Der heilige Paulus übertrifft an Tugend und Verdiensten die Heiligen des alten Bundes, den Abel, Noe, Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Job, Moses, David, Elias, Johannes und selbst auch die Engel des Himmels.
§ 1
Man sagt durchaus nichts Unrichtiges, wenn man die Seele des heiligen Paulus als eine wahre Wiese von Tugenden und als ein geistliches Paradies bezeichnet. So 300 zahlreich und mannigfach waren in ihr die Blüthen der Gnaden, und so sehr entsprach diesen Gnaden die Heiligkeit seines Lebens. Nachdem er ein Gefäß der Auserwählung geworden war, nachdem er dann sich selbst vollkommen geläutert hatte, wurden die Gaben des heiligen Geistes sehr reichlich in sein Inneres eingegossen. Aus dieser Quelle sind denn auch für uns die wunderbaren Ströme entsprungen [seine Briefe sind gemeint], welche — weit zahlreicher als jene vier Ströme aus dem Quell des Paradieses — noch immerdar tagtäglich ihren Lauf verfolgen, nicht etwa die Erde tränkend, sondern die Seelen der Menschen anregend, daß sie Früchte der Tugend bringen. Seine Tugenden — wessen Rede vermöchte sie wohl genugsam zu preisen? Sein Lob — welche Zunge vermöchte es würdig zu verkünden? Wenn eine einzige Seele alle Vorzüge in sich begreift, die unter den Menschen zu finden sind, und zwar alle in überaus hohem Grade, und nicht bloß die Vorzüge der Menschen, sondern auch die der Engel, — wie wird es mir möglich sein, ihr Lob zu erschöpfen und zu bewältigen? Allein diese Unmöglichkeit soll für mich kein Grund sein, zu schweigen. Nein, gerade darum und hauptsächlich darum will ich reden. Denn wenn Das, was ich zu sagen vermag, weit hinter der Größe seiner Tugenden zurückstehen muß, so liegt eben darin ein Lob der besten Art; und wenn ich in dieser Weise unterliegen muß, so ist mir Das ehrenvoller, als tausendmal zu siegen.
Womit soll ich nun schicklicher Weise sein Lob beginnen? Womit anders, als mit dem Beweise, daß er die Tugenden Aller in sich vereinigt? Wenn nämlich Propheten, Patriarchen, Gerechte, Apostel, Märtyrer sich in irgend einer Tugend ausgezeichnet haben, so hat er sie allesammt geübt, und zwar jede in einem so hervorragenden Maße, wie Keiner von ihnen diejenige, welche ihm besonders eigen war.
Sehet zu, ob ich nicht die Wahrheit sage. Abel hat 301 ein Opfer dargebracht, und deßhalb wird er gepriesen. Wollen wir aber von dem Opfer reden, das der heilige Paulus gebracht hat, dann zeigt sich bald, daß es hoch, ja himmelhoch über dem Opfer des Abel steht. Was für ein Opfer soll ich nun erwähnen? denn er hat nicht etwa bloß eines geopfert. Für’s Erste opferte er täglich sich selbst, und dieses Opfer brachte er wieder in doppelter Weise: indem er täglich sozusagen den Tod erduldete — denn fortwährend hatte er mit Gefahren zu kämpfen und ward hingeschlachtet dem Willen nach —; und indem er mit der Abtödtung seines Leibes jederzeit beschäftigt war — denn er hat seine fleischliche Natur so vollständig ertödtet, daß er stets einem Opferthier zu vergleichen war, welches geschlachtet wird. Aber sein Opfer war weit vollkommener [als irgend ein Thieropfer]. Denn er brachte nicht Rinder und Schafe als Opfer dar, sondern sich selbst schlachtete er auf doppelte Weise Tag für Tag. Darum konnte er voll Zuversicht sagen: „Ich werde bereits [wie ein Trankopfer] geopfert,“ indem er sein Blut als Opfer bezeichnet. Indessen, er begnügte sich mit diesen Opfern nicht. Nachdem er sich selbst dem Herrn ganz geweiht hatte, brachte er ihm auch eine Welt voll Menschen zum Opfer dar. Länder und Meere, Völker griechischer Zunge und Barbarenreiche, kurz die ganze Erde, soweit sie von der Sonne beschienen wird, durcheilte er im Fluge, und zwar nicht als einfacher Wanderer, sondern als ein Mann, der die Dornen der Sünden ausrottete, den Samen christlicher Frömmigkeit ausstreute, den Irrwahn verscheuchte, die Wahrheit verbreitete und aus Menschen Engel oder vielmehr die Menschen aus Teufeln zu Engeln machte. Darum durfte dieser Mann vor seinem Hinscheiden, nachdem er so viel Mühe und Schweiß aufgewendet, nachdem er so viele Siege erfochten hatte, seine Jünger mit den Worten trösten: „Wenn ich auch geopfert werde über dem Opfer und Dienste eures Glaubens, so freue ich mich und wünsche ich euch allen 302 Glück. Ob desselben freuet auch ihr euch und wünschet mir Glück!“ Was könnte man also diesem Opfer wohl zur Seite stellen? Dieses Opfer zu bringen, zog er das Schwert des Geistes, dieses Opfer legte er auf den Altar dort oben im Himmel. Indessen — Abel wurde von Kain, so könnte man einwenden, hinterlistiger Weise gemordet, und dieser Tod hat ihm, mit Paulus verglichen, höhern Glanz verliehen. Aber ich habe dir ja eben aufgezählt, wie dieser heilige Mann den Tod tausendmal, ja so oft erlitten hat, als er wieder einen Tag seiner apostolischen Wirksamkeit verlebte. Willst du aber überdieß den Mord selbst in Betracht ziehen, wie er schließlich zur Ausführung gelangte, so bedenke: Abel ist gefallen durch die Hand seines Bruders, dem er kein Unrecht zugefügt, aber auch keine Wohlthaten erwiesen hatte; was für Menschen aber waren es, von denen Paulus getödtet ward? Diese Menschen ihrem tausendfachen Elend zu entreissen, Das war sein eifriges Streben gewesen, und gerade für sie hatte er alle seine Leiden erduldet.
§ 2
Noe ferner — er war gerecht, vollkommen in seinem Geschlechte, und zwar er unter Allen ganz allein. Aber auch Paulus war ein solcher Mann, auch er allein unter Allen. Und Noe hat nur sich mit seinen Söhnen gerettet; Paulus aber hat zu einer Zeit, wo die Welt von einer weit schlimmern Fluth heimgesucht ward, nicht etwa zwei, drei oder fünf Verwandte, sondern die ganze Menschheit, die schon zu versinken im Begriffe stand, mitten aus den Wogen gerettet. Zu dem Ende hat er nicht aus Brettern eine Arche gezimmert, sondern statt der Bretter seine Briefe zusammengesetzt; und das ist eine Arche, die nicht an einer Stelle nur auf den Wassern einherfährt; nein, sie bereicht die Enden der Erde, und von jener Zeit bis auf unsere 303 Tage führt er Alle in diese Arche hinein. Denn er hat sie so eingerichtet, daß sie für die Menge der Rettungsbedürftigen ausreicht. Hier nimmt er Menschen auf, die unvernünftiger sind als Thiere, und er wandelt sie dermaßen um, daß sie mit himmlischen Geistern wetteifern können. Das ist ein Vorzug vor der Arche des Noe. Denn diese hat Raben aufgenommen und hat sie auch wieder als Raben entsendet; sie hat Wölfe aufgenommen und an ihrem Blutdurst Nichts geändert. Paulus dagegen hat Wölfe aufgenommen und in Lämmer verwandelt, hat Falken und Habichte aufgenommen und zu Tauben gemacht. Er hat alle unvernünftigen, wilden Leidenschaften aus der Natur der Menschen verbannt und an ihre Stelle die Milde und Sanftmuth des heiligen Geistes hineingepflanzt. Diese Arche treibt noch bis zu Stunde, ohne zu zerfallen, auf den Wassern umher. Denn der Sturm der Bosheit vermag die Bretter, aus denen sie gefügt ist, nicht zu lösen. Ganz im Gegentheil: über die stürmischen Fluthen sich erhebend ist sie es, die den Aufruhr der Elemente beschwichtigt. Das ist auch ganz natürlich. Denn waren an der Arche Noe’s die Bretter mit Erdharz und Pech bestrichen, sind sie an dieser Arche durchdrungen von der Salbung des heiligen Geistes.
Den Abraham ferner bewundert Jedermann, weil er auf das Wort des Herrn: „Ziehe hinweg aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft!“ Vaterland, Haus, Freunde und Verwandte verließ, und weil der Befehl Gottes ihm Alles war. Und auch ich muß ihn deßhalb bewundern. Wer aber könnte dem Paulus gleichen? Er hat um Jesu willen nicht bloß Vaterland, Haus und Verwandte, sondern die Welt selbst verlassen. Ja, er hat sogar den Himmel und den Himmel des Himmels hintangestellt und nur Eines gesucht, die Liebe Jesu Christi. Höret 304 nur, wie er uns Das verräth in den Worten: „Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Höhe noch Tiefe wird uns scheiden können von der Liebe Christi.“ Dann hat Abraham sich selbst in Gefahren gestürzt, um seinen Neffen der Gewalt der Barbaren zu entreissen. Paulus aber hat nicht bloß etwa seinen Neffen, nicht drei oder fünf Städte, sondern die ganze Menschheit — der Gewalt der Barbaren? nein, der Gewalt der bösen Geister entrissen, indem er alle Tage tausend Gefahren entgegenging und durch sein fortwährendes Sterben den andern Menschen Sicherheit und Ruhe verschaffte. Endlich hat Abraham sich dadurch das allergrößte Verdienst erworben, dadurch seiner Tugend die Krone aufgesetzt, daß er seinen Sohn als Schlachtopfer hingab; allein auch hier finden wir, daß Paulus mehr geleistet hat; denn er hat, wie ich eben ausführte, zwar nicht den Sohn, aber sich selbst tausendmal hingeopfert.
Was soll man dann ferner an Isaak bewundern? Neben vielen andern Tugenden ganz besonders seine Geduld. Indem er sich nämlich zu wiederholten Malen und an verschiedenen Stellen Brunnen anlegte, wurde er jedesmal aus seinem eigenen Gebiete vertrieben. Gleichwohl setzte er sich gegen seine Feinde nicht zur Wehre, und der Anblick der verschütteten Brunnen konnte seine Geduld nicht erschöpfen. Vielmehr ging er jedesmal wieder an einen andern Ort; ohne seine Dränger anzugreifen, wich er aus und verließ sein Besitzthum, bis sie ihrer Feindseligkeit gegen ihn genug gethan hatten. Paulus dagegen — er mußte es sehen und fühlen, daß nicht etwa sein Brunnen, sondern sein eigener Leib mit Steinen bedeckt ward, und wich er jetzt zur Seite, wie Isaak that? Nein, er ging hin zu Denen, die ihn gesteinigt hatten, und bemühte sich, sie in den Himmel hinaufzuführen. Denn je mehr die Quelle 305 verschüttet ward, desto gewaltiger brach sie wieder hervor, und desto zahlreicher und anhaltender ergoßen sich ihre Ströme.
§ 3
Was dann den Sohn Isaak’s angeht, ihn bewundert die heilige Schrift wegen seiner ausdauernden Standhaftigkeit. Doch welche Seele von Erz und Stahl hat jemals eine Standhaftigkeit wie Paulus an den Tag gelegt? Er hat nicht bloß zweimal sieben Jahre, sondern sein ganzes Leben lang für die Braut Christi gedient. Für sie brannte sein Herz bei der Kühle der Nacht nicht minder als bei der Hitze des Tages. Für sie harrte er standhaft aus, wenn auch eingehüllt in die Wolken zahlloser Anfechtungen; bald gegeißelt, bald gesteinigt, bald mit wilden Thieren kämpfend, bald mit dem Ungestüm des Meeres ringend, von Hunger gequält bei Tag und Nacht und von Kälte geplagt, allenthalben in den Kampf sich hineinstürzend, um die Schafe dem Rachen des Teufels zu entreissen.
Joseph — er war enthaltsam. Doch ich fürchte, nur ein mitleidiges Lächeln zu verdienen, wenn ich Paulus wegen dieser Tugend preise. Denn er war ein Mann, der sich der Welt gekreuzigt hatte, der nicht bloß leibliche Schönheit, sondern alles Irdische so ansah, wie wir Staub und Asche ansehen, mit einer solchen Unempfindlichkeit, wie sie einem Leichnam dem anden gegenüber eigen ist. Er hat also die unordentlichen Regungen der Natur vollkommen zur Ruhe gebracht, so daß er sich in keiner Weise und auf keine Veranlassung hin etwas Menschliches zu Schulden kommen ließ.
Jedermann bewundert den Job und zwar mit Recht. Denn er war ein großer Held und darf selbst mit Paulus 306 verglichen werden: wegen seiner Geduld, wegen der Reinheit seines Lebens, wegen des Zeugnisses, das ihm Gott selber ausgestellt hat, wegen seines gewaltigen Kampfes und wegen des staunenswerthen Sieges nach dem Kampfe. Paulus dagegen hat nicht etwa viele Monate nur, sondern viele Jahre hindurch fortwährend in dieser Weise gekämpft. Wir lesen zwar nicht, daß er auf dem Misthaufen saß, mit dem Eiter seiner Wunden Erdschollen erweichend; dafür aber stürzte er sich bei diesem Kampfe ein Mal über das andere in den Rachen des unsichtbaren Löwen, angefochten von tausend Widerwärtigkeiten, stärker und fester als ein Fels; und er ward nicht wie Job von drei oder vier Freunden, sondern von allen Ungläubigen und falschen Brüdern gelästert, beschimpft und geschmäht. Aber — Job war wohl groß in seiner Gastfreundlichkeit und in seiner liebevollen Sorgfalt für die Dürftigen? Ich widerspreche nicht. Allein diese Tugenden, so wie er sie übte, standen hinter den entsprechenden Tugenden des heiligen Paulus ebenso weit zurück, als der Leib der Seele nachsteht. Denn was Job an den gebrechlichen Leibern, Das übte Paulus an den kranken Seelen. Er heilte Alle, deren Geist lahm und verkrüppelt, er bekleidete Alle mit dem Gewande christlicher Tugend und Weisheit, deren Seele nackt und häßlich war. In den leiblichen Werken der Barmherzigkeit aber steht er in demselben Grade höher denn Job, als die Unterstützung der Dürftigen bei eigener Armuth, eigener Entbehrung vor den Spenden ans dem Überfluß den Vorzug verdient. Das Haus des frommen Job stand jedem Ankommenden offen: das Herz des heiligen Paulus aber war weit geöffnet für die ganze Welt und bot ganzen Völkern eine Zufluchtstätte. Darum sagte er auch: „Nicht seid ihr beengt in uns, ihr seid aber beengt in eurem Innern.“ Job war 307 allerdings wohlthätig gegen die Nothleidenden; aber er besaß auch unzählig viele Schafe und Rinder; Paulus dagegen hatte Nichts als die Glieder seines Leibes, und selbst in diesen fand er ein Mittel, den Armen beizustehen; denn er sagt und verkündet: „Zu Dem, was mir nöthig war und Denen, die mit mir sind, verhalfen diese Hände.“ So erwarb er durch die Arbeit seiner Hände Einkünfte für die Hungrigen und Darbenden. — Aber die Würmer und die eiternden Wunden haben ja dem frommen Job jene Schmerzen bereitet, die so überaus groß und fast unerträglich waren! Das gestehe ich zu. Nun aber vergleiche damit die Geißelstreiche, die Paulus im Laufe so vieler Jahre erhalten hat, die fortwährenden Entbehrungen, die Blöße, die Fesseln, die Kerkerleiden, die Gefahren, die Nachstellungen von Angehörigen und von Fremden, von Herrschern und von der ganzen Welt, und dazu das Andere was für ihn noch herber war: die Schmerzen um die Gefallenen, die Sorge für alle Kirchen, die brennenden Qualen, die er um eines jeden Geärgerten willen empfand, — dann wirst du erkennen, daß eine Seele, die Solches erduldete, fester als ein Felsen stehen mußte, und daß nicht einmal Erz und Stahl mit ihr zu vergleichen sind. Was also Job an seinem Leibe, Das litt Paulus an der Seele; ärger als der Leib durch die Würmer, ward sie durch den Schmerz um jeden Geärgerten gepeinigt. Um ihretwillen vergoß er ohne Unterlaß Ströme von Thränen, nicht bloß am Tage, sondern auch bei Nacht, und für Jeden von ihnen litt er heftiger, als irgend ein Weib in Geburtswehen leidet. Darum sagte er auch: „Meine Kindlein, für die ich wiederum in Wehen bin.“
Wer ist dann nach Job vorzüglich zu bewundern? Jedenfalls Moses. Allein auch ihn hat Paulus bei Weitem 308 übertroffen.
§ 4
Groß war Moses in manchen Punkten; allein zum höchsten Gipfel ihrer Tugend hat sich diese heilige Seele damals erhoben, als er wünschte, um des Heiles der Juden willen aus dem Buche Gottes ausgestrichen zu werden. Während jedoch Moses mit den Andern zu Grunde gehen wollte, begehrte Paulus selbst von der ewigen Herrlichkeit ausgeschlossen zu werden, wenn nur die Andern zum Heile gelangten. Moses hat gegen Pharao, Paulus hat alle Tage gegen den Teufel gestritten; Jener hat sich für ein Volk, Dieser für die ganze Welt abgemüht; nicht sowohl von Schweiß als von Blut triefend arbeitete er an der Besserung der Menschen in kultivirten und in wilden Gegenden, unter Griechen und Barbaren.
Auch den Josue, den Samuel und die andern Propheten könnte ich euch zur Vergleichung vorführen; aber um nicht zu weitläufig zu werden, will ich mich auf die allervorzüglichsten beschränken. Denn wenn sich zeigt, daß Paulus diese Männer übertroffen hat, dann kann man hinsichtlich der andern nicht mehr zweifeln. Welche sind also die bedeutendsten? Nächst den eben genannten, wer anders als David, Elias und Johannes? Johannes geht der ersten, Elias der zweiten Ankunft des Herrn voraus, weßhalb auch Beide mit dem gemeinschaftlichen Namen „Vorläufer des Herrn“ bezeichnet werden. Welches sind nun Davids hervorragendste Tugenden? Seine Demuth und seine Liebe zu Gott. Wo ist nun aber der Mensch zu finden, der in höherm Grade als Paulus, oder vielmehr, der nicht in geringerm Grade als er diese beiden Tugenden geübt hat? — Und was ist an Elias am meisten zu bewundern? Daß er den Himmel verschlossen, eine Hungersnoth herbeigeführt und Feuer vom Himmel herabgerufen hat? Ich glaube nicht. Am meisten bewundere ich seinen mehr als feurigen Eifer für die Ehre Gottes. Wenn du nun aber den Eifer des heiligen Paulus betrachtest, so wirst du finden, daß Paulus in dieser Beziehung ebenso hoch über Elias, als Elias über den andern Propheten stand. Denn was ließe 309 sich wohl jenen, dem feurigsten Eifer für die Ehre Gottes entstammenden Worten zur Seite stellen: „Ich wünschte ein Fluch zu sein für meine Brüder, meine Anverwandten, dem Fleische nach“? Schon war ihm der Himmel mit seinen Kronen und Kampfpreisen zur Besitzergreifung angeboten, da hat dieser Eifer ihn vermocht, noch zu zaudern und zu warten; „denn“, sagte er, „das Verbleiben im Fleische ist nothwendiger euretwegen.“ Daher genügte ihm weder die sichtbare noch selbst die unsichtbare Schöpfung, um sie mit der Liebe und dem Eifer für Gott auch nur vergleichsweise in eine Reihe zu stellen; sondern er sah sich, um uns dieses sehnliche Verlangen seines Herzens kund zu thun, nach einer andern Schöpfung um, die gar nicht existirt. Um nun auf Johannes überzugehen — von ihm wissen wir, daß er Heuschrecken und wilden Honig aß. Paulus aber hat mitten unter den Menschen so gelebt wie Johannes in der Wüste. Es waren nicht Heuschrecken und wilder Honig, was er aß, nein, sein Tisch war noch ärmlicher bestellt, und in Folge seines Eifers in der Verkündigung des göttlichen Wortes entbehrte er sogar oft, was er an Speise und Trank nothwendig hatte. Dann hat Johannes den Herodes mit unerschrockenem Muthe getadelt; Paulus dagegen hat in derselben Weise nicht Einen oder Zwei oder Drei, sondern Tausende dermaßen zurechtgewiesen, daß sie verstummen mußten, und unter diesen auch Solche, die noch weit mehr zu fürchten waren als jener Tyrann.
§ 5
Es erübrigt noch, daß wir ihn mit den Engeln vergleichen. Verlassen wir also die Erde, steigen wir hinauf zu den Höhen des Himmels! Niemand zeihe mich wegen 310 dieser Worte der Verwegenheit. Denn wenn die Schrift den Johannes so nennt und die Priester, — was Wunder, wenn wir einen Mann, der besser ist als Alle, mit diesen Geistern vergleichen? Worin besteht nun der Hauptvorzug der Engel? Darin, daß sie mit der größten Gewissenhaftigkeit den Willen Gottes erfüllen. Das ist es auch, was David an ihnen bewundert, indem er sagt: „Gewaltige an Kraft, Vollzieher seines Wortes.“ Nichts, was sie besitzen, kann diesem Vorzug gleichen, obwohl sie reine Geister sind — und wären sie es auch tausendmal. Denn Dieß ist es hauptsächlich, was sie so glücklich macht, daß sie den Geboten Gottes folgen und es in keiner Beziehung an Gehorsam fehlen lassen. Dasselbe hat nun auch Paulus, wie leicht zu sehen ist, ganz gewissenhaft beobachtet. Denn er erfüllte das Wort des Herrn, er vollzog seine Gebote und that noch darüber hinaus. Das sagt er uns in den Worten: „Welches ist nun mein Lohn, daß ich, das Evangelium predigend, unentgeltlich mache das Evangelium Christi?“ — Was findet der Prophet noch mehr an den Engeln zu bewundern? „Der seine Engel,“ sagt er, „zu Winden macht und seine Diener zu brennendem Feuer.“ Seht, auch Das trifft bei Paulus zu; denn wie Sturmwind und Feuer, so durcheilte er die ganze Welt, so reinigte er die Erde. Aber es war ihm doch der Himmel noch nicht zu Theil geworden! [.d. h. stand er während seines irdischen Lebens vielleicht insofern den Engeln nach, daß er den Himmel nicht besaß?] Das ist eben das Staunenswerthe, daß er hier auf Erden schon ein Mann solcher Art war, und daß er, obgleich mit dem sterblichen Leibe bekleidet, mit jenen geistigen Mächten wetteifern konnte.
Für uns aber — welche Strafe könnte für uns hart genug sein, wenn wir die Tugenden, die also ein Mann 311 allesammt in sich vereinigt hat, auch nicht zum allergeringsten Theile nachzuahmen bestrebt wären? Laßt uns Das recht bedenken und uns ganz untadelhaft erweisen! Laßt uns darnach trachten, uns seinen Eifer anzueignen, damit wir auch derselben Glückseligkeit theilhaft werden können, durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi, dessen ist die Herrlichkeit und Macht jetzt und immerdar und in Ewigkeit. Amen.
312