die Arbeitsamkeit der Ameisen, die Treue des Hundes, die Kindesliebe des Bären. Der wunderbare Instinkt der Tiere: kranke Tiere (Bär, Schlange, Schildkröte, Fuchs) kennen ihre Arznei. Tiere (Schwalbe, Ameise, Schaf, Igel) als Wetterpropheten. Sicherheit des Tierinstinktes. Die Natur die beste Lehrerin, die selbst die wilde Bestie (Tigerin) zur zärtlichsten Mutter wandelt. Der Spürsinn des Hundes; der Hund als Wächter und Rächer seines Herrn. Das Lamm das Bild der Kindesunschuld, seine Anhänglichkeit an das Mutterschaf. Der Tierinstinkt äußert seine Funktionen vom ersten Dasein an. Der Knoblauch nicht Speise, sondern Medizin; die beste Medizin das Fasten. Der feine Instinkt selbst kleiner Tiere.
§ 16
Es weist auch die Natur der Vierfüßer Züge auf, die uns das prophetische [Schrift] Wort zur Nachahmung ans Herz legt. So sollen wir uns nach ihrem Beispiel vor Müßiggang hüten, durch die Schmächtigkeit oder Schwächlichkeit des Leibes nicht im Tugendstreben beirren, durch die Größe solches Vorhabens nicht abschrecken lassen. Schmächtig ist die Ameise und doch wagt sie sich an Dinge, die ihre Kräfte übersteigen. Nicht Dienstbarkeit zwingt sie zur Arbeit, sondern 244 freiwillig nimmt sie sich vor, sich vorzusehen und die nötigen Nahrungsmittel für die Zukunft sich vorauszubeschaffen. Zur Nachahmung ihrer Arbeitsamkeit mahnt darum die Schrift mit den Worten: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, und ahme ihre Wege nach und sei weiser denn sie“. Sie treibt keinen Feldbau, hat niemand, der sie antreiben könnte, steht unter keines Herrn Gewalt und doch, wie sorgt sie für Nahrung vor, indem sie von deiner Hände Arbeit sich Erntevorrat zurücklegt! Und während du vielfach in Not lebst, darbt sie nicht. Keine Scheunen sind ihr verschlossen, keine Speicher unzugänglich, keine Vorräte unantastbar. Der Wächter sieht es und wagt es nicht, die Entwendungen hintanzuhalten, der Besitzer merkt seine Benachteiligungen und schreitet nicht ein. In Schwarzem Zug wird die Beute durchs Freie fortgeschleppt. Es wimmeln die Wege von der daherziehenden Karawane. Die großen Körner, die der kleine Rüssel nicht fassen kann. werden auf den Schultern fortgeschafft. Das sieht der Herr der Ernte und er würde sich schämen, der liebevollen Erwerbstätigkeit so kargen Ertrag vorzuenthalten.
§ 17
Was soll ich aber von den Hunden sagen, denen die Dienstgefälligkeit und die ängstliche Wachsamkeit über die Wohlfahrt ihres Herrn gleichsam angeboren ist? Darum der Vorwurf der Schrift gegenüber den Pflichtvergessenen, Nachlässigen und Feiglingen: „Stumme Hunde, die nicht zu bellen verstehen!“ Zu einem Hunde also gehört, daß er zum Schutze seines Herrn zu bellen, daß er dessen Haus zu behüten weiß. So lerne denn auch du deine Stimme für Christus erheben, wenn gefährliche Wölfe in die Hürde Christi einbrechen! Lerne das Wort in deinem Munde bewahren, daß du nicht, ein stummer Hund, durch sündhaftes Schweigen der dir anvertrauten Glaubenshut untreu geworden zu sein scheinest!
245 Ein solcher [treuer] Hund ist Weggefährte und Begleiter eines Engels. Nicht umsonst glaubte nämlich Raphael im prophetischen Buche [Tobias], ihn zu seinem und des Tobias’Sohnes Schutz mitführen zu sollen, da er sich auf den Weg machte, den Asmodäus zu vertreiben und der Ehe [des Tobias] festen Bestand zu sichern. Dankbares Gedenken führte zur Austreibung des Dämons und zur Festigung der Ehe. Mit dem Hinweis auf das Verhalten des stummen Tieres leitete der heilige Engel Raphael das Herz des jungen Tobias, seines Schutzbefohlenen, zur Dankbarkeit an. Wer auch würde sich nicht schämen, gegen seine Wohltäter undankbar zu sein, wenn er selbst die Tiere eines Undankbaren Laster fliehen sieht? Sie bleiben der Speise eingedenk, die man ihnen reicht: du willst des empfangenen Heiles nicht eingedenk sein?
§ 18
Der Bär, ein Auflauerer zwar, wie die Schrift sich ausdrückt er ist ja ein Tier voll Hinterlist , soll seine Leibesfrucht unausgestaltet zur Welt bringen, doch nach der Geburt mit der Zunge formen und nach seinem Bilde und Gleichnis gestalten. Muß nicht an diesem wilden Tiere der zärtliche Liebesdienst, den es mit dem Rachen zur Ausformung der Natur leistet, zur Bewunderung fortreißen? Der Bär formt seine Jungen sich gleichgestaltig: du solltest außerstande sein, dir gleichartige Kinder heranzubilden?
§ 19
Noch mehr. Sogar das Studium der Heilkunde versäumte er nicht. Versteht er doch, vom schweren Todesgeschoß getroffen und von Wunden bedeckt, sich dadurch zu helfen, daß er die Wundstellen unter ein Kraut, das Flomiskraut, wie die Griechen es heißen, hält, um durch die bloße Berührung damit zu genesen. Auch die Schlange vertreibt durch Genuß von Fenchel die Blindheit, von der sie befallen ist. Sobald sie 246 merkt, daß ihre Augen sich verschleiern, sucht sie nach dem wohlbekannten Heilkraut und wird von dessen Wirkung nicht enttäuscht. Die Schildkröte gebraucht, wenn sie nach dem Genusse von Natternfleisch des schleichenden Giftes in sich gewahr wird, Dosten als Heilmittel zur Rettung. Steckt sie noch so tief im Sumpfschlamme, kennt sie doch das Gegengift, das sie zur Heilung anwenden muß, und beweist damit, daß auch sie um die Heilkräfte der Kräuter als sicheres Genesungssmittel weiß. Auch den Fuchs kann man beobachten, wie er mit Fichtenharz sich heilt und die Zeit des Todes, der ihm schon bevorstand, hinausschiebt.
§ 20
Der Herr selbst ruft im Buche des Jeremias: „Turtel und Schwalbe und des Feldes Sperlinge halten die Zeit ihres Kommens ein, mein Volk aber kennt nicht die Bestimmungen des Herrn“. Es weiß die Schwalbe, wann sie zu kommen, wann sie zurückzukehren hat; es weiß der fromme Vogel desgleichen mit seiner Ankunft den Frühling anzuzeigen. Es weiß auch die Ameise auszukundschaften, wann heitere Zeiten einfallen; denn merkt sie, daß ihre Früchte vom Regen benetzt, feucht geworden sind, öffnet sie erst dann, wenn auf Grund genauerer Beobachtungen die Luft andauernd schönes Wetter verspricht, ihre Vorräte und trägt sie auf dem Rücken aus den Kammern heraus, um ihr Getreide unter dem anhaltenden Sonnenschein trocknen zu lassen. So wird man denn schwerlich während aller jener Tage jemals Regenschauer aus den Wolken brechen sehen, bis nicht die Ameise ihre Früchte wiederum in ihre Vorratskammern verbracht hat. Die Rinder wissen bei bevorstehendem Regen an den Hürden sich zu halten. Ebenso lugen sie alle auf gleiche Weise, sobald sie mit ihrem natürlichen Instinkt den Witterungsumschlag am Himmel fühlen, aus und strecken ihren Hals über die Hürden hinaus um anzudeuten, daß sie ins Freie möchten. Das Schaf rafft beim Nahen des Winters mit unstillbarer Freßgier nimmer satt Gras ab; es ahnt voraus, daß es ihm zur rauhen Winterszeit daran 247 gebrechen werde, so daß es sich zuvor noch mit Grünfutter sattfrist, bevor alles Grün vor dem versengenden Froste abstirbt. Der Landigel, im Volksmund Iricus genannt, schließt sich, wenn er irgendwie Nachstellungen wittert, in seine Stacheln ein und sucht Deckung hinter seiner eigenen Waffenwehr, so daß, wer immer ihn berühren zu sollen glaubt, sich verwundet. Der gleiche Igel verschanzt sich auch in der Vorahnung des Zukünftigen die beiden Luftzugänge: Wittert er Nordwind, verrammelt er den nördlichen Zugang, sieht er vom Süd die Wolken in der Luft verjagt werden, sucht er den nördlichen Zugang auf, um dem ständigen Gegenzug auf der anderen Seite auszuweichen.
§ 21
Ein würdiges Lob spendete darob der Prophet dem Herrn mit dem Ausruf: „Wie groß sind deine Werke, o Herr! alle hast du in Weisheit gemacht“. Alle durchdringt die göttliche Weisheit, alle erfüllt sie. Überzeugender noch läßt sich das aus dem Instinkte der unvernünftigen Wesen als aus dem gelehrten Dispute der vernünftigen erschließen. Denn schwerer wiegt das Zeugnis der Natur als wissenschaftliche Begründung. Welchem Tiere wäre es unbekannt wie es sein Leben zu schützen habe: bei genügender Kraft durch Widerstand, bei Geschwindigkeit durch Flucht, bei Schlauheit durch Vorsichtsmaßregel? Welcher Lehrer hätte es in die Heilpraxis und Kräuterkunde eingeführt? Wir sind Menschen und irren uns oft in der Art der Kräuter und finden gar häufig, daß uns Kräuter, die wir für Heilkräuter hielten, schaden. Wie oft schlich sich nicht schon in ein süßes Mahl ein tödlicher Bissen ein, und drang nicht ein verhängnisvoller Schluck bei aller Wachsamkeit der Hofbediensteten ins Lebensmark der Könige! Die Tiere wissen am bloßen Geruche zwischen dem Schädlichen und Nützlichen zu unterscheiden. Keines braucht [mit seinem Beispiel] vorausgehen, keines 248 vorauskosten: das Pflänzchen wird abgegrast und schadet nicht. Die beste Leherin der Wahrheit ist die Natur. Sie senkt, ohne daß es der Unterweisung irgendeines Lehrers bedarf, unserem Herzen den Sinn für das köstliche Gut der Gesundheit ein; sie hinwiederum lehrt uns herben Schmerz fliehen. So ward das Leben süßer, so der Tod bitterer. Sie vertraut der Löwin Junge an und läßt die fühllose Bestie von sanfter Mutterliebe angewandelt werden. Sie nimmt dem Tieger für einige Augenblicke die Wildheit und hält ihn von der Beute zurück, auf die er sich stürzten will. Sobald er nämlich seine Lagerstätte leer und seine Jungen geraubt findet, verfolgt er unverzüglich die Spur des Räubers. Merkt dieser, daß er trotz des flüchtig eilenden Rosses, das ihn trägt, vom schnellen Raubtier eingeholt werde und jede Möglichkeit des Entrinnens ausgeschlossen sei, sucht er sich künstlich mit folgender List zu retten: In dem Augenblick, da er sich eingeholt sieht, wirft er eine Glasscheibe hin, und wirklich: die Bestie läßt sich vom eigenen Bilde täuschen und hält es für ihr Junges. Verlangen, es zu bergen, steht sie vom Überfall ab. Von neuem aber wirft sie sich, vom Trugbilde aufgehalten, mit allen Kräften auf die Verfolgung des Reiters. Von Wut aufgestachelt, beflügelt sie den Lauf. Schon droht sie über den Flüchtling herzufallen: wieder wirft ihr dieser eine Scheibe vor und hält sie so in ihrer Verfolgung auf. Sie erinnert sich des Truges, doch das beirrt sie in ihrem mütterlichen Eifer nicht. Sie kehrt das Trugbild zu sich und bleibt wie zur Säugung der Jungen zurück. So büßt sie, vom Eifer ihrer Mutterliebe getäuscht, beides ein: die Rache und das Junge.
§ 22
Was uns die Schrift mit den Worten ans Herz legt: „Kinder, liebt eure Eltern! Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorne!“ das senkte den Tieren die 249 Natur ein, so daß sie ihre Jungen gern, ihre Brut lieb haben. Fremd ist ihnen stiefmütterlicher Haß. Nicht gehen bei ihnen den Kindern die Eltern durch Eingehung einer zweiten Ehe verloren, noch gibt es eine Bevorzugung der Kinder aus zweiter Ehe, eine Zurücksetzung dagegen jener aus erster Ehe. Sie kennen ihre Lieblinge, kennen aber keinen Unterschied in der Liebe, kein Entbrennen des Hasses, keine Grade im Sichbeleidigtfühlen. Schlicht gibt sich die Natur des Tieres, sie kennt kein Falsch, das die Wirklichkeit entstellt. So hat nämlich der Herr alles geregelt: je weniger Vernunft er einem Wesen gab, umso mehr Liebe legte er in dasselbe. Welches Tier setzte sich nicht am liebsten selbst der Todesgefahr für seine Jungen aus? Welches Tier deckte nicht mit dem eigenen Leibe, ob tausend bewaffnete Scharen es bedrängen, seine Brut? Mag es einen Hagel von Geschossen regnen, es deckt die Kleinen mit seinem Körper wie mit einem Mauerwall und sichert sie vor Gefahr. Was sagt dazu der Mensch, der über alles Gebot sich hinwegsetzt, seiner Natur vergißt? Der Sohn mißachtet den Vater, der Vater verstößt den Sohn. Das hält man für Recht, wo es sich doch um die Verurteilung des eigenen Blutes, besser um die Selbstverurteilung des Vaters handelt, der seine eigene Zeugung zunichte macht; das hält man für [väterliche] Gewalt, wo die Natur mit Unfruchtbarkeit geschlagen wird.
§ 23
Niemand zweifelt wohl, daß der Hund keine Vernunft besitzt. Und doch, wenn man seinen Scharfsinn beobachtet, möchte man meinen, er bediene sich bei seinem feinen Spürsinn der Vernunfttätigkeit. Was beispielsweise kaum die wenigsten an den Schulen fertig zu bringen vermögen, ob sie auch ihr ganzes langes Leben im Lernen zubringen, syllogistische Kettenschlüsse zu machen, darauf verstehen sich, wie sich leicht einsehen lassen wird, die Hunde kraft natürlicher Belehrung. 250 Entdeckt nämlich ein Hund die Spur eines Hasen oder Hirsches und gelangt er hierbei an eine Wegscheide, an eine Art Wegkreuzung, die nach vielen Richtungen auseinanderführt, so überlegt er, während er die einzelnen Pfadmündungen abläuft, still für sich und äußert gleichsam mit dem Scharfsinn, mit welchem er die Spur auffindig macht, die syllogistische Schlußfolgerung: „Entweder schlug er diese Richtung ein oder jene oder bog gewiß in diesen Seitenpfads ein; nun aber nahm er weder letzteren noch ersteren Weg, also bleibt nur übrig, daß er zweifellos dieser Richtung hier folgte“. Was Menschen trotz langen, regelrecht geschulten Denkens kaum fertig bringen, ergibt sich für die Hunde auf natürliche Weise: Erst überzeugen sie sich vom Unrichtigen, sodann gelangen sie nach Ausscheidung des Falschen zur Wahrheit. Vergeuden nicht die Philosophen ganze Tage mit der Zerlegung der [syllogistischen] Sätze auf dem Staubtisch? Sie tragen jeden einzelnen mit dem Stifte ein, löschen zunächst von den dreien, da ja notwendig nur einer wahr sein kann, zwei als irrtümlich aus und stellen schließlich fest, daß nur der übrig gebliebene sich als wahr herausstelle.
Wer wäre so hilfsbeflissen und dienstgefällig [wie die Hunde]? Verstehen sie doch für ihren Herrn selbst auf Räuber loszustürzen, verwehren Fremden bei Nacht den Zutritt und sind bereit, sei es für ihre Herren zu sterben, sei es mit ihren Herren mitzusterben. Schon oft haben desgleichen Hunde im Fall einer Mordtat deutliche Spuren zur Überführung der Schuldigen aufgedeckt, so daß man schon so manchesmal ihren stummen Zeugenaussagen Glauben schenkte.
§ 24
Zu Antiochien wurde, wie man erzählt, in einem abgelegeneren Stadtteile gegen den anbrechenden 251 Morgen ein Mann ermordet, der einen Hund an seiner Seite hatte. Ein Soldat war aus Raubgier zum Mordbuben geworden. Im schützenden Dunkel des anbrechenden Tages war er nach anderen Stadtteilen entwichen. Noch lag der Leichnam unbeerdigt da. Eine zahlreiche Menge von Neugierigen stand herum. Mit jämmerlichen Gewinnsel beklagte der Hund das unglückliche Los seines Herrn. Da mengte sich wie von ungefähr der Mörder in den rings herumstehenden Zuschauerkreis und drängte sich Mitleid heuchelnd an den Leichnam heran, so hält es ja menschliche List gerne: das Verkehren mitten unter den Leuten soll von vorneherein den Anschein der Unschuld erwecken. Da ließ nun der Hund für einige Augenblickt die Trauerklage verstummen, rüstete sich zur Rache, faßte den Mörder und hielt ihn fest. Mit den Schlußtönen gleichsam seiner Trauermelodie, die er stöhnte, rührte er alles zu Trönen und machte die Überführung [des Verbrechers] dadurch glaubhaft, daß er ihn allein aus dem großen Haufen stellte und nicht mehr losließ. In der Verlegenheit schließlich vermochte dieser, weil er den so offenkundigen Verräter der Tat auch nicht mit der Ausrede, es sei Haß oder Feindschaft oder Eifersucht oder Unrecht von irgendeiner Seite im Spiele, entkräften konnte, sein Verbrechen nicht länger zu leugnen. So hatte also, was schwieriger war, der Hund [seinem Herrn] Sühne verschafft, da er ihm keinen Schutz leisten konnte. Welch würdigen Dienst leisten wir unserem Schöpfer, dessen Brot wir essen? Wird er beleidigt, drücken wir die Augen zu und setzen oft Feinden Gottes gastlich jene Speisen vor, die wir von Gott empfangen haben.
§ 25
Was gibt es Unschuldigeres als die Lämmlein? Sie gleichen der zarten Kindheit unserer Kleinen. Oftmals irrt eines derselben in der großen Herde, getrennt vom Mutterschafe, unstet durch die ganzen 252 Hürdenräume und ruft, wenn es dasselbe nicht finden kann, mit häufigem Blöcken nach dem abwesenden, um es zu einem erwidernden Laut zu veranlassen und auf seinen Ruf hin aus der Irre den Pfad wieder heim zu finden. Ob es auch unter vielen Tausenden von Schafen schweift, es erkennt die Stimme der Mutter, eilt zu ihr und verlangt desgleichen nach dem ihm gewohnten Born der Muttermilch. Mag es noch so sehr nach Speise und Trank lechzen, es eilt an den übrigen vollen,noch so milchstrotzenden Eutern vorüber, begehrt allein nach dem Mutterschaf und gibt zu erkennen, daß ihm die kargen Züge an dessen Euter überreich genügen. Aber auch das Mutterschaft kennt unter vieltausend Lämmlein einzig nur das seinige. Das Blöcken mag bei vielen dasselbe, das Aussehen das gleiche sein: es kennt dennoch sein Junges von allen anderen heraus und anerkennt es mit der stummen Bezeugung seiner Mutterliebe allein als das Seinige. Der Hirte irrt in der Unterscheidung der Schafe, beim Lämmlein ist solcher Irrtum im Erkennen der Mutter ausgeschlossen. Der Hirte läßt sich täuschen von der Gestalt, doch nicht das Lämmlein in seiner Mutterliebe. Alle haben den gleichen Geruch, doch kennt die Natur noch einen besonderen, den der kleine Liebling als ihm speziell eigen auszudunsten scheint.
§ 26
Die Natur [eines Tieres] besitzt von Haus aus ihre eigentümlichen Gepflogenheiten und Instinkte. Kaum brechen beim kleinen Jungen die ersten Zähne hervor, und schon weiß es diese seine Waffen zu gebrauchen. Noch hat der junge Löwe keine Zähne, und als ob er sie hätte, sucht er sich mit seinem Rachen zu rächen. Noch trägt der Hirsch kein Geweih und dennoch plänkelt er bereits mit seiner Stirne und dräuet mit den Waffen daran, bevor er sie erprobte. Der Wolf nimmt dem Menschen, wenn er ihm mit seinem Anblick zuvorkommt, die Sprache und spottet gleichsam seiner als Sieger über die geraubte Sprache. Derselbe Wolf 253 legt, wenn er sich zuvor von dessen Blick getroffen fühlt, die Wildheit ab und kann nicht mehr laufen. Der Löwe fürchtet sich vor dem Hahn, insbesondere dem weißen. Die verwundete Ziege sucht Distanz auf und entfernt damit die Geschosse aus der Wunde. Auch die Tiere kennen ihre Heilmittel. Der kranke Löwe fahndet nach einem Affen, um ihn zu verschlingen und so zu gesunden. Der Leopard schlürft das Blut der wilden Ziege ein und tut so dem fortschreitenden Siechtume Einhalt. Jedes kranke Tier findet mit einem Schluck Hundeblut Genesung. Der kranke Bär vertilgt Ameisen, der Hirsch kaut junge Olivenzweige.
§ 27
So wissen also die Tiere zu suchen, was ihnen frommt: du kennst, o Mensch, deine Heilmittel nicht! Du weißt nicht, wie du dem Gegner die Kraft rauben kannst, daß er gleich dem Wolfe, dem man zuvorkommt, dir nicht entrinnen kann; daß du mit dem Auge deines Geistes seine Gottlosigkeit durchschauest und seinen Worten zum voraus den Weg abschneidest, der Unverfrorenheit und Kniffigkeit seiner Streitrede die Spitze brechest! Wenn er es dir zuvortut, wird er dich mundtot machen. Und wenn du verstummt bist, löse deine [Fuß] Bekleidung, um die Zunge zu lösen! Wenn der Wolf dich anfällt, heb ein Felsstück auf und er flieht! Dein Fels ist Christus. Nimmst du zu Christus deine Zuflucht, flieht der Wolf und wird dich nicht schrecken. Nach diesem Fels langte Petrus aus, da er in den Fluten wankte, und erreichte ihn, indem er die Rechte Christi erfaßte.
§ 28
Was brauche ich erwähnen, daß die Leute gerne Knoblauch kosten und somit etwas verspeisen, was selbst der Leopard flieht. Sobald nämlich einer glaubt 254 Knoblauch kauen zu sollen, springt der Leopard davon und kann dem nicht widerstehen. Ein Gewächs also, dessen Geruch nicht einmal ein giftiges Raubtier aushalten kann, das willst du als Speise gebrauchen und in dein Inneres aufnehmen! Doch es hilft mitunter gegen Schmerzen: dann gebrauche man’s als Medizin, aber nicht als Speise! Dann gebrauche man’s in Krankheit, nicht zum Mahle! Nach Medizin greifst du und gehst dem Fasten aus dem Weg, als ob du sonst ein besseres Heilmittel auftreiben könntest! Leckt die Schlange den Speichel eines nüchternen Menschen, verendet sie.Du siehst daraus, welch große Wirkung dem Fasten zukommt: mit seinem Speichel tötet ein solcher Mensch die Schlange im physischen, mit seinem Verdienst die im geistigen Sinn.
§ 29
Welche Klugheit legte Gott selbst in kleine Tierchen! Die Turtel legt über ihr Nest, daß nicht der Wolf über ihre Brut kommt, Zwiebelblätter. Sie weiß nämlich, daß Wölfe solchen Blättern aus dem Weg zu gehen pflegen. Es weiß auch das Füchslein, wie es seine Nachkommenschaft zu pflegen hat; und du weißt es nicht! Du kümmerst dich nicht, wie du deine Nchkommenschaft in diesem Leben in noch sicherere Hut vor den Wölfen der geistigen Bosheit bringen kannst!