Dem glorreichsten Kaiser Constantius (entbietet) Liberius, Bischof (seinen Gruß).
Ich beschwöre(https://bkv.unifr.ch/works/267/versions/288/scans/a0Dich), friedliebendster Kaiser, daß Deine 206 Sanftmuth mir ein geneigtes Ohr schenken möge, damit deiner Milde das Vorhaben meines Geistes offenbar werde; denn von einem christlichen Kaiser und einem Sohne Constantins, heiligen Andenkens, darf ich Dieß ohne Bedenken zu erlangen hoffen. Aber dadurch sehe ich mich schmerzlich berührt, daß ich trotz wiederholter Rechtfertigung dein selbst gegen Schuldige versöhnliches Gemüth für mich nicht gnädig stimmen kann. Denn die schon längst an das Volk ergangene Rede deiner Frömmigkeit verletzt mich, der ich Alles geduldig ertragen muß, zwar sehr; aber daß dein Gemüth, welches stets der Milde offen ist, welches nie, wie geschrieben steht,den Zorn bis zum Sonnenuntergang bewahrt, den Unwillen gegen mich festhält, das wundert mich. Denn ich, gottseligster Kaiser, verlange mit Dir wahren Frieden zu haben, der nicht, bei innerlicher Falschheit, (nur) in Worte gesetzt, sondern auf Grund der evangelischen Vorschriften befestigt ist. Nicht die Angelegenheit des Athanasius allein, sondern vieles Andere kam vor, weßhalb ich Deine Sanftmuth um die Abhaltung eines Concils gebeten hatte, damit vor Allem, was insbesondere (auch) Deine aufrichtige Gottesfurcht ersehnt, nachdem die Angelegenheit des Glaubens, in welchem zunächst unsere Hoffnung auf Gott beruht, sorgfältig behandelt worden ist, dann erst (die Angelegenheiten) Jener, welche unsere Ehrfurcht gegen Gott bewundern müssen, entschieden werden können. Es wäre auch eines Dieners Gottes würdig gewesen, es wäre Deines Kaiserthumes, welches durch die christliche Frömmigkeit regiert und vergrößert wird, würdig gewesen, gerade Dieß aus Ehrfurcht für die heilige Religion, für welche du in kluger Weise besorgt bist, uns gnädig zu gestatten. 207
Viele aber beeilen sich, die Glieder der Kirche zu zerreissen, indem sie vorgaben, ich hätte Briefe unterschlagen, damit nicht die Verbrechen Desjenigen, welchen sie verurtheilt haben sollten, Allen bekannt würden. Welche Briefe? Die der orientalischen und ägyptischen Bischöfe, in welchen allen dieselben Verbrechen gegen Athanasius angezeigt wurden? Nun aber wissen es Alle und leugnet es Niemand, daß wir die Briefe der Orientalen mitgetheilt, in der Kirche und auf dem Concil vorgelesen und dieselben auch beantwortet haben; wir, die wir denselben keinen Glauben und leine Zustimmung schenkten, weil ihnen ein gleichzeitiges Urtheil über Athanasius von 80 ägyptischen Bischöfen widersprach, welches wir gleichfalls vorgelesen und den Bischöfen Italiens bekannt gemacht haben. Deßhalb schien es auch gegen das gottliche Gesetz zu verstoßen, da die Zahl der für Athanasius (zeugenden) Bischöfe größer war, ihnen irgendwie zuzustimmen. Diese Schriftenhat der hieher 208 gesandte Eusebius,wenn er Gott Wahrhaftigkeit schuldig ist, uns, als er nach Africa eilte, zurückgelassen; hernach aber hat alle diese Schriften, damit Nichts zur Erlangung eines Concils fehle, Vincentius und die mit ihm Gesandten nach Arles überbracht.
Deine Klugheit sieht demnach, daß in mein Herz Nichts Eingang gefunden hat, was zu denken der Diener Gottes unwürdig wäre. Mein Zeuge aber ist Gott, mein Zeuge ist die ganze Kirche mit ihren Gliedern, daß ich aus Treue und Furcht gegen Gott alles Irdische, wie das evangelische und apostolische Gebot fordert, mit Füßen trete und getreten habe. Nicht in übereiltem Zorne, sondern nach den Regeln und Anordnungen des göttlichen Rechtes habe ich, als ich noch meinem andern, kirchlichen Dienste lebte, Nichts aus Prahlsucht, Nichts aus Ehrgeiz vollbracht, was dem Gesetze entsprach; auch dieses Amt habe ich, Gott ist mein Zeuge, ungern angetreten, in welchem ich aber, so lange ich auf Erden leben werde, ohne Beleidigung Gottes auszuharren verlange; niemals habe ich meine Anordnungen durchgeführt, sondern die der Apostel, damit ste stets bekräftigt und beobachtet werden mögen. Der Sitte und Anordnung meiner Vorgänger folgend, habe ich dem Bisthumeder Stadt Rom Nichts zugeben, Nichts wegnehmen lassen; und jenen Glauben bewahrend, welcher durch die Aufeinanderfolge so vieler Bischöfe (auf uns) gekommen ist, von denen mehrere 209 Märtyrer wurden, wünsche ich, daß er immer unversehrt erhalten werde.
Endlich drängt mich die Sorge um die Kirche und die eigene Gottergebenheit, deiner Frömmigkeit die Sache vorzutragen. Die Orientalen sagen, sie wollten sich im Frieden mit uns vereinigen. Was ist das für ein Friede, gütigster Kaiser, da von ihrer Partei vier Bischöfe, Demophilus, Macedonius, Eudoxius,Martyrius, vor acht Jahren, weil sie in Mailand die häretische Lehre des Arius nicht hatten verurtheilen wollen, erbittert vom Concile weggiengen? Was es bedeute und wie gefährlich es sei, solcher Männer Urtheilen, wenn man sie so nennen darf, beizustimmen, wird deine Billigkeit und Milde ermessen können. Es ist nichts Neues, was jetzt in seiner Weise und unter dem Vorwande des Namens Athanasius versucht wird. Es besteht ein vorber an Silvester seligen Andenkens gerichtetes Schreiben des Bischofs Alexander, in welchem er vor der Ordination des Athanasius berichtete, daß er 11 Priester und Diakonen aus der Kirche ausgewiesen habe, weil sie der Häresie des Arius folgten; von diesen sollen nun einige ausserhalb der katholischen Kirche Stehende angebliche Concilien für sich gefunden haben, mit denen auch, wie behauptet wird, Georgius in Alexandrien brieflich Gemeinschaft hält. Was also, 210 friedliebendster Kaiser, kann das für ein Friede sein, wenn durch vorgezeigte (Edicte) die Bischöfe, wie es jetzt in Italien geschehen ist, gezwungen werden, den Urtheilen solcher Männer zu gehorchen!
Vernimm etwas Anderes, weil deine Ruhe es geduldig zuläßt. Es sind die unlängst angelangten Briefe der an deine Milde geschickten Legaten,in welchen sie berichten, daß sie wegen der Verwirrung aller Kirchen sich zwar früher den Urtheilen der Orientalen hätten unterwerfen wollen, aber die Bedingung vorgeschlagen haben, daß sie, wenn auch Jene die Häresie des Arius verurtheilt hätten, sich auf diese Weise fügen und ihren Urtheilen gehorchen würden. Es wurde, wie sie berichten, angenommen, schriftlich bekräftigt, man geht zum Concil, sie erhalten die woblüberlegte Antwort, daß siedie Lehre des Arius nicht verurtheilen können, Athanasius, worauf sie allein bestanden, sei von der Gemeinschaft auszuschließen. Darnach schon möge deine Milde erwägen, ob bei gerechter Wahrung des Rechtes der katholischen Religion die Angelegenheit eines Menschen sorgfältig und genau behandelt werden solle.
Darum bitten wir wieder und abermals deine Sanftmuth und deine Gottesfurcht bei der Macht Desjenigen, welcher in deiner Vertheidigung zeigte, wie groß er allen Sterblichen (gegenüber) sei, daß du in Anbetracht seiner 211 Wohlthaten, der dein Kaiserreich in Allem leitet, Dieß in einer Versammlung von Bischöfen sorgfältig und mit vollkommener Berathung verhandeln lassest, damit, nachdem durch dich mit Gottes Hilfe die (äussere) Ruhe hergestellt is, unter Zustimmung deiner Ruhe, Alles so besprochen werde, daß, nachdem es erwiesen ist, daß Alle der von so vielen Bischöfen zu Nicäa in Gegenwart deines Vaters heiligen Andenkens festgesetzten Glaubenserklärung zugestimmt haben, das durch das Urtheil der Priester Gottes Beschlossene als Muster für die Zukunft beobachtet werden kann, auf daß der Erlöser, welcher von oben das Vorhaben deines Geistes sieht, sich bei solcher Erledigung der Angelegenheiten darüber erfreue, daß du die Sache des Glaubens und Friedens nicht umsonst auch den staatlichen Bedürfnissen vorgezogen hast.
Um nun von deiner Sanftmuth für unsere Anliegen ein geneigtes Gehör zu erbitten, beschloß ich, daß mein Bruder und Mitbischof Lucifer, ein heiligmäßiger Mann, mit dem Priester Pancratius und dem Diakon Hilarius (zu dir) abreisen. Wir glauben, daß sie von deiner Milde um des Friedens aller katholischen Kirchen willen unschwer ein Concil erbitten können. Die Güte des allmächtigen Gottes erhalte uns dich, gütigster und gottesfürchtigster Kaiser!