Der eigenartige aber zweckmäßige Körperbau des Elefanten. Seine Erlegung. Seine Bedeutung, besser Furchtbarkeit im Kriege. Seine natürliche Waffenrüstung und Gepflogenheiten.
§ 30
Kehren wir zum Schöpfungsbericht zurück und erwägen wir weshalb der Herr den einen Tieren wie den Löwen und Tiegern, ebenso den Bären einen kürzeren, 255 anderen, wie den Elefanten und Kamelen, einen längeren Hals geschaffen hat. Liegt der Grund nicht offensichtlich darin, daß die Raubtiere, die von Fleisch sich nähren, keinen langen Nacken brauchen? Sie strecken ja nicht Hals und Nacken zum Grasen zu Boden, sondern fallen Hirsch oder Rind an und zerreißen das Schaf. Wie könnte hingegen das Kamel mit seinem hohen Wuchs das kurze Gras abweiden, wenn es den langen Hals nicht zum Fressen bis zur Erde niederstrecken könnte? So hat also das Kamel seinen hohen Wuchs entsprechend, das Pferd dem seinigen gemäß, ähnlich auch das Rind einen längeren Hals empfangen: denn sie nähren sich von Pflanzen.
§ 31
Der Elefant aber hat einen langen Rüssel; denn da er an Größe alle anderen [Tiere] überragt, kann er sich zum Fressen nicht zu Boden böcken. So bedient er sich denn des Rüssels zur Aufnahme der Speise. Derselbe führt dem ungeschlacht großen Tiere auch das reichliche Trinkwasser zu und ist darum hohl. Ganze Teiche saugt er zur Stillung des Durstes auf, um ein solches Riesentier mit der eingesogenen Wasserflut volltränken zu können. Der Nacken freilich ist im Verhältnis zur gewaltigen Körpermasse stumpf, um nicht auch noch mehr zu belasten als zu nützen. Auch die Knie kann er eben darum nicht abbeugen; er brauchht nämlich starre Beine, auf welchen der gewaltige Gliederbau wie auf Säulen ruhen kann. Mur die Ferse vermag er ein wenig zu biegen, alles andere an seinen Fü0en von oben bis unten ist steif. Das Riesentier kann sich auch nicht abbeugen, so wie wir uns oft auf die Kniee niederlassen, und kann füglich auch nicht mit den übrigen Tieren die Gepflogenheit teilen, sich niederzulegen und zusammenzukauern. Man gibt ihm auf beiden Seiten starke Planken zur Stütze, damit es sich im Schlafe ohne Gefahr ein wenig auf die Seite lehnen kann;denn der Fuß setzt sich überhaupt nicht aus unterschiedlichen Gliedmaßen zusammen. Für zahme Elefanten wird folglich von den Leuten, die sich 256 handwerksmäßig darauf verstehen, eine Art Gerüst hergestellt, wilden und frei lebenden aber pflegt gewöhnlich gerade daraus, daß ihnen niemand ein solches Gestell als Stütze bereitstellt, Gefahr zu erwachsen.
§ 32
Sie stemmen sich nämlich gegen einen Baum, um daran die Rippen zu reiben oder im Schlafe sich auszuruhen. Derselbe gibt mitunter nach, biegt sich und bricht unter der wuchtigen Körpermasse zusammen. Und der Elefant, der sich daran gelehnt hatte, stürzt nieder und kann sich nicht mehr aufrichten und erheben. Er bleibt dort liegen und kommt um oder er verrät sich mit seinem Gestöhn und wird zur Strecke gebracht, indem er am Bauche und den übrigen nächstliegenden Weichstellen verwundbar ist: den Rücken nähmlich und die sonstigen Außenteile pflegt nicht leicht ein Geschoß zu durchchlagen. Es gibt aber Leute, die wegen des Elfenbeins den Elefanten folgende Falle stellen: Sie schneiden die Bäume, an welche sie sich zu lehnen pflegen, an der entgegengesetzten Seite, die sie seltener hierzu benützen, teilweise ein, so daß dieselben, wenn der Elefant sich hinlehnt, der Schwere seiner Gliedmaßen nicht mehr widerstehen können und so seinen Sturz herbeiführen.
§ 33
Doch sollte sich jemand darüber aufhalten, dann halte er sich auch über Hochbauten auf, weil sie leichter der schweren Gefahr des Einsturzes ausgesetzt sind und nach dem Einsturz sich schwieriger herstellen lassen. Fürwahr, wenn wir dieselben häufig ob ihrer Schönheit oder aber als Hochwarten rühmen, dann müssen wir diese Eigenschaften auch an den Elefanten billigen, da sie von großer praktischer Bedeutung für den Krieg sind. Deshalb gerade ist das Perservolk furchtbar im Kriege, überlegen im Pfeilschießen und jeder Art von Wurfgeschossen, weil sie die Geschosse von oben, [darum] mit strafferer Spannung nach unten schleudern und ihr Heer wie von wandelnden Türmen gedeckt vorrückt. Mitten auf den Schlachtfeldern kämpfen sie wie von einem Mauerwall herab. Wie hinter einer Feste, einem Höhenzug verschanzt, sind sie mehr 257 Zuschauer denn Streiter im Kampfe und finden so sichtlich der Gefahr entrückt, an der Körpermasse der Tiere sichere Wehr. Wer wollte denn einen Angriff auf sie wagen? Von oben her kann leicht ein Pfeil ihn durchbohren, von unten die anstürmenden Elefanten ihn zertreten! Müssen doch Heere, in Linien aufgestellt oder keilförmig formiert, vor ihnen zurückweichen, Lager im Gevierte geräumt werden. Denn mit einer Wucht, der nicht zu widerstehen, stürzen sie sich auf den Feind: keine Marschkolonne von Kriegern, keine noch so dicht geschlossene Schar von Streitern, keine vorgehaltene Schildwehr hält sie auf; wie wandelnde Berge gewegen sie sich in der Schlacht, wie hoch sich türmende Hügel ragen sie auf und rauben allen mit ihrem dröhnenden Gebrüll Fassung und Zuversicht. Was will der Fußsoldat mit noch so starkem Arm und kampfgeübter Faust dagegen anfangen, wenn eine solche Mauer von Scharen von Bewaffneten starrend, sich heranbewegt und ihm gegenübertritt? Was will der Reiter anfangen, wenn sein Roß vor dem Ungetüm eines solchen Riesentieres scheut und flieht? Was will der Schütze anfangen, wenn der bepanzerte Oberkörper des Feindes den Pfeil nicht fühlt, der ihn trifft, aber auch die Bestie, selbst ohne Wehr, nicht leicht von einem Geschosse durchbohrt werden, in der Panzerwehr aber erst recht ohne eigene Gefahr die Schlachtlinie durchbrechen, die Kriegerscharen niederstampfen kann?
§ 34
Wie riesige Bauten, so ruhen die Elefanten auf einem festeren Unterbau; sie müßten sonst, würden die stützenden Füße [der Last] nicht gewachsen sein, innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen. So aber sollen sie ihr Leben dreihundert Jahre und darüber fristen, indem alle Glieder ihrer Größe angemessen sind. Die Gliedmaßen setzen sich darum auch nicht, wie bei uns, aus verschiedenen Teilgliedern zusammen, sondern bilden ein Ganzes, was ihre Kraft noch steigert. Wie schnell schmerzen nicht den Menschen, wenn er lange steht oder zu schnell läuft oder immerfort geht, die Knie oder die Sohlen! Zusammengesetzt aus Teilgliedern, sind sie sämtlich leichter dem Schmerzgefühl oder 258 der Gefahr des Strauchelns ausgesetzt denn als einheitliche und kompakte Masse.
§ 35
Und was Wunder auch, wenn der Elefant in Waffenrüstung Gegenstand des Schreckens ist? Sind doch schon seine Zähne gleichsam natürliche Speere, mit denen er bewaffnet ist. Mit dem Rüssel zermalmt er alles, was er umschlingt, mit dem Fuße aber vernichtet er alles, worauf er tritt, wie unter gewaltigem Trümmersturz es begrabend. Er umpfängt mit dem Rüssel ganze Plantagen, um sie aufzuzehren, und umschnürt damit wie ein hochaufgerichteter Drachen die Opfer, die er erfaßt, nach Schlangenart sie umwindend. Vielfach, namentlich beim Auflesen der Nahrung von der Erde und beim Einschlürfen des Trinkwassers, krümmt er den Rüssel kreisförmig. So ist uns denn der Elefant ein Beweis dafür, daß es kein Geschöpf gibt, das überflüssig wäre. Und doch ist auch dieser gewaltige Tierkoloß uns unterwürfig und menschlichem Gebote dienstbar.