Der heilige Paulus als Christi Bannerträger; sein Schmuck, seine Macht, seine Ehre; sein apostolischer Eifer.
Dieser Eifer zeigt sich: 1. in dem sofortigen Beginn seiner Missionsthätigkeit gleich nach der Bekehrung (daß er dabei nicht unzeitiger oder unrechtmäßiger Weise vorging, hat Gott durch die Berufung zum Apostolate gezeigt); 2. in der Verleugnung seines eigenen Willens und in der Nachgiebigkeit gegen seine Brüder, 3. in der Sorge um die Erhaltung seines Lebens, 4. in seinem Verhalten auf der Reise nach Rom und während der Gefangenschaft, 5. in der Verwerthung aller scheinbaren Hindernisse und aller feindlichen Bestrebungen zur Förderung des Christentums.
§ 1
Wenn unter den Klängen der Posaune, unter dem Vortritt einer zahlreichen Kriegerschaar die kaiserliche Fahne in die Städte hineingetragen wird, dann sammelt sich die ganze Bevölkerung, um diesem Schalle zu lauschen, und um 377 das hochgetragene Banner sowie die Stärke des Trägers zu betrachten. Da nun heute der heilige Paulus — freilich nicht in eine Stadt einzieht, sondern auszieht, um die Welt zu erobern, laßt uns alle zusammeneilen! Denn auch er trägt eine Fahne, nicht die Fahne des Kaisers hier auf Erden, sondern das Kreuz Christi, des himmlischen Königs. Vor ihm ziehen nicht Menschen, sondern Engel her, der Fahne zu Ehren und dem Träger zum Schutze. Denn sind nicht selbst denjenigen Menschen, die nur für ihr eigenes Leben zu sorgen haben und für das Heil der Menschheit Nichts thun, vom Herrn der Welt Engel als Beschützer gegeben, so daß Einer geradezu sagt: „Der Engel, der mein Retter ist von Jugend auf“? Wie viel mehr müssen wir uns also überzeugt halten, daß die himmlischen Mächte Denjenigen zur Seite stehen, die mit der Sorge für den ganzen Erdkreis betraut und mit so vielen und großen Gnaden überhäuft sind!
Mit goldbesetzten Kleidern und goldenem Halsschmuck, in jeder Beziehung auf’s Glänzendste sind Die geschmückt, welche von irdischen Fürsten der Ehre, die Standarte zu tragen, werth befunden werden; Paulus aber, der das Kreuz trägt, ist mit Fesseln statt mit Gold bekleidet, er wird verjagt, gegeißelt und von Hunger gequält. Doch bedauert Das nicht, meine Theuern! Denn dieser Schmuck ist weit schöner und glänzender und ist Gott dem Herrn lieb und werth; und daher kam es auch, daß Paulus nie ermattete. Gerade Dieß ist so wunderbar, daß ihn trotz seiner Fesseln, Geißelstreiche und Wunden eine größere Herrlichkeit umgab, als die Träger des Purpurs und der Krone. Ich übertreibe nicht; seine Herrlichkeit ist größer. Das beweis’t die Kraft seiner Kleider. Lege tausend Kronen und ebensoviele Purpurgewänder einem Kranken auf, so wirst du damit die Gluth des Fiebers nicht im Geringsten 378 mindern; wenn aber die Schürzen des heiligen Paulus mit den Kranken in Berührung kommen, diese schlagen die ganze Krankheit in die Flucht. Und Das ist nicht zu verwundern. Denn wenn beim Anblick der kaiserlichen Fahne die Räuber nicht wagen, in die Nähe zu kommen, sondern unverwandt von dannen fliehen, dann ist es noch weit begreiflicher, daß die bösen Geister die Flucht ergreifen beim Anblick des Kreuzes. Paulus trägt das Kreuz, aber nicht, um es allein zu tragen, sondern um Alle zu Menschen gleicher Art zu machen und Alle es tragen zu lehren. Darum sagt er: „Seid Nachahmer von mir, wie ihr uns als Vorbild habt;“ und wiederum: „Was ihr gesehen und gehört habt von mir, Das vollbringet;“ und ferner: „Uns ist die Gnade geworden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.“ Die Ehren und Würden dieser Welt erscheinen nämlich dann in ihrem größten Glanze, wenn sie nur einem Einzigen angehören. Gerade umgekehrt ist es auf dem Gebiete der Gnade. Da glänzt die Ehre am meisten, nicht wenn der Inhaber ein einziger ist, sondern wenn an seiner Ehre und an seinem Glück viele Andere theilnehmen. Du siehst also, daß sie alle das Kreuz tragen, und daß Jeder von ihnen den Namen Jesu vor Völker und Könige trägt, Paulus aber sogar vor die Hölle und ihre Strafen. Aber so sagte er [verlangte er von Andern] nicht, weil sie es nicht tragen konnten. Siehst du nun, wie erhaben die Tugend ist, die unsere Natur sich aneignen kann? und daß Nichts einen höhern Werth hat als ein Mensch, trotzdem er sterblich bleibt? Denn du kannst mir Nichts namhaft machen, was größer als er, Nichts, was ihm auch nur gleich ist. Wahrlich, der jenes Wort gesprochen hat, der ist so viel werth als viele Engel und 379 Erzengel zusammen. Denn da er in seinem sterblichen, hinfälligen Leibe für Christus Alles hingab, was er besaß, — ja auch was er nicht besaß, denn auch das Zukünftige, das Kommende gab er hin und die Höhe und die Tiefe und die ganze Schöpfung, — was hätte der Mann nicht gesagt und gethan, wenn er eine rein geistige Natur gehabt hätte? Ich bewundere auch die Engel nur deßhalb, weil sie einer solchen Herrlichkeit sind gewürdigt worden, nicht weil sie geistige Wesen sind; denn auch der Teufel ist ein Geist und unsichtbar, aber gleichwohl das elendeste aller Geschöpfe, weil er Gott, seinen Schöpfer, beleidigt hat. Daher nennen wir auch einen Menschen nicht dann schon elend, wenn wir ihn mit einem Leibe von Fleisch und Blut bekleidet sehen, sondern wenn wir sehen, daß er diesen Leib mißbraucht. Paulus war ebenfalls mit einem solchen Leibe bekleidet; woher kam es nun, daß er ein so ausserordentlicher Mann war? Das hatte er theils von sich selbst, theils von Gott, und zwar deßhalb von Gott, weil von sich selbst; denn vor Gott gilt kein Ansehen der Person.
§ 2
Aber wie ist es möglich, sagst du vielleicht, daß wir ihm nacheifern? Höre seine Worte: „Seid Nachahmer von mir, wie auch ich Christi [Nachahmer bin].“ Er ist also Christi Nachfolger geworden, und du willst dem Mitknecht nicht nachfolgen? Er hat dem Herrn nachgeeifert, und du willst ihm nicht nacheifern, der mit dir im Dienste des nämlichen Herrn steht? Wie könntest du dich da entschuldigen?
Aber wie hat er denn dem Herrn nachgeahmt? Das sieht man schon gleich beim Beginne, am Anfange seiner Bekehrung. Denn als er aus der Taufe hervorging, da besaß er schon einen solchen Feuereifer, daß er nicht einmal auf einen Lehrmeister wartete. Er wartete nicht auf Petrus und ging nicht zu Jakobus noch zu irgend einem andern 380 [Apostel]; getragen von seiner eigenen Begeisterung entzündete er die Bewohner der Stadt mit einer solchen Gluth, daß sich bald ein heftiger Kampf gegen ihn erhob. So hatte er sich ja auch als Jude weit über seine Stellung hinaus thätig erwiesen, indem er [die Christen] in Fesseln schlug, hinwegschleppte und der Güter beraubte. So hat auch Moses, ohne daß ihm Jemand dazu Sendung und Auftrag gegeben hatte, sich den Barbaren wegen der ungerechten Behandlung seiner Stammesgenossen entgegengestellt. Das ist die Art eines edel gesinnten und hochherzigen Mannes, der, obgleich von Niemand zum Obern gesetzt, die Verbrechen anderer Menschen nicht mit Stillschweigen ertragen kann. Daß Moses sich nämlich mit Recht gegen die Vorgesetzten erhob, Das hat Gott selbst gezeigt, indem er ihm später seine Sendung ertheilte. So hat er es auch beim heiligen Paulus gemacht. Daß Dieser ganz recht that, indem er sich damals der Predigt und dem Lehramt widmete, auch dafür hat Gott selbst sich erklärt, indem er ihn bald nachher zur Würde eines Apostels erhob. Denn hätten diese beiden Männer ein solches Werk aus Ehr- und Ruhmbegier oder aus Herrschsucht unternommen, dann wären sie ungünstig beurtheilt worden, und zwar mit Recht. Da sie sich aber freudigen Muthes in Gefahren stürzten und oftmals sogar dem Tode preisgaben, um alle Andern zu retten, wird doch Niemand von so elender Gesinnung sein, daß er ihnen einen solchen Heldenmuth zum Vorwurf machen möchte. Daß sie Dieß nämlich nur aus Verlangen nach Rettung der vom Untergang bedrohten Mitmenschen thaten, Das ist ausser Zweifel gesetzt sowohl durch das ausdrückliche Urtheil Gottes, als auch durch das schreckliche Schicksal derjenigen Männer, welche dasselbe Streben [gegen die Obrigkeit] in sündhafter Weise bethätigten.
Es hat sich nämlich auch ein Anderer einstmals gegen 381 die Gewalt der Obrigkeit erhoben, — und der Ausgang war, daß er mit allen seinen Genossen dem Tode verfiel, indem die einen vom Feuer verzehrt, die andern von der Erde, die sich vor ihnen öffnete, verschlungen wurden. Das ist deßhalb geschehen, weil sie nicht Schutz und Vertheidigung, sondern Befriedigung ihrer Herrschsucht bezweckten. Auch Ozias hat sich empört — auch er ward gestraft, und zwar durch den Aussatz. Auch Simon hat sich empört, — und auch er ward verworfen und gerieth in die äusserste Gefahr. Auch Paulus hat sich gegen die Obrigkeit erhoben, aber er ward dafür gekrönt. Seine Krone aber besteht nicht im Priesterthum, in Ruhm und Ehren, sondern in einem Leben der Dienstbarkeit, voll Mühsale und Gefahren. Weil nur sein großer Eifer und seine Begeisterung ihn zu seinen Unternehmungen antrieb, darum wird er gepriesen, darum strahlt er in herrlichem Glanze schon gleich beim Beginne seiner Thätigkeit. So wie nämlich ein rechtmäßig bestellter Vorsteher, der seines Amtes nicht in würdiger Weise waltet, auch eine schärfere Strafe verdient, so ist andererseits Derjenige aller Ehre werth, der auch ohne rechtmäßigen Auftrag — ich sage nicht: die Obliegenheiten eines Priesters, sondern — die Sorge für die Gesammtheit auf sich nimmt und in geziemender Weise bethätigt. Darum brachte der heilige Paulus, von einem mehr als feurigen Eifer erfüllt, auch keinen einzigen Tag in träger Ruhe zu. Kaum den heiligen Wassern entstiegen, entflammte er sich zu einer gewaltigen Gluth, so daß er weder Gefahren achtete noch die Spott- und Schmachreden der Juden noch ihren Unglauben noch irgend Anderes der Art. Er schaffte sich so zu sagen andere Augen an, Augen der Liebe, und einen andern Geist und eilte auf seiner Bahn vorwärts mit unaufhaltsamer Gewalt, wie ein mächtiger Strom das Judenland durchgehend und aus den heiligen Schriften beweisend, daß 382 Jesus der Messias ist. Und doch war er damals nicht mit vielen Gnadengaben ausgerüstet, der Fülle des Geistes noch nicht gewürdigt worden. Nichts desto weniger entbrannte er schon alsbald in heiligem Eifer und übernahm, sich selbst absterbend, alle Mühen und Arbeiten. Es war, als wollte er Ersatz leisten für die versäumte Zeit; so war es um seine Thätigkeit, seine Anstrengungen bestellt. Dort, wo der Kampf am beschwerlichsten, voll Gefahren und Schrecken war, gerade da stürzte er sich hinein.
§ 3
Aber trotz dieser Kühnheit, dieses Heldenmuthes und Feuereifers war er andererseits den Lehrern der christlichen Wahrheit gegenüber so lenksam und nachgiebig, daß er ihnen selbst in dieser übermächtigen Begeisterung nicht widerstand. Einstmals, während er von heiligem Eifer entflammt, ja fast ausser sich war, kam man zu ihm und bedeutete ihm, er müsse nach Tarsus und Cäsarea gehen. Er widersprach nicht. Man sagte ihm, er müsse sich durch eine Öffnung der Stadtmauer herablassen: er ließ es sich gefallen. Man rieth ihm, sich das Haupthaar abscheeren zu lassen: er widersprach nicht. Man redete ihm zu, er möge nicht in die Volksversammlung gehen, er gab nach. So war er überall nur auf Eines bedacht: auf das Wohl der Gläubigen, auf Frieden und Einigkeit, und überall suchte er sich für das Evangelium zu erhalten.
Darum halte es nicht für einen Mangel an Muth, wenn du hörst, daß er seinen Neffen zu dem Hauptmann schickt, um sich der Gefahr zu entziehen, daß er ferner an den Kaiser appellirt und nach Rom eilt. Denn der Mann, der über das Verbleiben in diesem Leben schmerzlich seufzte, sollte der sich nicht gern entschlossen haben, bei Christo zu sein? Der um Christi willen selbst den Himmel verachtete 383 und die [Gemeinschaft der] Engel geringschätzte, sollte Der wohl von Anhänglichkeit an das Irdische erfüllt gewesen sein? Warum hat er denn jene Mittel zu seiner Rettung angewendet? Um noch fernerhin der Verkündigung des göttlichen Wortes obzuliegen, und um einst von hinnen zu scheiden in Begleitung vieler Seelen, die alle der himmlischen Krone theilhaft würden. Denn er fürchtete, einst bei seinem Hingange aus dieser Welt als ein Armer, als ein Bettler vor Gott zu erscheinen, wenn er sich nicht viele Verdienste um die Rettung der Seelen würde gesammelt haben. Darum sagte er auch: „Das Verbleiben im Fleische ist nothwendiger — euretwegen.“ Darum sah er es nicht für eine Schande an, daß er einer großen Anzahl von andern Gefangenen, die zahllose Verbrechen verübt hatten, als Gefesselter zugesellt und mit ihnen hinweggebracht wurde, obgleich er sah, daß der Gerichtshof günstiger über ihn urtheilte, wie ja auch Festus sagte: „Dieser Mann könnte frei gegeben werden, hätte er nicht an den Kaiser appellirt.“ Er schämte sich also jener Gesellschaft nicht, ja er legte sogar, für seine Person vollkommen unbesorgt und überzeugt, daß er Nichts zu fürchten habe, für alle seine Reisegefährten eine liebevolle Sorgfalt an den Tag. So ließ er sich über das weite Meer bringen als ein Gefangener und freute sich dessen, gerade als würde er zur Herrschaft über ein Königreich geführt. Und doch war es kein geringer Kampf, dem er entgegenging, da er die Stadt der Römer bekehren wollte. Bei alle dem versäumte er die Sorge für seine Reisegefährten nicht; er wußte sie mit Ruhe und Zuversicht zu erfüllen, indem er ihnen die Offenbarung mittheilte, die ihm zu Theil geworden war, und sie dadurch überzeugte, daß alle seine Gefährten seinetwegen sollten gerettet werden. Das that er nicht, um sich ein Ansehen zu geben, sondern um sie für seine Lehre empfänglich zu machen. Deßhalb ließ Gott auch den Sturm auf dem Meere toben, damit die 384 Gunst und Gnade, in welcher bei ihm der heilige Paulus stand, jedesmal offenbar würde, sowohl wenn man auf ihn hörte, als auch, wenn man sich seinen Worten verschloß. Denn als er den Rath gab, nicht abzusegeln, da hörte man nicht auf ihn, — und die Gefahr stieg auf’s Höchste. Trotzdem zeigte er keine Empfindlichkeit, sondern sorgte auf’s Neue wie ein Vater für seine Kinder und bot Alles auf, damit Niemand zu Grunde ginge.
§ 4
Als er dann in Rom angekommen war, wie milde und bescheiden war er da in seinen Reden, und doch — wie frei und unerschrocken, wenn er die Ungläubigen widerlegte und verstummen machte! Aber auch in Rom machte er nicht für immer Halt, sondern eilte von da nach Spanien. Denn in Gefahren nahm er zu an Muth und Kühnheit, und nicht er allein, sondern seinetwegen auch seine Jünger. Hätten sie ihn säumig werden und erschlaffen sehen, dann würden sie wohl ebenfalls lässig geworden sein; weil sie ihn aber trotz aller Mißhandlungen, trotz der erneuerten und verschärften Angriffe nur muthiger werden sahen, predigten sie mit großer Zuversicht. Das sagt er uns selbst in den Worten: „Daß die Mehrzahl der Brüder im Herrn vertrauend meinen Banden übergewöhnlich sich getraute, unerschrocken das Wort [Gottes] zu reden.“ Er ist wie ein tapferer Feldherr, der nicht bloß dann, wenn er dreinschlägt und die Feinde zu Boden streckt, sondern auch, wenn er verwundet ist, seine Krieger mit Muth und Kühnheit erfüllt — und zwar noch mehr, wenn er Wunden empfängt, als wenn er Wunden schlägt. Denn wenn seine Krieger sehen, wie er mit Blut überströmt und mit Wunden bedeckt ist, und wie er trotzdem vor dem Feinde nicht zurückweicht, sondern tapfer Stand hält, die Lanze schwingt, auf die Feinde seine Geschoße abschnellt und durch seine Schmerzen sich nicht stören läßt: dann kämpfen auch sie mit größerm Heldenmuth. So war 385 es auch beim heiligen Paulus. Wenn die Jünger sahen, daß er gefesselt war und dann im Kerker predigte, daß er gegeißelt ward und über die Schergen den Sieg davontrug, dann wuchsen sie an Muth und traten zuversichtlicher auf. Das beweisen uns auch die eben angeführten Worte, indem er nicht allein ihr Vertrauen erwähnt, sondern hinzufügt, daß sie übergewöhnlich sich getrauten, unerschrocken das Wort zu verkünden. Jetzt, will er sagen, waren die Brüder freimüthiger und herzhafter, als da ich noch meine Freiheit hatte.
§ 5
Da wuchs auch seine eigene Begeisterung. Da entbrannte er noch mehr gegen die Feinde, und die Zunahme der Verfolgungen war für ihn nichts Anderes als Zunahme an Unerschrockenheit und Ursache größern Heldenmuthes. Als er einstmals eingekerkert war, wie sehr erstrahlte er da in Glanz und Herrlichkeit! Die Grundmauern erbebten, die Thüren flogen auf, den Wächter bekehrte er zum Glauben, und wenig fehlte, so hätte er auch den Richter bekehrt. „Fast überredest du mich,“ sagte dieser selbst, „ein Christ zu werden.“ Ein anderes Mal war er gesteinigt worden, und darauf ging er hin und bekehrte die Stadt, die ihn gesteinigt hatte. Er wurde vorgefordert, um gerichtet zu werden, einmal von Juden, ein ander Mal von Athenern, und die Richter wurden seine Schüler, und seine Gegner beugten sich vor ihm in gläubigem Gehorsam. Wie ein loderndes Feuer, wenn ihm Stoffe der verschiedensten Art in den Weg kommen, heftiger wird und daraus neuen Zuwachs gewinnt, so pflegte auch die Stimme des heiligen Paulus Alle, zu denen sie hindrang, gleichsam um- 386 zuwandeln und an ihn anzuschließen. Sogar seine Widersacher wurden durch sein Wort bezwungen, wurden ergriffen von dem Feuer seines Geistes, und durch sie nahm sein Wort wieder an Einfluß zu und gelangte zu Andern. Darum sagte er auch: „Ich bin gefesselt, aber das Wort [Gottes] ist nicht gefesselt.“ Sie verjagten ihn; Das war zunächst ein Werk der Verfolgung, aber es erwies sich zugleich als eine Aussendung von Lehrern der Wahrheit. Was Freunde und Kampfgenossen gethan haben würden, Das übernahmen die Feinde, indem sie diesen Arzt der Seelen nicht ruhig an einem Orte verweilen ließen, sondern durch ihre Nachstellungen und Ausweisungen überall umherführten, damit Jedermann seine Stimme hören konnte. Ein anderes Mal legten sie ihn in Ketten — und sie vermehrten seinen Eifer. Sie vertrieben die Jünger — und sie sandten Lehrer zu Denen, die noch keine hatten. Sie führten ihn vor ein höheres Gericht — und sie wurden Mittler des Heiles für eine größere Stadt. Darum sagten auch die Juden in ihrem Verdrusse über die Apostel: „Was werden wir doch diesen Menschen thun?“ Sie wollten sagen: Was wir immer beschließen mögen, dadurch fördern wir ihre Bestrebungen.“ Sie übergaben ihn dem Kerkermeister, daß er ihn mit aller Strenge festhielte, aber noch fester waren die Bande, durch die der heilige Paulus ihn selbst zu fesseln wußte. Sie ließen ihn seine Reise in Gesellschaft von Gefangenen machen, um ihn an der Flucht zu hindern; er aber unterwies die Gefangenen in der christlichen Wahrheit. Sie schickten ihn über Meer und sorgten so — natürlich gegen ihre Absicht —, daß er seinen Weg schnell zurücklegte. Das Schiff scheiterte, und Paulus nahm davon Anlaß, seinen Reisegefährten zu predigen. Sie drohten mit vielen Strafen, um die Predigt zu unterdrücken — und sie gewann noch mehr Anhänger.
387Zur Zeit unseres Herrn sagten sie einst: „Wir wollen ihn tödten, damit nicht die Römer kommen und unsere Stadt wegnehmen und unser Volk.“ Es kam gerade umgekehrt: weil sie ihn tödteten, deßhalb haben die Römer ihr Volk zertrümmert und ihre Stadt genommen; und was immer nach ihrer Ansicht dem Evangelium den Weg verlegen mußte, Das diente in Wirklichkeit zu seiner größern Ausbreitung. So ging es auch wieder, als der heilige Paulus predigte: was immer von ihnen zur Ausrottung des göttlichen Wortes aufgeboten wurde, dadurch wurde es nur gekräftigt und zugleich sein Einfluß ganz unglaublich befördert.
Laßt uns denn für Das alles Dank sagen dem allweisen Gott, glücklich preisen den heiligen Paulus, durch den es gewirkt worden, und laßt uns beten, auf daß auch wir derselben Wohlthaten theilhaft werden mögen durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Durch ihn und mit ihm sei Ehre dem Vater und zugleich dem heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.
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