Hieronymus · Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108) · Kapitel 6
Die Besuche und den Verkehr seitens der nach dem Urteile der Welt hochstellenden Familien und ihrer Verwandten konnte sie nicht lange ertragen. Die Ehre, welche ihr angetan wurde, versetzte sie in Trauer, so daß sie, um den Lobsprüchen zu entgehen, zu eiliger Flucht sich entschloß. Als wegen gewisser Streitfragen, die zwischen den einzelnen Kirchen schwebten, kaiserliche Erlasse die Bischöfe des Morgen- und Abendlandes nach Rom beriefen, bekam sie berühmte Männer zu sehen, Stellvertreter Christi, nämlich Paulinus, den Bischof der Stadt Antiochia, und Epiphanius von Salamis auf Cypern, das jetzt Constantia heißt. Dem Epiphanius gewährte sie 101Gastfreundschaft, und den Paulinus, der in einem anderen Hause wohnte, behandelte sie in ihrer Menschenfreundlichkeit wie ihren eigenen Gast. Die Tugendhaftigkeit dieser Männer machte einen solchen Eindruck auf sie, daß sie beizeiten plante, ihr Vaterland zu verlassen. Ohne an ihr Haus, ihre Kinder, ihre Familie, ihr Besitztum oder sonst etwas, was zur Welt gehört, zu denken, ging ihr Verlangen dahin, sozusagen allein und ohne Begleitung in die Einsamkeit eines Antonius oder eines Paulus zu pilgern. Nachdem der Winter endlich vorüber und das Meer wieder schiffbar war, kehrten die Bischöfe zu ihren Kirchen zurück, und sie selbst segelte mit ihnen wenigstens im Geiste und dem Verlangen nach. Wozu soll ich es länger verschweigen? Sie ging hinunter zum Hafen, begleitet von ihrem Bruder, ihren Verwandten und Schwägern und, 102was den tiefsten Eindruck machte, gefolgt von ihren Kindern. Die Segel wurden bereits gehißt, und der Ruderschlag trug das Schiff auf die hohe See. Bittend streckte der kleine Toxotius am Ufer die Hände aus. Rufina, deren Hochzeit nahe bevorstand, beschwor die Mutter schweigend durch ihre Tränen, doch die Vermählung abzuwarten. Paula aber blickte trockenen Auges zum Himmel und besiegte durch die Anhänglichkeit an Gott ihre Zuneigung zu den Kindern. Sie vergaß ihre Mutterliebe, um sich als Magd Christi zu bewähren, wenn sie sich auch in ihrem Innern quälte und mit dem Schmerze kämpfte, gerade als ob ihre Glieder auseinandergerissen würden. Für alle wurde sie dadurch, daß sie eine so große Liebe zu überwinden verstand, ein Gegenstand höchster Bewunderung. Für den, der in Feindeshand gerät und sich zur harten Sklaverei gezwungen sieht, gibt es nichts Grausameres, als wenn seine Kinder von ihm getrennt werden. Hier aber erduldete gegen die Gesetze der Natur die Fülle des Glaubens diesen Schmerz, ja voll Freude verlangte ihr Geist danach. Sie überwand die Liebe zu ihren Kindern durch die größere Liebe gegen Gott, und nur in Eustochium fand sie Trost, welche ihr Vorhaben teilte und sie auf der Seereise begleitete. Unterdessen durchfurchte das Schiff das Meer, und während alle, die mit ihr fuhren, nach dem Gestade zurückblickten, hielt sie ihre Augen abgewandt, um diejenigen nicht mehr zu sehen, welche sie ohne Schmerz nicht sehen konnte. Ich kann sagen, keine Mutter liebte so wie sie ihre Kinder. Vor ihrer Abreise hat sie ihnen alles geschenkt; sie enterbte sich auf Erden, um die himmlische Erbschaft antreten zu können.