Das Haupt eine ragende Burg, Thron der Weisheit, beherrschendes Prinzip des Leibes. Die Augen zwei Leuchten, zwei Wächter auf hoher, geschützter Warte. Das Haupthaar Schutz und Schmuck. Die freie Stirne Spiegel der Seele. Die Augenbrauen zwei Schutzwälle. Der Augapfel Sitz des Sehvermögens. Das Gehirn Zentralorgan des freien 278 Bewegungsvermögens und der Sinnesfunktionen. Das Herz Quellpunkt für die Arterien und Herd der vitalen Körperwärme. Der zweck und kunstvolle Organismus des Ohres (Gehörsinn) und der Nase (Geruchsinn). Vorzüge des Tastsinnes. Mund und Zunge als Kau und Sprachorgane. Der Kuß Sinnbild und Unterpfand der Liebe. Die Bedeutung der Gurgel, der Arme, der Hände. Die Hand im liturgischen Dienst. Die übrigen Organe: Brustkasten und Bauchhöhle, Lunge und Herz, Milz und Leber, Gedärme, After, Adern, Knochen, Genitalien, Füße und Knie.
§ 54
Doch noch erübrigt jetzt, einiges über den menschlichen Leib zu sprechen. Wer möchte denn leugnen, daß er an Schönheit und Vorzüglichkeit alles andere überragt? Mag der Grundstock bei allen Körperdingen der Erde gleich, Stärke und Wuchs bei gewissen Tieren größer sein: an Gestalt gebührt dem menschlichen Leibe die Palme, seine Haltung ist aufrecht und zur Höhe gerichtet, [an Wuchs] die Mitte haltend zwischen unförmiger Größe und unansehnlicher, verächtlicher Kleinheit, das Äußere des menschlichen Körpers ist einnehmend und gefällig, ohne daß tierische Ungeschlachtheit abschreckend wirkte oder Schlankheit in Schwächlichkeit überginge.
§ 55
Allererst nun wollen wir uns zum Bewußtsein bringen, daß der Bau des menschlichen Körpers ein Bild der Welt ist. Wie nämlich der Himmel über Luft, Erde und Meer, gleichsam die Glieder des Weltorganismus, 279 hinausragt, so sehen wir auch das Haupt über die übrigen Glieder unseres Körpers hinausragen, [sehen es] als das vorzüglichste unter allen, gleich dem Himmel unter den Elementen, gleich der Burg unter den sonstigen Festungswerken einer Stadt. In dieser Burg thront wie eine Königin die Weisheit nach des Propheten Wort: „Die Augen des Weisen befinden sich in dessen Haupt“. Sie hat die geschützteste Lage von allem; aus ihr strömt allen Gliedern Kraft und Fürsorglichkeit zu. Denn was nützt die Kraft und Stärke der Arme, was die Schnelligkeit der Füße, wenn nicht das Haupt wie ihr gebietender Herrscher mit seiner Gewalt sich mit ihnen verbände? Von ihm hängt, wie der Verfall des Ganzen, so der Bestand von allem ab. Was will die Tapferkeit erzielen, wenn sie nicht der Führung des Auges zum Kampfe sich bedienen könnte? Was die Flucht, wenn das Sehvermögen fehlte? Ein Kerker wäre der ganze Leib, vor Finsternis starrend, würde er nicht vom Blicke des Auges erhellt. Was sonach die Sonne und der Mond am Himmel, das sind die Augen am Menschen. Sonne und Mond aind die beiden Leuchten der Welt, die Augen aber glöeichsam die Sterne am Haupte: sie leuchten von der Höhe bestrahlen das Untenliegende mit hellem Lichte und lassen uns nicht von der Finsternis der Nacht eingehüllt werden. Gleichsam unsere Wächter, sind sie Tag und Nacht auf der Hut. Denn sie lassen sich schneller als die übrigen Glieder aus dem Schlafe wecken und spähen wachsam alles ringsum ab; sie befinden sich ja in nächster Nähe vom Gehirn, dem Sitze des gesamten Sehvermögens. Niemand glaube aber, ich sei, weil mein Lob jetzt, vom Haupte weg, den Augen gilt, zu voreilig zu diesen herabgestiegen; denn das Lob des Ganzen in einem Teilgliede nachzuweisen, ist nichts Ungewöhhnliches. Die Augen sind ja sicherlich ein Teil des Hauptes; das Haupt ist es, das mittels der Augen alles zu erspähen, mittels der Ohren das Heimliche zu erlauschen sucht, von verborgenen Dingen erfährt und von Vorgängen vernimmt, die in anderen Ländern spielen.
§ 56
280 Schon der Scheitel des Hauptes: wie fein und zierlich ist er! Wie köstlich das Haupthaar, wie ehrwürdig an Greisen, wie verehrungswürdig an Priestern, wie trutzig an Kriegern, wie hold an Jünglingen, wie wohlgepflegt an Frauen, wie weichfließend an Kindern! Für das eine Geschlecht ist langes Haar ungeziemend, dem anderen geziemt geschorenes nicht. Ein Blick auf die Bäume mag die Schönheit des menschlichen Hauptes würdigen lassen. Zu oberst am Baume hängt alle Frucht, dort birgt alle Schönheit sich, sein Laub schirmt uns vor dem Regen oder schützt uns vor der Sonne. Nimm dem Baum das Laub, und der ganze Baum ist unschön. Wie wunderbar ist also der Schmuck des menschlichen Hauptes! Mit seinem Haupthaar schirmt und hüllt es unser Hirn und damit den Sitz und Herd unserer Sinne, daß es nicht unter Kälte oder unter Hitze leide. Hier ruht ja der Quellpunkt des Gesamtorganismus, und darum tritt hier, wo Unbill Schaden anrichten könnte, eine besondere gnädige Fürsorglichkeit zutage.
§ 57
Was wäre der Mensch ohne das Haupt, da doch das Haupt sein ganzes Ich widerspiegelt! Siehst du das Haupt, erkennst du den Menschen; fehlt das Haupt, ist ein Erkennen unmöglich: der Rumpf liegt da, nichts verrät den Adel, die Stellung, den Namen. Nur das Haupt der Fürsten, aus Erz gegossen, und deren Gesichtszüge, aus Erz oder Marmor geformt, erfreuen sich der Huldigung der Menschen. Nicht mit Unrecht sind daher dem Haupte die übrigen Glieder wie ihrem obersten Berater dienstbar, führen es, gleich Sklaven mit der Tragbahre, wie ihren Genius herum und tragen es hoch erhoben hier und dorthin. Mit der Gewalt des 281 Zensors bestimmt es nach Belieben den Dienst der unterwürfigen Glieder und teilt jedem die ihm vorgeschriebenen Funktionen zu.Da kann man alle freiwillig ohne Sold im Dienste ihres Herrschers sich mühen sehen, die einen als Lastträger, die anderen als Proviantbesorger, wieder andere als Verteidiger oder als Vollstrecker des ihnen obliegenden Dienstes. Sie gehorchen dem Haupte als ihrem Herrscher, dienen ihm als ihrem Herrn. Von da ergeht gleichsam die Parole, nach welchem Gelände der Fuß schreiten, welche Kampfesarbeit die Hand zur Vollbringung vollkommener Werke verrichten, an welche Norm des ihm auferlegten Sittengesetzes der Bauch sich halten solle, ob er fasten oder essen solle.
§ 58
Eine freie Stirne schmückt das Haupt, eine offene mit freien Schläfen. Bald heiter, bald düsterer, bald straff gezogen zu Ernst, bald weniger straff zu Milde, verrät sie in ihrem Aussehen die Stimmung des Geistes, drückt durch äußere Kennzeichen das innere Wollen aus: ein Spiegelbild des Geistes mit sprechenden Zügen, ein Piedestal des Glaubens, worauf täglich der Name des Herrn gezeichnet und bewahrt wird.
In der gleichen Richtung läuft der Doppelwall der Brauen, der als Schutzwehr den Augen vorgeschoben ist, als Zierde davorhängt, so daß denselben zugleich anmutige Schönheit lacht und treue Hut wacht. Fällt irgendein Unrat vom Haupte oder ein Sandstäubchen oder Nebeltropfen oder Schweiß vom triefenden Scheitel: es wird von den Brauen aufgefangen, daß es nicht die Sehkraft des empfindlichen Auges verletze, deren feinen Blick störe.
§ 59
Wie an Höhenhängen sind die Augen eingebettet. Sie sollen sich so einerseits unter dem schützenden Berggipfel größerer Sicherheit erfreuen, andererseits, 282 weil in Höhenlage, wie von einer Hochbühne aus alles überschauen. Sie durften nämlich nicht an niederer Stelle angebracht werden wie die Ohren oder der Mund und auch die inneren Nasenkanäle; denn der Posten gehört immer auf hohe Warte, um das Nahen feindlicher Scharen ausspähen zu können, daß die nicht unversehens die Stadtbevölkerung oder des Kaisers Heer, während sie sich in Ruhe wiegen, überrumpeln. Nur so läßt sich auch räuberischen Überfällen vorbeugen, wenn Kundschafter auf Zinnen oder Türme oder auf ragende Bergeshöhe gestellt sind, um von der Höhe aus das flache Land abzuspähen, so daß der räuberische Überfall nicht verborgen bleiben kann. So klettert auch ein Seefahrer, wenn er vermuten darf, es gehe dem Festlande zu, hoch auf den Mast und die ragenden Spitzen der Segelstangen, um nach dem Ziele seiner Sehnsucht zu spähen, und grüßt aus der Ferne das Land, das sich den Blicken der übrigen noch entzieht.
§ 60
Vielleicht möchtest du einwenden; Wenn es eines Wächters auf höherer Warte bedurfte, warum wurden dann die Augen nicht zu oberst auf dem Scheitel des Hauptes angebracht, wie sie bei den Krebsen oder Käfern zu oberst sind? Denn merkt man auch bei diesen Tieren keinen Kopf, so treten doch Hals und Rücken über den sonstigen Körper hervor. Indes diese besitzen eine starke Hornhaut und keine so zarte Membrane wie wir, die leicht verletzt und durch Dorngestrüpp oder Hecken geritzt werden kann. Auch noch andere Tiere sind derart gebaut, daß sie entweder die Augen zum Nacken zurückwenden können, wie Pferd oder Rind und fast alle wilden Tiere, bezw. zu ihren Flügeln wie die Vögel, die so sicherer Rast sich erfreuen. Wir hingegen brauchten Augen, die zu oberst am Körper wie auf einer Burg anzubringen und von jeder, selbst der geringsten Verletzung zu schützen waren: zwei Erfordernisse, die sich zu widersprechen schienen. Wenn 283 sie nämlich des Schutzes wegen an einer niederen Stelle angebracht wären, würden sie in ihrer Funktion behindert, wenn auf dem Scheitel, leicht Verletzung ausgesetzt sein. Damit nun einerseits ihrer Funktion keinerlei Eintrag geschähe, andrerseits Vorsorge zur Verhütung von Verletzungen getroffen würde, versetzte sie [der Schöpfer] an jene Stelle, der die Brauen von oben her nicht geringe Deckung böten, zu deren Schutz von unten die etwas hervortretenden Wangen nicht wenig beitrügen, während innen die Nase sie schirmen, außen desgleichen Stirne und Backen wie ein hochaufgeworfener Wall sie rings umschließem sollten sowie die angrenzenden Teile, ob sie auch nur mit dem Knochengefüge in Verbindung damit stehen und flach sind. Dazwischen nun liegen die Augen in sicherer Hut, mit freiem Blick, von bezaubernder Anmut, funkelnd wie Kristall. In ihrer Mitte glänzen die Augensterne, die Kraftzentren des Sehvermögens. Sie werden, damit kein Ungemach sie treffe und verletze, oben und unten von dichtgesäten Haaren wie von einem Walle ringsum geschützt. Darum flehte der Prophet, da er sichere Hilfe sich erbat: „Schütze mich, Herr, wie des Auges Apfel!“ So sorgfältige und sichere Hut sollte ihm Gottes Schutz sein, wie es dem Augapfel der feste natürliche Schutzwall ist, mit welchem Gott ihn zu schirmen sich würdigte. Zudem werden ja Unschuld und Reinheit schon durch den geringsten Schmutz verletzt und verlieren den Reiz ihrer Anmut. Und darum ist Vorsicht geboten, daß kein Staub der Sünde sie beflecke und kein Splitter der Schuld sie verletze; denn so steht geschrieben: „Zieh erst den Balken aus deinem Auge, und dann sieh zu, daß du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehest“.
§ 61
Der Augen wegen, behaupten daher die Heilkundigen, habe das menschliche Gehirn seinen Sitz im Haupte, den übrigen Sinnen unseres Leibes aber sei umgekehrt des Gehirnes wegen der Platz in dessen 284 Nähe angewiesen. Das Gehirn ist nämlich der Ausgangspunkt des Nervensystems sowie sämtlicher Regungen des freien Bewegungsvermögens, und von da leitet sich der ganze Grund für die eben genannten Vorgänge her.
Als Quellpunkt des Arteriennetzes sowie der natürlichen Körperwärme, welche die Lebensorgane beseelt und warm erhält, gilt den meisten das Herz. Das Organ für die einzelnen Sinne hingegen sind die Nerven. Sie gehen wie Saiten und Stimmbänder vom Gehirn aus und verzweigen sich durch den ganzen Körper, um so ihren jeweiligen Funktionen zugeleitet zu werden. Das Gehirn ist deshalb weicher als die übrigen Organe, weil es die Sinneseindrücke aufzunehmen hat; desgleichen eben darum auch die Nerven, welche alles vermitteln, was das Auge sieht oder das Ohr hört oder der Geruchsinn einatmet oder die Zunge tönt oder der Mund als schmackhaft empfindet. Für ein Nachempfinden [von Sinneseindrücken] eignet sich nämlich besser ein weiches Organ, zum Handeln hingegen wirksamer ein durch Muskelanspannung irgendwelchee Art steifes Glied.
§ 62
Eine ganz vorzügliche Gabe, die dem Gesichte wenig nachsteht, ist auch das Gehör. Die Ohren treten deshalb etwas hervor, damit sie einerseits ihren zierlichen Schmuck zur Schau trügen, andererseits allen Unrat und Schweiß auffingen, der vom Haupte trieft, zugleich endlich, damit sich in ihren Vertiefungen der Schall breche und so ohne Schaden anzurichten in die inneren Gänge dringe. Denn wäre dem nicht so, wer würde nicht bei jedem zu starkem Schallaut betäubt werden. Machen wir doch noch trotz dieser nützlichen Einrichtung die Erfahrung, daß uns häufig durch einen unvermuteten Schall das Gehör verschlagen wird. Als Bollwerke sodann mag man sie betrachten, die gegen grimmige Kälte wie glühende Hitze vorgeschoben sind, daß nicht die Kälte in die offenen Gänge dringe, noch die übergroße Hitze ihre versengende Wirkung äußere. 285 Die Spiralförmigkeit des inneren Ohres aber moduliert rhythmisch und dynamisch den Ton, insofern eben infolge der Krümmungen des Ohres ein gewisser Rhythmus erzeugt wird und der eingedrungene Laut gewisse Modulationen erfährt. Daß außerdem diese Krümmungen den aufgenommenen Laut länger festhalten, lehrt die bloße Erfahrung, insofern in hohlen Bergschluchten oder Felseneinschnitten oder an Flußkrümmungen der Schall dem Ohre süßer tönt und das Echo im Widerhall liebliche Antwort jauchzt. Selbst das Ohrenschmalz ist nicht nutzlos, es bindet den Laut, so daß die Erinnerung daran wie sein Wohlklang länger in uns nachhält.
§ 63
Was soll ich nun aber von der Nase sagen? Eine Grotte mit stattlichem Doppeleingange zur Aufnahme der Wohlgerüche, daß der Duft nicht rasch sich verflüchtige, sondern länger in der Nase verbleibe und durch ihren Kanal aufsteigend Gehirn und Sinne ergötze! Länger darum als Worte tönen oder ein Anblick leuchtet, duftet Wohlgeruch fort, den man eingesogen. Gar oft hat man den Duft von etwas, woran man einen kurzen Augenblick gerochen hat, den ganzen Tag in der Nase. Durch diese fließen ferner die unreinen Säfte des Hauptes ab und werden ohne allen Schaden und Nachteil des Leibes fortbefördert.
§ 64
Kein unbedeutender Sinn liegt auch im Tastsinn. Und zwar eignet ihm gar köstliches Behagen und richtiges Urteil; denn so manchesmal prüfen wir mit tastender Hand, was wir mit den Augen nicht zu prüfen vermögen.
§ 65
Einen recht niedrigen Dienst versehen ferner Mund und Zunge; er führt indes dem ganzen Organismus die nötigen Kräfte zu. Denn es würden die Augen ohne die stoffliche Nährkraft, welche durch Speise und Trank vermittelt wird, das Sehvermögen einbüßen und die Ohren das Gehör und die Nase den Geruch und die Hände das Gefühl, wenn nicht der ganze Organismus durch die Nahrung gestärkt würde. Wir 286 fielen von Kräften, würden wir sie nicht fortwährend mit der nötigen Speise ersetzen. So finden denn auch Leute, die von Hunger ausgezehrt sind, kein Ergötzen an sinnlichen Genüssen, sondern sind teilnahmslos und abgestumpft gegen deren Reize.
§ 66
Was soll ich den „Wall der Zähne“ beschreiben, womit die Speise gekaut und das Aussprechen volltönender Laute ermöglicht wird? Wie gäbe es ohne die Zähne einen mundenden Bissen? Sehen wir doch vielfach Leute in der Reife der Jahre gerade deshalb vorzeitig altern, weil sie nach dem Verlust der Zähne keine kräftigere Speise zu sich nehmen können. Das Kindesalter ist darum stumm, weil es noch kein Stimmorgan hat.
§ 67
Ebenso leistet die Zunge nicht bloß beim Sprechen, sondern auch beim Essen sehr wertvollen Dienst. Sie ist nämlich für den Sprechenden sozusagen die Laute, und für den Essenden sozusagen die Hand, welche die abgleitende Speise den Zähnen zuführt und unterbreitet. Ihr Wort schwingt sich durch die Luft wie auf einem Fittiche auf und schwebt durch den leeren Raum und schlägt desgleichen mit seinem Schall die Luft, dringt bald mahnend, bald besänftigend an des Hörenden Ohr, beschwichtigt den Erzürnten, richtet den Verzagten auf, tröstet den Leidenden. Mögen wir daher den Wohllaut der Stimme mit den Vögeln gemeinsam haben, welcher Ton indes diesem, welcher jenem gegenüber anzuschlagen ist, das setzt Vernunft voraus, das ist unmöglich allen Wesen die unvernünftigen meine ich gemeinsam. Haben wir doch auch die Sinne mit den übrigen lebenden Wesen gemeinsam: gleichwohl gebrauchen sie die übrigen nicht mit derselben Beflissenheit. Auch das Kalb hebt seine Augen zum Himmel auf, aber es weiß nicht, was es anblickt; die Tiere im Freien 287 heben sie empor, die Vögel heben sie empor, alle erfreuen sich des freien Blickes, doch nur dem Menschen wohnt der Sinn inne, der ihm auslegt, was er schaut. Er betrachtet nachdenklich mit seinen Augen der Gestirne Aufund Niedergang, gewahrt des Himmels Zier, staunt an der Sterne Bälle, kennt desgleichen den unterschiedlichen Lichtglanz eines jeden, [weiß,] wann der Abendstern aufgeht, wann der Morgenstern, warum jener des Abends, dieser des Morgens aufleuchtet, welche Bahnen der Orion, welche Phasen der abnehmende Mond durchläuft, wie die Sonne ihren Niedergang kennt, ebenso Jahr für Jahr in ihrem Umlaufe genau ihre Bahn einhält. Auch die übrigen lebenden Wesen erfreuen sich des Gehöres: doch wer außer dem Menschen gelangte durch Hören zum Erkennen? Von allen Wesen auf Erden dringt nur der Mensch auf dem Wege des Hörens, des Erwägens und Überdenkens zu den Geheimnissen der Weisheit. Nur er spricht: „Hören will ich, was Gott der Herr in mir sprechen wird“. Das ist des Menschen köstlichste Auszeichnung, daß durch seinen Mund Gottes Stimme spricht, daß er mit leiblichen Lippen himmlische Worte ausspricht. So heißt es:„Rufe! Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist Gras“. Erst empfing der Prophet, was er sprechen sollte und dann rief er. Sie mögen ihre Weisheit für sich behalten, die mit den Maßstäbchen die Räume des Himmels und der Erde bemessen! Sie mögen ihre Einsicht für sich behalten, von der der Herr spricht: „Die Einsicht der Weisen werde ich verwerfen!“ Weder den Rhythmus der Rede, noch die Weise und die Weisen des Gesanges lasse ich an dieser Stelle für Weisheit gelten, sondern das nenne ich Weisheit, von der auch der Prophet spricht: „Das Unbekannte und Verborgene Deiner Weisheit hast du mir kundgemacht“.
§ 68
288 Was aber soll ich vom Kusse des Mundes sagen, dem Zeichen der Zärtlichkeit und Liebe? Auch die Tauben küssen sich. Doch wie ließe sich das mit dem Liebreiz des menschlichen Kusses vergleichen, dem leuchtenden Wahrzeichen der Freundschaft und Freundlichkeit, dem treuen Ausdruck liebevoller Gesinnung? Darum brandmarkt der Herr an seinem Verräter gleichsam ein Verhalten unerhörter Art, wenn er spricht: „Judas, mit einem Kusse verrätst du den Menschensohn?“ d.i. das Wahrzeichen der Liebe verkehrst du in ein Kennzeichen des Verrates, in ein Anzeichen des Unglaubens? Dieses Band des Friedens mißbrauchst du zum Mittel der Grausamkeit? Nicht sowohl den Freund, welcher der Liebe Unterpfand reichte, als vielmehr den Mörder, der nach Art einer Bestie des Mundes sich bedint, tadelte der Herr mit dem Ausspruche seines göttlichen Mundes.
Auch das ist ein Vorzug von uns Menschen, daß nur wir den Gefühlen des Herzens mit dem Munde Ausdruckl verleihen und so die heimlichen Gedanken des Geistes mit des Mundes Wort anzeigen können. Was anders ist demnach der Mund des Menschen als gleichsam das Heiligtum der Sprache, der Quell der Rede, der Palast des Wortes, das Magazin des Willens?
Damit haben wir nun sozusagen die Königsburg des menschlichen Leibes, die zwar an Umfang nur ein Glied desselben ist, an Gestalt aber das Ganze repräsentiert, zu Ende besprochen.
§ 69
Es folgt die Gurgel, durch welche dem ganzen Körper der Lebensbedarf und die Luftzufuhr vermittelt wird. Dann kommen die Arme und die kraftschwellenden Armmuskeln, sowie die arbeitskräftigen, mit ihren langgestreckten Fingern zum Halten geeigneten Hände. Sie ermöglichen eine erhöhte Arbeitsleistung, sie 289 ermöglichen eine zierliche Schrift und jenen „Griffel des hurtigen Schreibers“, der die Aussprüche des göttlichen Mundes widergibt. Die Hand ist es, welche die Speise zum Munde führt. Die Hand ist es, die durch herrliche Taten sich auszeichnet; die als Mittlerin der göttlichen Gnade zum Altare ausgestreckt wird; mittels der wir die himmlischen Geheimnisse darbringen und empfangen. Die Hand ist es, welche die göttlichen Mysterien zugleich setzt und spendet; deren Namen der Sohn Gottes als Selbstbezeichnung nicht verschmähte, indem David beteuert: „Die Rechte des Herrn hat Macht gewirkt, die Rechte des Herrn hat mich erhöht“. Die Hand ist es, die alles gemacht, wie Gott der Allmächtige es bezeugt hat: „Hat nicht dies alles meine Hand gemacht?“ Die Hand ist die Schutzwehr des ganzen Körpers, des Hauptes Schirmerin. Ob sie auch ihren Platz ziemlich unten einnimmt: sie kämmt den ganzen Scheitel und ziert das Haupt mit ehrbarem Schmucke.
§ 70
Wer fände geziemende Worte zur Besprechung des Brustkorbes und der Weichmasse des Bauches? Anders nämlich könnten die Weichteile im Innern nicht warm gehalten werden und würde der Bausch der Eingeweide zweifelsohne von den harten Knochen verletzt werden. Was wäre so heilsam wie die unmittelbare Verbindung der Lunge mit dem Herzen, derzufolge das Herz, wenn es in Zorn und Unwillen entbrennt, durch das Blut und die Feuchtigkeit der Lunge rascher gedämpft wird. Auch weich ist die Lunge; sie ist nämlich stets von Flüssigkeit durchtränkt und soll zugleich die Starrheit des Unwillens erweichen.
Über diese Organe gehen wir deshalb rasch hinweg, um uns als Nichtfachleute, die nur das Nächstliegende streifen, nicht als Heilkundige zu gerieren, die dem genauer nachforschen und nachgehen müssen, was im heimlichen Inneren der Natur verborgen ist.
§ 71
290 Der Milz ferner kommt die Nachbaraschaft der Leber zunutze. Sie scheidet nämlich bei Aufnahme der Nahrungsstoffe alle unreinen Bestandteile, auf die sie stößt, aus; so können durch die feineren Poren der Leber nur jene zarten und winzigen Speiseteile hindurchdringen, die sich in Blut überführen lassen und zur Kräftigung dienen, nicht aber mit den Exkrementen des Darmes ausgeschieden werden.
Die Windungen der Gedärme aber, die ineinander geschlungen dennoch keineswegs sich verknüpfen: wovon anders zeugen sie als von der Fürsorge des Schöpfers? Es soll die genossene Speise nicht zu rasch abgehen und sogleich aus dem Magen austreten. Wäre nämlich das der Fall, würde ständiger Hunger und fortwährende Eßgier beim Menschen sich einstellen. Sobald mit dem augenblicklichen Abgange der Speisen die Gedärme vollständig entleert wären, würde ein unstillbares und unersättliches Verlangen nach Speise und Trank die notwendige Folge sein, dem ohne Zweifel ein sofortiger Tod folgen müßte. Vorsorglich wird darum die genossene Speise erst in der oberen Bauchhöhle verdaut, sodann in der Leber zersetzt. Durch deren Wärme ausgesondert, teilt sich ihr Saft den übrigen Körperteilen mit; er wird der Nährstoff für die menschlichen Glieder, den junge Leute zum Wachstum, alte zur Selbsterhaltung aufnehmen. Die übrigen Stoffe aber werden durch die Gedärme weiter befördert und durch jene „Öffnung an der Rückseite“ ausgeschieden.
§ 72
Es wird ja auch in der Genesis die Arche Noes nach dem Bau des menschlichen Leibes angeordnet. Es verfügte nämlich Gott beszüglich derselben: „Mach dir eine Arche aus gezimmertem Holze. Und Zellen sollst du in ihr fertigen und sie innen und außen mit Pech verpichen. Und also sollst du die Arche machen“. Ferner: „Eine Öffnung aber sollst du anbringen an der Rückseite, die unteren Räume der Arche aber mit je 291 zwei und drei Kammern ausstatten“. Damit nun weist der Herr auf die Öffnung hin, welche an der Rückseite sich befindet und durch welche die überflüssigen Speisereste ausgeschieden werden sollen. Aus Gründen der Schicklichkeit entzog nämlich unser Schöpfer den Abgang der Überreste dem Auge des Menschen: wir sollten während des Vorganges unseren Blick nicht verunreinigen. Zugleich beachte, wie die Schamteile des Körpers dort angebracht sind, wo sie von der Kleidung bedeckt, keinen Anstoß erregen können.
§ 73
Der Adern Pulschlag kündet Krankheit oder Gesundheit. Durch den ganzen Körper verzweigt, liegen sie doch einerseits nicht offen und bloß, sind aber andererseits nur mit einer so dünnen Schicht überdeckt, daß man sie leicht finden und rasch fühlen kann, nachdem eine dicke nicht da ist, die den Puls verdecken könnte. Auch die Knochen sind samt und sonders von einer dünnen Masse umhüllt und von Sehnen umzogen, insbesondere sind die des Hauptes mit einer leichten Hautmasse umgeben und, um einigen Schutz gegen Regen und Kälte zu bieten, mit dichterem Haarwuchse nelöeidet.
Was brauche ich der Genitalien Erwähnung tun, die durch Äderchen, welche von der Nackengegend ausgehend durch Nieren und Lenden führen und den Geschlechtssamen zur Betätigung und Befriedigung des Zeugungstriebes aufnehmen?
§ 74
Wozu der Füße Dienst hervorheben, welche den ganzen Körper tragen ohne im geringsten unter dessen Last zu leiden? Biegsam ist das Knie, das mehr denn alles andere den beleidigten Herrn zur Milde stimmt, seinen Zorn besänfftigt, seine Huld erzwingt? Das ist ja des höchsten Vaters Geschenk an seinen Sohn, „daß im Namen des Herrn alle das Knie beugen im Himmel und auf Erden und unter der Erde, und jede Zunge bekennt, daß der Herr Jesus in der Herrlichkeit Gottes 292 des Vaters ist“. Zwei Dinge nämlich sind es, die vor allem anderen Gott gefallen: Demut und Glaube. Der Fuß nun bringt die demütige Gesinnung und die emsige Dienstbeflissenheit zum Ausdruck, der Glaube schaut den Sohn gleich dem Vater und bekennt, daß beider Herrlichkeit die gleiche ist. Mit Recht aber hat der Mensch nicht eine größere Anzahl von Füßen, sondern nur zwei. Die wilden Tiere nämlich und Bestien haben vier Füße; die Vögel haben zwei: so ist der Mensch wie ein Vogel, der seinen Blick zur Höhe richten und mit der Schwungkraft erhabener Gesinnung wie mit Fittichen sich aufschwingen soll. Darum das Wort, das auf ihn gesprochen ist: „Erneuen soll sich, wie die des Adlers, deine Jugend!“ Näher als der Adler ist dem Himmel und an Hochflug ihn überholend, wer sprechen kann: „Unser Wandel aber ist im Himmel“.