* hinauf und kehrte zurück‟*: ja er „stieg hinauf‟ vom Niedrigeren zum Höheren, von der Synagoge nämlich zur Kirche, und kehrte, wie es an unserer Stelle heißt,„über den See‟, oder wie Matthäus sagt, „über das Meer‟ zurück. Ein großes Meer liegt ja zwischen uns und ihnen (den Juden). Niemand tritt daher ohne große Gefahr für sein Heil von der Kirche zur Synagoge über; aber auch der, welcher von der Synagoge zur Kirche überzutreten verlangt, nehme sein Kreuz auf sich um der Gefahr zu entrinnen!
§ 53
[Forts. v. 294 ] Warum aber findet der Befreite keine Aufnahme (in den Jüngerkreis), sondern die Weisung nach Hause zurückzukehren? Doch nur, um seiner Selbstüberhebung vorzubeugen und den Ungläubigen ein (Glaubens-) Beispiel vor Augen zu führen. Wohl war jenes Haus seine natürliche Wohnstätte; doch erhält er auch deshalb, weil er seine Gesundheit erlangt hatte, den Auftrag von den Grüften und Gräbern in jenes geistige Haus zurückzukehren, auf daß er, der bisher ein geistiges Grab war, ein Tempel Gottes würde.