Sogar die scheinbaren Schwachheiten und Fehler des heiligen Paulus sind Beweise seiner Tugend.
Dahin gehören: 1. seine Scheu vor der Geißelung, 2. seine Furcht vor dem Tode, 3. sein Anathem gegen Alexander und Andere, 4. seine harten Ausdrücke gegen den unzüchtigen Korinther und gegen die verstockten Juden, 5. seine Unehrerbietigkeit gegen den Hohenpriester, 6. seine Härte gegen Johannes Markus und sein Streit mit Barnabas.
§ 1
Seid ihr einverstanden, Geliebte, wenn ich heute Alles bei Seite lasse, was am heiligen Paulus groß und be- 364 wundernswerth ist, und dagegen nur Dasjenige vorbringe, was Einige an ihm auszustellen finden? Wir werden sehen, daß er auch in diesen Punkten nicht minder groß und bewundernswerth da steht. Was findet man also an ihm zu tadeln? Es hat sich einmal gezeigt, sagt man, daß er sich vor der Geißelung fürchtete, damals nämlich, als er schon für die Geißelung festgeschnürt war, wie auch ein ander Mal, als er sich nämlich bei der Purpurhändlerin aufgehalten hatte und Denen, die ihn hinwegführen wollten, noch zu schaffen machte; denn Das that er nur, um sich sicher zu stellen, und nicht binnen Kurzem wieder derselben Strafe unterworfen zu werden. Was sollen wir nun darauf sagen? Ich sage: Nichts beweis’t so klar als die eben erwähnten Vorfälle, daß er ein großer und bewundernswerther Mann ist. Denn derselbe Mann, der von aller Verwegenheit und Überstürzung so weit entfernt, dessen Leib für Schläge so empfindlich war und so sehr vor der Geißelung zitterte, derselbe Mann hat, wo die Umstände es verlangten, dermaßen alles Furchtbare für Nichts geachtet, daß er in dieser Beziehung geistigen Wesen gleichkam. Wenn du also hörst, wie er zagt, da man ihn zur Geißelung festgeschnürt hat, dann denke an jene Worte, durch welche er sich über den Himmel hinaus erhoben und mit den Engeln gewetteifert hat, an die Worte: „Wer wird uns trennen von der Liebe Gottes? Trübsal oder Bedrängniß oder Verfolgung oder Hunger oder Gefahr oder Schwert?“ Denke an jene Worte, in denen er diese Leiden für Nichts erklärt: „Denn das gegenwärtig Leichte unserer Trübsal wirkt uns überschwenglich ewige Last der Herrlichkeit, indem wir nicht schauen auf Das, was gesehen wird, sondern auf Das, was nicht besehen wird.“ Nimm dazu seine täglichen Trübsale, sein tägliches Sterben; und indem du Das bedenkest, bewundere den Paulus und verzweifle nicht mehr an dir 365 selbst. Denn gerade Das, was beim heiligen Paulus Schwäche der Natur zu sein scheint, ist der größte Beweis seiner heldenmüthigen Tugend, indem er trotz seines Antheils an den allgemeinen menschlichen Nöthen ein so herrlicher Mann geworden ist. Die ausserordentliche Menge und Größe der Anfechtungen, welche er siegreich bestand, konnte Manche zu der Annahme, zu dem Argwohn veranlassen, daß er als ein so ausserordentlicher Mann eigentlich nicht zu den Menschen, sondern zu einer höhern Gattung von Wesen gehörte; deßhalb nun ließ ihn die Vorsehung solche Leiden fühlen, damit du erkennest, daß er zwar seiner Natur nach einer aus der Menge, aber in Anbetracht seines starkmüthigen Willens nicht bloß über die Menge erhaben, sondern wie einer von den Engeln war. Denn mit einer solchen Seele und einem solchen Leibe nahm er tausendmal den Tod auf sich, und verachtete er sowohl das Gegenwärtige als auch das Zukünftige. Darum konnte er auch jenes große, gewöhnlichen Menschen ganz unglaublich scheinende Wort aussprechen: „Ich wünschte ein Brandopfer zu sein, getrennt von Christus, für meine Brüder, meine Verwandten dem Fleische nach.“
§ 2
Denn wenn wir nur wollen, dann sind wir im Stande, durch die Kraft des Willens den ganzen Widerstreit der Natur zu überwinden; und zu Allem ist der Mensch im Stande, was Christus geboten hat. Wenn wir nur unsern ganzen Willen hergeben, dann verleiht uns auch Gott der Herr eine große Gnadenkraft, und dann sind wir durch keine feindliche Macht zu überwältigen. Das ist nichts Tadelnswerthes, wenn man sich vor Geißelstreichen fürchtet, wohl aber, wenn man sich durch diese Furcht zu irgend einem Schritte verleiten läßt, der mit der Frömmigkeit unvereinbar ist, ja, gerade wegen dieser Furcht ist Derjenige, der sonst im Kampfe nicht zu überwinden ist, mehr zu be- 366 wundern als ein Anderer, der sich nicht fürchtet; denn durch sie wird die Stärke seines Willens in ein helleres und schöneres Licht gesetzt. Die Furcht vor Schlagen ist dem Menschen natürlich; wer sich aber durch diese Furcht nicht zu einem unerlaubten Schritte bestimmen läßt, der beweis’t dadurch, daß sein Wille die Mängel der Natur ersetzt und jene Schwäche überwunden hat. So ist auch die Trauer an sich nicht zu tadeln, wohl aber sündhafte Worte oder Werke, zu denen man sich durch die Trauer verleiten läßt.
Freilich, wenn ich leugnen würde, daß Paulus Mensch war, dann würdest du mich mit Grund auf die Mängel seiner Natur verweisen, um dadurch meine Behauptung zu entkräften, wenn ich aber sage und fest darauf bestehe: ja er war ein Mensch, war seiner Natur nach nicht besser als wir und ist ein besserer nur durch seinen Willen geworden, — dann berufst du dich auf solche Vorfälle ganz vergeblich oder vielmehr nicht vergeblich; denn sie sprechen zu seinen Gunsten! Zeigen ja gerade diese Ereignisse, woher seine Größe stammt, indem er sich trotz einer solchen schwachen menschlichen Natur in seinen Werken über die menschliche Natur erhoben hat. Und Das nicht allein. Indem du ihn durch solche Erinnerungen nur noch mehr erhebst, verschließest du zugleich jenen Saumseligen den Mund, die sich mit den überwiegenden Neigungen ihrer schwachen Natur entschuldigen und drängest sie zum Eifer eines starken Willens.
§ 3
Aber auch den Tod, sagt man, hat er einmal gefürchtet. Nun ja, auch Das ist in der menschlichen Natur begründet. Allein nichts desto weniger hat dieser Mann, der sich vor dem Tode fürchtete, auch gesagt: „Denn auch wir, die wir in diesem Gezelte sind, seufzen bebürdet;“ und wiederum: 367 „Wir selbst seufzen in uns.“ Siehst du wohl, daß er eine Kraft des Willens aufbot, die der Schwäche der menschlichen Natur vollkommen die Wage hielt? Es ist auch vielen Märtyrern widerfahren, daß sie, wenn sie zum Tode sollten geführt werden, erbleichten und von Furcht und Angst erfüllt waren; aber sie sind gerade deßhalb ganz besonders zu bewundern, da auch sie, obgleich den Tod fürchtend, dem Tode um Jesu willen sich nicht entzogen haben. So auch der heilige Paulus: er fürchtete den Tod, aber um seines geliebten Heilandes willen war er sogar bereit, in die Hölle zu fahren; er zitterte im Gedanken an seine letzte Stunde, aber um Jesu willen sehnte er sich nach seiner Auflösung. Doch nicht er allein, sondern auch der Fürst der Apostel war ganz in derselben Lage: er, der sich oftmals bereit erklärt hatte, sein Leben hinzuopfern, auch er fürchtete den Tod nicht wenig. Höret, was darüber Christus in der Unterredung mit ihm sagt: „Wenn du alt geworden bist, wird man dich gürten und führen, wohin du nicht willst.“ Damit wies er hin auf die Schwäche der Natur, nicht des Willens. Denn die Natur macht sich geltend auch gegen unsern Willen, und ihre Mängel vollständig zu heben, Das ist selbst beim besten Willen und beim größten Eifer nicht möglich. Darum haben wir wegen dieser Mängel keinen Schaden zu befürchten, sondern vielmehr Bewunderung zu erhoffen. Denn wie könnte es etwas Tadelnswerthes sein, den Tod zu fürchten? Wie sehr verdient aber andererseits Derjenige gelobt zu werden, der den Tod fürchtet und sich dennoch durch diese Furcht nicht zu einem unedlen Schritte verleiten läßt. Eine schwache menschliche Natur zu haben, Das ist nicht tadelnswerth, wohl aber, dieser Schwachen Sklave zu sein. Darum ist Paulus groß und bewundernswerth, weil er durch die Kraft seines Willens die Angriffe der Natur überwunden hat. Dadurch zeigt er, wie groß die Kraft des Willens ist, und dadurch 368 macht er zugleich Diejenigen verstummen, die da klagen: Warum sind wir doch nicht von Natur gut? Denn was liegt daran, ob du es von Natur oder durch den Willen bist? Ja, wie sehr ist das Letztere sogar vorzuziehen, da es Siegeskronen und herrlichen Ruhm bringt! Aber die Natur, sagst du, ist doch sehr stark! Wenn du dich mit gutem, festem Willen waffnest, dann wird der Wille noch stärker als die Kraft der Natur. Oder siehst du nicht, wie die Martyrer, wenn ihre Leiber mit Schwertern verwundet werden, der Natur nach zwar von dem scharfen Stahl überwunden werden, aber dem Willen nach nicht nachgeben und sich nicht besiegen lassen? Sag’ an, hast du nie gehört, wie es bei Abraham war? Als ihm befohlen ward, seinen Sohn zu schlachten, hat sein Wille über die Natur den Sieg davongetragen und hat sich stärker erwiesen. Hast du nicht gesehen, daß es bei den drei Jünglingen im Feuerofen ebenso erging? Hörst du nicht auch Diejenigen, welche draussen stehen, im Sprüchwort sagen, durch die Gewohnheit werde der Wille zur zweiten Natur? Ich möchte sogar behaupten: zur ersten Natur. Den Beweis habe ich eben erbracht. Siehst du nun, daß wir sogar eine natürliche Stärke erlangen können, wenn der Wille nur gut und eifrig ist, und daß es mehr Lob einbringt, wenn man durch freie Wahl und Anstrengung des Willens, als wenn man aus Nothwendigkeit tugendhaft ist? Das ist in der That das Beste. Wenn Paulus z. B. sagt: „Ich züchtige meinen Leib und bringe ihn zur Dienstbarkeit,“ so lobe ich ihn dafür am allermeisten; denn daraus sehe ich, daß die Übung der Tugend ihm Anstrengung kostete und ihm nicht so leicht wurde, daß spätere Christen ihre Gleichgültigkeit damit entschuldigen könnten. Und wiederum, wenn er sagt: „Ich bin der Welt gekreuzigt,“ dann preise 369 ich die Stärke seines Willens. Ja fürwahr, unmöglich ist es nicht, durch Fleiß und Eifer den Willen dergestalt zu stärken, daß seine Kraft der Kraft der Natur gleichkommt; und wenn wir uns diese Säule der Tugend [Paulus] recht betrachten, dann werden wir an ihm das unermüdete Streben entdecken, die durch den Willen erworbenen Tugenden so fest zu gründen, daß sie ihm natürlich zu sein schienen. Wohl schmerzten ihn die Geißelstreiche, aber er achtete ihrer so wenig als die Engel, die keinen Schmerz empfinden können. Das läßt sich aus jenen Worten entnehmen, durch welche man sich schon hat verleiten lassen, ihm eine andere, eine höhere Natur, als die unsrige ist, zuzuschreiben. Denn wenn er sagt: „Mir ist die Welt gekreuzigt, und ich der Welt,“ und ferner: „Ich lebe, aber schon nicht mehr ich, sondern es lebt in mir Christus,“ — was heißt Das anders, als daß er selbst den Leib verlassen hat? Wie aber, wenn er sagt: „Es ward mir gegeben ein Stachel für das Fleisch, ein Engel des Satans“? Das ist eben der Beweis, daß die Leiden nur seinen Leib trafen, nicht als ob sie vor seiner Seele Halt gemacht hätten, sondern weil er sie durch die überaus große Stärke seines Willens zurückschlug und vertrieb. Was soll man zu andern, noch mehr bewundernswerthen Äusserungen von ihm sagen? wenn er sich z. B. freut, da er gegeißelt wird und sich seiner Fesseln rühmt? Was anders, als daß er hier von der Stärke und Erhabenheit seines Willens redet während andere Aussprüche die Schwäche seiner Natur beweisen? so z. B. wenn er sagt: „Ich züchtige meinen Leib und bringe ihn zur Dienstbarkeit, und ich fürchte, daß ich, nachdem ich andern gepredigt habe, selbst verwerflich werde.“ Diese verschiedenartigen Äusserungen sind aufgeschrieben, damit du ihn nicht im Hinblick auf jene großen Tugenden 370 für ein Wesen einer höhern Natur haltest und an dir selbst verzweifelst noch auch im Gedanken an diese Schwächen seine heilige Seele verachtest, sondern vielmehr auch hier einen Antrieb findest, dem Kleinmuth zu entsagen und dich zu den besten Hoffnungen zu erheben. Darum redet er auch von der Gnade Gottes in überschwenglichen oder sage ich lieber in sehr dankbaren Worten, damit du glaubst, sein Verdienst sei gar Nichts, und andererseits redet er auch von den Anstrengungen seines Willens, damit du nicht das Ganze auf Gott schiebest und selbst in der Trägheit und Schläfrigkeit verharrest. Bei ihm findet man in der That für Alles ganz genau das richtige Maß, die sichere Regel.
§ 4
Doch man wirft ihm vor, daß er einmal geflucht habe, dem Schmied Alexander nämlich. Aber was soll Das denn? Es waren nicht Worte des Zornes, sondern der Klage, und zwar im Interesse der Wahrheit. Nicht wegen seiner selbst war Paulus von Schmerz erfüllt, sondern weil jener Alexander der Verkündigung des göttlichen Wortes entgegen arbeitete. „Denn gar sehr,“ heißt es, „widersetzte er sich — nicht mir, sondern — unsern Worten.“ So diente der Fluch nicht nur zum Beweise seiner Liebe zur Wahrheit, sondern auch den Jüngern zum Troste. Denn wenn gegen die thätigen Widersacher des göttlichen Wortes Nichts geschah, dann war zu erwarten, daß Alle Anstoß nehmen würden. Daher jene Worte des Fluches.
Doch — er hat auch einmal noch einige Andere verwünscht, da er sagt: „Wenn es anders gerecht ist bei Gott, entgegenzuvergelten den euch Bedrängenden Drangsal.“ Damit wollte er nicht um Strafe beten für diese Menschen, — Das sei ferne ! — sondern er war nur darauf bedacht, die von ihnen Bedrängten zu trösten. Darum fügte er auch 371 hinzu: „Den Bedrängten selbst — Ruhe.“ Denn beachtet wohl, wie er denkt, und wie er den Feinden vergilt, wenn er selbst etwas Widriges zu erdulden hat. Da sagt er: „Wir werden gescholten und segnen, werden verfolgt und dulden, werden gelästert und flehen.“ Wenn du aber Dasjenige, was für das Andere [zu Gunsten der christlichen Wahrheit] gesagt oder gethan wird, auch auf Zorn als seine Quelle zurückführen willst, dann mußt du gleicher Weise behaupten, daß Paulus den Elymas aus Zorn mit Blindheit geschlagen und beschimpft und daß Petrus den Ananias und die Sapphira aus Zorn getödtet hat. Aber Das zu behaupten, dazu ist doch wohl Niemand thöricht, ja wahnsinnig genug.
Auch manche andere Worte und Handlungen wissen wir vom heiligen Paulus, die etwas hart und schroff zu sein scheinen, aber in Wahrheit sind eben diese ein Beweis für seine liebevolle Sanftmuth. Wenn er z. B. den Unzüchtigen aus Korinth dem Satan überliefert, so thut er Das aus der Fülle seines wohlwollenden, liebevollen Herzens. Das zeigt sich so recht in seinem zweiten Briefe [an die Korinthier]. Und wenn er den Juden droht und sagt: „Gekommen ist auf sie der Zorn bis zu Ende,“ so ist es nicht der Zorn, der aus ihm redet — denn du hörst ja, wie er beständig für sie betet, — sondern das Verlangen, sie heilsam zu schrecken und zu besserer Einsicht zu bringen. — Aber den Priester, sagt man, hat er geschmäht! Denn Das sind seine Worte: „Schlagen wird dich Gott, du übertünchte Wand.“ Wir wissen schon, daß manche seiner Vertheidiger diese Worte als eine Weissagung auffassen. 372 Und das mißbillige ich nicht; es ist ja auch wirklich so eingetroffen; jener Mensch hat so geendet. Aber vielleicht könnte ein Gegner, der etwas schärfer sieht, widersprechen und sich die überflüssige Mühe machen, dagegen zu sagen: Wenn es eine Weissagung sein sollte, warum hat sich denn Paulus entschuldigt mit den Worten: „Ich wußte nicht, daß er Hoherpriester ist“? Dann würde ich sagen: Er wollte die Andern dadurch lehren und ermahnen, der Obrigkeit mit Ehrfurcht zu begegnen, wie Das auch Christus gethan hat. Denn nachdem der Herr sehr Vieles, zum Theil ganz Entsetzliches, von den Schriftgelehrten und Pharisäern gesagt hatte, fügte er hinzu: „Auf den Stuhl Mosis haben sich gesetzt die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Alles nun, was sie immer euch sagen, Das thuet!“ So hat denn auch der heilige Paulus, indem er das Zukünftige vorausverkündigte, zugleich die Achtung vor der Würde des Hohenpriesters zum Ausdruck gebracht.
§ 5
Wenn er ferner den Johannes [Markus] von seiner Begleitung ausschloß, so entsprach auch Dieß seiner Sorge für das Evangelium. Denn wer mit diesem Dienste betraut wird, der darf nicht ein lässiger und saumseliger, der muß ein hochherziger und heldenmüthiger Mann sein. Er darf dieses herrliche Werk nicht in Angriff nehmen, wenn er nicht tausendmal dafür sein Leben in Tod und Gefahren zu stürzen bereit ist; wie ja auch Christus selbst verlangt: „Wenn Jemand mir nachgehen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Denn wer nicht so gesinnt ist, der wird auch vielen Andern zum Falle gereichen, und Der wird mehr Nutzen stiften, wenn er ruhig zu Hause bleibt, als wenn er aus seiner Verborgenheit heraustritt und eine Last auf sich nimmt, welcher 373 er nicht gewachsen ist. Sonst wird er sowohl sich selbst als auch Die, welche seiner Sorge anvertraut sind, zu Grunde richten. Wird wohl ein Mensch, der in den Verrichtungen eines Steuermannes nicht bewandert ist und sich auf den Kampf mit den Wogen nicht versteht, sich entschließen, den Platz am Steuerruder einzunehmen, wenn auch Tausende ihn dazu nöthigen? Ganz gewiß nicht. Wäre es nun nicht heller Wahnsinn, wenn Jemand unüberlegter und leichtfertiger Weise das Predigtamt anträte? ohne Überlegung also ein Werk übernähme, das tausendmal zum Tode führen kann? Denn weder ein Steuermann noch ein Thierkämpfer noch ein Gladiator noch irgend ein Anderer muß sich so sehr auf Tod und Todesqualen gefaßt halten, wie der Verkündiger des Evangeliums. Für ihn sind die Gefahren größer, die Feinde schwerer zu bewältigen, und wenn er hingeschlachtet wird, dann handelt es sich nicht um gewöhnliche und vor Augen liegende Dinge, sondern als Kampfpreis ist der Himmel, als Strafe für den Sünder die Hölle bestimmt, und es geht um Verderben oder Heil der Seele. Freilich, nicht allein wer das Predigtamt übernimmt, sondern schlechthin jeder Gläubige muß dazu bereit sein; denn Allen wird geboten, das Kreuz auf sich zu nehmen und nachzufolgen: wenn aber Allen, dann ganz vorzüglich den Lehrern und Hirten, und dazu gehörte eben jener Johannes, der sonst auch Markus genannt wird. Er wurde mit Recht abgewiesen, weil er sich in die vorderste Reihe der Kämpfer gestellt und sich gar nicht tapfer bewiesen hatte. Darum wies ihn Paulus ab, um nicht mit seinen Gefährten durch dessen Säumigkeit in ihrer angestrengten, rastlosen Thätigkeit aufgehalten zu werden.
Wenn aber Lukas sagt, daß es einen heftigen Streit zwischen ihnen gab, so halte Das nicht für etwas Tadelns- 374 werthes. Denn die heftige Aufregung ist nicht an sich, sondern nur dann Sünde, wenn dazu keine vernünftige und gerechte Ursache vorliegt. „Ungerechter Zorn,“ heißt es, „wird nicht ungestraft bleiben“ — also nicht jeder Zorn, sondern nur der ungerechte. So sagt auch Christus: „Wer seinem Bruder ohne Ursache zürnet“ — also nicht Jeder, der zürnt. Und der Prophet sagt: „Zürnet, doch sündiget nicht!“ Wenn man den Affekten in keinem Falle Raum geben darf, auch nicht da, wo die Umstände es erfordern, dann sind sie uns umsonst, zum Überfluß gegeben. Aber nein, so ist es nicht. Sie sollen uns zur Bekehrung von den Sünden helfen; darum hat der Schöpfer sie uns eingepflanzt. Um nämlich den trägen und schlaffen Geist in Bewegung zu setzen, um den Schläfrigen, den Nachlässigen zur Wachsamkeit anzueifern, zu dem Ende hat er, wie dem Eisen seine Härte, so auch unserer Seele den Zorn und die Kraft des Zornes verliehen. Wir sollen davon Gebrauch machen zur Erfüllung der Pflichten. Darum hat ihn auch der heilige Paulus oftmals in Anwendung gebracht, und eben in seinem Zorne war er mehr von Liebe erfüllt als Die, welche sanftmüthig reden; denn er that Alles zur rechten Zeit und im Dienste des Evangeliums. Auch die Nachgiebigkeit ist an sich keine Tugend, sondern nur dann, wenn die Umstände sie erheischen; sonst wird die Nachgiebigkeit zur Feigheit und der Zorn zum Übermuth.
Das alles sage ich nicht, um Paulus zu vertheidigen; er bedarf meiner Worte nicht. Denn nicht von Menschen, sondern von Gott kommt sein Lob. Ich sage es nur, um meine Zuhörer zu unterweisen, wie sie sich Alles zum Guten dienstbar machen sollen. Das habe ich ja auch vor- 375 hin erklärt. Denn so werden wir aus allen Dingen Gewinn ziehen, mit vielen Reichthümern in den ruhig-sichern Hafen einlaufen und den unverweslichen Siegeskranz erlangen, dessen uns alle würdigen möge die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem da eignet die Herrlichkeit und die Macht, jetzt und immerdar und in Ewigkeit. Amen.
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