Es offenbart also der Herr unser Gott und ermahnt uns durch seine Schriften, wie es zu verstehen 377 ist, wenn vom „Gericht“ die Rede ist. Ich fordere euch darum auf, aufzumerken. Manchmal heißt Gericht soviel als Strafe, manchmal heißt Gericht soviel als Scheidung. Nach jener Bedeutung, wonach Gericht soviel als Scheidung heißt, „müssen wir alle erscheinen vor dem Richterstuhle Christi, damit dort ein jeder empfange, was er im Leben getan, sei es Gutes oder Böses; denn darin besteht eben die Scheidung, daß den Guten Gutes, den Bösen Böses zuteil wird. Denn wenn „Gericht“ immer in schlimmer Bedeutung genommen würde, so würde der Psalmist nicht sagen: „Richte mich, o Gott“. Es hört vielleicht einer sagen: „Richte mich, o Gott“, und er wundert sich. Denn sonst pflegt man zu sagen: Verzeihe mir, Gott; verschone mich, o Gott. Wer sagt: „Richte mich, o Gott“? Und bisweilen wird im Psalme gerade dieser Vers im Wechselgesang verwendet, indem er vom Vorleser angestimmt und vom Volke beantwortet wird. Muß einer nicht innerlich erschüttert werden und fürchten, zu Gott zu singen und zu sprechen: „Richte mich, o Gott“? Und doch singt das gläubige Volk so und glaubt kein böses Verlangen zu haben in bezug auf das, was es in der göttlichen Lesung gelernt hat, und wenn es auch die Sache nicht genug versteht, so glaubt es doch, daß es etwas Gutes sei, was es singt. Und im übrigen ließ auch der Psalmist selbst den Menschen nicht ohne Verständnis. Denn weiterfahrend zeigt er in den folgenden Worten, was für ein Gericht er meine, daß es nämlich nicht das Gericht der Verdammung, sondern der Scheidung sei. Denn er sagt: „Richte mich, o Gott“. Was heißt das: „Richte mich, o Gott. Und scheide meine Seele aus von dem unheiligen Volke“? Also gemäß diesem Gerichte der Ausscheidung „müssen wir alle vor dem Richterstuhle Christi erscheinen“. Von dem Urteile der Verdammung aber sagt er: „Wer meine Worte hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben und wird nicht ins Gericht kommen, sondern geht vom Tode zum Leben hinüber“. Was heißt das: „Er wird nicht ins Gericht kommen“? Er wird nicht in die Verdammung kommen. Laßt uns aus den 378 Schriften zeigen, daß es „Gericht“ heißt, wo Strafe zu verstehen ist, obwohl ihr gerade in dieser Lesung bald nachher (Nr.13) hören werdet, daß das Wort „Gericht“ da nur für Verdammung und Strafe gebraucht wird. Es sagt jedoch der Apostel an einer Stelle, wo er an diejenigen schreibt, welche den Leib, den ihr kennt, mißhandelten und wegen dieser Mißhandlung mit der Geißel des Herrn gezüchtigt wurden ― er sagt zu ihnen: „Darum entschlafen unter euch ziemlich viele Schwache und Kranke“. Denn viele starben deshalb sogar. Und er fährt weiter: „Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir vom Herrn nicht gerichtet werden“, d. h. wenn wir uns selbst züchtigten, würden wir vom Herrn nicht gezüchtigt werden. „Wenn wir aber gerichtet werden, werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit dieser Welt verdammt werden“. Es gibt also solche, die im Sinne der Strafe hier gerichtet werden, um dort verschont zu werden, und es gibt solche, die hier verschont werden. um dort um so strenger gepeinigt zu werden: das sind aber diejenigen, welchen die Strafen selbst ohne die Geißel der Strafe zudiktiert werden, wenn sie sich durch die Geißel Gottes nicht bekehren ließen, um, da sie hier den züchtigenden Vater mißachteten, dort den strafenden Richter fühlen zu müssen. Es gibt also ein Gericht, vor welches Gott, d. i. der Sohn Gottes, am Ende den Teufel und seine Engel und alle Ungläubigen und Gottlosen mit ihm bringen wird; in dieses Gericht wird der nicht kommen, der jetzt im Glauben vom Tode zum Leben hinübergeht.