Im Eingange werden wieder die Lästerer der menschlichen Natur durch den Hinweis auf Paulus kurz widerlegt. — Dann folgt das thema probandum: Der heilige Paulus ist ganz besonders deßhalb zu preisen, weil er sich in seiner Gesinnung, in seiner Liebe zu Gott und den Menschen stets gleich blieb, in seinen Handlungen dagegen, obgleich sie nur in dieser Liebe ihre Quelle hatten, je nach den Bedürfnissen des Augenblickes die größte Mannigfaltigkeit an den Tag legte und auch selbst scheinbare Widersprüche nicht scheute. So hat er 1. schon gleich nach seiner Bekehrung einen feurigen Eifer für die Ehre Gottes bethätigt und sich andererseits den drohenden Gefahren mit kluger Vorsicht entzogen, 2. sein Leben sehr geliebt und sich gleichwohl nach dem Tode gesehnt, 3. das jüdische Ritualgesetz bald beobachtet, bald verworfen, 4. bald das Lob verschmäht, bald sich selbst gerühmt (freilich mit ausserordentlicher Vorsicht, wie an II. Kor. 12 ausführlich gezeigt wird), 5. bald schonende Milde, bald Strenge angewendet und harte Worte gesprochen.
§ 1
Wo sind doch jetzt die Leute, die da Klage erheben gegen den Tod und in diesem leidens- und sterbensfähigen Leibe ein Hinderniß für die Übung der Tugend finden? Sie sollen von den Tugenden und Verdiensten Pauli hören und dann ihre lügnerischen, ja frevelhaften Anklagen fallen lassen. Was für einen Schaden hat dem Menschengeschlechte denn der Tod zugefügt? Welches Hinderniß hat der Tugend die Verweslichkeit in den Weg gelegt? Betrachte den heiligen Paulus, und du wirst sehen, daß uns das Sterblichsein sogar sehr großen Nutzen gebracht hat. Denn wäre Paulus nicht sterblich gewesen, dann hätte er nicht sagen können — oder vielmehr dann hätte er nicht an den Tag legen können, was er durch die That noch mehr als durch Worte gepredigt hat: „Täglich sterbe ich, bei eurem Ruhme, den ich habe in Christo Jesu“ [d. h.: so wahr ich mich eurer in Christo Jesu rühmen kann]. Wir haben nämlich unter allen Umständen Nichts vonnöthen als Muth und guten Willen; dann hindert uns Nichts, unsern Platz unter den Ersten einzunehmen. War nicht auch Paulus ein sterblicher Mensch? War er nicht ein gewöhnlicher, ein armer Mann, der sich mit seiner Arbeit das tägliche Brod verdiente? War nicht auch sein Leib allen Bedürfnissen der Natur unterworfen? Hat ihn Das aber gehindert, der Mann zu werden, der er wirklich ist? Durchaus nicht. Darum soll also der Arme den Muth nicht sinken lassen, darum soll der Ungebildete nicht murren, der gewöhnliche Mann nicht betrübt sein. Das sollen nur Diejenigen, deren Herz verweichlicht, deren Geist entnervt ist. Denn Das allein, die Feigheit und die Weichlichkeit meine ich, ist ein 352 Hinderniß für die Tugend; und ausser diesem gibt es keines. Das ist klar zu erkennen an diesem heiligen Paulus, der uns heute zusammengeführt hat. Denn sowie ihm alle jene Mängel nicht geschadet haben, so hat die Fülle der entgegengesetzten Vorzüge Denen, die draussen stehen, Nichts genutzt: nicht die Gewalt der Rede, nicht die Menge der Reichthümer, nicht der Adel des Geschlechtes, nicht die Größe des Ruhmes, nicht die hohe Stellung in einem einflußreichen Amte. Doch warum rede ich nur von Menschen? oder sage ich lieber: warum verweile ich so lange bei den Staubgewordenen, da ich mich doch selbst auf das Schicksal der höhern, geistigen Mächte, der Herrschaften, Gewalten, der Beherrscher dieser finstern Welt berufen kann? Denn was hat es diesen geholfen, daß ihnen eine so erhabene Natur zu Theil geworden war? Werden nicht alle diese Mächte durch Paulus und seine Genossen gerichtet werden? Er sagt ja: „Wißt ihr nicht, daß wir Engel richten werden? geschweige denn Alltagssachen!“
§ 2
Laßt uns deßhalb über nichts Anderes trauern, als über die Sünde, und über nichts Anderes uns freuen und frohlocken, als über die Tugend! Wenn wir nach der Tugend eifrig streben, dann hindert uns Nichts, zu werden wie Paulus. Denn Paulus ist ein solcher Mann nicht bloß durch die Gnade geworden, sondern auch durch seinen eigenen guten Willen, und weil durch den Willen, darum durch die Gnade. Bei ihm traf Beides im höchsten Grade zusammen: die Gunst der göttlichen Gnade und die Entschlossenheit des guten Willens. Willst du hören, was Gabe Gottes bei ihm war? Daß z. B. Teufel sich vor seinen Gewändern fürchteten. Das ist es aber nicht, worüber ich staune, ebenso wenig als über die Flucht der Krankheiten vor dem Schatten des heiligen Petrus. Worüber ich staune, ist vielmehr Dieß, 353 daß Paulus sich schon vor dem Empfange [des Vollmaßes der Gnade, gleich von vorn herein und im Anfange durch folgende wunderbare Leistungen ausgezeichnet hat: ohne die [apostolische] Gewalt zu besitzen, ohne die Weihe empfangen zu haben, entbrannte er dermaßen von Eifer für Christus, daß er dadurch das ganze Judenvolk gegen sich aufbrachte. Als er sich nun von den größten Gefahren bedroht sah, indem man seinetwegen sogar die Stadt mit Wachen umgab, und nachdem er sich dann durch eine Öffnung der Mauer [in einem Korbe] herabgelassen hatte, um den Feinden zu entrinnen, ließ er trotzdem keinen Überdruß, keine Bangigkeit und Furcht an sich herankommen, sondern ließ sich durch das Vorgefallene nur zu größerm Eifer anspornen. Den Gefahren wich er zwar in kluger Vorsicht aus, aber Keinem gab er in der Verkündigung des göttlichen Wortes Etwas nach, sondern ergriff von Neuem das Kreuz, um dem Herrn zu folgen, obgleich er — gewissermaßen zur Warnung! — Das, was dem Stephanus widerfahren war, noch frisch vor Augen hatte, obgleich er ferner sah, daß die Juden gegen ihn am allermeisten von Mordlust erfüllt waren und von Begierde brannten, ihren Durst in seinem Blute zu stillen. — So war er also ebenso weit davon entfernt, sich rücksichtslos in Gefahren zu stürzen, als durch die Flucht vor den Gefahren jemals minder beherzt und minder streng gegen sich selbst zu werden. Wie er das gegenwärtige Leben ausserordentlich liebte um der Dienste willen, die es [der Verbreitung des Evangeliums] leistete, ebenso verachtete er dieses Leben um der christlichen Weisheit willen, welche uns diese Verachtung lehrt, und wegen seiner großen Sehnsucht, bald zu Jesus zu gelangen. Das ist es nämlich, was ich immer von ihm sage und nie aufhören werde zu sagen. Niemals hat ein Mensch so sehr, wie er, sich in Gegensätzen bewegt und nach beiden Seiten die größte Vollkommenheit an den Tag gelegt. Mag ein Anderer noch so sehr von Liebe zum Leben beherrscht sein: niemals hat er es so sehr wie Paulus geliebt. Mag ein Anderer sich noch so sehr nach dem Tode sehnen: nie hat er so sehr wie Paulus das 354 Leben verachtet. So vollkommen war seine Freiheit von jedem unordentlichen Verlangen und von ungebührlicher Anhänglichkeit an die Dinge dieses Lebens. Immerdar band er den eigenen Willen an den Willen Gottes. Das eine Mal hält er dieses Leben sogar für nothwendiger als die Gemeinschaft und Vereinigung mit Christus, und das andere Mal für so beschwerlich und drückend, daß er nach der Auflösung seufzt und sich sehnt. Er begehrt eben nur, was ihm in Rücksicht auf Gott von Gewinn ist, und seien es auch die entschiedensten Gegensätze. So finden wir an ihm die größte Mannigfaltigkeit, nicht als ob er ein Heuchler gewesen wäre — Das sei ferne! — sondern weil er Alles wurde, was die Verkündigung des göttlichen Wortes oder das Heil der Menschen erheischte. Auch darin bewährt er sich als Nacheiferer seines Herrn. Denn auch Gott hat sich den Menschen auf mannigfache Weise gezeigt. Das eine Mal erschien er in Menschengestalt, wenn er nämlich so erscheinen mußte, — ein anderes Mal im Feuer, wenn Dieß nämlich die Umstände verlangten, — wieder ein anderes Mal in Gestalt eines Bewaffneten, eines Kriegers, dann unter der Hülle eines betagten Mannes, dann im Wehen des Windes, dann wie ein Wanderer, endlich auch als wirklicher Mensch, als welcher er sich nicht einmal dem Tode entziehen wollte. Wenn ich übrigens sage, daß er mußte, so sollt ihr diese Worte ja nicht von einer Nothwendigkeit, sondern nur von seiner Liebe verstehen. Bald hören wir, daß er auf einem Throne sitzt, bald, daß er auf Cherubim thront. Das alles thut Gott aber in weiser Berücksichtigung der obwaltenden Verhältnisse. Darum sagt er auch durch den Propheten: „Ich mehre Gesichte und gebe Vorbilder durch die Propheten.“ So wäre auch Paulus, da er seinem Herrn nacheiferte, keineswegs zu tadeln, wenn er sich bald wie ein Jude, bald wie ein ausserhalb des Gesetzes Stehender benahm. Das eine Mal be- 355 obachtete er das Gesetz, während er es ein anderes Mal ausser Acht ließ; bald liebte, bald verachtete er dieses Leben; jetzt begehrte er Geld, ein ander Mal schlug er selbst das gegebene aus. Er brachte Opfer und ließ sich die Haare scheeren [nach den Vorschriften des Gesetzes], und wiederum verdammte er Die, welche Dasselbe thaten. Bald vollzog er selbst, bald verwarf er die Beschneidung. Was er that, Das waren Gegensätze; aber die Absicht und die Gesinnung, aus der seine Handlungen hervorgingen, war durchaus übereinstimmend und blieb sich immer gleich. Denn er suchte nur Eines: das Heil derer, die seine Werke sahen oder seine Worte hörten. Darum sieht man ihn das Gesetz bald hochhalten, bald verwerfen. Wir sehen nämlich nicht bloß in seinen Handlungen, sondern auch in seinen Worten eine große Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, nicht als hätte er seine Überzeugung gewechselt, oder als wäre er selbst ein Anderer geworden; nein, er blieb, was er war, aber er richtete sich in den gedachten Äusserungen und Handlungen nach den jeweiligen Bedürfnissen. Hüte dich also, ihn deßhalb zu tadeln, vielmehr sollst du ihn gerade deßhalb besonders loben und preisen. Denn wenn du siehst, wie ein Arzt den Kranken bald brennt, ihm bald nahrhafte Speisen verordnet, bald das Messer gebraucht, bald Arzneien verschreibt, wie er ihn einmal vom Essen und Trinken abhält, ein ander Mal veranlaßt, sich gehörig zu sättigen, wie er ihn jetzt ganz in Decken einhüllt und ihn dann wieder, nachdem der Kranke ganz durchwärmt ist, eine volle Flasche kalten Wassers austrinken läßt: dann wirst du einen solchen Arzt wegen dieses wechselvollen Verfahrens, wegen der stets veränderten Heilmittel keineswegs verurtheilen, sondern dann gerade wirst du seine Geschicklichkeit loben, indem du siehst, daß eben seine ärztliche Kunst es ist, welche anscheinend ent- 356 gegengesetzte und schädliche Mittel zuversichtlich anordnet und sich für die Sicherheit des Erfolges verbürgt. Denn so macht es ein Mann, der in seinem Fache erfahren und geschickt ist. Sind wir also mit einem Arzte zufrieden, der sich in solchen Gegensätzen bewegt, dann haben wir noch weit mehr Grund, den heiligen Paulus zu preisen, daß er so die kranken Seelen behandelte. Zur Heilung kranker Seelen bedarf es nämlich durchaus nicht minder einer geschickten und verständigen Behandlung als zur Heilung kranker Leiber, und wenn man mit solchen Seelen auf die kürzeste und geradeste Weise verfahren wollte, würde es um ihr Heil geschehen sein. Wundert euch nicht, daß die Menschen ein solches Verfahren einschlagen müssen! Pflegt doch selbst der allmächtige Gott bei der Heilung der Seelen sich an dieses Gesetz zu binden und, wenn er sich mit uns in Verkehr setzen will, keineswegs immer die einfachste und wenigst umständliche Weise zu wählen! Weil er nämlich will, daß wir mit freiem Willen und nicht in Folge von Zwang und Gewalt tugendhaft seien, darum bedarf er auch in seiner Einwirkung auf uns einer gewissen planmäßigen Stufenfolge, nicht als ob ihm irgend Etwas unmöglich wäre, sondern weil wir schwache Menschen sind. Denn er braucht nur zu winken, nein, nur zu wollen, um Alles zu erreichen, was er will: wir aber wollen, nachdem wir einmal Herren unseres Thuns und Lassens geworden sind, uns nicht gern dazu verstehen, ihm in allen Punkten zu gehorchen. Wenn er uns nun zöge gegen unsern Willen, würde er uns entziehen, was er selbst gegeben hat: die Freiheit des Willens. Damit Das nicht geschehe, dazu bedarf er vieler Abwechslung in seiner Thätigkeit zu unserm Heile.
§ 3
Das habe ich nun nicht ohne Grund und Absicht gesagt, sondern im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit und Weisheit, welche wir am heiligen Paulus gefahren. Darum sollst du ihn nicht weniger bewundern, wenn du ihn vor gefahren fliehen, als wenn du ihn den Gefahren ent- 357 gegengehen siehst. Denn wie Dieses von mannhaftem Muthe, so zeugt Jenes von weiser Vorsicht. Bewundere ihn nicht weniger, wenn du ihn Großes von sich selber reden, als wenn du ihn sich selbst herabsetzen hörst. Denn wie Dieses von Demuth, so zeugt Jenes von erhabener Gesinnung. Bewundere ihn nicht weniger, wenn du ihn sich rühmen, als wenn du ihn das Lob verschmähen hörst. Denn wie Dieses von Bescheidenheit, so zeugt Jenes von großer Liebe zu den Menschen. Er that nämlich auch Das nur aus Sorge für das Heil der Seelen. Darum sagte er auch: „Sind wir überspannten Sinnes, [ist’s] für Gott; sind wir nüchternen, für euch.“ Denn kein Anderer hatte jemals so dringende Veranlassung stolz zu werden, und kein Anderer war je von aller Prahlerei so weit entfernt. Seht selber zu: „Die Wissenschaft bläht auf.“ Das sagen wir alle mit ihm. Nun besaß er aber eine Wissenschaft, wie keiner von allen Menschen, die je gelebt haben. Und gleichwohl hat ihn diese Wissenschaft nicht aufgebläht, nein, gerade in diesem Punkte zeigte er sich sehr demüthig. Darum sagt er: „Wir erkennen theilweise, und wir weissagen theilweise;“ ferner: „Ich, Brüder, vermeine noch nicht, als hätte ich es erfaßt;“ und: „Wenn Jemand vermeint, Etwas zu wissen, hat er es noch nicht erkannt.“ Ein anderes: auch Fasten bläht auf, wie uns jener Pharisäer in den Worten verräth: Ich faste zweimal in der Woche.“ Was sagt dagegen der heilige Paulus, der nicht bloß zu fasten, sondern gar zu hungern pflegte? Er nennt sich selbst eine Fehlgeburt. Und warum rede ich nur von seinem Fasten und seiner Wissenschaft, da der heilige Paulus sich so häufig und so andauernd eines vertrauten Verkehrs mit Gott dem Herrn erfreute, wie kein Prophet und kein Apostel? Und dennoch hat er sich deßwegen nur um so mehr verdemüthigt. Denke 358 dabei nicht an das Wenige nur, was er von seinen Entzückungen aufgeschrieben hat; denn das Meiste davon hat er verheimlicht. Er wollte nicht Alles sagen, um sich nicht mit dem Schimmer eines großen Ruhmes zu umgeben; und er wollte nicht Alles verschweigen, um nicht den falschen Aposteln Veranlassung zu lügenhaftem Gerede zu geben. Denn Nichts, Nichts that er ohne weise Absicht, sondern Alles aus gerechten und vernünftigen Gründen, und mit so großer Weisheit ging er an die entgegengesetztesten Werke, daß er immerdar der gleichen Anerkennung theilhaft wird. Ich will mich näher erklären. Es ist etwas sehr Gutes, von sich selbst nichts Rühmliches zu sagen. Paulus dagegen hat es gethan, und zwar so sehr zur rechten Zeit, daß er für dieses Reden mehr gelobt wird, als wenn er geschwiegen hätte; und wenn er es nicht gethan hätte, dann würde er mehr getadelt werden als Einer, der sich zur Unzeit rühmt. Denn hätte er es nicht gethan, dann würde er Alles verdorben und preisgegeben und die Sache seiner Feinde mächtig gefördert haben. Er wußte stets so gut den Umständen Rechnung zu tragen und mit der rechten Gesinnung und zum allgemeinen Nutzen selbst das Verbotene zu thun, daß er sich dadurch nicht minder als durch Beobachtung des Gebotenen zu seinem Ruhme auszeichnete. So hat er sich damals durch sein Selbstlob mehr ausgezeichnet als irgend ein Anderer, der seine Tugenden verbirgt. Denn nie hat Jemand durch Verheimlichung seiner Tugenden so viel Gutes bewirkt als Paulus, indem er die seinigen bekannt machte. Und noch bewundernswerther ist, daß er in diesen Enthüllungen nur so weit ging, als die Nothwendigkeit verlangte. Er war weit entfernt, sich wegen der Umstände jeglicher Furcht und Sorge enthoben zu glauben, und machte deßhalb von dieser Sache keineswegs in einer unmäßigen und übertriebenen Weise Gebrauch, sondern er wußte wohl, wie weit er zu gehen hatte. Diese Vorsicht genügte ihm aber noch nicht, um die Andern nicht zu mißleiten; um nicht schuld zu sein, daß sie sich ohne Noth selbst rühmten, nennt er sich selbst 359 einen Thoren. Er rühmte sich freilich nur, weil die Nothwendigkeit es erheischte; aber es war zu erwarten, daß die Andern, deren Augen auf ihn gerichtet waren, sein Vorgehen grundloser und unüberlegter Weise nachahmen wurden. So geht es auch manchmal bei den Bemühungen der Ärzte. Oft wird von einem unwissenden Menschen ein Arzneimittel, das der Arzt im richtigen Augenblicke angewendet hatte, zur Unzeit gebraucht und dadurch seine heilende Kraft zerstört und vernichtet. Einem solchen Mißbrauch wollte der heilige Paulus vorbeugen, und seht nur, mit welcher Sorgfalt er ihm vorbaut! Im Begriffe sich zu rühmen, wird er bedenklich, zaudert wieder, und zwar nicht einmal, sondern zweimal und noch öfter. „Möchtet ihr doch ertragen“, sagt er, „mein bißchen Unverständigkeit!“ Und wiederum: „Was ich rede, rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern gleichsam in Unverständigkeit … Worin aber Einer in Unverständigkeit sich erkühnt — in Unverständigkeit rede ich —, erkühne auch ich mich.“ Und selbst mit diesen starken Ausdrücken begnügt er sich nicht; im Begriffe nämlich, sich selbst zu loben, verhehlt er überdieß noch, daß er von seiner Person redet, indem er sagt: „Ich weiß einen Menschen“ u. s. w. Ferner: „Ob Solchem werde ich mich rühmen; ob meiner selbst aber werde ich mich nicht rühmen.“ Und nach alle Dem sagt er noch: „Ich bin unverständig geworden; ihr habt mich gezwungen!“ Seht diesen heiligen Mann, wie er vor dem Selbstlob — trotz der dringendsten Nothwendigkeit — sich wiederholt voll Bedenken zurückzieht, ähnlich einem Rosse, das sich vor dem Sprung in den jähen Abgrund bäumt! Wie könnte Jemand bei dieser Wahrnehmung so unvernünftig, so unzugänglich für heilsame Lehren sein, daß er nicht das Lob seiner eigenen Person, auch wenn er noch so großen Nutzen 360 daraus zu erzielen gedenkt, ausserordentlich scheuen und sich nur auf zwingende Gründe hin gestatten sollte!
§ 4
Wollt ihr, daß ich euch noch auf ein Anderes derselben Art an ihm aufmerksam mache? Es ist sehr zu bewundern, daß er sich nicht mit dem Zeugnisse seines Gewissens begnügte, sondern auch uns belehren wollte, wie wir uns bei solchen Gelegenheiten in jeder Beziehung verhalten sollen. Er hat nämlich nicht allein sich selbst durch den Hinweis auf den zwingenden Charakter der Umstände entschuldigt, sondern auch Andern die Lehre gegeben, daß sie ein solches Selbstlob weder unterlassen sollen, wenn die Umstände es erheischen, noch sich zur Unzeit sich erlauben sollen. Es ist fast, als ob er uns in jenen Äusserungen zuriefe: Sehr von Übel ist es, von sich selbst Großes und Wunderbares auszusagen: es ist, Geliebte, unverständig im höchsten Grade, ohne Nothwendigkeit, ja ohne zwingende Nothwendigkeit mit seinem eigenen Lobe zu prahlen. Das heißt nicht dem Herrn gemäß reden; so Etwas ist vielmehr ein Zeichen von äusserster Thorheit und raubt uns allen Lohn nach vielem Schweiß und vielen Mühen. Das alles und noch mehr spricht er zu Allen dadurch, daß er sich wegen des Selbstlobes trotz der vorliegenden Nothwendigkeit entschuldigt. Noch bemerkenswerther ist, daß er ungeachtet dieser Nothwendigkeit keineswegs Alles zum Besten gibt, sondern mehr und Größeres verschweigt, als er aussagt. „Ich komme jetzt,“ sagt er nämlich, „zu den Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. … Ich enthalte mich aber, auf daß nicht Jemand von mir denke über Das hinaus, was er sieht oder hört von mir.“ Durch diese Erklärungen gibt er uns allen die Lehre, wir sollen selbst dann, wenn das Selbstlob nothwendig ist, nicht Alles bekannt machen, was wir von uns wissen und sagen könnten, sondern nur, was 361 den Zuhörern von Nutzen ist. So machte es auch Samuel — es ist nämlich durchaus angebracht, auch dieses heiligen Mannes zu gedenken, weil auch das Lob [das er sich spendete] uns zum Nutzen gereichen soll. Also auch Samuel hat sich einstens selbst gerühmt und seine Tugenden bekannt gemacht, aber welche Tugenden? Diejenigen, deren Kenntniß und Erwägung den Hörenden heilsam war. Er hat sich wohl gehütet, sich über die Mäßigkeit, Demuth und Versöhnlichkeit zu verbreiten, worüber redet er denn? Über Das, was der damalige König sich besonders merken mußte, über die Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit. Auch David hat sich einstens selbst gerühmt, aber nur derjenigen Vorzüge, deren Erwähnung das Urtheil des Hörers berichtigen konnte. Er beruft sich nämlich nur auf den Vorfall mit dem Löwen und dem Bären, und von sonstigen Vorzügen spricht er nicht. Wer in solchen Reden weiter geht, als noth thut, der zeigt sich eben als ein prahlerischer, ehrgeiziger Mensch; wer aber nur Dasjenige sagt, was gerade die Nothwendigkeit erheischt, der handelt als ein Mann voll Liebe und Sorge für das Wohl der Mitmenschen. So und nicht anders hat der heilige Paulus es gemacht. Denn man sagte ihm lügenhafter Weise nach, er sei kein ächter und rechter Apostel, er habe keine apostolische Gewalt. Darum mußte er nothwendiger Weise solche Thatsachen vorbringen, die geeignet waren, seine apostolische Würde zu erhärten.
§ 5
Seht ihr nun, wie zahlreich die Mittel sind, durch welche er die Zuhörer von einem ungerechtfertigten Selbstlob abzuhalten sucht? Erstens indem er beweis’t, daß er selbst sich dazu nur durch die Nothwendigkeit bestimmen läßt; zweitens indem er sich selbst einen Thoren nennt und vielmals um Entschuldigung bittet; drittens indem er trotz der vorliegenden Nothwendigkeit nicht Alles [d. h. nicht alle 362 seine Visionen u. s. w.] mittheilt, sondern das Größere verheimlicht; viertens indem er von sich selbst spricht wie von einer andern Person: ich kenne einen Menschen; fünftens indem er sich gar nicht über alle seine andern Vorzüge und Tugenden ausspricht, sondern nur diejenigen erwähnt, deren Mittheilung gerade die Umstände besonders verlangten.
Und ein solcher Mann war er nicht bloß dann, wenn er sich rühmte, sondern blieb er auch, wenn er schalt. Allerdings ist auch Das verboten, den Bruder zu schelten; aber wenn er es that, dann geschah es so sehr in Übereinstimmung mit seinen Pflichten, daß seine Scheltworte besser gefallen als anderer Menschen Lobsprüche. Darum wird er gepriesen, daß er zu wiederholten Malen die Galater Unverständige nannte und die Kreter faule Bäuche und böse Thiere schalt. Er gab uns nämlich hierdurch eine Regel und Richtschnur: wir sollen gegen die Verächter des göttlichen Willens nicht mit nachsichtiger Schonung verfahren, sondern mit harten Worten vorgehen.
Für Alles und Jedes findet man bei ihm das rechte Maß. Er mag schelten oder loben, er mag Abscheu oder schonungsvolle Milde an den Tag legen, er mag sich erheben oder heruntersetzen, sich rühmen oder sein Elend beklagen: er gefällt in Allem, was er sagt und thut. Und warum sollen wir uns wundern, daß an ihm auch Schelt- und Schmähreden gefallen, da im alten sowohl als im neuen Bunde selbst Todtschlag, Trug und Täuschung gebilligt werden? Nachdem wir nun Das alles recht sorgfältig erwogen, laßt uns den Herrn preisen, den Paulus bewundern und uns so mit ihm beschäftigen, daß auch wir der ewigen Güter theilhaft werden, durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, welchem ist die Herrlichkeit und die Macht, jetzt und immerdar und in Ewigkeit. Amen.
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