„Wer meine Worte hört, sagt er, und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben und wird nicht ins Gericht kommen, sondern er ist vom Tode zum Leben übergegangen.“ Wo, wann sind wir vom Tode zum Leben übergegangen, so daß wir nicht ins Gericht kommen? In diesem Leben geht man vom Tode 375 zum Leben; in diesem Leben, welches noch nicht das (wahre) Leben ist, von da findet der Übergang vom Tode zum Leben statt. Welches ist dieser Übergang zum Leben? „Wer meine Worte hört, sagt er, und dem glaubt, der mich gesandt hat.“ Indem du sie bewahrst, glaubst du und gehst du hinüber. Kann einer auch stehend hinübergehen? Ja, er kann es; denn er steht körperlich und geht geistig hinüber. Wo war er bei seinem Übergange und wohin geht er? Er ging vom Tode zum Leben über. Betrachte einen Menschen im Stehen, an dem das alles vor sich geht, worum es sich handelt. Er steht, hört; vielleicht glaubte er nicht, durch Hören glaubt er; kurz vorher glaubte er nicht, jetzt glaubt er; er ist sozusagen aus der Sphäre des Unglaubens in die Sphäre des Glaubens übergegangen; und zwar durch eine Bewegung des Herzens, nicht des Leibes, durch eine Bewegung zum Besseren, weil andererseits jene, welche den Glauben verlassen, sich zum Schlechteren wenden. Siehe, in diesem Leben, welches, wie gesagt, noch nicht das (wahre) Leben ist, geht man vom Tode zum Leben über, um nicht ins Gericht zu kommen. Warum aber sagte ich, es sei noch kein (wahres) Leben? Wenn es das (wahre) Leben wäre, so würde der Herr nicht zu einem sagen: „Wenn du zum Leben kommen willst, so halte die Gebote“. Er sagt ja nicht zu ihm: Wenn du zum ewigen Leben kommen willst; er fügt nicht „ewig“ bei, sondern sagte bloß „Leben“. Also ist das gegenwärtige auch nicht Leben zu nennen, weil es nicht das wahre Leben ist. Welches ist das wahre Leben, wenn nicht eben das ewige Leben? Höre den Apostel, wenn er an Timotheus schreibt: „Befiehl den Reichen dieser Welt, nicht hochmütig zu sein, noch zu vertrauen auf unsicheren Reichtum, sondern auf den lebendigen Gott, der uns alles reichlich darbietet zum Genusse; sie sollen wohltun, reich sein an guten Werken, gern geben, mitteilen“. Wozu dies? Höre, was folgt. „Sie sollen sich eine gute Hinterlage sammeln für die Zukunft, um das wahre Leben zu erlangen“. 376 Wenn sie sich eine gute Hinterlage für die Zukunft sammeln sollen, um das wahre Leben zu erlangen, dann, fürwahr, ist das, in dem sie sich befinden, ein falsches Leben. Denn wozu willst du das wahre Leben erst erlangen, wenn du das wahre schon besitzest? Erlangen soll man erst das wahre Leben? Dann muß man auswandern vom falschen. Und wo wandern? Wohin? Höre, glaube; du gehst hinüber vom Tode zum Leben, und du kommst nicht ins Gericht.