Das Beispiel des heiligen Paulus zeigt uns, daß der Mensch der erhabensten Tugend fähig ist. Denn er hat 1. die größten Arbeiten und Leiden ohne Rücksicht auf Lohn übernommen, 2. in allen Mühsalen und Beschwerden nur neue Nahrung für seinen Eifer gefunden,
3. nichts begehrt als Gott zu gefallen, Nichts gefürchtet als die Sünde,
4. die Leiden um Christi willen als Gunst und Gnade erachtet,
5. wegen seiner übergroßen Liebe zu den Seelen sogar in Schmerz und Thränen um die Verlornen Trost gefunden. Es gibt Nichts in der Welt, womit er zu vergleichen wäre; er ist mehr werth als die ganze Welt, mehr als der Himmel, mehr als die Engel, und auch in der That von Gott durch ehrenvollere Aufträge als selbst die Engel ausgezeichnet worden.
§ 1
Was der Mensch ist, von welch’ edler Art nämlich unsere Natur, und welch’ erhabener Tugenden das Menschenwesen fähig ist, Das hat mehr als irgend ein Anderer der 313 heilige Paulus bewiesen. Bis auf diesen Tag steht er da als ein Mann, der laut und nachdrücklich gegen alle Tadler der menschlichen Natur unsern Herrn vertheidigt, der zur Tugend anspornt, der die schamlosen Gotteslästerer verstummen macht und den Beweis liefert, daß zwischen Engeln und Menschen ein großer Unterschied nicht obwaltet, wofern wir uns nur recht zusammennehmen wollen. Denn ihm ist nicht eine andere Natur, eine andere Seele zu Theil geworden als andern Menschen; er hat auch nicht eine andere Welt bewohnt als sie, er ist vielmehr auf derselben Erde, in demselben Lande, unter dem Einflusse derselben Gesetze und Gewohnheiten aufgewachsen, und dennoch hat er sich vor allen Menschen ausgezeichnet, die jemals gelebt haben. Wo sind sie nun, die da behaupten, daß dem Menschen die Tugend schwer, die Bosheit leicht wird? Paulus widerspricht ihnen, denn er sagt: „Das augenblicklich Leichte der Trübsal wirket über die Maßen ewige Last der Herrlichkeit.“ Wenn nun aber solche Trübsale „leicht“ zu nennen sind, dann sind Das noch weit mehr die eben daher stammenden Freuden.
Nicht Das allein ist an Paulus zu bewundern, daß er in seinem überaus großen Eifer die Beschwerden, denen er sich um der Tugend willen unterzog, so zu sagen gar nicht empfand, sondern auch, daß er keineswegs um des Lohnes willen sich die Tugend angelegen sein ließ. Während wir uns zu den Anstrengungen für die Tugend trotz des verheissenen Lohnes nicht einmal verstehen mögen, hat Paulus sie stets ohne Rücksicht auf den Preis des Sieges mit glühender Liebe umfangen; und was hindernd im Wege zu stehen schien, Das überwand er mit großer Leichtigkeit. So klagte er weder über die Schwachheit des Leibes, noch über 314 die Last und Vielheit der Arbeiten, noch über das heftige Widerstreben der Natur, noch über irgend etwas Anderes. Obgleich mehr mit Sorgen überhäuft als alle Feldherren und Könige, bewährte er jeden Tag die gleiche Frische und Thatkraft, und während die Gefahren sich mehrten, blieb sein Muth und sein Eifer immer neu. Das sagen uns seine eigenen Worte: „Was hinter mir liegt, vergessend und mich ausstreckend nach Dem, was vor mir liegt.“ Als ihm der Tod in Aussicht stand, rief er sogar die Gläubigen zur Theilnahme an dieser Freude auf: „Freuet euch und wünschet mir Glück!“ Als er in Gefahr war, mißhandelt und mit Schmach aller Art überhäuft zu werden, da jubelte er wieder und schrieb an die Korinthier: „Deßhalb habe ich sogar Wohlgefallen an Schwachheiten, an Mißhandlungen, an Verfolgungen.“ Diese Leiden nannte er eine Waffenrüstung der Gerechtigkeit und zeigte dadurch, daß er aus ihnen den größten Gewinn zog, und daß ihm die Feinde an keiner Seite beikommen konnten. Überall gegeißelt, verfolgt, geschmäht schritt er wie im Triumphe einher, und nachdem er aller Orten die Zeichen seiner fortwährenden Siege aufgestellt, konnte er sich also, dem Herrn danksagend, rühmen: „Dank sei Gott, der uns immerdar triumphiren macht.“ Ja, er suchte sogar Schmach und Mißhandlung um des Evangeliums willen, und zwar eifriger, als wir uns um Ehren bemühen, eifriger den Tod, als wir das Leben, die Armuth mehr, als wir den Reichthum. Er sehnte sich mit größerer, ja mit sehr viel größerer Heftigkeit nach Anstrengungen, als andere Menschen nach Ruhe, heftiger nach Leiden, als Andere nach Freuden; und er betete lieber für die Feinde, als Andere über sie fluchen. So hat er die Ordnung der Dinge umgekehrt — doch nein, wir haben sie umgekehrt, er aber hat 315 sie ganz nach dem Gesetze Gottes beobachtet. Denn seine Gesinnung entsprach der Natur, die unsrige ist ihr entgegen. Wo ist der Beweis? Paulus selbst ist der Beweis, da er, der doch auch Mensch war, sein Verlangen und Streben nach dieser und nicht nach der andern Richtung bethätigte. Zu fürchten und zu vermeiden gab es bei ihm nur Eines, nämlich die Beleidigung Gottes, und sonst Nichts, wie ihm auch andererseits Nichts begehrenswerth schien, als Gott zu gefallen. Nichts — nicht einmal die Seligkeit des zukünftigen Lebens, geschweige denn die Güter dieser Erde. Rede mir vorab nicht von Städten, Völkern, Königen, Kriegsheeren, Waffen, Schätzen, Statthaltereien, obrigkeitlichen Ämtern; denn diese Dinge galten ihm weniger als Spinngewebe; nein, von den himmlischen Gütern wollen wir hier reden, dann werden wir seine überaus große Liebe zu Christus erkennen. Denn im Vergleich zu dieser Liebe konnte ihm weder die Erhabenheit der Engel oder Erzengel noch irgend etwas Anderes der Art Bewunderung abgewinnen. Besaß er ja in seinem Innern Eines, was größer ist als Dieses alles, nämlich eben die Liebe Christi; und in dieser Liebe erachtete er sich für glücklicher als alle Andern, ohne diese Liebe aber hätte er nicht einmal zu den himmlischen Mächten, Herrschaften oder Gewalten gehören mögen. Im Besitze dieser Liebe wollte er lieber unter den Letzten, unter den Sträflingen sein, als ohne diese Liebe unter den Angesehenen und Hochgeehrten. Denn er kannte nur eine einzige Strafe: nämlich dieser Liebe verlustig zu gehen. Das war für ihn eine Hölle, Das die härteste Strafe. Das galt bei ihm einem Übermaß von Leiden gleich. So betrachtete er es auch als seinen Lohn, dieser Liebe theilhaft zu sein. Das war sein Leben. Das war seine ganze Welt. Das galt ihm mehr als himmlische Geister, als Gegenwärtiges und Zukünftiges, als Königthum, als die Verheissungen, als die Fülle aller Güter und Freuden. Und was auf diese Liebe keinen Bezug hatte, Das hielt er weder für schmerzlich noch für angenehm. Darum verachtete er alle sichtbaren Dinge wie faulendes Heu. Ihm kamen Tyrannen und wuth- 316 schnaubende Volkshaufen nicht anders vor als winzige Mücken. Tod und Züchtigung und Strafen aller Art wie Kinderspiel — es sei denn, daß er sie um Christi willen erduldete. Denn dann begrüßte er auch diese mit Freuden, und dann war er auf seine Fesseln stolzer als Nero auf das Diadem, das er auf seinem Haupte trug. Dann war ihm sein Kerker gerade so viel werth als der Himmel; dann empfing er Wunden und Geißelstreiche mit größerer Freude als ein Sieger den Kampfpreis, den er mit heisser Begier in Empfang nimmt. Beschwerden liebte er nicht weniger als Lohn, denn als Lohn galten sie ihm. Darum nannte er sie auch eine Gunst und Gnade. So ist es, seht nur selber zu: ein Lohn wäre es für ihn gewesen, aufgelös’t und mit Christo zu sein; dagegen im Fleische zu verbleiben, Das war eine Fortsetzung des Kampfes. Nichts destoweniger wählt er das Letztere und sagt, daß es ihm nothwendig sei. Ein Fluch zu sein, von Christus getrennt zu sein, Das gehörte zum Kampfe, zu den Leiden, ja es wäre noch weit härter gewesen als Kämpfe und Leiden; dagegen mit Christo zu sein. Das war Kampfes- lohn. Und dennoch war es das Erstere, was er um Christi willen erwählte. Doch ihr wollt vielleicht einwenden, daß ihm Dieß alles um Christi willen eben süß und angenehm war. Das ist es gerade, was ich auch sage, daß ihm nämlich alle jene Dinge große Freude machten, die uns betrüben und entmuthigen.
§ 2
Aber ich sollte eigentlich bei Aufzählung seiner Leiden nicht von einzelnen Gefahren und dergleichen Bedrängnissen reden; denn er war fort und fort in Schmerz und Betrübniß. Darum sagte er auch: „Wer wird schwach, ohne daß ich schwach werde? Wer wird geärgert, ohne daß ich entbrenne?“ Freilich, man kann behaupten, daß auch die Trauer von einer gewissen Befriedigung begleitet ist. So 317 finden manche Eltern beim Verluste ihrer Kinder, wenn man sie ruhig weinen läßt, gerade im Weinen einen Trost, und sie empfinden es schmerzlich, wenn man sie daran hindert. So war es auch dem heiligen Paulus ein Trost, Tag und Nacht Thränen zu vergießen; denn er hat fremdes Leid mehr betrauert, als irgend Jemand sein eigenes. Z. B., wie meinst du wohl, daß ihm zu Muthe war, da er die Juden vom Heile ausgeschlossen sah? Das ging ihm so sehr zu Herzen, daß er begehrte, der himmlischen Herrlichkeit verlustig zu gehen, damit sie nur gerettet würden. Offenbar war also dieses Unglück der Juden für ihn weit härter als der Verlust der eigenen Seligkeit; denn sonst hätte er diesen Wunsch nicht sagen können, da er natürlich Dasjenige wählen wollte, was für ihn leichter und tröstlicher war. Ja, Das wollte er, er rief sogar aus: „Trauer ist mir, und Wehe meinem Herzen!“
Diesen Mann also, den so zu sagen täglich die Trauer über die ganze Menschheit drückte, — die Trauer sowohl über alle Menschen insgesammt, über Völker und Städte, als auch über jeden Einzelnen, — womit könnte man diesen Mann wohl vergleichen? mit welcher Art von Erz oder Stahl? Wie soll man diese Seele nennen? eine goldene oder eine stahlharte Seele? Sie war härter als Stahl, werthvoller als Gold und edle Steine. Sie übertrifft jenes Metall an Festigkeit, dieses an Kostbarkeit. Mit welchem kann man sie also füglich vergleichen? Überhaupt mit keinem, das in der Natur wirklich vorkommt. Wenn aber Gold zugleich [hart wie] Stahl, und Stahl [kostbar wie] Gold wäre, dann würde uns darin ein entsprechendes, wenn auch immerhin sehr unvollkommenes Bild dieser Seele zu Gebote stehen. Doch warum vergleiche ich sie mit Stahl oder Gold? Die ganze Welt lege auf die eine, 318 die Seele Pauli auf die andere Wagschale, so wird diese schwerer wiegen. Denn wenn er ein solches Zeugniß Denjenigen gibt, die in Schaffelle gekleidet gingen, sich in Höhlen verbergen mußten und nur in einer eng begrenzten Gegend sich auszeichneten, dann können wir Dasselbe mit weit mehr Recht von ihm behaupten, da er so viel werth war als alle Andern zusammen. Wenn also die Welt seiner nicht werth war, wer war dann seiner werth? Vielleicht der Himmel! Aber auch Das ist zu wenig gesagt. Denn wie Paulus die Liebe des Herrn dem Himmel und seinen Freuden vorgezogen hat, so wird auch der Herr ihn mehr werth halten als tausend Himmel. Das ist unzweifelhaft anzunehmen, weil die Güte des Herrn ebenso hoch über der des heiligen Paulus, als die Tugend über dem Laster steht, und weil er unsere Liebe nicht etwa mit gleicher, sondern mit unsäglich viel größerer Liebe vergilt. Seht nur, wie überaus groß die Auszeichnungen sind, deren er den heiligen Paulus schon vor der künftigen Auferstehung gewürdigt hat. Er entrückte ihn in das Paradies, führte ihn hinauf in den dritten Himmel und gab ihm Antheil an jenen unaussprechlichen Geheimnissen, die kein Wesen menschlicher Natur verkünden darf. Das war auch recht und billig. Denn während er noch auf Erden wandelte, war er in allem seinem Thun wie ein Genosse der Engel; noch an den sterblichen Leib gefesselt glich er ihnen in der Reinheit seines Lebens, und so viel mit Nöthen und Schwachheiten geplagt trachtete er den himmlischen Mächten vollkommen gleich zu werden. Wie im Fluge durcheilte er den Erdkreis, wie ein leibloses Wesen, so verachtete er Mühsale und Gefahren; wie ein Bewohner des Himmels, so geringschätzig urtheilte er über das Irdische, und wie ein ständiger Gefährte geistiger Wesen, so wachsam war er ohne Unterlaß. Sind auch Engel manchmal mit der Sorge für verschiedene Völker betraut worden, so hat doch keiner von 319 ihnen für das ihm anvertraute Volk so gut gesorgt, wie Paulus für die ganze Welt. Wende mir Niemand ein, daß keineswegs Paulus [sondern Gott] es war, der Das alles wirkte und leitete. Das gestehe ich zu. War er es auch nicht selbst, der Das alles zur Vollendung brachte, so verdient er gleichwohl das Lob dafür, weil er sich dieser so großen Gnade würdig gemacht hatte [daß nämlich Gott durch ihn wirkte]. Michael erhielt als seinen Antheil das Judenvolk, Paulus dagegen Land und Meer, die ganze bewohnte Welt, auch selbst wilde und unkultivirte Gegenden. Das sage ich nicht, um die Engel zu lästern — nein, wahrlich nicht! — sondern um zu zeigen, daß es auch uns Menschen möglich ist, in ihre Reihen einzutreten, ihnen nahe zu stehen.
§ 3
Warum wurden aber nicht auch mit dieser Wirksamkeit [mit der Verbreitung des Christenthums] Engel beauftragt? Damit du für deine Nachlässigkeit keine Entschuldigung habest und nicht für deine Schläfrigkeit den Abstand zwischen der Natur der Engel und der Menschen zum Vorwand nehmest.
Übrigens ist auch jetzt [wie Gott es einmal geordnet hat] ein größeres Wunder geschehen. Oder ist es nicht etwas ganz Ausserordentliches und Staunenswerthes, daß ein Wort, ausgehend von einer aus Erde gebildeten Zunge, den Tod in die Flucht jagt, Sünden nachläßt, die kranke Natur wieder herstellt und die Erde zum Himmel macht? Deßwegen staune ich über die Macht Gottes, deßwegen bewundere ich die hingebende Bereitwilligkeit des heiligen Paulus, der eine so große Gnade empfing, weil er sich so gut darauf bereitet hatte.
Euch aber ermahne ich, daß ihr doch dieses Vorbild der Tugend nicht bloß bewundern, sondern auch nachahmen möget. Denn so werden wir mit ihm der gleichen Krone theilhaft werden können. Du wunderst dich, daß du für 320 dieselben Verdienste auch denselben Lohn erlangen sollst? Höre, wie er Das selber sagt: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; im Übrigen ist mir hinterlegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir verleihen wird der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tage, doch nicht allein mir, sondern auch Allen, die seine Ankunft geliebt haben.“ Siehst du, wie er Alle in dieselbe Gemeinschaft ruft? Da uns allen demnach dieselben Belohnungen in Aussicht stehen, so laßt uns auch alle eifrig bestrebt sein, der verheissenen Glückseligkeit theilhaft zu werden. Und laßt uns am heiligen Paulus nicht allein die Größe und Erhabenheit seiner verdienstlichen Werke in’s Auge fassen, sondern auch jene opferwillige Hingebung, wodurch er eine solche Gnade auf sich herabzog, und nicht minder unsere Verwandtschaft mit ihm der Natur nach, denn er hatte ja Alles mit uns gemeinsam. Dann wird uns auch Das, was überall schwer ist, leicht und mühelos vorkommen, und so werden wir nach den Beschwerden dieser kurzen Lebenszeit für ewig jene unverwelkliche, unvergängliche Krone tragen, durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi. Ihm gehört die Herrlichkeit und die Macht, jetzt und immer, und in alle Ewigkeit. Amen.
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