Wenn also der Herr durch seine große Gnade und seine große Barmherzigkeit die Seelen erweckt, daß wir nicht sterben auf ewig, so erkennen wir ganz gut, daß jene drei Toten, welche er leiblich erweckt hat, etwas bedeuten und sinnbilden betreffs der Auferstehung der Seelen, die durch den Glauben geschieht: er erweckte die Tochter des Synagogenvorstehers, die noch im Hause lag; er erweckte einen Jüngling, den Sohn 714 einer Witwe, der schon aus den Toren der Stadt getragen wurde; er erweckte den Lazarus, der schon vier Tage im Grabe lag. Es schaue jeder in seine Seele hinein; wenn er sündigt, stirbt er; die Sünde ist der Tod der Seele. Aber manchmal sündigt man in Gedanken. Du hast Wohlgefallen gefunden an etwas Bösem, du hast eingewilligt, du hast gesündigt; die Einwilligung hat dich getötet; aber der Tod ist inwendig, weil der böse Gedanke noch nicht in die Tat übergegangen ist. Um die Erweckung einer solchen Seele anzudeuten, erweckte er jenes Mädchen, welches noch nicht hinausgetragen war, sondern im Hause tot da lag: die Sünde war gleichsam verborgen. Wenn du aber nicht bloß in die böse Lust eingewilligt, sondern auch das Böse selbst getan hast, so hast du gleichsam einen Toten zum Tore hinausgetragen; du bist schon draußen und als tot hinausgetragen. Dennoch hat der Herr auch ihn erweckt und der Witwe, seiner Mutter, zurückgegeben. Wenn du gesündigt hast, dann tue Buße, und der Herr erweckt dich und gibt dich der Kirche, deiner Mutter, zurück. Der dritte Tote ist Lazarus. Es gibt eine sehr schlimme Art von Tod, sie heißt böse Gewohnheit. Denn etwas anderes ist sündigen, etwas anderes aus der Sünde eine Gewohnheit machen. Wer sündigt und sich sogleich bessert, lebt schnell wieder auf, weil er noch nicht in die Gewohnheit verstrickt, noch nicht begraben ist. Wer aber gewohnheitsmäßig sündigt, der ist begraben, und mit Recht sagt man von ihm: „er riecht“; denn er fängt an, einen schlechten Ruf zu haben, gleichsam einen abscheulichen Geruch. Von solcher Art sind alle Gewohnheitssünder, alle sittlich Verdorbenen. Du sagst zu ihm: Tue das nicht! Wann hört er dich, er, den die Erde so sehr drückt, der von der Verwesung aufgelöst und von der Last der Gewohnheit beschwert wird? Aber dennoch war auch zu seiner Erweckung die Kraft Christi nicht zu gering. Wir kennen, wir sahen, wir sehen täglich Menschen, die ihre böse Gewohnheit ablegen und dann besser leben als ihre früheren Tadler. Du verabscheutest den Menschen; siehe, selbst die Schwester des 715 Lazarus (wenn es anders dieselbe ist, welche die Füße des Herrn mit Salböl salbte und mit ihren Haaren trocknete, nachdem sie dieselben mit ihren Tränen benetzt hatte) ist in besserem Sinne erweckt worden als ihr Bruder; sie wurde von der großen Last einer bösen Gewohnheit befreit. Sie war ja eine berüchtigte Sünderin, und von ihr ist gesagt worden: „Ihr werden viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat“. Wir sehen viele, wir kennen viele; niemand soll verzweifeln, niemand soll auf sich selbst vertrauen. Sowohl das Verzweifeln ist ein Übel wie das Selbstvertrauen. Du sollst* so* nicht verzweifeln, daß du den erwählest, auf den du vertrauen sollst.