Die Engel können nicht Mitschöpfer der Welt. noch weniger “Bild Gottes” sein. Das “Bild Gottes” ist der Gottessohn. Die begnadete Menschenseele nur sein “Nachbild”.
§ 40
Doch fassen wir den Bericht über unsere eigene Erschaffung näher ins Auge: „Laßt uns, so heißt es, den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse“. Wer spricht das? Nicht Gott, der dich erschaffen hat? Was ist Gott? Fleisch oder Geist? Doch nicht Fleisch, sondern Geist, dem das Fleisch nicht ähneln kann; denn er ist unkörperlich und unsichtbar, das Fleisch aber tastbar und wahrnehmbar. Zu wem spricht Gott? Offenbar nicht zu sich; denn er spricht nicht: „laßt mich machen“,sondern: „laßt uns machen“. Auch nicht zu den Engeln, denn sie sind seine Diener; zwischen Knecht und Herr, zwischen Geschöpf und Schöpfer kann es aber keine Gemeinschaft des Wirkens geben. Vielmehr spricht er es zum Sohne, mag es auch den Juden nicht genehm sein, mögen auch die Arianer sich dagegen sträuben. Doch die Juden mögen schweigen, die Arianer samt ihren Vätern verstummen! Denn während sie einen von der 263 Gemeinschaft des göttlichen Wirkens ausschließen, führen sie eine Mehrzahl ein und übertragen das Vorrecht, das sie dem Sohne absprechen, auf die Diener.
§ 41
Doch gesetzt auch den Fall, es habe wirklich Gott, wie ihr meint, der Mithilfe der Engel zu seinem schöpferischen Wirken bedurft: wenn Gott das Wirken mit den Engeln gemeinsam hat, haben Gott und die Engel auch das Bild gemeinsam? Würde er zu den Engeln gesprochen haben: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis“? Wer aber das Bild Gottes ist, darüber vernimm des Apostels Antwort: „der, welcher uns aus der Gewalt der Finsternis befreit und uns in das Reich des Sohnes seiner Herrlichkeit versetzt hat, in welchem wir die Erlösung und Vergebung der Sünden haben, welcher das Bild Gottes ist, des Unsichtbaren, und der Erstgeborene vor aller Schöpfung“. Der ist das Bild des Vaters, welcher immer ist und im Anfange war. Der endlich ist das Bild, der da spricht: „Philippus, wer mich sieht, sieht auch den Vater“. „Wie darfst du“, da du das lebendige Bild des lebendigen Vaters vor Augen hast, „sagen: zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist?“ Das Bild Gottes ist Kraft, nicht Schwachheit, das Bild Gottes ist Weisheit, das Bild Gottes ist Gerechtigkeit, und zwar die göttliche Weisheit, die ewige Gerechtigkeit. Nur jener allein ist Gottes Bild, der gesprochen hat: „Ich und der Vater sind eins“, so dem Vater ähnlich, daß er die Einheit seiner Gottheit und Fülle besitzt. Wenn er spricht: „laßt uns machen“, wie soll daraus eine Unähnlichkeit sprechen? Wenn er hinwiederum beifügt „nach unserem Gleichnisse“, wo ist da von einer Ungleichheit die Rede? So auch im Evangelium. Wenn [Christus] spricht: „ich und der Vater“, ist eine Einheit der Person ausgeschlossen; wenn er fortfährt: „sind eins“, ist aller Unterschied im 264 göttlichen Sein und Wirken ausgeschlossen. Nicht also e i n e Person, wohl aber nur e i n e Wesenheit haben beide inne. Dazu das bezeichnende „sind“; denn ein immerwährendes Sein kommt nur Gott zu. So halte also den, der dir ungleich mit dem Vater dünkt, gleichewig mit ihm! Denn ewig ist, von dem Moses spricht: „Der Seiende hat mich gesendet“. Sinnig auch stellte er an den Anfang; „ich und der Vater“. Hätte er „Vater“ vorangestellt, würdest du den Sohn für geringer achten. So aber setzte er den Sohn voraus ihn über den Vater zu stellen, war keine Gefahr und „Vater“ hinzu, auf daß du merkest, daß es zwischen Gott Vater und seinem Sohne keinen strengen Vorrang in der Ordnung gebe.
§ 42
“Hab acht allein auf dich”, heißt es. Es ist nämlich zu unterscheiden zwischen ‘uns’dem ’unsrigen’, und dem, was ‘um uns ’ist. Ersteres sind wir, d.i.Seele und Geist; ’unser’ sind die Glieder des Leibes und seine Sinne; ’um uns ’aber ist das Geld, sind die Sklaven und was alles zu diesem Leben gehört. “Auf dich denn hab acht”, “dich selbst lerne kennen!” Das heißt: Nicht auf die Muskelkraft deiner Arme, nicht auf die Größe deiner Leibesstärke, nicht auf den Umfang deiner Besitzungen, auf die Fülle deiner Macht hab acht, sondern auf die Beschaffenheit deiner Seele und deines Geistes; denn von der Seele gehen alle Entschließungen aus, auf sie geht die Frucht deines Wirkens zurück. Sie nur ist voll Weisheit, voll Frömmigkeit und Gerechtigkeit; denn jegliche Tugend stammt von Gott. Und ihr gilt Gottes Ausspruch: “Sieh, Jerusalem, ich habe deine Mauern gemalt”. Jene Seele wird von Gott gemalt, die in sich der Tugend strahlende Schönheit und den Glanz der Frömmigkeit trägt. Jene Seele ist trefflich gemalt, die das Bild der göttlichen Schöpfung widerspiegelt. Jene Seele ist schön gemalt, worin “der Abglanz der Herrlichkeit und das Bild der Wesenheit des 265 Vaters” strahlt. Nur ein Gemälde nach diesem Bilde, das darin aufleuchtet, ist von Wert. Nach diesem Bilde war Adam vor der Sünde; nach dem Falle aber, verlor er das Bild des Himmlischen und nahm die Züge des Irdischen an. Doch fliehen wir letzteres Bild, dem der Zutritt in die Stadt Gottes verwehrt ist, weil geschrieben steht: “Herr, in deiner Stadt wirst du ihr Bild zunichte machen”. Kein unwürdiges Bild hat Zutritt, und wenn es Zutritt gehabt, wird es ausgeschlossen; denn “nichts Unreines”, heißt es, “wird in sie eingehen, noch wer Greuel übt und Lüge”; nur der wird vielmehr in sie eingehen, "auf dessen Stirne der Name des Lammes geschrieben steht.
§ 43
So ist also unsere Seele das Nachbild Gottes. In ihr, o Mensch, ruht dein ganzes Sein; denn ohne sie bist du nichts, sondern bist Erde und wirst in Erde aufgelöst. Damit du denn erkennen möchtest, daß der Leib ohne die Seele nichts ist, heißt es: „Fürchtet euch nicht vor denen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht töten können!“ Was also setzt du mit dem Leibe auf das Spiel, wenn du mit dem Verluste des Leibes nichts verlierst? Davor aber bange dir, der Hilfe der Seele verlustig zu gehen! Denn was kann der Mensch geben als Entgelt für seine Seele, in der nicht bloß ein winziger Teil seines Ichs, sondern die ganze Totalität des Menschen beruht? Sie ist es, durch welche du Herr bist über alle übrigen Wesen der Tierund Vogelwelt. Sie ist das Nachbild Gottes, der Leib aber ist dem Tiere nachgeformt. Sie trägt das heilige Siegel der Gottähnlichkeit, der Leib teilt die niedrigen Züge mit den Tieren und Ungetümen.