Hieronymus · Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108) · Kapitel 13
Es würde zu weit führen, wollte ich noch reden vom Tale Achor, dem Tale des Aufruhrs und des Lärmes, in welchem Diebstahl und Geiz ihre Verurteilung fanden; oder von Bethel, dem Hause Gottes, wo auf der bloßen Erde Jakob arm und entblößt in Schlaf gesunken war, einen Stein unter dem Haupte, der nach 116Zacharias sieben Augen gehabt haben soll und bei Isaias Eckslein genannt wird. Dort hatte er die zum Himmelreichende Leiter geschaut, auf deren Spitze Gott thronte, um den Aufsteigenden die Hand zu bieten und die Lässigen aus der Höhe herabzustürzen. Gegenüber auf dem Gebirge Ephraim verehrte sie die Gräber Josues, des Sohnes des Nave, und Eleazars, eines Sohnes des Hohenpriesters Aaron. Der eine von ihnen liegt begraben zu Taumathsare, nördlich von dem Berge Gaas, der andere in Gabaa, das seinem Sohne Phinees gehörte. Hier erregte es ihre Verwunderung, daß Josue, als er die Besitztümer verteilte, für sich ein so gebirgiges und rauhes Gebiet ausgesucht hat. Ich müßte auch Silo erwähnen, wo der zerstörte Altar heute noch gezeigt wird und dem von Romulus in Szene gesetzten Raub der Sabinerinnen im Stamme Benjamin eine ältere Parallele zur Seite gestellt werden kann. Paula ging hinüber nach Sichern, nicht Sichar, wie viele irrtümlich lesen, dem heutigen Neapolis, und besuchte die Kirche, welche an der Seite des Berges Garizim um den Jakobsbrunnen errichtet ist. Auf diesem saß der Herr hungernd und dürstend, aber er wurde gesättigt durch den Glauben der Samariterin. Sie verließ die fünf Männer des mosaischen Pentateuches und den sechsten, den sie zu besitzen sich rühmte, nämlich die Irrlehre des Dositheus, und fand den wahren Messias und den wahren Erlöser. 117Auf ihrer Weiterreise sah Paula die Gräber der zwölf Patriarchen, ferner Sebaste oder Samaria, welches zu Ehren des Augustus von Herodes mit dem griechischen Ausdruck für Augusta benannt worden ist. Dort liegen die Propheten Elisäus und Abdias begraben sowie Johannes der Täufer, mit dem sich unter den vom Weibe Geborenen keiner an Tugendgröße messen konnte. An diesem Orte wurde sie durch wunderbare Ereignisse in Schrecken versetzt. Sie hörte, wie die bösen Geister vor mannigfachen Qualen stöhnten, wie Menschen vor den Gräbern der Heiligen nach Art der Wölfe heulten und Hunden gleich bellten, wie Löwen brüllten, nach Schlangenart zischten und wie Stiere Laute von sich gaben. Andere drehten ihren Kopf im Kreise und berührten, nach rückwärts gebeugt, mit ihrem Scheitel die Erde. Frauen hingen an einem Fuße, ohne daß die Kleider über das Gesicht herabfielen. Mit allen hatte sie Mitleid, für alle vergoß sie Tränen und erflehte ihnen die Barmherzigkeit Christi. Obwohl sie schwach war, stieg sie zu Fuß auf den Berg, in dessen beiden Höhlen zur Zeit der Hungersnot und der Verfolgung der Prophet Abdias hundert Propheten mit Wasser und Brot genährt hatte. In beschleunigter Reise ging es Nazareth zu, der Nährstadt des Herrn, dann nach Kana und Kapharnaum, die so oft Zeuge seiner Wunder waren, weiter an den See Tiberias, der geheiligt ist durch die Fahrten des Herrn, 118und in die Wüste, in welcher viele Tausende aus dem Volke mit wenig Broten gesättigt und die zwölf Körbe der Stämme Israels mit den von den Speisenden übrig gelassenen Resten angefüllt worden sind. Hierauf ging’s zum Berge Tabor, auf welchem die Verklärung des Herrn sich zugetragen hat. Aus der Ferne schaute sie hinauf auf die Gipfel des Hermon, ferner auf die weit ausgedehnten Fluren Galiläas, auf welchen Sisara mit seinem ganzen Heere von Barach besiegt und aufgerieben worden war. Auch den Bach Kison, der mitten durch die Ebene fließt, konnte man sehen und nicht weit ab die Stadt Naim, in welcher der Witwe Sohn von den Toten auf erweckt worden war. Zeit und Worte würden mir fehlen, wollte ich alle Örtlichkeiten aufzählen, an welchen die ehrwürdige Paula in ihrem übergroßen Glaubenseifer geweilt hat.