Jedes Tier furchtbar und furchtsam zugleich. Die giftigen Tiere eine Zuchtrute zu Nutz und Frommen des Menschenkindes. Die biblische Provenienz des ‘Erkenne dich selbst’. Die Schönheit der Menschenseele. In der Seele ruht das ganze Sein, das bessere Ich des Menschen; der Leib nur Kleid der Seele.
§ 36
Weil wir nachher vom Menschengeschöpfe sprechen werden, müssen wir sein Lob vorbereiten und vorwegnehmen. Wie sich zeigte, weist die Schöpfung nichts Stärkeres auf als den Elefanten, nichts so Furchtbares oder Stattliches, nichts so Wildes wie den Löwen oder den Tiger. Und doch sind diese dem Menschen dienstbar 259 und legen unter menschlicher Dressur ihre Natur ab. Sie vergessen ihrer angeborenen Eigenart und nehmen jene an, die ihnen aufgezwungen wird. Wozu viele Worte? Sie sind gelehrig wie Kinder, dienstbar als hätten sie keine Kraft, lassen sich schlagen wie eingeschüchtert, zurechtweisen wie Untergebene, nehmen unsere Bräuche an, weil sie eben ihre Eigenart eingebüßt haben.
§ 37
Wunderbar ist sonach die Natur im Großen denn „wunderbar ist der Herr im Erhabenen“ , wunderbar aber auch im Kleinen. Denn wie wir die ebenen Gefilde nicht weniger bewundern wie der Berge Höhen, und den stolzen Wuchs der Zeder nicht mehr als des niederen Weinstocks oder Ölbaums Fruchtbarkeit, so flöst mir auch der Elefant nicht mehr Bewunderung ein als die Maus, vor der er sich fürchtet. Diesen Zug nun weist die Natur [der Tiere] überhaupt auf, daß sie in einer Hinsicht furchtbar, in anderer furchtsam sind. Jedes Geschöpf erfreut sich nämlich des besonderen Vorzugs, daß es an gewissen Sondereigenschaften, die es besitzt, einen Schutz hat. Der Elefant, dem Stiere furchtbar, fürchtet die Maus. Den Löwen, den König der Tiere, quält der winzige Stachel des Skorpion, tötet das Gift der Schlange. Einzigartig wohl ist des Löwen Schönheit: mit seinem Nacken schüttelt er die behaarte Mähne, die Brust emporgerichtet, öffnet er den Rachen. Doch wer müßte nicht auch den Skorpion bewundern? Seinen Stachel, so klein, daß man ihn für nichts Körperliches halten möchte, entquillt der Tod von Riesenleibern.
§ 38
Niemand aber tadle es, daß der Schöpfer der Schlange unter seine Geschöpfe auch noch andere giftige Tier oder Pflanzenarten aufgenommen hat. Denn diese sind zu unserer Besserung, nicht zur Entstellung [der Schöpfung] ins Dasein gesetzt worden. Was 260 Feiglingen oder Schwächlingen oder Gottlosen zumeist Stein des Anstoßes und Gegenstand der Furcht ist, frommt den anderen wie der Zuchtmeister den Kleinen. Anscheinend rauh, streng und pedantisch, mit seiner Rute gefürchtet, wehrt er nur der ungebundenen Ausgelassenheit, dringt auf die notwendige Zucht, hält die jugendlichen Gemüter mit der Furcht im Zaume, daß sie nicht zu üppig werden. So macht seine Strenge sie genügsam, nüchtern, enthaltsam, mehr auf löbliches Betragen als auf Spiel bedacht. Siehst du, wie nützlich die gefürchtete Rute ist? So sind auch die Schlangen Zuchtruten für jene, die geistig noch in den Kinderjahren stehen und deren Tugend noch etwas Knabenhaftes an sich hat. Im übrigen vermögen sie Erwachsenen nicht zu schaden. So gilt denn dem, der auf den Herrn vertraut, das Wort: „Über Natter und Schlange wirst du hingehen und niedertreten Leu und Drachen“. Den Paulus biß eine Viper, und man glaubte, er würde, ein sündiger Mensch, kaum dem Schiffbruche entgangen, durch Gift umkommen. Doch als er die Viper ins Feuer schleuderte und unversehrt am Leben blieb, fand er von denen, die es sahen, um so größere Hochachtung. Aber auch der Herr selbst richtet an alle das Wort: „Wer glaubt und sich taufen läßt, wird selig werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden. Es werden aber,“ fügt er bei, „denen, die glauben, diese Zeichen folgen: sie streicheln Schlangen mit der Hand, ob sie auch Gift und jegliches Tötliche getrunken, es kann ihnen nicht schaden“. Mehr denn vor Schlangengift muß dir nun, o Mensch, vor der eigenen Ungläubigkeit grauen. Fürchte immerhin jenes, damit es dich wenigstens als Schreckmittel womöglich zum Glauben bewege! Fehlt es dir an Gottesfurcht, so magst du mindestens bangen vor dem rächenden Gift des Unglaubens.
§ 39
Jetzt, da du selbst die Elefanten und Löwen dir untertan siehst, „erkenne dich selbst“, o Mensch! Dieser 261 Ausspruch stammt nicht, wie man meint, vom pythischen Apollo, sondern vom heiligen Salomo, der da spricht: „Wenn du dich nicht erkennst, herrliche unter den Frauen …“ Übrigens schrieb längst vorher Moses im Deuteronomium die Worte nieder: „Hab acht auf dich, o Mensch!“ „Hab acht auf dich“, so spricht das Gesetz, und der Prophet: „Wenn du dich nicht erkennst“. Zu wem spricht er dies? „Herrliche unter den Frauen“, fügt er bei. Wer anders ist die Holde unter den Frauen als die Seele, die in beiden Geschlechtern den Adel der Schönheit besitzt? Ja mit Recht: herrlich ist sie, die nicht nach dem Irdischen, sondern nach dem Himmlischen, nicht nach dem Vergänglichen, sondern nach dem Unvergänglichen verlangt, woselbst die Schönheit nicht zu schwinden pflegt. Alles Körperliche welkt ja mit den fortschreitenden Jahren oder durch eine abzehrende Krankheit dahin. Auf diese Seele hab acht, mahnt Moses; denn in ihr ruht dein ganzes Sein, in ihr der bessere Teil deines Ichs. So sagt dir denn auch der Herr, wer du bist, wenn er mahnt: „Hab acht vor den falschen Propheten!“. Diese nämlich schwächen die Seele, untergraben den Geist. Nicht Fleisch also bist du. Was ist auch das Fleisch ohne die Herrschaft der Seele, ohne die Kraft des Geistes? Heute zieht man des Fleisches Hülle an, morgen legt man sie ab. Das Fleisch ist vergänglich, die Seele unvergänglich. Das Fleisch ist das Kleid der Seele, die sich gleichsam in das Gewand des Leibes hüllt. Nicht das Kleid also bist du, sondern der Nutznießer des Kleides. Darum die Aufforderung, die an dich ergeht, „den alten Menschen mit seinem Tun auszuziehen und einen neuen anzuziehen“, der nicht äußerlich im Fleische, sondern innerlich an Geist und Erkenntnis sich verhjüngt. Nicht Fleisch, sage ich, bist du; nicht nämlich dem Fleische gilt das Wort: „Denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid 262 ihr“, und an einer anderen Stelle: „Ein Teempel Gottes seid ihr, und Gottes Heiliger Geist wohnt in euch“, vielmehr den Verjüngten und Gläubigen gilt es, denen der Geist Gottes dauerd einwohnt. Im Fleischlichen aber bleibt er nicht, denn geschrieben steht: „Nicht wird mein Geist in diesen Menschen bleiben, da sie Fleisch sind“.