Hieronymus · Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108) · Kapitel 14
Ich will weitergehen nach Ägypten und kurzen Aufenthalt nehmen in Sochoth und bei der nach Samson benannten Quelle, welche dieser aus dem Zahne des Eselskinnbackens hatte hervorsprudeln lassen. Die trockenen Lippen will ich befeuchten, um neuerquickt nach Morasthi zu gehen, wo jetzt eine Kirche die Stelle der einstigen Grabstätte des Propheten Michäas einnimmt. Zur Seite lasse ich liegen die Städte der Chorriter und Getheer, Maresa, Idumäa und Lachis 119und komme über weichen Sand, der unter den Füßen der Reisenden nachgibt, durch eine weite Wüste zu dem ägyptischen Flusse Seor, d.h. der Reißende. Dann ziehe ich durch die fünf Städte Ägyptens, welche Kanaans Sprache reden, durch das Land Gosen und das Gebiet von Tanis, wo der Herr die Wunder gewirkt hat. Weiter geht es nach der Stadt No, die später Alexandria genannt wurde, und zur Stadt des Herrn, Nitria, wo Tag für Tag durch die reinigende Lauge der Tugendübungen der Schmutz vieler abgewaschen wird. Während sie diese Niederlassung besichtigte, kamen ihr ein heiliger und ehrwürdiger Mann, der Bekennerbischof Isidor, sowie ungezählte Scharen von Mönchen, unter denen viele die Priester- und Diakonatswürde zierte, entgegen. Sie freute sich zwar über die Verherrlichung des Herrn, bekannte sich aber einer solchen Ehre für unwürdig. Es blieben noch zu erwähnen ein Macarius, Arsenius, 120Serapion und die Namen der übrigen Säulen Christi. Eines jeden Zelle hat sie betreten; zu den Füßen aller hat sie sich hingeworfen. In den einzelnen Heiligen glaubte sie Christus zu sehen, und es machte ihr Freude, alles, was sie ihnen getan hat, dem Herrn getan zu haben. Ihr Eifer mußte Bewunderung erregen, und eine Kraft wie die ihre sollte man bei einer Frau für unmöglich halten. Ohne auf die natürliche Schwäche ihres Geschlechtes und auf körperliche Gebrechlichkeit Rücksicht zu nehmen, wollte sie mit ihren Mädchen unter so vielen Tausenden von Mönchen wohnen. Und vielleicht hätte sie es auch durchgesetzt, da alle sie aufzunehmen bereit waren, wenn die noch größere Sehnsucht nach den heiligen Stätten sie nicht abgehalten hätte. Wegen der sengenden Hitze kehrte sie zu Schiff von Pelusium nach Majuma zurück und vollzog die Heimreise mit solcher Schnelligkeit, daß man sie hätte für einen Vogel halten mögen. Bald darauf ließ sie sich im heiligen Bethlehem in der Absicht, ständig an diesem Orte zu leben, in einer kleinen Herberge nieder. In derselben hielt sie sich drei Jahre auf, bis sie den Bau von Zellen und klösterlichen Niederlassungen sowie eines Pilgerhospizes für die Fremden längs des Weges, auf welchem Maria und Joseph keine Unterkunft gefunden hatten, fertiggestellt hatte. Dies ist der Verlauf ihrer Reise, welche sie in Begleitung vieler Jungfrauen und ihrer Tochter zurückgelegt hat.