Das Tier an äußerer Gestalt wie innerem Gelüste erdwärts gerichtet zum Niedrigen, der Mensch aufwärts zum Höheren. Der faule Esel, der tückische Fuchs. der hinterlistige Kiebitz, der stolze Löwe, der gefleckte Panther als abschreckende Beispiele.
§ 9
Halten wir uns denn streng an den prophetischen Wortlaut und mißachten wir die Aussprüche des Heiligen Geistes nicht als etwas Nichtssagendes! „Es bringe die Erde hervor“, heißt es, „die lebendigen Wesen des Viehes und der Tiere und des Gewürmes“. Wie dürften wir da anderes herauslesen, 240 wo doch klar von der natürlichen Entstehung der Tiere des Festlandes die Rede ist? Es geht im Augenblick der Weltentstehung Gottes Wort durch die ganze Schöpfung: mit einem Mal sollten alle Arten von Tieren, wie Gott sie bestimmte, aus der Erde hervorkommen und kraft eines Gesetzes künftighin nach ihrer Art und Ähnlichkeit sich fortpflanzen: der Löwe sollte einen Löwen, der Tieger einen Tieger, das Rind ein Rind, der Schwan einen Schwan, der Adler einen Adler erzeugen. Der einmal ergangene Befehl ward zum dauernden Naturgesetz. Darum hört die Erde nicht auf, ihres Dienstes willfährig zu walten, so daß die ursprünglichen Tierarten in steter Geschlechtsfolge sich neu verjüngen.
§ 10
Doch willst du [die Tiere], die ins Dasein gesetzt wurden, mit dem Menschen in Vergleich setzen? Verkenne die wahre Natur, die jeder Art eignet, nicht, und dein Vergleich wird noch in viel höherem Grade zugunsten des Menschen ausfallen! Denn vor allem hat die Natur alle Arten von Vieh und Getier und Fischen auf den Bauch gestreckt, die einen schlängeln sich auf dem Bauch, die anderen, die auf Füßen gehen, zieht es beim Gehen auf den Vieren statt frei aufwärts vielmehr abwärts: sie haften gleichsam am Boden, suchen sie doch, außerstande sich emporzurichten, ihre Nahrung auf dem Boden und frönen allein nur den Genüssen des Bauches, zu dem es sie niederzieht. Hüte dich, o Mensch, nach Art der Tiere dich [zur Erde] zu beugen! Hüte dich, nicht so sehr dem Leibe denn der Begierde nach zum Bauche dich zu erniedrigen! Denk an deines Leibes Gestalt und nimm dementsprechend auch geistig die Richtung nach der Höhe! Laß allein das Tier zur Erde gerichtet dem Genusse nachhängen! Warum willst du dich in Völlerei auf den Bauch werfen, da doch die Natur dich nicht auf den Bauch gestreckt hat? Warum an dem dich ergötzen, was die Natur schändet? Warum Tag und Nacht auf das Essen bedacht nach Art der Tiere am Irdischen dich weiden? Warum den fleischlichen Lüsten hingegeben dich selbst entehren, indem du dem Bauche und seinen Lastern frönst? Warum dich deines Verstandes berauben, den dir der Schöpfer 241 gegeben? Warum dich auf gleiche Stufe mit dem Tiere stellen, von dem dich Gott unterschieden wissen will, indem er mahnt: „Werdet nicht wie Roß und Maultier, die keinen Verstand haben“? Oder macht dir die Gefräßigkeit und Geilheit eines Gaules Vergnügen, Weibern zuzuwiehern Lust, mag es dir auch Vergnügen bereiten, daß „Gebiß und Zaum deine Backen schnüren!“. Macht die Grausamkeit Ergötzen Raubtieren, die man wegen ihrer Blutgier erschlägt, eignet solches Wüten , so sieh zu, da0 nicht auch bei dir unmenschliche Grausamkeit den eigenen Herrn schlägt!
§ 11
Der faule Esel, so leicht ein Opfer der Beutegier und allzu langesamer Sinnesart: wozu anders gemahnt er als zur Pflicht, uns reger zu betätigen, nicht körperlicher und geistiger Trägheit zu verfallen, unsere Zuflucht zum Glauben zu nehmen, der die drückenden Lasten zu erleichtern pflegt.
§ 12
Der heimtückische Fuchs, der sich tief in Höhlen und Verstecken vergräbt: verrät er sich nicht damit als ein nichtsnutziges, ob reiner Raubgier hassenswertes, ob seiner Hilflosigkeit verächtliches Tier, das leichtsinnig sein eigenes Leben gefährdet, während es fremdem nachstellt?
§ 13
Der hinterlistige Kiebitz raubt fremde, d.i. eines anderen Kiebitzes Eier und brütet sie mit seinem Leibe aus, kann aber von seinem Truge keine Frucht ernten; denn sobald er seine Jungen ausschlüpfen läßt, verliert er sie. Sobald nämlich diese den Lockruf jenes Kiebitzes hören, der die Eier legte, verlassen sie ihn und eilen von einem gewissen natürlichen Instinkt und Trieb geleitet, zu jenem; denn in diesem erkennen sie ihre Mutter, von der die Eier stammen. Sie geben damit zu verstehen, daß jener andere ihnen nur Ammendienst, dieser Mutterdienst leistete. Umsonst also vergeudet jener seine Mühen und findet die verdiente Strafe für 242 seinen Trug. Darum auch des Jeremias Ausspruch: „Es schreit der Kiebitz und sammelt, was er nicht erzeugte“, d.i. er sammelt Eier und schreit gleichsam voll Jubel über das Gelingen seines Truges. Doch eitle Freude! Denn die Mühe, die er aufwendet, gilt einem anderen; ihm zieht er die Küchlein auf, die er in langem, emsigen Brüten beseelte. Sein Nachäffer ist der Teufel. Auch er trachtet die Erzeugnisse des ewigen Schöpfers zu ergattern. Und ob es ihm auch gelingt, manche Toren, denen es an eigener geistiger Mündigkeit fehlt, um sich zu sammeln, mit fleischlichen Lüsten sie hegend:sobald der Ruf Christi an die Kleinen ergeht,entfliehen sie und eilen zur Mutter [Kirche], die ihre Kinder wie ein Vogel mit mütterlicher Liebe umfängt. Es sammelte der Teufel die Heiden, die er nicht erschaffen hatte. Doch sobald Christus in seinem Evangelium die Stimme erhob, da eilten sie flugs zu ihm, und er nahm sie unter den Schatten seiner Fittiche und übergab sie der Mutter Kirche zur Aufziehung.
§ 14
Der Löwe, stolz auf die unbändige Kraft seiner Natur, mengt sich nimmer unter die übrigen wilden Tiere, hält vielmehr als deren König das Zusammenleben mit dem Haufen unter seiner Würde. Er verschmäht ferner Speisen vom Vortag, rührt selbst Speisereste, die er selbst erübrigte, nicht mehr an. Welches Wild aber getraute sich in seine Nähe? Wohnt doch seiner Stimme von Natur eine so fürchterliche Gewalt inne, daß viele Tiere, die sich wegen ihrer Geschwindigkeit vor seinem Raubanfalle retten könnten, vom Donner seines Gebrülles wie vom Schlage betäubt und getroffen, die Möglichkeit hierzu verlieren.
§ 15
Was das Äußere des Panthers betrifft, hat ja selbst die Schrift die Tatsache nicht stillschweigend übergangen, daß er durch seine bunt wechselnden Farben nur den Wechsel seiner inneren Regungen verrate. So fragt Jeremias, „ob der Mohr seine Haut und der 243 Panther seine Flecken ändern wird?“ Diese Frage nämlich ist nicht bloß vom Äußeren, sondern auch von der Unbeständigkeit der [inneren] Wildheit zu verstehen. Durch die der Finsternis zugewandte, ruhelose und veränderliche Wankelmütigkeit seiner untzuverlässigen geistigen Gesinnung entartet, ist nämlich das Judenvolk nicht mehr imstande, die Gnade eines guten Vorsatzes festzuhalten und den Rückweg zur Umkehr und Besserung zu finden, nachdem es einmal unmenschliche, tierische Gesinnung angenommen hat.