Der mosaische Schöpfungsbericht dient nicht wie die Weltweisheit dem Vorwitz, sondern der religiös-sittlichen Förderung des Menschen.
§ 3
Jetzt wohlan laßt uns von der Natur der Tiere und der Entstehung des Menschen sprechen. Schon längst höre ich ja schon einige raunen und sagen; Wie lange noch bekommen wir über fremde Dinge zu hören und bleiben über die eigenen in Unwissenheit? Wie lange 236 noch werden wir in die Kenntnis der übrigen lebenden Wesen eingeführt und bleiben über uns selbst in Unkenntnis? Die Klage ist berechtigt doch ist die Reihenfolge einzuhalten, welche der Schrifttext vorzeichnet, zumal ein tieferes Verständnis unserer selbst die Kenntnis von der Natur aller lebenden Wesen zur notwendigen Voraussetzung hat.
§ 4
„Es bringe die Erde hervor lebendige Wesen nach ihrer Art, die Vierfüßer und die Schlangen und die [wilden] Tiere der Erde und das [zahme] Vieh nach seiner Art und alles Gewürm nach seiner Art. Und es schuf Gott die Tiere der Erde und alles Vieh nach seiner Art und alles Gewürm der Erde nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war. Und es sprach Gott: Laßt uns den Menschen machen.“ Es entgeht mir nicht, daß an dieser Stelle einige die Arten der Tiere, des Viehs und des Gewürms der Erde dahin deuten, daß sie dieselben auf das Unmenschliche der Verbrechen, auf die Unvernünftigkeit der Sünden und die Nichtsnutzigkeit der Gedanken bezogen: ich hingegen verstehe darunter die [physische] Natur einer jeglichen Art im gewöhnlichen Sinn.
§ 5
Ich fürchte nicht, daß man mich mit dem Unterfangen eines armseligen Gastgebers in Zusammenhalt bringen zu sollen glaubt, der aus Menschenfreundlichkeit eine größere Zahl von Gästen zu sich bittet und denselben nur gewöhnliche Alltagsspeisen vorsetzt, so daß er ob des knapp zubereiteten, ärmlichen Tisches mehr Tadel von den verdrießlichen Gästen als Dank ob seiner gastlichen Gesinnung erntet; denn auch den Elisäus haben die Freunde, da er ihnen nur Feldkräuter vorsetzten ließ, nicht als schlechten Gastgeber abgewiesen.
237 Den nichtigen Schriftdeutungen gleicht jenes exquisite und raffiniert feine Mahl, bei welchem Fasan oder Turtel, mit Huhn als Einlage, aufgetragen oder Huhn, mit Austern oder Kammuschel garniert, serviert oder verschnittener, in Geschmack wie in Farbe und Bukett veränderter Wein getrunken wird. Festlandserzeugnisse bilden das Gefüllsel maritimer Genüsse, maritime das der festländischen: das heißt doch die Vorsehung des Schöpfers, der uns alles zum Lebensunterhalte dargeboten, tadeln, daß sie uns dieselbe nicht gleich vermischt dargereicht hat. Doch ein solches Mahl schmeckt anfänglich süß und nachher bitter; denn je üppiger die Völlerei, desto schlimmer die Folgen der Unmäßigkeit. Elisäus hingegen ließ bittere Kräuter auftragen, doch nachher mundeten sie süß. So fanden denn die Genossen, die anfänglich in jener Speise den Tod befürchteten, nachher süße Labe und Lebensgenuß darin.
§ 6
Auch das hinwiederum besorge ich nicht, daß ich mehr Gäste zum Mahle geladen zu haben scheine, als ich bewirten kann, und daß euch das Brot meiner Worte ausgehen möchte. Denn auch Elisäus, an Verdienst zwar unnachahmlich, an Glauben aber unser nachzuahmendes Vorbild, erwog nicht lange, wie viele Brote er habe, sondern wollte die, welche er hatte, an alle verteilen und vertraute, daß sie für alle reichen würden. So hieß er also den Diener die zehn Gerstenbrote unter das Volk verteilen. Und der Diener versetzte: „Wozu soll ich das reichen angesichts der hundert Leute?“ Und er erwiderte: „Reiche es und essen sollen sie; denn dies spricht der Herr: sie werden essen und übrig lassen“. Euer Glaube also wird der armseligen Zunge Mahl überzeichlich mehren.
Auch fürchte ich nicht, daß euch das Fasten allzu große Gier nach Speise weckt; denn satt sollt ihr heimkehren, ob ihr auch Hunger und Leere verspürt, indem geschrieben steht: „Es stärkt der Herr die Gerechten und in den Tagen des Hungers werden sie gesättigt werden.“ Viel schöner ferner ist’s, der Gerstenbrote 238 sich nicht zu genieren und, was man hat, vorzusetzen statt es vorzuenthalten. Elisäus, der für sich nichts zurückbehielt, verfügte über mehr denn genug für das Volk.
Elisäus schämte sich nicht, gewöhnliche Gerstenbrote vorzusetzen. wir sollten uns schämen, gewöhnliche Geschöpfe zu verstehen, die mit dem gewöhnlichen Namen, den sie tragen, bezeichnet werden? ‘Himmel’ lesen wir, den Himmel wollen wir annehmen: ’Erde ’lesen wir, die fruchttragende Erde wollen wir verstehen.
§ 7
Was frommt es mir, den Umfang der Erde zu bemessen, den die Geometer auf hundertachtzigtausen Städten berechnet haben? Gerne gestehe ich in dem, was ich nicht weiß, meine Unwissenheit, oder vielmehr mein Wissen, wie wertlos solches Wissen für die Zukunft ist. Besser ist die Kenntnis über die Dinge auf Erden als über deren Ausdehnung. Wie könnten wir diese messen, nachdem ringsum das Meer wogt, der Barbaren Länder dazwischen sich erstrecken und wasserunterspülter, unzugänglicher Sumpfboden? Das MenschenUnmögliche dessen bezeugt die Schrift, indem Gott spricht: „Wer maß mit der Hand das Wasser und mit der Spanne den Himmel! und mit der geschlossen Hand die gesamte Erde? Wer stellte die Berge hin nach dem Gewichte und die Felsen nach der Wage und die Haine nach dem Joche?“ Und im folgenden: „Er hält den Erdkreis und dessen Bewohner wie Heuschrecken, er festigte den Himmel wie ein Gewölbe“. Wer also darf es wagen, sich ein Wissen gleich Gott anzumaßen? Wie der Mensch zum kühnen Wahn sich versteigen, es sei seinem Wissen erreichbar, was Gott durch einen eigenen Ausspruch als Vorrecht seiner Majestät bezeichnete?
§ 8
Fürwahr Moses war mit der ganzen Weisheit der 239 Ägypter vertraut; doch da er den Geist Gottes empfangen, stellte er als Diener Gottes jene eitle und anmaßende Lehre der Philosophie dem höheren Wahrheitszweck nach und schrieb mir nur das nieder, was ihm für unsere [Heils]Hoffnung förderlich dünkte: daß Gott die Erde schuf, daß die Erde auf Geheiß des allmächtigen Gottes und die Wirksamkeit des Herrn Jesus die Pflanzen aus dem Boden und jegliches lebende Wesen nach seiner Art hervorbrachte. Doch darüber glaubte er nicht sprechen zu sollen, wieviel Luftraum der Erdschatten bedeckte, wenn die Sonne von uns scheidet und den Tag entführt um die untere Hemisphäre zu beleuchten; ferner wie sich die Mondfinsternis erklärt, wenn der Mond dieser Welt gegenübersteht. Denn da diese Vorgänge uns nichts angehen, überging er sie als belanglos für uns. Er schaute im Heiligen Geiste, wie er nicht den Eitelkeiten der bereits verblassenden Weltweisheit, die unseren Geist mit unentwirrbaren Problemen beschäftigen und seiner Anstrengung spotten, folgen, sondern lieber das niederschreiben soll, was den Tugendfortschritt beträfe.