Hieronymus · Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108) · Kapitel 12
Allzu lange verweile ich im Süden, wo die Braut den lagernden Bräutigam gefunden und Joseph mit seinen Brüdern ein Freudenmahl gehalten hat. Ich will nach Jerusalem zurückkehren über Thecua, des Amos Heimat, und ich will das Kreuz anschauen, das in goldenem Schimmer von dem Ölberge, von welchem aus der Erlöser zum Vater hinaufgestiegen ist, herniederstrahlt. Dort wurde auch alljährlich die rote Kuh dem Herrn als Opfergabe verbrannt, deren Asche das Volk Israel reinigte, Dort hatten Cherubim, als sie aus dem Tempel auswanderten, nach dem Propheten Ezechiel den Grundstein zur Kirche des Herrn gelegt. Paula besuchte ferner das Grab des Lazarus, das gastliche Haus 114Marias und Marthas und Bethphage, das Haus der priesterlichen Kinnladen. Auch den Ort berührte sie, wo das mutwillige Füllen der Heidenvölker die Zügel Gottes annahm und, nachdem es mit den Kleidern der Apostel bedeckt war, seinen weichen Rücken als Sitz hergab. Geraden Weges ging es dann nach Jericho, wo sie an den Verwundeten aus dem Evangelium erinnert wurde, an welchem die Priester und Leviten in ihrer Herzenshärte vorübergingen, und an die Barmherzigkeit des Samaritans, d.h. des Wächters, welcher den Halbtoten auf sein Lasttier legte und zu dem Stalle der Kirche geleitete. Auch an einem Orte war sie, der Adomim, d.h. Blut, genannt wird, weil dortselbst bei Gelegenheit räuberischer Einfälle viel Blut vergossen worden war. Ferner bemerkte sie den Maulbeerbaum des Zachäus, d.h. gute Werke der Buße, durch welche er die schon längst bluttriefenden und Verderben drohenden Sünden seiner Diebereien getilgt hat, so daß er den erhabenen Gott vom erhabenen Standpunkte der Tugenden aus ansehen konnte. Berührt wurde ebenfalls die am Wege gelegene Stätte, an welcher zwei Blinde das Licht wiedererhielten, um in geheimnisvoller Weise anzudeuten, daß beide Völker an den Herrn glauben würden. Sie betrat Jericho und sah die Stadt, welche Hiel auf Abiram, seinem Erstgeborenen, gegründet, und deren Tore er auf Segub, seinem Jüngsten Sohne, errichtet hatte. Auch die Lagerstätte 115zu Galgala betrachtete sie, ferner den Hügel der Vorhäute und die geheimnisvolle Bedeutung der zweiten Beschneidung sowie die zwölf Steine, welche man aus dem Flußbett des Jordans dorthin gebracht hatte, wo sie das feste Fundament der zwölf Apostel versinnbildeten. Dann kam sie zur bitteren und ungenießbaren Quelle des Gesetzes, die der wahre Elisäus durch seine Weisheit gewürzt und in reichlich fließendes Süßwasser verwandelt hat. Kaum war die Nacht vorübergegangen, so besuchte sie in heißer Inbrunst den Jordan; sie stand am Ufer des Flusses und dachte, nachdem die Sonne aufgegangen war, an die Sonne der Gerechtigkeit. Es fiel ihr ein, wie die Priester trockenen Fußes mitten durch das Strombett hindurchgegangen waren, wie auf Befehl des Elias und des Elisäus das Wasser zu beiden Seiten sich aufgetürmt hatte und, wo sonst Wellen spielten, ein Weg zum Vorschein gekommen war. Auch daran dachte sie, daß der Herr durch seine Taufe die Wasser, welche durch die Sündflut befleckt und durch den Untergang des ganzen Menschengeschlechtes verunreinigt waren, wieder geläutert hat.