Der heilige Paulus zeichnete sich durch eine ausserordentlich große Liebe zu seinen Mitmenschen aus. Er war 1. voll mitleidiger Liebe gegen die Juden, seine heftigen und böswilligsten Verfolger, für die er ohne Unterlaß betete, trauerte und Entschuldigungen geltend machte; 2. nicht minder von Liebe erfüllt gegen die Heiden, gegen die Gefallenen, gegen Jedermann; 3. er bewährte diese Gesinnung durch Liebeswerke aller Art, auch durch Sorge für die irdischen und zeitlichen Angelegenheiten; 4. einen Mangel an Liebe hätte er sich zum größten Vorwurf angerechnet.
Unsere Aufgabe ist es, seinem Wort und Beispiel zu folgen.
§ 1
Der heilige Paulus fordert uns wiederholt zur Nachfolge Christi auf. Dabei verweis’t er uns bald auf sein eigenes Beispiel, mit Übergehung der Engel, Erzengel und andern himmlischen Mächte, bald sieht er auch noch von sich 322 selber ab und führt uns geraden Weges zu Gott dem Herrn hinauf. So sagt er an einer Stelle: „Werdet meine Nachahmer, wie auch ich Christi Nachahmer bin,“ und an einer andern Stelle: „Werdet also Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder.“ Auf diese Weise zeigt er uns, was der gute Wille des Menschen vermag, und daß wir selbst bis zum Himmel emporsteigen können. Nun kann man aber dieses Gebot der Nachfolge Christi auf keine Weise so vollkommen erfüllen, als wenn man nur für das Gemeinwohl lebt und stets Das im Auge hat, was den Mitmenschen zum Nutzen dient. Das zeigt uns der heilige Paulus wiederum, indem er an der angeführten Stelle hinzufügt: „Wandelt in der Liebe!“ Nachdem er also gesagt hat: „Werdet meine Nachahmer,“ redet er sofort von der Liebe und deutet dadurch an, daß uns diese Tugend mehr als jede andere Gott dem Herrn nahe bringt. In der That sind die andern Tugenden von geringerm Werthe, und haben es alle lediglich mit den Menschen zu thun; so ist es mit dem Kampfe gegen die Begierlichkeit, mit der Bezähmung der Gaumenlust, mit dem Widerstand gegen die Habsucht, mit dem Streiten gegen den Zorn. Die Liebe dagegen haben wir mit Gott dem Herrn gemeinsam. Darum sagt auch der Heiland: „Betet für Die, welche euch mißhandeln, damit ihr ähnlich werdet eurem Vater, der in den Himmeln ist.“ Das hat auch Paulus gewußt, daß die Liebe die größte unter den Tugenden ist, und darum hat er die Liebe mit großem Fleiße geübt. Niemand hat so wie er die Feinde geliebt, den Verfolgern Gutes erwiesen und für Diejenigen gelitten, die ihn gekränkt hatten. Er vergaß, was er von ihnen zu leiden hatte, und erinnerte sich, daß sie Menschen waren gleich ihm; und je wilder sie sich 323 geberdeten, desto größer war sein Mitleid mit ihrer Wuth. Er war gegen sie gerade so gestimmt, wie ein Vater gegen seinen Sohn, dessen Geist vom Irrsinn umnachtet ist. Je heftiger ein solcher Kranker wüthet und um sich schlägt, desto mehr wird ihn der Vater bemitleiden und beweinen. So hat auch der heilige Paulus, indem er die Wuth seiner Dränger wie eine durch die Übermacht böser Geister herbeigeführte Krankheit betrachtete, stets nur größere Sorge um sie empfunden.
§ 2
Höret nur, wie liebevoll und mitleidig er uns von ihnen redet, und vergesset dabei nicht, daß diese Menschen ihn fünfmal gegeißelt, daß sie ihn gesteinigt und in Bande gelegt hatten, daß sie nach seinem Blute dürsteten und täglich wünschten, ihn zerreissen zu können. „Denn ich gebe ihnen Zeugniß,“ sagt er, „daß sie Eifer haben für Gott, aber nicht nach Einsicht.“ Und an einer andern Stelle wehrt er den Schmähungen, mit denen man sie verfolgt, indem er sagt: „Sei nicht hochmüthig, sondern fürchte! Denn wenn Gott der natürlichen Zweige nicht geschont hat, möchte er etwa auch Deiner nicht schonen. Nachdem er nämlich zu der Überzeugung gekommen war, daß Gottes Urtheil gegen sie ergangen war, that er noch immer, was in seinen Kräften stand: er beweinte und betrauerte sie ohne Unterlaß, er hielt Diejenigen zurück, die ihnen aufsässig waren, er bemühte sich nach Möglichkeit, wenigstens einen Schatten von Verzeihung für sie ausfindig zu machen. Und weil er wegen ihres harten und verstockten Herzens mit seinen Worten keinen Eingang bei ihnen finden konnte, darum nahm er seine Zuflucht zum anhaltenden Gebet. So sagt er: „Brüder! Mein Wunsch und mein Gebet zu Gott ist für sie um Errettung.“ Zugleich sucht er sie zu den besten Hoffnungen anzuregen: „Ohne Reue,“ sagt er, 324 „sind die Gnadengaben und die Berufung von Gott,“ damit sie doch nicht völlig verzweifeln und zu Grunde gehen möchten. Das alles sind offenbar Worte eines Mannes, der für sie ausserordentlich besorgt und von Liebe entbrannt war. So auch, wenn er sagt: „Kommen wird aus Sion der Retter, und abwenden wird er Gottlosigkeit von Jakob.“ Denn es schmerzte und quälte ihn ungemein, wenn er sie zu Grunde gehen sah. Darum dachte er auf manche Trostgründe für diesen seinen Schmerz; so sagt er also einmal: „Kommen wird der Retter, und abwenden wird er Gottlosigkeit von Jakob,“ und ein anderes Mal: „So haben auch diese zu eurer Begnadigung nicht geglaubt, damit auch sie begnadigt werden.“ Ebenso hat auch Jeremias sich so zu sagen mit Gewalt bemüht, um eine Entschuldigung für ihre Sünden ausfindig zu machen. Darum sagt er bald: „Wenn unsere Sünden gegen uns zeugen, thue es |Deinetwegen!“ und an einer andern Stelle: „Nicht des Menschen Sache ist sein Weg, noch wird der Mensch einherschreiten und seine Schritte lenken;“ und wieder an einer andern Stelle: „Gedenke, daß wir Staub sind.“ Wenn man nämlich für einen Schuldigen bittet und nichts Stichhaltiges zur Entschuldigung vorzubringen weiß, dann pflegt man wenigstens einen Schatten von Entschuldigung zu ersinnen, die dann freilich nicht gründlich ausgeführt und auch nicht nach strengen Grundsätzen zu beurtheilen ist, aber doch immerhin einen Trost für Diejenigen enthält, die sich um jene Unglücklichen, welche dem Verderben anheimfallen, betrüben. Darum wollen auch wir solche Entschuldigungen nicht scharf untersuchen, 325 sondern in dem Gedanken hinnehmen, daß es eben Ergüsse eines trauernden Herzens sind, welches für die Schuldigen nach einem Wort der Fürbitte sucht.
§ 3
Waren es nun bloß die Juden, gegen welche Paulus so gestimmt war, oder auch Die, welche draussen standen? Er war sowohl gegen seine Stammsgenossen als gegen Fremde so sanftmüthig wie kein Anderer. Hört nur, was er an Timotheus schrieb: „Ein Diener des Herrn aber muß nicht streiten, sondern milde sein gegen Alle, lehrhaft, duldsam, in Sanftmuth zurechtweisend die Widerstrebenden, ob ihnen Gott nicht Sinnesänderung verleihe zur Erkenntniß der Wahrheit und sie sich ernüchtern aus des Teufels Schlinge, nachdem sie von ihm gefangen gehalten worden zu seinem Willen.“ Wollt ihr auch hören, wie er selbst zu Denjenigen redet, die sich verfehlt haben? Vernehmet, was er in seinem Briefe an die Korinthier sagt: „Ich fürchte aber, daß, wenn ich zu euch komme, ich euch nicht so, wie ich euch wünsche, finden werde;“ und bald darauf: „Daß nicht, wenn ich wiederkomme, mein Gott mich demüthige bei euch und ich Viele von Denen betrauern werde, welche vorher gesündigt und nicht Buße gethan haben wegen Unlauterkeit und Unzucht, welche sie vollbracht haben.“ Und in seinem Schreiben an die Galater sagt er: „Meine Kindlein, für die ich wiederum in Wehen bin, bis daß gestaltet wird Christus in euch.“ Höret auch, wie er über den Unzüchtigen redet, wie er gleich diesem Sünder selbst trauert und um Hilfe bittet, da er sagt: „Beschließet Liebe gegen ihn!“ Und als er diesen Menschen ausschloß, verhängte er diese Strafe unter vielen Thränen. „Denn aus vieler Drangsal und Herzensangst,“ sagt er, „habe ich euch geschrieben, nicht damit ihr trauert, sondern damit ihr die Liebe inne werdet, welche ich über die Maßen zu euch hege“; 326 und wiederum: „Ich bin geworden den Juden gleichsam Jude, Denen, die unter dem Gesetze sind, als wäre ich unter dem Gesetze, den Schwachen wie ein Schwacher; Allen bin ich Alles geworden, damit ich in aller Weise Einige errette;“ und wiederum an einer andern Stelle: „Damit ich darstelle jeden Menschen vollkommen in Christo Jesu.“ Siehst du? Das ist eine Seele, die in der ganzen Welt nicht ihres Gleichen hat. Jeden Menschen wünschte er in dieser Weise darzustellen, und er that es wirklich, so viel an ihm war. Man hätte glauben können, er sei aller Menschen leiblicher Vater; so sehr hat er sich, um Alle in das Reich Gottes einzuführen, unter großen Unruhen und mit drängender Eile abgemüht, dienend, mahnend, versprechend, betend, flehend, die Teufel austreibend, die Verführer verjagend. Er war unausgesetzt bemüht, durch seine Gegenwart, durch Briefe, durch Reden, durch die That, durch seine Jünger wie auch in eigener Person die Sinkenden aufzurichten, die Stehenden zu stützen, die Gefallenen aufzurufen, die Zerschlagenen zu heilen, die Nachlässigen anzuspornen. Den Feinden furchtbar als mächtiger Rufer im Streit, mit seinem Blick die Gegner durchbohrend glich er einem Feldherrn oder Arzte ersten Ranges und machte sich auch bereitwillig zum Gepäckträger und zum Schildknappen, zum Leibwächter und zum Waffengefährten, um dem Kriegsheere Alles zu werden.
§ 4
Es waren aber nicht bloß Angelegenheiten der Seele, sondern auch des irdischen Lebens, deren er sich mit großer Sorgfalt und Liebe annahm. Höret nur, wie er in Betreff eines Weibes an eine ganze Gemeinde schrieb: „Ich empfehle euch aber Phöbe, unsere Schwester, welche Dienerin 327 der Kirche in Kenchreä ist, damit ihr sie aufnehmet im Herrn, würdig der Heiligen, und ihr beisteht, in welchem Anliegen sie immer eurer benöthigen wird;“ und wiederum: „Ihr kennet das Haus des Stephanas … möget auch ihr euch Solchen unterordnen;“ und wieder: „Erkennet Solche an!“ Das ist nämlich den Heiligen bei ihrer Nächstenliebe eigen, daß sie auch in zeitlichen Dingen Hilfe und Beistand leisten. So hat auch Elisäus dem Weibe, das ihn gastlich aufgenommen hatte, nicht bloß in Sachen ihres Seelenheiles Nutzen gebracht, sondern auch in zeitlichen Angelegenheiten sich dankbar zu erweisen gesucht. Darum sagte er zu ihr: „Hast du ein Anliegen beim Könige oder Befehlshaber?“ Wundert euch denn nicht, daß Paulus solche briefliche Empfehlungen ausstellte! Er hat sogar, wenn er Jemand zu sich beschied, für Diesen an das Reisegeld gedacht und dieser Sorge in seinem Schreiben Ausdruck verliehen. Das dünkte ihm seiner durchaus nicht unwürdig. Er schrieb nämlich an Titus: „Zenas, den Gesetzeskundigen, und Apollo geleite sorglich, damit ihnen Nichts fehle.“ Wenn nun schon für Diejenigen, die er für eine Reise empfahl, seine Sorgfalt so groß war, so muß er ohne Zweifel noch weit mehr gethan und Alles aufgeboten haben, wenn er Jemand in Gefahr wußte. Aus seinem Briefe an Philemon könnt ihr ersehen, welche Mühe er sich wegen des Onesimus gibt, mit welcher Klugheit er diese Sache behandelt, und wie sehr sie ihm am Herzen liegt. Es war ihm nicht zu viel, für einen Sklaven, der überdieß seinem Herrn entlaufen war und Vieles entwendet hatte, ein förmliches und vollständiges Schreiben aufzusetzen; daraus entnehmet, wie viel er für die Andern gethan haben mag. Es gab nur Eines, dessen er sich glaubte schämen zu müssen, wenn er nämlich Etwas vernachlässigt hätte, was zum Heil der Seelen nothwendig war. Darum setzte er für die 328 Rettung der Seelen Alles in Bewegung, dafür wendete er Alles mit Freuden auf: Worte, Geld und auch sein Leben. Er, der sich tausendmal dem Tode ausgesetzt hatte, er hielt noch viel weniger mit dem Gelde zurück, wofern er dessen nur besaß. Doch was sage ich: wofern er dessen besaß? Ich kann euch sogar zeigen, daß er es selbst dann nicht sparte, wenn er Nichts in seinem Besitze hatte. Glaubet nicht, daß ich in Räthseln sprechen will. Höret nur wieder, was er selbst sagt: „Ich werde gar gerne aufopfern und überaufgeopfert werden um eurer Seelen willen.“ Und in seiner Rede an die Ephesier sagte er: „Ihr selber wißt, daß zu Dem, was mir nöthig war und Denen, die mit mir sind, verholfen haben diese Hände.“ Also war er groß in der vorzüglichsten Tugend, in der Liebe, und seine Liebe so gewaltig, daß keine Flamme gleich heftig emporschlagen kann. Und wie Eisen, in Feuer eingesenkt, ganz Feuer wird, so ist auch er, von dem Feuer der Liebe entzündet, ganz Liebe geworden, und als wäre er aller Menschen Vater, so that er es in seiner Liehe den leiblichen Vätern gleich — doch nein, er übertraf alle Väter in seiner Sorge für die leiblichen und geistlichen Angelegenheiten der Kinder, indem er für seine geliebten Kinder Alles, Hab und Gut, Worte, Leib, Seele, kurz Alles dahingab. Darum nannte er auch die Liebe: Erfüllung des Gesetzes, Band der Vollkommenheit, Mutter alles Guten, Anfang und Ende der Tugend. Darum sagte er auch: „Das Endziel des Gebotes ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Bewußtsein.“ Und wiederum: „Denn Dieß: du sollst nicht ehebrechen, nicht tödten, und wo irgend ein anderes Gebot ist, es ist in dem Worte zusammengefaßt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Ist somit die Liebe Anfang und Ende alles Guten, so laßt uns auch in dieser Tugend dem Paulus eifrig nachfolgen; denn durch die Liebe ist er der Mann 329 geworden, der er wirklich ist. Sprich nur nicht von den Todten, die er erweckt, von den Aussätzigen, die er gereinigt hat; denn nichts Dergleichen wird Gott von dir fordern. Erwirb dir die Liebe, die Paulus besaß; dann wird die Krone dir hinterlegt sein. Wer lehrt uns Das? Er selbst, der die Liebe groß gezogen, der sie auch höher geachtet hat als Zeichen, Wunder und unzählige andere Vorzüge. Weil er sie nämlich bis zu einem so hohen Grade geübt und gepflegt hat, darum kannte er auch ganz genau ihre Kraft. Durch sie ist er ein so herrlicher Mann geworden, und Nichts hat ihm einen solchen Werth verliehen als die Macht der Liebe. Darum sagte er auch: „Strebet nach den bessern Gnadengaben! Und ich zeige euch darüber hinaus noch einen [vortrefflichern] Weg;“ er meint die Liebe, diesen allerbesten und zugleich leichten Weg. Diesen Weg laßt denn auch uns unablässig verfolgen, damit wir einst den Paulus oder vielmehr seinen Herrn schauen dürfen, und damit wir der unvergänglichen Krone theilhaft werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem da ist die Herrlichkeit und die Macht, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.
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