Hieronymus · Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108) · Kapitel 10
Dann verteilte sie, soweit es ihr Vermögen erlaubte, unter die Armen und Dienstboten ihr Geld und reiste weiter nach Bethlehem. An der rechten 108Seite des Weges machte sie halt am Grabmale Rachels, welche dort den Benjamin, d. h. den Sohn der Rechten, wie der Vater mit prophetischem Blicke voraussagte, nicht den Benoin, d. h. den Sohn meines Schmerzes, wie die sterbende Mutter ihn benannte, geboren hatte. Von hier aus ging Paula auch in die Grotte des Erlösers. Sie sah die heilige Stätte, an welcher die Jungfrau Einkehr gehalten hatte, und den Stall, in welchem der Ochs seinen Eigentümer und der Esel die Krippe seines Herrn erkannte, damit in Erfüllung gehe, was wir bei demselben Propheten geschrieben finden: „Glücklich, wer über Wasser sät, das Ochs und Esel treten“. In meiner Gegenwart beteuerte Paula, sie sähe mit den Augen des Glaubens das in Windeln gewickelte Kind, den in der Krippe weinenden Herrn, die betenden Weisen, den in der Höhe glänzenden Stern, die jungfräuliche Mutter, den emsigen Nährvater, die zu nächtlicher Stunde kommenden Hirten, welche das Fleisch gewordene Wort sahen und schon damals den Prolog des Johannesevangeliums heiligen wollten, wo es heißt: „Im Anfange war das Wort, und das Wort ist Fleisch geworden“. Sie behauptete zu schauen, wie die Knäblein getötet wurden, wie Herodes raste, wie Joseph und Maria nach Ägypten flohen. Voller Freude brach sie in Tränen aus und sprach: „Sei gegrüßt Bethlehem, Haus des Brotes, wo jenes Brot geboren wurde, das vom Himmel herabgestiegen ist. Sei gegrüßt Ephrata, du überaus reiche 109und fruchtbare Gegend, deren Fruchtbarkeit Gott ist. Über dich hat einst Michäas geweissagt: “Und du Bethlehem, Haus Ephrata, bist keineswegs die geringste unter den Tausenden Judas. Aus dir wird hervorgehen derjenige, der Fürst sein soll in Israel. Sein Ausgang ist von Anfang, von den Tagen der Ewigkeit. Deshalb wirst du sie hingeben bis zu der Zeit, wo sie gebären wird. Sie wird gebären, und der Überrest seiner Brüder wird sich bekehren zu den Söhnen Israels„. Denn in dir ist der Fürst geboren, gezeugt vor dem Morgenstern, dessen Geburt aus dem Vater vor aller Zeitlichkeit liegt. Und solange blieb in dir ein Sproß aus dem Geschlechte Davids, bis die Jungfrau gebar und ein Rest des an Christus glaubenden Volkes sich an die Söhne Israels wandte, um ihnen freimütig zu verkünden: “Euch mußten wir zuerst das Wort Gottes predigen; aber weil ihr es verworfen und euch des ewigen Lebens unwürdig erwiesen habt, deshalb haben wir uns an die Heiden gewandt„. Denn der Herr hat gesagt: “Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden„. Und in jener Zeit sind die Worte verwirklicht worden, welche Jakob über Bethlehem gesprochen hat: “Es wird nicht an einem Fürsten aus Juda fehlen und an einem Führer aus seinen Lenden, bis der kommt, dem es vorbehalten ist; er selbst wird sein die Erwartung der Völker„. Treffend hat David unter einem Eide gelobt: “Ich will nicht eingehen in das Zelt meines Hauses, ich will nicht besteigen meine Lagerstätte, meinen Augen will ich keinen Schlaf, meinen Wimpern keinen Schlummer und meinen Schläfen keine Ruhe gönnen, bis ich eine Stätte finde für den Herrn, ein Zelt für den Gott Jakobs„. Und bald hat er näher ausgeführt, was der Gegenstand seiner Sehnsucht war. Mit prophetischem Blick sah er jenen kommen, dessen Ankunft wir bereits als eine 110vollendete Tatsache glauben. “Seht, wir haben ihn in Ephrata gehört, wir haben ihn in den Waldgefilden gefunden„. Das hebräische Wort זוֹ bezieht sich, wie ich unter deiner Leitung gelernt habe, nicht auf Maria, die Mutter des Herrn, hat also nicht weibliche, sondern männliche Bedeutung. Und deshalb spricht er vertrauensvoll: “Wir wollen hineingehen in sein Zelt; wir wollen ihn anbeten an dem Orte, an welchem seine Füße gestanden haben„. Und ich, elende Sünderin, bin gewürdigt worden, die Krippe zu küssen, in welcher der Herr als kleines Kind geweint hat, zu beten in der Höhle, in welcher die jungfräuliche Mutter dem göttlichen Kinde das Leben gegeben hat. Hier ist meine Ruhestätte; denn hier ist die Heimat meines Herrn. Hier will ich wohnen, weil der Erlöser diesen Ort ausgewählt hat. “Ich habe eine Leuchte bereitet für meinen Herrn„. “Ich will für ihn leben und meine Kinder sollen ihm dienen„.“ Von dort stieg Paula hinab zu dem in geringer Entfernung liegenden Turm Ader, d.h. Herdenturm, in dessen Nähe Jakob seine Herden geweidet hat und den Hirten bei der Nachtwache das Glück zuteil wurde, die Worte zu vernehmen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind“. Während sie ihre Lämmer hüten, finden sie das Lamm Gottes mit dem klaren und äußerst reinen Vließ, 111welches trotz der auf der ganzen Erde herrschenden Trockenheit mit himmlischem Tau befeuchtet worden ist; das Lamm, dessen Blut die Sünden der Welt hinweggenommen und in Ägypten, falls die Türpfosten damit bestrichen waren, den Würgengel verscheucht hat.